TIERE Jäger am Haken

An einem Strand in Florida trafen sich Sportfischer zur internationalen Meisterschaft im Haiangeln. Doch erstmals brach der Wettkampf mit einer traditionellen Regel: Die Raubfische blieben am Leben. Nun soll die archaische Jagd sogar dem Artenschutz und der Meeresforschung dienen.

Blutrünstige Haie sind das Letzte, was die Urlauber auf Singer Island gebrauchen können. Rentner in Shorts und Polohemd wollen an dem Sandstrand nahe West Palm Beach mit einem Drink in der Hand den Sonnenuntergang genießen und den Enkeln beim Planschen im Atlantik zusehen. Doch die Bewohner wissen auch: Irgendwo da draußen im Wasser treiben sich die gefürchteten Raubfische rum. Nur hofft jeder, dass sie dem Strand nicht allzu nahe kommen.

Fast jeder. "Die Haie sind hier überall", freut sich Sean Paxton. Dabei lächelt er wie ein Panzerknacker, der soeben die Tür zu Onkel Dagoberts Tresorraum gesprengt hat. Vom Dach eines Hochhauses aus kann Paxton die Tiere mit der grauenerregenden Dreiecksflosse sehen.

Es sind sehr viele. Und sie nähern sich dem Ufer bedenklich.

Das sind schlechte Neuigkeiten für alle arglosen Badegäste - aber erfreuliche Aussichten für Paxton und seinen Bruder Brooks II. Die beiden Extremangler haben mehr als ein Dutzend der besten Sportfischer der Welt an die amerikanische Ostküste einbestellt. Die verwegene Gesellschaft trifft sich zu einem der bizarrsten Wettkämpfe, die man sich im Kampf zwischen dem Menschen und der Kreatur vorstellen kann.

Vom Sandstrand aus fischen die Männer mit gewöhnlichen Angelruten die Raubtiere aus dem Wasser wie anderenorts Hobbyangler Dorsche und Makrelen. Mit einem blutigen Stück Stachelrochen locken die Sportfischer etwa den aggressiven Tigerhai aus der Tiefe oder auch den angsteinflößenden Bullenhai. Ein Exemplar dieser Art biss im vergangenen Jahr vor den Bahamas einem Taucher aus Wien so heftig ins Bein, dass dieser kurz darauf starb.

Hier vor Florida jedoch wird die weitaus größte Zahl aller Haiattacken dem Blacktip zugeschrieben. Um die zwei Meter lang und silbergrau funkelnd, ist er das Musterbild einer Fressmaschine. Schwächere Arten zerschreddert der Räuber zwischen seinen Kiefern, größeren Feinden sprintet er davon.

Freunde des Abenteuers wie die Paxton-Brüder schätzen den Blacktip als besondere Herausforderung: ein ausdauernder Kämpfer, der niemals aufgibt. "Nur wenig im Leben ist so aufregend, wie einen Blacktip am Haken zu haben, der durch die Brandung schießt", sagt Tom Kieres, einer der Teilnehmer der Blacktip Challenge 2009. Aus vielen Begegnungen weiß er: "Sie haben es auf dich abgesehen - und sie sind dabei sehr akrobatisch."

Die enorme Beweglichkeit der Tiere steht im krassen Gegensatz zu ihren undurchdringlichen Totenaugen. Hängt Carcharhinus limbatus am Haken, gerät er in wilde Raserei. Wie Sektkorken ploppen die Räuber unter Hochdruck an die Wasseroberfläche. Wann immer das geschieht, brüllt Sean Paxton begeistert über den Strand: "Die Popcornmaschine läuft."

Genau auf diesen Moment warten auch "Big" Jimmy Boyce und "Little" Jimmy Hancock. Hundert Meter strandabwärts haben sie ihre Angelruten in Stellung gebracht. Die beiden Texaner gelten als Experten für besonders fette Beute. Mit ihrem Equipment, den verstärkten Angelruten und den Riesenrollen, können sie die richtig großen Brocken fangen.

Und tatsächlich gebührt Jimmy Boyce die Ehre, bei dem Turnier den ersten Jäger der Meere am Haken zu haben. Sein Glück kündigt sich zunächst nur durch ein helles Surren an; die Angelsehne spult sich wie von Geisterhand ab. Mit drei schnellen Sprüngen ist Boyce bei seinem Gerät. Der Kampf beginnt.

Um den Angler herum hat sich eine Menschentraube gebildet. Big Jimmy muss jetzt die Regeln im Kopf behalten: Der Hai braucht Zug, darf aber auch nicht abgewürgt werden. Ist die Sehne zu straff, zerschneidet die wild umherschleudernde Bestie sie womöglich an scharfen Muschelkanten. Aber Boyce muss auch ohne Unterlass Druck auf den Fisch ausüben. "Wenn du dich ausruhst", ruft er den Schaulustigen zu, "ruht sich auch der Hai aus."

Jimmy Boyce' kompakter Oberkörper biegt und bäumt sich gegen die Last des kämpfenden Fischs. Er wandert mal 20 Schritte nach links, dann wieder 10 nach rechts; gibt dem Hai gerade so viel Raum wie nötig; so lässt er das Tier müde werden.

Mit seinen 20 Jahren wirkt der große Jimmy so abgeklärt, als hätte er die schlimmsten Erfahrungen des Lebens bereits hinter sich. Vor sechs Monaten hat der Bauarbeiter seinen Job verloren. Um Geld zu sparen, campiert er für die gesamte Zeit des Wettbewerbs am Strand mit seinem Kumpel, dem kleinen Jimmy. Der ist zwar ein Jahr älter als Boyce, doch der Jüngere hat das Kommando.

Haie zu angeln ist überaus riskant. Von einem Moment auf den anderen kann eine scheinbar berechenbare Situation ins Chaos umkippen. Jimmy Boyce, da sind sich die anderen einig, wirkt an der Angelrute wie jemand, der sehr genau weiß, was er tut.

Nach etwa 20-minütigem Kampf zieht Big Jimmy einen matten, wenngleich imposanten Blacktip von 1,80 Meter Länge aus dem Meer. In diesem Zustand und seinem natürlichen Lebensraum entzogen, wird er nun vermessen. Für das Erinnerungsbild reißt der Jäger den Schlund des Biests weit auf.

Einige Zuschauer reagieren auf die martialische Szene verstört. Schließlich warnen Meeresforscher und Tierschützer mittlerweile vor der Ausrottung ganzer Haiarten. Selbst die nicht eben für beherztes Eingreifen bekannte Europäische Kommission ist aufgewacht: Soeben hat die Abteilung von EU-Kommissar Joe Borg einen Aktionsplan verabschiedet, der die Erholung erschöpfter Haibestände sichern soll. Auch die neue US-Regierung unter Präsident Barack Obama ist alarmiert und zum Handeln entschlossen.

Ausgerechnet in dieser Situation wollen sich die Hasardeure aus aller Welt an den Strand stellen, um die Räuber zu massakrieren?

Doch der erste Eindruck täuscht. Die Haiangler haben ihr Treiben einem strengen Ehrenkodex unterstellt. Der Raubfisch wird nach fairem Kampf wieder ins Wasser zurückbefördert - nach Möglichkeit ohne dass ihm zuvor eine Flosse gekrümmt wurde. "Fangen und freilassen" heißt die unumstößliche Regel. Wer sich nicht daran hält, darf bei den Paxtons nicht mitmachen.

Dass die Angler ihre Beute früher im großen Stil töteten, lag auch an den strengen Bestimmungen der Angelverbände. Ein Weltrekord wurde demnach nur anerkannt, wenn der Fisch zuvor ordnungsgemäß gewogen worden war. Hängt man jedoch einen 350 Kilo schweren Hammerhai mit dem Kopf nach unten an die Waage, werden dessen Eingeweide plattgedrückt. Das Tier verendet.

Die Blacktip-Wettangler vermessen den Fisch stattdessen nach Länge und Breite mit einem Maßband und errechnen dann nach einer speziellen Formel dessen Gewicht. Wer den schwersten Hai angelt, hat gewonnen.

Sean Paxton will der Hobbyfischerei nun sogar einen wissenschaftlichen Nutzen verleihen. Zusammen mit der Meldebestätigung erhält jeder Teilnehmer der Blacktip Challenge eine Markierungsnadel, die der Fänger dem Hai vorsichtig an die Rückenflosse heften soll.

Der Ansteck-Pin dient mehreren Zwecken: Zum einen erkennen die Angler auf diese Weise, ob sie einen Fisch schon zum wiederholten Mal aus der Tiefe gezerrt haben. Überdies könnten Forscher über die Markierung endlich mehr Licht in die noch weithin unbekannte Lebenswelt der Haie bringen und etwa deren Wanderungsbewegung studieren.

"Es gibt eben sehr viel mehr Angler als Hai-Wissenschaftler", sagt der Zoologe Robert Hueter vom Mote Center for Shark Research in Florida - wohl der ausschlaggebende Grund, warum seit neuestem Wissenschaftler mit den Sportfischern kollaborieren.

Sean und Brooks Paxton verzichten diesmal sogar gänzlich darauf, selber zu angeln. Stattdessen wollen sie für eine Haidokumentation unter und über Wasser filmen. Um den Aufnahmen noch mehr Würze zu verleihen, soll die blonde Judy in superknappen Shorts von einem Blatt ablesen, dass den Zuschauer des Films "eine Menge neuer ,shark action'" erwartet.

Doch schon beim ersten gefangenen Hai geht etwas schief. Big Jimmys stählerner Haken hat sich in den Kiemenspalten verfangen und eine tiefe Wunde in den Rachen des Hais gerissen. Dunkles Blut tropft in den Sand. Ein unschönes Bild.

"Das war so nicht vorgesehen", kommentiert Sean Paxton mit ernster Miene den Zwischenfall. Auch Judy wendet sich mit Grausen ab. Nachher berichtet ihre Mutter, die Tochter habe sich beinahe erbrechen müssen. Judy ist indes sauer auf Big Jimmy, weil der den Hai gequält habe.

Wie gut, dass die junge Frau nie Frank Mundus getroffen hat, den Säulenheiligen aller Haifänger. Mundus begründete Anfang der fünfziger Jahre ein einträgliches Geschäft damit, dass er von Bord eines Boots auf hoher See nach den Raubfischen jagte. Touristen zahlten viel Geld, um dem selbsternannten "Monster Man" dabei zuzusehen, wie er die Riesenfische aus dem Meer zog. 1964 harpunierte und tötete der manische Mundus den mit zwei Tonnen Gewicht schwersten Weißen Hai, der jemals gefangen wurde.

Glücklich wurde der Getriebene mit dieser Trophäe allerdings nicht. Wie ein Wiedergänger des nach dem weißen Wal jagenden Kapitän Ahab fütterte Mundus mit der Haijagd vor allem seine inneren Dämonen. Er entwickelte sich zum impulsiven und saufenden Kotzbrocken. So gab er schließlich das Vorbild für den zynischen Menschenfeind und Haijäger Quint in Steven Spielbergs Thriller "Der Weiße Hai" (1975) ab.

Quint wird am Ende des Films von dem Monsterfisch verschlungen. Mundus überlebt hingegen - und wandelt sich in späten Jahren zum Tierschützer, dem das Leben der Haie nun heilig ist.

Ihm, der vergangenen September starb, hätte nicht immer gefallen, was sich bei dem Wettangeln an der Küste von Singer Island ereignet. Big Jimmy Boyce, ein bisschen wacklig auf den Beinen vom langen Ringen mit dem Hai, schleift den blutenden Blacktip zurück ins Meer. Wenig später wuchtet ein mächtiger Hammerhai kurz seinen Leib aus dem flachen Wasser - ein Riese, vielleicht vier Meter lang.

Die spektakuläre Szene entzündet am Strand unmittelbar glühendes Jagdfieber. Erst allmählich geht der Jagdgesellschaft auf, welche Umstände dieses Prachtexemplar wohl in Ufernähe getrieben haben. Der Hammerhai, so die Mutmaßung, habe wohl den schwer angeschlagenen, blutenden Blacktip zerfleischt - ein Beutezug, der dem größeren und behäbigeren Hai unter normalen Bedingungen kaum gelungen wäre.

Doch auch ohne solche tragischen Zwischenfälle scheint das kräftezehrende Wettangeln die Tiere enorm zu zermürben. Wie benommen schlingern die stolzen Haie durchs Wasser, wenn die Jäger ihre Beute nach der Vermessung wieder in die Freiheit entlassen.

Und dann löst die dahingleitende Dreiecksflosse, dieses Symbol für Terror und Schrecken im Meer, nur noch Mitleid aus.

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