Formel 1 "Sie glaubte, es sei ein Scherz"

Motorsport-Präsident Max Mosley über seinen Sexskandal, Lügen und die Obszönität der Formel 1

SPIEGEL: Mr. Mosley, das war ein schlimmes Jahr, nicht wahr?

Mosley: Es hatte seine Momente, ja.

SPIEGEL: Am 30. März vorigen Jahres erschien die britische Sonntagszeitung "News of the World" mit einer Titelgeschichte, die Sie mit fünf Frauen bei einer Sadomaso-Party in London zeigte. Wie überlebt man so etwas?

Mosley: Wenn ich angegriffen werde, sagen mir meine Instinkte, dass ich zurückschlagen muss. Die Geschichte kam völlig aus dem Nichts. Die Damen, die involviert waren, erschienen mir bis dahin als absolut vertrauenswürdig. Ich ahnte nichts, als am Sonntagmorgen das Telefon klingelte und unser Fia-Pressemann sich meldete.

SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert?

Mosley: Ich habe mir erst mal zwei Ausgaben der "News of the World" gekauft.

SPIEGEL: Und dann haben Sie sich hingesetzt und einen Whisky getrunken, oder wie muss man sich das vorstellen?

Mosley: Ich habe das Naheliegende gemacht: die Zeitung meiner Frau gezeigt. Sie glaubte, es wäre ein Scherz, ich hätte diese Ausgabe extra drucken lassen, 30. März, Sie verstehen, ein kleiner, vorgezogener Aprilscherz. Ich habe dann meine Rechtsanwälte angerufen.

SPIEGEL: Sie waren nicht schockiert?

Mosley: Nicht so, dass ich nicht mehr wusste, was zu tun ist. Menschen reagieren in solchen Situationen sehr unterschiedlich. Meine erster Gedanke war: Diese Veröffentlichung ist absolut illegal. Die haben kein Recht, so etwas zu tun, und deswegen war ich sofort im Angriffsmodus. Mir war klar, dass diese Geschichte für Wirbel sorgt, erst recht in der Welt der Formel 1.

SPIEGEL: Die Peinlichkeit der totalen Entblößung spielte keine Rolle?

Mosley: Nein, ich habe mich eher wie jemand gefühlt, in dessen Wohnung eingebrochen worden ist und der will, dass die Einbrecher bestraft werden.

SPIEGEL: Und Ihre Frau?

Mosley: Was soll man machen, außer sagen, ja, es ist wahr? Das alles war sehr schwierig für sie. Sie war geschockt und ist es noch heute. Wissen Sie, es ist nicht schön, irgendwo hinzugehen, und alle wissen Bescheid über das Intimste, was es gibt. Aber es bringt nichts, dazusitzen und sich zu sagen, wie schrecklich das ist. Irgendwann später hat sie mal gesagt: Na ja, immerhin hattest du deinen Spaß.

SPIEGEL: Ihre Frau nahm das mit Humor?

Mosley: So weit würde ich nicht gehen. Das alles hat sie traumatisiert, was ja absolut nachvollziehbar ist. Für meine Söhne ist es vielleicht noch ärger. Können Sie sich vorstellen, solche Fotos von Ihrem Vater in der Zeitung zu sehen?

SPIEGEL: Wann haben Sie entschieden, die Zeitung zu verklagen?

Mosley: Sehr schnell, obwohl es auch Leute gab, die mir abrieten. Wenn so eine Geschichte erst einmal draußen ist, lässt sie sich nicht mehr einfangen. Das Gericht mag mir zwar recht geben, aber es kann nicht anordnen, dass man sie wieder aus den Köpfen der Menschen holt. Stattdessen wird sie durch einen Prozess noch viel schlimmer, weil das, was für alle Zeiten privat sein sollte, immer wieder in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Das war mir klar, und mir war auch klar, dass selbst bei einem Sieg vor Gericht die Geldstrafe und die Beteiligung an den Kosten durch die Gegenseite nicht reichen würden, um die Rechnungen meiner Anwälte zu bezahlen. Man muss also ein wenig verrückt sein, und genau darauf setzen diese Leute. Wahrscheinlich haben sie bis kurz vor Beginn nicht geglaubt, dass ich wirklich einen Prozess will.

SPIEGEL: Sie haben nie gezögert?

Mosley: Niemals. Es ging ja um mehr als nur um die Verletzung meiner Privatsphäre. Sie haben, um diese Story aufzupumpen, eine Nazi-Geschichte daraus gemacht, die total erfunden ist. Das ist absolut verrückt, das hat mich sehr wütend gemacht. Ja, es war Sadomasochismus, es macht ja auch keinen Sinn, das abzustreiten, aber daraus eine Nazi-Geschichte zu stricken, bei der ich das Schicksal der Juden in Deutschland verunglimpfe, das ist wirklich unfassbar. Die Leute von der Zeitung wussten, das ist nicht wahr. Ich wusste, das ist nicht wahr. Aber sie brauchten diese Erfindung, um die Veröffentlichung zu rechtfertigen. Ohne die Nazi-Sache wäre es niemals von öffentlichem Interesse gewesen. Der Richter ist meiner Argumentation gefolgt, "News of the World" musste 60.000 Pfund zahlen.

SPIEGEL: Sie sind auch gegen Medien in Italien, Frankreich und Deutschland vorgegangen. Sie haben unter anderem von der "Frankfurter Allgemeinen" und von der "Süddeutschen Zeitung" Unterlassungserklärungen bekommen, auch vom SPIEGEL, weil Ihnen in der Berichterstattung über die Vorgänge in England der angebliche Nazi-Aspekt zu deutlich war und Ihre öffentlichen Einlassungen dazu nicht deutlich genug geworden sind. Sie haben "Bild" und "Bild.de" auf insgesamt 1,5 Millionen Euro Schadensersatz verklagt und gegen Mitarbeiter des Axel-Springer-Verlags wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten Strafanzeige gestellt. Es geht immer weiter.

Mosley: Ich bin immer noch im Angriffsmodus, ich werde sogar vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen, weil ich glaube, dass die englischen Mediengesetze geändert werden müssen.

SPIEGEL: Es wird wieder darum gehen, ob das nun eine Nazi-Orgie war oder nicht. Es wird um quergestreifte und längsgestreifte Häftlingskluft gehen, um Befehle in deutscher Sprache und darum, ob das alles Anspielungen auf ein Konzentrationslager sind. Das macht Ihnen nichts aus?

Ich habe nichts mehr zu verheimlichen

Mosley: Nein. Mir ist es wichtig, konsequent gegen die Medien vorzugehen, die die Geschichte veröffentlicht haben. Sie haben es gemacht, um ein paar Zeitungen mehr zu verkaufen und ihren Lesern einen lustigen Sonntag zu verschaffen. Das erinnert mich an die Fabel von den Knaben und den Fröschen: Die Kinder werfen mit Steinen auf Frösche. Daraufhin sagt einer der Frösche: "Das mag für euch nur ein Spiel sein, aber für uns geht es um Leben und Tod."

SPIEGEL: Und die Peinlichkeit, öffentlich über solche Dinge zu reden?

Mosley: Ich habe nichts mehr zu verheimlichen. Wissen Sie, ich neige grundsätzlich zu eher liberalen Ansichten. Das Spektrum sexueller Aktivitäten ist enorm breit. Das reicht von der Missionarsstellung bei ausgeschaltetem Licht auf der einen Seite bis hin zu Dingen, die ich mir kaum vorstellen mag, aber die sich sicherlich irgendwo im Internet finden lassen. Das, was ich mache, fällt irgendwo dazwischen. Ich bin der Meinung, dass alles möglich sein soll, vorausgesetzt es sind Erwachsene, die das aus freien Stücken machen. Die können Dinge tun, die ich persönlich absolut ekelhaft und unvorstellbar finde, aber wenn sie es tun wollen, bitte schön.

SPIEGEL: Haben Sie Ihre Neigungen jemals als ein Problem gesehen?

Mosley: Nein. Ich habe viel darüber gelesen, niemand kann die Psychologie dieser Dinge erklären. Für diejenigen, die nicht in dieser Welt leben, scheint es total verrückt zu sein. Warum sollte sich jemand das antun? Aber: Ist normaler Sex, wenn man ihn mit etwas Abstand betrachtet, nicht auch etwas Merkwürdiges und Abstoßendes? Ich glaube, man muss erkennen, dass wir alle Tiere sind. Wir haben diesen Trieb, und jeder geht damit auf sehr unterschiedliche Weise um. Aber solange es niemandem schadet, es vollkommen legal ist, sollte man sich darüber nicht allzu viele Gedanken machen. Die einzige andere Person, die das etwas angeht, ist meine Frau und sonst niemand.

SPIEGEL: Sie haben für diese Party fünf Frauen bezahlt. Sind Sie sicher, dass sie das aus wirklich freien Stücken taten?

Mosley: Die Leute von "News of the World" hatten erwartet, dass es sich um arme Prostituierte handelte, die ich ausgebeutet habe. Aber das ist nicht so. Eine der Frauen ist eine Naturwissenschaftlerin, die gerade an ihrer Doktorarbeit sitzt, die zweite hat einen sehr guten Job im Gesundheitssektor, eine dritte managt ein großes Büro. Man könnte sagen, dass sie vielleicht sogar enthusiastischer bei der Sache waren als ich.

SPIEGEL: Haben die Frauen vor Gericht ausgesagt?

Mosley: Um die Identität der Frauen zu schützen, wurden sie vor Gericht nur Woman A, B, C, D und E genannt. Woman E war die Frau, die heimlich gefilmt hat. Die anderen vier Frauen haben ausgesagt, dass diese Nazi-Sache überhaupt keine Rolle gespielt habe. Woman E jedoch hat in einem Statement das Gegenteil behauptet. Das Statement hatte ihr der Reporter der Zeitung vorgelegt und gesagt: Entweder sie unterschreibt das und bekommt 8000 Pfund, oder ihr Foto wird veröffentlicht. Sie hat unterschrieben, aber ihre Aussage vor Gericht hat sie dann verweigert, wohl weil sie hätte lügen müssen. Sie hat später im Fernsehen zugegeben, dass sie nicht die Wahrheit gesagt hat.

SPIEGEL: Wusste denn überhaupt jemand von Ihren Neigungen?

Mosley: Nein, niemand. Das erste Mal habe ich es 1963 ausprobiert, vor fast 46 Jahren, nie kam bisher auch nur etwas davon heraus. Egal ob die Frauen es machen, weil sie Geld damit verdienen oder ein bisschen Spaß haben wollen oder beides, sie alle sind sehr diskret, weil auch sie wollen, dass davon niemand erfährt. Interessanterweise gehören zu ihren Kunden oft relativ erfolgreiche Menschen, sie haben also allen Grund zu schweigen.

SPIEGEL: Und woher wusste "News of the World" davon?

Mosley: Nun, Woman A, die Büromanagerin, kenne ich schon sehr lange. Ich habe ihr irgendwann mal gesagt, wer ich bin und was ich mache. Woman E, jene Frau, die die Filmaufnahmen gemacht hat, habe ich bei dieser Party erst zum dritten Mal gesehen. Die beiden aber waren befreundet, sie passten gegenseitig auf ihre Kinder auf. Der Mann von Woman E war es, der den Deal mit der Zeitung gemacht hat. Ihm wurden 25.000 Pfund versprochen für die Aufnahmen, er bekam 12.000 Pfund und später noch einmal 8000 Pfund. Er war Agent beim Inlandsgeheimdienst MI5 und verlor schließlich seinen Job. Das alles ist so verrückt, dass man sich das nicht ausdenken kann.

SPIEGEL: Sie glauben, der Ehemann hat seine Frau angestiftet?

Mosley: Ja.

SPIEGEL: Ihr Vater Oswald Mosley hat in den dreißiger Jahren die faschistische Partei Englands gegründet, Ihre Mutter Diana Mitford bewunderte Adolf Hitler. Ihre Eltern haben 1936 im Haus von Goebbels geheiratet, Hitler war Hochzeitsgast. Eine Nazi-Orgie würde da gut ins Bild passen.

Mosley: Man kann sagen, dass meine Eltern interessante Menschen waren, aber das hat nichts mit Orgien zu tun. Mein Vater war ein politischer Extremist, doch er hat das Leben eines englischen Gentleman vom Lande geführt, es war eine Art Doppelleben. Er hat viele falsche Dinge getan, es ist eine lange Kette von Irrtümern, aber er konnte sie jeweils immer aus der Situation heraus erklären. Meine Mutter war meinem Vater sehr ergeben, Adolf Hitler war ein Freund von ihr, sie kannte ihn gut. Mein Vater hat Hitler nur zweimal getroffen, er konnte besser mit Mussolini. Vielleicht mochte er Hitler nicht, weil meine Mutter ihn etwas zu sehr bewunderte.

SPIEGEL: Sie fand Hitler sexuell attraktiv?

Mosley: Das würde ich nicht sagen, das war nichts Sexuelles. Sie verehrte ihn. Sie sagte, er sei sehr charmant gewesen und habe die Gabe gehabt, dass die Leute um ihn herum - meist aggressive Menschen - ihn mochten und machten, was er wollte. Frauen ebenso wie Männer. Für meine Mutter hatte Hitler gewisse feminine Qualitäten.

SPIEGEL: Sie starb erst 2003, mit 93 Jahren. Trotz allem, was sie nach dem Krieg über das Nazi-Regime mitbekommen haben musste, hat sie nie ihre Meinung geändert?

Mosley: Das klingt befremdlich, aber es ist nicht so ungewöhnlich. Es gibt in Russland auch Menschen, die trotz allem, was Stalin angerichtet hat, Zeit ihres Lebens loyale Kommunisten geblieben sind. Es lassen sich immer Gründe finden: Das kann er nicht gewusst haben, er hatte damit nichts zu tun, er war doch so ein netter Mann! Irgendwann wurde es dann auch langweilig, ich kannte die Argumente meiner Mutter zur Genüge, es hatte keinen Sinn, mit ihr darüber zu diskutieren.

SPIEGEL: Wie lebt es sich mit diesen Eltern?

Mosley: Schwierig. Aber je älter ich wurde, desto mehr driftete ich weg. Ich habe mich bei der Armee gemeldet, später ging ich in den Motorsport, mein Vater lehnte beides ab. Und als ich in den frühen achtziger Jahren überlegte, eine Karriere bei den Tories zu machen, habe ich mit dem früheren Premierminister Harold Macmillan darüber geredet, ob mir mein Name im Wege stehen würde. Er sagte: Nein, überhaupt nicht, die Leute machen einen nicht verantwortlich für die Sünden des Vaters. Aber nach einem Jahr habe ich es wieder aufgegeben. Mag sein, dass meine Herkunft den Leuten in der Parteispitze und vielleicht auf der Straße egal war, aber nicht denen, die in den Gremien der Partei über Sitze und Posten entschieden: Den Sohn von Oswald Mosley wollten sie nicht.

Jeder, der eine hohe Position besetzt, macht sich Feinde

SPIEGEL: Beim Sadomasochismus geht es um Dominanz und Bestrafung, oft werden Uniformen getragen. Es gibt berühmte Filme wie "Der Nachtportier" mit Charlotte Rampling oder Pasolinis "120 Tage von Sodom". Hat Sadomasochismus nicht auch ein gewisses faschistoides Element?

Mosley: Nein. Dominanz und Bestrafung sind völlig apolitisch. Beides gibt es in allen politischen Systemen. Sogar bei den Amerikanern in Abu Ghuraib. Das war extremer Sadomasochismus, aber absolut widerlich, weil es nicht im gegenseitigen Einvernehmen geschah.

SPIEGEL: Sie haben die Vermutung geäußert, dass die Hintermänner der SM-Falle aus der Formel 1 kommen sollen. Wirklich?

Mosley: Ja, weil ich nicht glaube, dass ein MI5-Agent seine Existenz aufs Spiel setzt für 25.000 Pfund allein. So dumm kann er nicht sein. Ich habe den einen oder anderen Verdacht, aber keinen hundertprozentigen Beleg. Es gibt sehr viele Leute, die mich gern loswerden möchten.

SPIEGEL: Warum sollten Sie dort solche Feinde haben?

Mosley: Jeder, der eine hohe Position besetzt, ob in der Politik oder sonst wo, macht sich Feinde. Immer. Egal, wie nett und ehrbar ein Business sein mag: Es gibt überall jemanden, der nicht möchte, dass du der zentrale Mann bist.

SPIEGEL: Wollen Sie herausfinden, wer dahintersteckt - wie lange auch immer es dauert, was auch immer es kostet?

Mosley: Es ist wichtig für mich, es zu wissen, aber ich werde nicht unglücklich sterben, sollte ich es niemals erfahren.

SPIEGEL: Was könnte denn den oder die Drahtzieher motiviert haben, Sie auf diese Weise stürzen zu wollen?

Mosley: Ich stehe im Weg. Ich versuche, die Ausgaben in der Formel 1 drastisch zu kürzen. Dabei tritt man vielen Leuten auf die Füße: Leuten, die weiterhin viel Geld haben; Leuten, die nicht wollen, dass andere mit weniger Geld ihnen ebenbürtig werden; Leuten, die es nicht erwarten können, auf den Knopf zu drücken, der mich ausschaltet. Unmöglich, sich da keine Feinde zu machen.

SPIEGEL: Was haben Sie über die Formel 1 in den vergangenen Monaten gelernt?

Mosley: Nichts. Es geht auch nicht um mich als Person, sondern um meine Rolle im Business. Es geht um Prestige, Interessen und große Egos.

SPIEGEL: Sogar Bernie Ecclestone, der Chefvermarkter der Formel 1, riet Ihnen öffentlich zurückzutreten. Sie beide sind seit 40 Jahren befreundet. Hat Sie seine Reaktion enttäuscht?

Mosley: Es wäre leicht, ihn zu kritisieren. Aber er stand enorm unter Druck. Anfangs hatte er mich unterstützt, aber dann bekam er von allen Seiten zu hören, dass ich gehen müsse, und kippte um. Bernie reagiert in solchen Situationen nie besonders gut.

SPIEGEL: Sie waren geschäftsschädigend.

Mosley: Nein. Kein einziger Sponsor ist meinetwegen abgesprungen. Sponsoren zahlen dafür, dass die Leute den Fernseher anschalten und sich die Rennen angucken. Aber kein Mensch hat gesagt, er schaut sich wegen Max Mosley die Formel 1 nicht mehr an. Inzwischen hat Bernie seine Aussage bedauert.

SPIEGEL: Und Ihr Image heute?

Mosley: Auch wenn man das eigentlich nicht sagen sollte, weil es zu selbstgewiss klingt: Meine Position ist stärker als früher. Viele Leute fanden es wohl gut, dass ich nicht einfach meine Sachen gepackt, sondern mich gestellt habe. Ich habe etwas durchgestanden, was viele nicht durchstehen würden, auch wenn mich diese Affäre mein Leben lang begleiten wird. Ich brauche nur meinen Namen zu googeln, und schon gibt es wieder jemanden, der das kommentiert oder einen Witz macht. Ich habe anfangs mal mit ein paar Leuten aus der Formel 1 zusammengesessen und ihnen gesagt: "Jeder von euch hat drei Witze frei, aber dann muss auch Schluss sein."

SPIEGEL: Was war der beste Witz?

Mosley: Oh, es gab wirklich sehr lustige, aber im Moment fällt mir keiner ein.

SPIEGEL: Verhalten Sie sich anders, wenn Sie nun in der Formel 1 auftauchen?

Mosley: Exakt so wie früher, als wenn nichts passiert wäre. Alle wissen, was geschehen ist. Sie haben es akzeptiert.

SPIEGEL: Warum hat sich die Aufregung um Sie wieder gelegt?

Mosley: Zur gleichen Zeit, als der Fall publik wurde, geriet die Formel 1 in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Viele sagten sich: "Wen interessiert es, was er in seinem Privatleben so treibt? Wir haben hier ein ganz anderes Problem."

SPIEGEL: Skrupellosigkeit, Intrigen und Prunksucht prägen die Formel 1. Ist sie obszön geworden?

Mosley: Sie macht sich lächerlich. Seit die großen Autokonzerne ihr Geld reinpumpen, herrscht eine Kultur der Verschwendung. Das Streben nach Erfolg hat über jegliche finanzielle Disziplin gesiegt. 2004 haben die Hersteller eingestanden, dass sie zusammen mehr als eine Milliarde Euro für die Motoren aufwenden. Pro Jahr. Ich finde das unmoralisch. Wenn ein Team ein Rennen verliert, fragt einer aus dem Konzern nach dem Grund. Dann bekommt er zum Beispiel die Antwort, dass es am Getriebe lag. Also fragt er, was es kostet, ein besseres Getriebe zu bauen, und zückt das Scheckbuch. Früher musste ein Teammanager zur Bank, und wenn er dort nichts bekam, konnte er eben nichts ändern.

SPIEGEL: Warum möchten Sie die Konzerne daran hindern, eigenes Geld nach Belieben zu verprassen?

Mosley: Weil es dazu geführt hat, dass die Spitzenteams Jahresetats von etwa 400 Millionen Dollar haben. Wenn Sie jemanden, der sich nicht in der Formel 1 auskennt, fragen, wie viele Vollzeitangestellte eines Rennstalls sich darum kümmern, dass an 18 Wochenenden je zwei Autos an den Start gebracht werden - was wird er wohl sagen? 20? 25? Wenn Sie ihm verraten, dass es tatsächlich 1000 sind, wird er Sie für verrückt halten. Ich habe einem Vorstandsmitglied einmal erklärt, dass sein Konzern allein für Formel-1-Motoren halb so viel ausgibt, wie er seinen Aktionären an Dividende auszahlt. Er hielt das für unmöglich. Zwei Minuten später hatte er die Zahlen überprüft und war schockiert.

SPIEGEL: Sie kritisieren die Formel 1 seit Jahren scharf. Gibt Ihnen die Krise der Autoindustrie nun recht?

Mosley: Langsam begreift auch der Letzte, wie unsinnig das Wettrüsten ist. Es ging bislang darum, um jeden Preis Details an den Rennwagen zu veredeln, und der Zuschauer auf der Tribüne merkte überhaupt nichts davon. Aber wenn man den Herstellern eine echte technische Herausforderung wie den Hybridantrieb anbietet, dann klagen sie: Oh, viel zu kompliziert und zu teuer! Inzwischen hören sie zu, aber es muss schnell gehandelt werden.

SPIEGEL: Wie bedrohlich ist die Krise?

Mosley: Die Kosten müssen weiter radikal eingedämmt werden, indem wir die technischen Möglichkeiten einschränken. Vielleicht müssen wir dieses ganze Prinzip sogar umdrehen: technische Freiheiten gestatten und stattdessen die Budgets begrenzen. Keith Duckworth, der Schöpfer des erfolgreichsten Formel-1-Triebwerks, hat einmal gesagt: "Ein Ingenieur ist ein Mann, der für einen Dollar das schafft, wofür ein Idiot 100 Dollar braucht." Wir sollten auf diese Philosophie setzen.

SPIEGEL: Was passiert, wenn nach Honda ein zweiter Hersteller geht?

Mosley: Dann wird es schwierig. Aber wir werden für Ersatz sorgen. Sinkt ein Schiff, muss man die Rettungsboote klarmachen. Der Aktienkurs von Daimler ist auf Tiefstand, der von Renault liegt nur knapp über zehn Euro, was machen die eigentlich, wenn Leute entlassen werden müssen. Ist es dann noch zu rechtfertigen, so viel Geld in die Formel 1 zu stecken? Wer will ausschließen, dass eines Morgens ein Fax auf dem Schreibtisch eines Rennstallchefs liegt: Sorry, das war's.

SPIEGEL: Ihre Amtszeit endet kommenden Herbst. Werden Sie erneut kandidieren?

Mosley: Ich weiß noch nicht. Ich muss mich bis Sommer entscheiden, ob ich antrete.

SPIEGEL: Sie haben sehr um das Amt gekämpft. Warum sollten Sie jetzt gehen?

Mosley: Es ist angenehm zu hören, dass man bleiben soll. Aber es ist wichtig aufzuhören, bevor es heißt: Er wird langsam wirklich alt. Es ist wie bei einer Dinner-Einladung; irgendwann kommt der Moment, und man spürt, es ist Zeit zu gehen.

SPIEGEL: Spielt die Affäre eine Rolle?

Mosley: Nein. Was meine Arbeit für die Fia angeht, ist diese Geschichte zu Ende, tot, irrelevant.

SPIEGEL: Was ist denn jetzt der beste Mosley-Witz?

Mosley: Einer von Bernie ist gut. Er sagte: "Du solltest meinen Job übernehmen." "Wieso?", antwortete ich. "Fünf Nutten für fünf Stunden für nur 2500 Pfund - das ist der beste Deal, von dem ich je gehört habe." Aus Bernies Mund ist das ein Kompliment.

SPIEGEL: Eine letzte Frage, sie ist aber sehr persönlich.

Mosley: Nur zu.

SPIEGEL: Gehen Sie noch zu SM-Partys?

Mosley: Eine berechtigte Frage, ich kann verstehen, dass Sie das wissen wollen. Aber Sie müssen auch verstehen, dass ich darauf nicht antworten werde.

SPIEGEL: Mr. Mosley, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Lothar Gorris und Detlef Hacke.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.