AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2009

Kabinett Der Gegen-Glos

Der neue Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat wie sein Vorgänger von Ökonomie wenig Ahnung, erlebt aber bislang einen Höhenflug ohne Beispiel.

Von Christoph Schwennicke


Der BMW bügelt die A 9 Richtung Berlin glatt, als Karl-Theodor zu Guttenberg zwischen Leipzig und Dessau die letzten Tage schließlich doch einholen. "Boah", sagt er und reckt sich auf der Rückbank, so gut es geht. "Jetzt kommt aber die Müdigkeit!" Solange man keine wirklichen Pausen habe, merke man das gar nicht so sehr. Erst wenn man sich mal wieder zu Hause im eigenen Bett ausgeschlafen habe. Er greift in eine Tüte saurer Stäbchen und schiebt ein Dextro Energy hinterher.

Erschöpfung, Unterzucker. Auf Höhe des Schkeuditzer Kreuzes ist schließlich der physiologische Beweis erbracht, worum es sich beim neuen Wirtschaftsminister handelt. Er wird müde. Er hat Hunger. Er muss also doch ein Mensch sein.

Was für eine Erleichterung. Man hätte schon der Idee erliegen können, dass es irgendwo in diesem Land ein Labor geben könnte, in dem Guttenberg am Reißbrett entworfen und im Windkanal optimiert wurde. Es ging alles so schnell. Die steilste politische Karriere der vergangenen Jahre, der jüngste Wirtschaftsminister des Landes.

Guttenberg muss selbst Schwierigkeiten haben, mental mit seiner eigenen Karriere Schritt zu halten. Zehn Jahre ist es her, da hätte er noch nicht sagen können, wo in seiner Heimatstadt Kulmbach überhaupt die CSU-Geschäftsstelle liegt. Hundert Tage hatte er als CSU-Generalsekretär Zeit, sich die Partei anzuschauen, für die er künftig sprechen sollte. Und vor vier Wochen machten ihn die Umstände nach dem Rücktritt des gramgebeugten Michael Glos zum Bundesminister für Wirtschaft - in einer Situation, in der auch Karl Schiller oder Ludwig Erhard tief hätten durchatmen müssen.

Guttenberg ist 37 Jahre alt. Er ist Oberfranke, was für die CSU-Personalstatik unglaublich wichtig ist. So kam er zu dem Job.

Kein PR-Stratege hätte sich so eine Figur ausdenken können, ohne sich lächerlich zu machen. 800 Jahre Adelsgeschichte in die Wiege gelegt, eine vornehme Vornamenskette, einen Verbündeten der Hitler-Attentäter um Stauffenberg und einen Staatssekretär im Stammbaum. Er ist mehrsprachig, heimatverbunden und weltläufig, hat eine Bismarck zur Frau und eine Dogge, die Freddy heißt.

Die Anzüge sehen an ihm aus, als hätte ein Herrenausstatter in der Londoner Savile Row Maß genommen, stammen aber von der Stange, Größe 98, für die schlanken Großen. Parkettsicher, wortgewandt, beste Manieren.

Die Arroganz, die viele an ihm feststellen, könnte im Auge des Betrachters liegen. Man kann ihn anders kaum ertragen. Guttenberg ist das männliche Pendant zu Familienministerin Ursula von der Leyen. Ein wandelnder Vorwurf, eine Zumutung an Perfektion.

Und diese Zumutung sitzt an diesem Samstag auf dem Weg zurück nach Berlin in seinem Dienstwagen und sagt, das mit der Arroganz sage ihm zwar kaum jemand ins Gesicht, aber er lese öfter davon. An einem der vergangenen Abende habe er sich deshalb darüber einige Gedanken gemacht, weil er sich frage, woher das komme. Schließlich sei ihm schon in der Schule, im Gymnasium, jedweder Anflug von Dünkel ausgetrieben worden. "Die hätten mich doch sofort fertiggemacht."

Und dann sagt er, es sei komisch, manche Vorwürfe träfen ihn, aber jener der Arroganz, "der trifft mich gar nicht".

Er selbst nennt sich auch lieber demütig. Ja, er empfinde Demut. Demut, weil sich sein Ehrgeiz mit Fügung paare. Demut, weil er Deutschland dienen dürfe. Demut vielleicht auch davor, dass der Zufall oft ein wunderbarer Regisseur ist.

So wie an einem Donnerstagmorgen um kurz vor neun am Osteingang des Reichstags. Es ist kalt, es schneit, und es ist noch acht Minuten bis zu dem Augenblick, in dem Guttenberg vor Bundestagspräsident Norbert Lammert stehen wird, die rechte Hand zum Schwur erhoben, um neuer Wirtschaftsminister zu werden. Jetzt läuft er dem Mann in die Arme, der gleich sein Vorgänger im Amt werden wird.

Michael Glos hat die Arme vor der Brust verschränkt, nein, um den Leib geschlungen wie einen Schutzring. Glos, in diesem Bundestag seit anderthalb Jahrzehnten ein festes Möbel, ist von CSU-Chef Horst Seehofer gemobbt und am Ende aus dem Amt getrieben worden. Wirtschaftsminister neu und alt versuchen sich an einem Gespräch, dessen Beklemmung zu spüren ist.

Vielleicht geht die Karriere des Karl-Theodor von Makellos zu schnell, um bisher Schleifspuren hinterlassen zu haben. Vielleicht hat er nur das Glück gehabt, ganz schnell die nächste Aufgabe zu bekommen, bevor er in der vorigen einen Fehler machen konnte. Eine Art Teflon-Tempo. Bei der Geschwindigkeit bleibt nichts hängen.

Eben noch überraschend CSU-Generalsekretär geworden, und schon steht man vor Norbert Lammert, hat die rechte Hand erhoben, die linke auf Knopfhöhe ans Jackett gelegt und beschließt seinen Satz mit: "So wahr mir Gott helfe!"

Karriere, das Wort mag Enoch Freiherr zu Guttenberg nicht. Der Vater von Karl-Theodor hat die Vereidigung von der Tribüne des Bundestags aus verfolgt, die ersten anderthalb Reihen der Besucherränge waren mit Mitgliedern der Familie besetzt: Guttenbergs Frau, sein Bruder, der Vater, dessen zweite Frau. "Ich rede nicht so gern von Karriere", sagt der soignierte Herr hinterher, "ich sage lieber: Verantwortung." Und die habe "eine lange Tradition in unserer Familie".

Es ist eine Tradition, die in den sanften Hügeln Oberfrankens wurzelt. Der hartnäckige Winter hat die Höhen um Kulmbach noch einmal mit einer dicken weißen Decke versehen, es pfeift ein eisiger Wind. Die Orte tragen Namen wie Kaltenstauden oder Tannenwirtshaus. Hier residiert sie also, die Familie des Wirtschaftsministers.

"Der Baron ist da", sagt Wolfgang Protzner und zeigt zum Schloss. Wenn die gelbblaue Fahne auf dem Dach weht, sei der Hausherr anwesend. Protzner ist Professor für Regionalgeschichte, ehemaliger Bürgermeister von Kulmbach, Stadtrat für die CSU. Der ideale Reiseführer für den Ausflug in die Gegend um Guttenberg. Wenn er erzählt, sieht man die Ochsentrecks des Mittelalters wieder durch diese karge Gegend ziehen.

Protzner führt vorbei am Guttenbergschen Steinbruch. Er zeigt den Höhenweg, eine alte Handelsstraße nach Breslau, auf dem der Adelsclan weiland das Geleitrecht hatte. Der Weg geht durch die Wälder, in denen die Guttenbergs den Adel zur Jagd laden, vorbei an der Basilika von Marienweiher, deren Patron der Baron ist.



insgesamt 104 Beiträge
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Seite 1
Strichnid 10.03.2009
1. ...
Zitat von sysopDer neue Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat wie sein Vorgänger von Ökonomie wenig Ahnung, erlebt aber bislang einen Höhenflug ohne Beispiel. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,612261,00.html
Verrät uns der Autor auch, was genau die vorzeigbaren "Erfolge" dieses Ministers sind? Ist Opel gerettet? Ist die Schaeffler-Frage geklärt? Geht es mit dem Aufschwung schon aufwärts? Lächerlicher Beitrag. Der Spiegel sollte lieber mal recherchieren, warum Herr Guttenberg jede Antwort verweigert, ob er in jener Trockenbaufirma tätig war oder nicht. Oder warum er auf www.abgeordnetenwatch.de sämtliche an ihn gestellte Fragen mit einer Schablonenantwort abwatscht, was den Zweck jener Webseite ad absurdum führt. Toller Erfolgsminister.
topomoos, 10.03.2009
2. Medienphantasien
"...erlebt aber bislang einen Höhenflug ohne Beispiel. " Ach? Dabei dürfte es sich wohl eher um mediales Wunschdenken, wenn nicht um mediale Halluzinationen handeln..."
idealist100 10.03.2009
3. Hätte ich
Zitat von sysopDer neue Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat wie sein Vorgänger von Ökonomie wenig Ahnung, erlebt aber bislang einen Höhenflug ohne Beispiel. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,612261,00.html
meine Putzfrau dahin geschickt, die hätte genau so dumme Fragen gestellt, auf ihre Berater gehört, nur banale Antworten, d.h. keine fundierten Antworten gegeben. Aber schick aus gesehen in der neuen Garderobe. Na ja das brauchte der Gutte nicht, hatte schon schicke Klamotten.
hollo43 10.03.2009
4. Guttenberg im Auto
Zitat von sysopDer neue Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat wie sein Vorgänger von Ökonomie wenig Ahnung, erlebt aber bislang einen Höhenflug ohne Beispiel. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,612261,00.html
Schöner Mann, schöne Gattin, reich (aus Sicht eines Normalos, er selbst bestreitet das ja, lt. Stimmungsbericht). Vorteil: sollte wirtschaftlich unabhängig sein. Nachteil: könnte in der Tendenz eher im Sinne der Reichen agieren. Fehler: hat schon welche gemacht (Lebenslaufkosmetik). Kann mir nicht vorstellen, dass er gut rüber kommt. Der SPON-Beitrag wäre dafür auch nicht zielführend. Da nicht meine politische Vorzugsrichtung, ist es mir eher egal. Will es ja auch nicht so lange machen. Also abwarten! Habe Namenszusätze in der Überschrift, mit seinem Einverständnis rechnend, weggelassen. Ich denke, dies ist in seinem bürgernahen Sinne.
hollo43 10.03.2009
5. Danke Spon!
Zitat von sysopDer neue Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat wie sein Vorgänger von Ökonomie wenig Ahnung, erlebt aber bislang einen Höhenflug ohne Beispiel. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,612261,00.html
Vielen Dank SPON, für dieses Forum. Ich hätte sonst nicht gewusst, wohin mit meinem Kommentar.
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