AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2009

Ärztehonorare "Mir geht's gut"

2. Teil: "Ein rein innerärztlicher Verteilungskonflikt"


Die Zahl der Patienten wird nun mit der Pauschale von 38,11 Euro pro Patienten multipliziert, dazu kommt der Zehn-Prozent-Zuschlag für Gemeinschaftspraxen, und schon erhält man das sogenannte Regelleistungsvolumen, das Wetzel und seinen Kollegen fürs erste Quartal dieses Jahres zusteht: 107.527 Euro.

Diese Einnahmen bilden allerdings nur etwa zwei Drittel der Summe, die die Hausärzte von der KV tatsächlich erhalten. Zusätzliches Honorar erhalten sie für Vorsorgeuntersuchungen, für ambulante Operationen und für Patienten, die an Chronikerprogrammen teilnehmen. Hausbesuche werden mit 18 Euro im Normalfall und 65 Euro im dringenden Fall vergolten. An Samstagen bekommt Wetzel auch für einen normalen Hausbesuch 46 Euro.

Zu all dem kommen noch die Einnahmen durch Privatpatienten, die bei Wetzel mit zehn Prozent allerdings weniger stark ins Gewicht fallen als im Bundesdurchschnitt. "Wir leben hier eben auf dem Land, in Hamburg sieht das ganz anders aus." Weiter verdienen Ärzte an den sogenannten IGEL-Leistungen, die jeder Patient aus eigener Tasche bezahlen muss. Wetzel sagt zwar, dass er die Igelei grundsätzlich ablehne, weil ein Arzt nicht zum Verkäufer werden solle und die meisten Angebote medizinisch gar nicht notwendig seien. Doch insgesamt erfreut sich IGEL unter Ärzten immer größerer Beliebtheit. Schätzungsweise eine Milliarde Euro Einnahmen bescheren diese Leistungen den Ärzten mittlerweile im Jahr.

Warum kommt Wetzel aber mit dem Geld der Krankenkassen gut zurecht, ohne Igelei und ohne viele Privatpatienten? Erstens ist eine Gemeinschaftspraxis günstiger zu führen als eine Einzelpraxis. Zweitens sind seine Ansprüche maßvoll: Wetzel hat zuvor als Wissenschaftler an der Universität Göttingen 4000 Euro brutto verdient, er stammt nicht aus einer Ärzte-, sondern aus einer Lehrerfamilie. Und er fährt weder Porsche noch Mercedes, sondern einen Ford S-Max, in dem seine drei Kinder und der Hund Paul Platz finden. Zu Tode schuftet sich Wetzel bei alldem nicht: Insgesamt komme er auf eine 40-Stunden-Woche, sagt der Hausarzt, plus gelegentliche Notdienste. Meist schaffe er es sogar, sich zwei Nachmittage in der Woche frei zu halten.

Insgesamt gaben die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2007 rund 27,4 Milliarden Euro für Ärztehonorare aus. In diesem Jahr werden es 30,4 Milliarden sein. Ergibt ein Plus von elf Prozent, das den Ärzten insgesamt zur Verfügung steht. Drei Milliarden Euro zusätzlich, das macht umgerechnet für jeden der knapp 150.000 ambulant tätigen Ärzte und Psychotherapeuten ein Einkommensplus von 20.000 Euro im Jahr. Allerdings wird das Geld unterschiedlich verteilt, weil die KV beschlossen hat, das Einkommensgefälle zwischen armen und reichen Bundesländern auszugleichen. Deshalb müssen sich die Ärzte in Baden-Württemberg mit einem Honorarzuwachs von 2,5 Prozent begnügen, während die Ärzte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zwischen 19 und 25 Prozent mehr Geld erhalten.

Dabei macht das Honorar aus den Töpfen der gesetzlichen Krankenkassen nur einen Teil der Gesamteinnahmen aus. Das Statistische Bundesamt ermittelt alle fünf Jahre das echte Einkommen der Ärzte. Die neuesten Zahlen wurden im Jahr 2006 veröffentlicht. Demnach kommt ein Allgemeinmediziner nach Abzug aller Betriebskosten wie Personal, Praxismiete, Geräte, Strom, Pkw und so weiter im Schnitt auf ein monatliches Bruttoeinkommen von 8666 Euro, von dem er dann noch Steuern, Renten-, Kranken- und andere Versicherungen bezahlen muss. Noch mehr verdienen die Fachärzte, allen voran die Röntgenärzte mit einem Bruttoeinkommen nach Abzug aller Betriebskosten von 17.416 Euro pro Monat (siehe Grafik).

Bessere Zahlen als die des Statistischen Bundesamts gibt es nicht. Sie beruhen auf einer Pflichtauskunft mehrerer tausend Ärzte im Jahr 2003. Seitdem sind die Ausgaben der Krankenkassen für Arzthonorare sogar noch stärker gestiegen als die Zahl der Ärzte. Deshalb kommt im Schnitt jeder Arzt auf ein noch höheres Bruttoeinkommen als vor sechs Jahren.

Auch die anrührende Geschichte von Ärzten, die wegen Honorareinbußen ihre Praxis schließen müssen, ist eine gern gepflegte Legende von Ärztefunktionären. Die Insolvenzstatistik der Creditreform-Wirtschaftsdatenbank belegt, dass im vergangenen Jahr bundesweit lediglich 165 Arztpraxen pleitegingen. Niedergelassene Ärzte sind einem deutlich geringeren Insolvenzrisiko ausgesetzt als ein durchschnittlicher Unternehmer in Deutschland. Im Jahr 2007 gingen übrigens noch 223 Arztpraxen pleite, so dass die Zahl der Pleitepraxen im vergangenen Jahr sogar "überdurchschnittlich stark zurückgegangen ist", wie Creditreform berichtet.

Den aktuellen Honorarstreit hält Wetzel für einen "rein innerärztlichen Verteilungskonflikt". Geld sei genug vorhanden, "wir brauchen nicht mehr".

Mühsam findet er allerdings, dass die Honorare jetzt zum vierten Mal in fünf Jahren geändert werden, ständig müsse man sich um neue Abrechnungsdetails kümmern. "Ich würde gern mal wieder eine medizinische Fortbildung machen", sagt Wetzel. "Aber dazu komme ich nicht. Ich mache immer nur Fortbildungen über die Honorarreform."



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