AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2009

Global Village Sprechende Neubauten

Wie die Bauwut der Europäischen Union die belgische Hauptstadt verschlingt


Die Herren tragen Anzug, Krawatte und Kamelhaarmantel, die Damen kommen im Kostüm und treten hochhackig aus dem mächtigen, kantigen Justus-Lipsius-Gebäude, in dem sie die Ratssitzungen der 27 EU-Mitgliedsländer vorbereiten. Es ist Feierabend im Brüsseler Europaviertel.


Auch gegenüber aus dem 13-stöckigen Mammutbau der EU-Kommission schieben sich Gruppen von Menschen. Sie eilen zu den Bushaltestellen oder verschwinden in den Eingängen der Metro. Die Wege dorthin sind lehmverschmiert, Folge der immerwährenden Bauarbeiten in diesem Viertel. Rund um den Rond-Point Robert Schuman quält sich stockender Verkehr, entnervte Autofahrer hupen. Lehm und Lärm - das ist Europas Zentrum.

Richtung Innenstadt zieht sich vierspurig und schnurgerade die Rue de la Loi, in Rotlicht getaucht von den unzähligen Bremslichtern der Autos, die sich zwischen den grauen Bürohausfassaden bis zum Horizont stauen. Zu beiden Seiten und in den angrenzenden Straßen besetzen rund 30.000 EU-Beschäftigte fast zwei Millionen Quadratmeter Büro- und Konferenzraum. Was sie frei lassen, okkupieren Diplomaten, Journalisten, Lobbyisten aus aller Herren Länder. Das EU-Viertel ist bestenfalls funktional, schön ist es nicht.

Und jedes Jahr frisst es sich tiefer in das alte Brüssel hinein. Straße um Straße werden die kleinen, hübschen Bürgerhäuser abgerissen und durch wuchtige Klötze aus Beton, Stahl und Glas ersetzt. Immer neue Teppichboden-Areale füllen sich mit Schreibtischen, PC und dem entsprechenden internationalen Bedienungspersonal. Dass die EU-Zentrale ein schlimmes Behördenghetto sei, ist der häufigste Vorwurf, den Siim Kallas, Vizepräsident und oberster Bauverwalter der EU-Kommission, zu hören bekommt. Doch nun kann Europas Bauherr aufatmen. Das alles soll sich bald ändern, und zwar gründlich. Der estnische Kommissar spricht von "großen Ambitionen für Europas Hauptstadt".

Der Mann, der dafür sorgen soll, dass dieser Ehrgeiz Realität wird, ist der weltbekannte französische Architekt Christian de Portzamparc. Er entwarf für Paris die Cité de la musique und in New York den elegant verschrobenen Glasturm des französischen Luxuskonzerns Moët Hennessy-Louis Vuitton. Jetzt hat er den Städtebauwettbewerb für das Europaviertel gewonnen und will den "traurigen, langen Korridor" der Rue de la Loi "öffnen".

Portzamparc ist überzeugt davon, dass Architektur in der Lage ist, "die Welt zum Besseren zu verändern". Er will helfen, dass sich die Menschen wohler fühlen in ihrer Umwelt. Er ist in Casablanca geboren, seine Frau stammt aus Brasilien und entwirft Möbel.

Der 64-jährige Architekt, der in seinem lässig-nachlässigen Aufzug deutlich jünger aussieht, baut nicht einfach nur Häuser. Er entwickelt "Konzepte von Raum, Form und der Leere dazwischen". Das ist seinem Europamodell anzusehen. Alles dort soll schöner, höher, lichter werden, ein "Ökobezirk" soll entstehen, mit einer "Vielfalt von Wohnbauten und kulturellen Räumen sowie Freizeit- und Erholungsflächen", so schwärmen jedenfalls die künftigen kommunalen, privaten und europäischen Bauherren.

Eine schöne neue Welt ist Portzamparcs künftige Rue de la Loi, verkehrsberuhigt, fahrradfreundlich. In der Mitte gleiten weiße Straßenbahnen über samtene Grünflächen. Schmucke Bäumchen werfen Schatten auf breite Bürgersteige mit sattgrünen Pflanzen und glücklich flanierenden Menschen. Die Fassaden sind freundlich, die Gebäude hoch. Sie "öffnen die Stadt zum Himmel", sagt Portzamparc. Und der gewaltige Neubau, den er für die EU-Kommission in diese Märchenlandschaft setzen will, werde eine derartige Ausstrahlung haben, dass er "zu Europa und der Welt sprechen" könne.

Dass es dabei auch um Stauraum für die Eurokratie geht, wird eher verschwiegen. Die erkämpft sich täglich neue Aufgaben - und dafür braucht sie natürlich immer mehr Büros, Konferenzsäle, Technikräume, Kantinen und Kita-Plätze.

240.000 Quadratmeter neue Betätigungsfläche für Kommissionsbeamte soll Portzamparcs Umgestaltung der Rue de la Loi bringen. Das entspricht 10.000 Büros von jeweils knapp fünf mal fünf Metern. Dazu sollen 40.000 Quadratmeter Gewerbefläche und 110.000 Quadratmeter für Wohnungen entstehen. So können Europas Sachbearbeiter auch nach getaner Arbeit in ihrem Idyll bleiben, dort einkaufen, ein Bier trinken und sich schlafen legen.

Überdies hat die EU-Kommission gleich noch eine weitere Großbaustelle im Blick: vier Kilometer entfernt, hinter der Silhouette des Atomiums, des Wahrzeichens der Brüsseler Weltausstellung von 1958. Dort soll ein Kongresszentrum für 3500 Besucher, ein riesiges Einkaufszentrum samt Belgiens größtem Parkplatz entstehen. Für die Kommissionsbeamten stünden am neuen Standort weitere 300.000 Quadratmeter Büroraum zur Verfügung, eine Fläche groß wie 40 Fußballfelder.

Das alles wird Hunderte Millionen Euro verschlingen, vielleicht sogar Milliarden. Noch gibt es, in diesem frühen Planungsstadium, keine Zahlen, nicht einmal Schätzungen. Erst später, nach und nach, werden die nötigen Finanzmittel in überschaubaren Größen in die Haushaltspläne eingestellt werden. Dann sind aus den Immobilienträumen von heute vermutlich längst Beschlüsse von gestern geworden, die sich mit immanenter Dynamik gegen alle Kritiker und Bedenkenträger durchsetzen werden. Bislang jedenfalls protestieren allenfalls ein paar Europa-Abgeordnete gegen den Größenwahn.

Verwundern kann das alles nicht. Die Brüsseler Planer und Bauherren in Kommission, Rat und Parlament halten sich vielmehr an einen oft erprobten Grundsatz: Mehr Büros bedeuten mehr Europa.



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