AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2009

Forensik Galerie des Grauens

Der Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos hat seine spektakulärsten Fälle veröffentlicht. Sein erstaunlicher Befund: Selbstmord ist oft schwerer nachzuweisen als Mord.


Manchmal kostet es mehr Kraft zu sterben, als zu leben. Dieter H. hat seinen eigenen Tod dermaßen aufwendig betrieben, dass der Lebensunwillige der ermittelnden Kripo und der Rechtsmedizin noch lange nach seinem Ableben Rätsel aufgab.

Rechtsmediziner Tsokos: "Eine Menge Hinweise, wo und wie in unserer Gesellschaft etwas gründlich schiefläuft"

Rechtsmediziner Tsokos: "Eine Menge Hinweise, wo und wie in unserer Gesellschaft etwas gründlich schiefläuft"

Die Polizei fand den Wagen des arbeitslosen Heizungsmonteurs im Straßengraben einer Landstraße. H. selbst saß hinter dem Steuer, ordnungsgemäß angeschnallt - und geköpft. Sein Kopf lag im Fußraum der Rückbank.

Einen perversen Lustmord schlossen die ermittelnden Beamten rasch aus. In diesem Fall hätte der Täter erfahrungsgemäß den Schädel als Trophäe mitgehen lassen. Ohnehin kam ein Mord kaum in Frage: Zu eng war die Fahrerkabine, um darin einen erwachsenen Mann zu enthaupten.

Nur: Wer köpft sich schon selbst? Und vor allem: Wie bewerkstelligt man das?

Diese Frage bewegte auch Michael Tsokos, 42, Leiter der Rechtsmedizin an der Berliner Charité, auf dessen Obduktionstisch der verstümmelte Dieter H. landete. In 15 Jahren als Rechtsmediziner hat Tsokos rund 9500 Leichen aufgeschnitten und untersucht. Den Kopflosen aus dem Straßengraben zählt der Mediziner zu seinen spannendsten Fällen, die er nun in einem schaurigen Buch präsentiert*.

Was in dem Werk am meisten auffällt: Besonders schwer zu überführen sind offenbar häufig jene Täter, die ihr eigenes Opfer sind. Denn nach Tsokos' Erfahrungen sinnieren etliche Selbstmörder lange Zeit im stillen Kämmerlein über die perfekte Tötungsmethode nach, um möglichst schnell und effektiv aus dem Leben scheiden zu können. "Fälle von Mord und Totschlag sind für erfahrene Rechtsmediziner vergleichsweise leicht zu lösen", urteilt Tsokos. "Spektakulärer sind oft Selbstmorde, obwohl sie natürlich weniger öffentliche Beachtung finden."

Etwa der Fall des Dieter H.: Bei der Obduktion entdeckte Tsokos' Team, dass der Körper des Toten in einem Maß ausgeblutet war, wie sich das die Experten auch mit der Enthauptung nicht erklären konnten.

In seiner Wohnung entdeckte die Spurensicherung schließlich den Grund: Auf dem Küchentisch standen zwei Brauseflaschen, jeweils mit einem Liter Blut gefüllt. "Er hat versucht, sich quasi selbst auszubluten", sagt Tsokos. Dieser Versuch scheiterte offenbar.

Was dann geschah, grenzt für den Berliner Forensiker an ein medizinisches Wunder: Trotz des für gewöhnlich tödlichen Verlustes von rund einem Drittel seines Bluts setzte sich der zu allem Entschlossene in seinen Wagen, um seinen Selbstmordplan auf andere Weise zu Ende zu bringen.

Am Halsstumpf des Toten entdeckte Tsokos feinstaubartige Metallablagerungen. Der obskure Fund veranlasste die Kripo zu einer erneuten Inspektion des Tatorts. Tatsächlich fanden die Beamten nun ein dünnes, 40 Meter langes Stahlseil, das an den Holzpfosten eines Zauns gezurrt war. Am anderen Ende des Seils befand sich eine Schlinge von etwa 15 Zentimeter Durchmesser. Schnee hatte das Beweisstück verdeckt.

Erst jetzt ließ sich der Tatverlauf rekonstruieren. "Dieter H. hat das Gaspedal durchgetreten. Durch die hohe Startgeschwindigkeit und die Stabilität des Stahlseils wurde ihm schon nach wenigen Metern der Kopf abgerissen", berichtet Tsokos.

Überaus rätselhaft blieb für den Rechtsmediziner anfangs auch der Tod des Jägers Otto W. Der 78-Jährige war abends gemeinsam mit Jürgen M. zur Pirsch in den Wald gegangen. Die Kumpane bestiegen zwei 300 Meter voneinander entfernt stehende Ansitzwagen und verabredeten sich für den nächsten Morgen. In der Nacht hörte Jürgen M. zwei Schüsse, was ihn nicht weiter verblüffte, man befand sich schließlich auf der Jagd.

Ein befremdlicher Anblick bot sich M. jedoch zum Morgengrauen: Sein Jagdfreund W. lag rücklings und tot vor dem Ansitzwagen, die Brust blutverschmiert.

Schmauchspuren wiesen darauf hin, dass Otto W. aus nächster Nähe erschossen worden war - offenkundig sogar mit seinem eigenen Gewehr. Die Büchse, geeignet für die Elefantenjagd, hatte das Brustbein und die Innereien des alten Mannes zerfetzt.

Doch von einem Mörder fehlte jede Spur. Hatte sich Otto W. womöglich selbst gerichtet? Tsokos mochte nicht recht daran glauben: "Suizid-Anwärter schießen sich selten in die Brust - sie legen oder setzen sich meist auf den Boden und schießen sich in den Mund. So wie der Rocksänger Kurt Cobain."

50 Meter vom Tatort entfernt stießen Kriminaltechniker schließlich auf ein Projektil. Offenkundig hatte W. auf eine potentielle Trophäe gefeuert. In der Finsternis taperte der Alte dann vom Ansitz ins Freie, um nachzusehen, ob er Beute gemacht hatte. Dann muss der tödliche Schuss gefallen sein.

Nach eingehender Spurensuche gelang es den Rechtsmedizinern schließlich, den kuriosen Verlauf der scheinbaren Mordtat zu rekonstruieren: In der Dunkelheit langsam vorwärtstastend, ergriff der greise Waidmann den Lauf seiner Flinte. Der Abzug verfing sich jedoch fatalerweise an einem Kunststoffknopf des Sitzkissens, auf dem Jäger Otto W. zuvor sanft geruht hatte.

"In unserem Metier gibt es nichts, was es nicht gibt", kommentiert Tsokos die Galerie des Grauens. Ist das womöglich zu harter Stoff für sein Publikum? Der Rechtsmediziner sieht das nicht so: "Was an jedem Tag im Obduktionssaal vor uns auf dem Stahltisch liegt, bietet eine Menge Hinweise, wo und wie in unserer Gesellschaft etwas gründlich schiefläuft."

Auch das Ende von Egon G. lieferte einen solchen Hinweis. Die Polizei fand den toten G. bei minus 10 Grad nackt in einem Sandkasten liegend. Umgehend vermuteten die Beamten "ein Sexualdelikt mit homosexuellem Hintergrund". Doch Tsokos zweifelte gleich an dieser Deutung: "Wer hätte je davon gehört, dass ein etwa 40jähriger Mann bei eisiger Kälte auf einem Spielplatz sexuell missbraucht und im Anschluss daran getötet wurde?"

Gut möglich, dass der Tote im Sandkasten schlicht erfroren war. Aber warum hatte sich der Sterbende dann noch die Kleider vom Leib gerissen?

Erschwert wurden die Ermittlungen zusätzlich durch einen gemeinhin wenig bekannten Umstand: Der Tod durch Erfrieren lässt sich mit rechtsmedizinischen Untersuchungen kaum nachweisen. Möglich ist nur eine Ausschlussdiagnose.

Die Lösung ergab sich aus der Verbindung von medizinischem Hintergrundwissen mit den Obduktionserkenntnissen. Die Fettleber in Kombination mit stark aromatischen Ausdünstungen ließen für Tsokos kaum Zweifel: Der tote G. war ein schwerer Trinker gewesen.

Alkohol wiederum stört erheblich die Temperaturwahrnehmung des Körpers. Vermutlich glaubte sich der Volltrunkene im Warmen, während er langsam erfror.

Als die Körpertemperatur bedrohlich unter 30 Grad Celsius sank, befiel G. zu allem Unglück noch die sogenannte Kälte-Idiotie. Tsokos kennt dieses Verhalten aus etlichen Fällen: "Der Erfrierende bildet sich ein, ihm sei heiß, und reißt sich die Klamotten vom Leib."

Mit diesem Vorwissen glaubt Tsokos sogar den Tod seines Jugendidols lösen zu können - allerdings nur per Ferndiagnose: Der Betroffene hat sich schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert ins Jenseits verabschiedet.

Bon Scott, einst Frontmann der Hardrock-Band AC/DC ("Highway to Hell"), war am 19. Februar 1980 nach einer strammen Zecherei im Wagen eines Freundes gestorben.

"Alkoholvergiftung" hatten die verantwortlichen Rechtsmediziner damals als Todesursache diagnostiziert. Tsokos widerspricht: "Sehr unwahrscheinlich bei einem exzessiven Alkoholiker wie Bon Scott."

Sein Alternativbefund: Sternhagelvoll und nur mit Jeansjacke und T-Shirt bekleidet sei der Rocker in der kalten Londoner Februarnacht vielmehr im Auto erfroren.



insgesamt 2 Beiträge
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Born to Boogie, 27.03.2009
1. werde ich nie verstehen.
Den Job könnte ich für alles Geld der Welt nicht machen. Was mir allerdings zu denken gibt, ist daß angebl. 50% aller Morde gar nicht entdeckt werden.
chaotor, 27.03.2009
2. Scotts Alkoholvergiftung!?
Nach meinem Kenntnisstand (habe ich mal irgendwo in den 80ern gelesen) soll Scott an Erbrochenem erstickt sein; die Wikipedia schreibt dies übrigens auch.
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