AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2009

Klassik "Ich will, bitte schön, geliebt werden"

Die rumänische Sängerin Angela Gheorghiu über ihren Ruf als "Draculette" der Oper, eine neue Aufnahme der "Butterfly" und ihre Konkurrenz mit Anna Netrebko


SPIEGEL: Frau Gheorghiu, Sie werden als Sängerin mit einer der schönsten Stimmen der Welt gefeiert, aber ...

Gheorghiu: ... aber? Ich ahne, was jetzt kommt.

SPIEGEL: Sie gelten, mit Verlaub, auch als eine der größten Zicken der Branche. Eine der letzten überlebenden Diven. Zu Recht?

Gheorghiu: Diva ist falsch. Das klingt, als verhielte ich mich absichtlich so. Dabei bin ich so geboren, wie ich bin: anders als die anderen. Ich spiele nicht die Diva, ich bin einfach eine Künstlerin. Als ich jung war, habe ich noch darunter gelitten, dass ich anders bin. Nun nicht mehr. Ich habe mich inzwischen an meine Art gewöhnt. Als ich 16 oder 17 war, habe ich in Bukarest mein erstes Konzert gegeben, seitdem stehe ich auf der Bühne und im Rampenlicht.

SPIEGEL: Mit 14 verließen Sie Ihren kleinen rumänischen Heimatort und gingen nach Bukarest ins Internat, um Gesang zu studieren. Wie war das?

Gheorghiu: Es gab in Rumänien für klassische Musik nur diese eine Akademie und pro Jahr nur fünf freie Plätze. Als ich mich bewarb, gab es rund hundert Kandidaten. Damals herrschte in Rumänien eine wirtschaftlich schreckliche Zeit, die letzte Phase des Kommunismus. Ich habe manchmal im Schlafsaal vor Hunger geweint. Die erste Aufnahme, die ich überhaupt je gemacht habe, war übrigens ein patriotisches, kommunistisches Lied.

SPIEGEL: Als Sie dann Ihre ersten Erfolge im kapitalistischen Westen feierten, sollen Sie die Schaufenster fotografiert haben, um Ihren Eltern beweisen zu können, dass es diesen Überfluss auch wirklich gibt.

Gheorghiu: Das ist richtig. Es war ein Festival der Sinne für mich: Blumen, Lebensmittel, Lichter und Farben. Ich war entsetzt, dass die Leute das im Westen für normal hielten.

SPIEGEL: Sie bekommen längst Höchstgagen und werden sich sicher an den Luxus gewöhnt haben.

Gheorghiu: Eigentlich nicht. Wenn ich eine schöne Landschaft sehe, gutes Essen auf dem Teller habe oder herrliche Musik höre, macht mir das alles noch eine Gänsehaut. Ich kann mich nicht daran gewöhnen.

SPIEGEL: Wenn man Sie erzählen hört, mag man gar nicht glauben, dass Sie im Opernbetrieb als ausgesprochen schwierig und fordernd gelten. Wie kommt das?

Gheorghiu: Sie lassen sich doch hoffentlich auch nicht alles gefallen. Ich entscheide mich nicht, plötzlich schwierig zu sein. Fragen Sie mal meine Sänger-Kollegen oder Dirigenten, was die von mir halten.

SPIEGEL: Lieber nicht. Was bringt Sie denn am schnellsten auf die Palme?

Gheorghiu: Ignoranz und Gleichgültigkeit.

SPIEGEL: Sie haben sehr genaue Vorstellungen davon, wie eine Oper inszeniert und aufgeführt sein muss, in der Sie mitwirken?

Gheorghiu: Aber sicher. Seit ich 18 bin, habe ich mich nicht mehr mit Gesangstechnik beschäftigt. Ich beherrsche sie. Ich bin meine eigene Lehrerin. Ich bereite meine Rollen alleine vor.

SPIEGEL: Sie nehmen von niemandem Ratschläge an?

Gheorghiu: Nein, nein, nein. Ich hatte eine wunderbare Gesangslehrerin, Mia Barbu - bis ich 18 war. Wenn ich heute eine Entscheidung treffen muss, denke ich, was sie mir wohl raten würde, und richte mich danach. Meine Philosophie war von Anfang an: Selbst wenn ich falsch liege, möchte ich es auf meine Art machen. Ich bin für mich selbst verantwortlich.

SPIEGEL: Eine Opernproduktion ist nun mal Teamwork. Andere, etwa der Regisseur, haben auch ihre Vorstellungen. Wie weit geben Sie nach?

Gheorghiu: Ach, ich bin recht flexibel, was die Ideen von Regisseuren angeht. Ich diskutiere mit ihnen.

SPIEGEL: Da gibt es aber anderslautende Berichte.

Gheorghiu: Einmal habe ich nicht mal diskutiert, da bin ich tatsächlich einfach gegangen. Das war bei einer "Traviata" in Madrid. Die Produktion sollte in einem SS-Ambiente spielen. Das habe ich nicht eingesehen. Es hatte nichts mit Alexandre Dumas' Romanvorlage zu tun und auch nichts mit Verdis Musik. Da konnte ich nur sagen: Ciao. Arrivederci.



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