AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2009

Konjunktur Druck auf der Pulle

Die Bundesregierung verlängert bis zum Ende des Wahljahres die Abwrackprämie für Autos. Doch die Erfahrungen mit der Subvention auf Pump zeigen: Sie fördert besonders ausländische Hersteller und ist ökonomisch, ökologisch und finanzpolitisch mehr als fragwürdig.

Von , , und Christian Schwägerl


Alle reden von Krise, aber es gibt ein Deutschland, das wächst und gedeiht, man muss es gar nicht lange suchen. Das Boom-Deutschland findet sich zum Beispiel in Berlin-Reinickendorf, auf dem Schrottplatz von Volker Müller, Altmetallhändler seit 16 Jahren und ein erfahrener Mann seines Gewerbes.

Kopfschüttelnd geht Müller dieser Tage durch lange Reihen von Wagen, die auf dem Hof seiner Autoverwertung stehen. "Völlig irre!", sagt er und zeigt auf einen weißen Smart. Gepflegte Sitze, nicht mal 50.000 Kilometer stehen auf dem Tacho - der Wagen sieht aus wie neu. Bald wird er von Müller in sämtliche Einzelteile zerlegt und in der Presse landen.

"Sobald die Leute hören, es gibt Geld geschenkt, drehen sie vollkommen durch", sagt der Schrotthändler. Um die 30 Prozent der Autos auf seinem Hof seien eigentlich noch mehr wert als 2500 Euro. Pro Monat nimmt er zurzeit 300 Autos an. "Es könnten tausend sein. Aber wir kommen schon jetzt kaum hinterher."

Das Pleite-Deutschland liegt nicht weit entfernt, auf der anderen Seite der Stadt bei "Auto Alex", und dass es dort mit dem Geschäft nicht mehr läuft, hat mit dem Boom bei Altmetallhändler Müller zu tun. Denn der billige Schrott, der bei Müller in den Himmel wächst, war mal die Geschäftsgrundlage von Carsten Hensel. Der Chefverkäufer bei Auto Alex verdiente sein Geld vor allem mit dem Verkauf billiger Gebrauchter, doch genau die landen seit Einführung der Abwrackprämie im Januar in der Schrottpresse. "Wir bekommen einfach keine Autos mehr", stöhnt Hensel.

Rund ein Drittel mehr müsse er inzwischen beim Ankauf bezahlen. "Uns geht der günstige Nachschub aus, ich muss täglich Kunden wegschicken", sagt der Gebrauchtwagenhändler. Auf seinem Hof verstauben an die 60 Fahrzeuge, es sind vor allem Audi, Mercedes, Volvo. "Die Großen hier sind Langsteher, die bekomm ich nicht los", erklärt er. Wer früher so einen gekauft hätte, hole sich heute lieber einen subventionierten Neuwagen. Allein in Berlin-Weißensee seien deshalb vier freie Händler pleitegegangen.

Deutschland im Abwrackwahn: Seit die Bundesregierung zum 27. Januar die sogenannte Umweltprämie einführte, die jedem Käufer eines Neuwagens 2500 Euro schenkt, wenn er ein mindestens neun Jahre altes Auto verschrottet, erlebt der Automarkt eine wundersame Zwischenkonjunktur mit absurden Folgen. Pressen malmen quer durchs Land im Dauereinsatz, Käufer strömen in die Präsentationshallen, Ersatzteile überschwemmen den Markt - die Preise für Altmetall und Gebrauchtwagen sind im freien Fall. Gleichzeitig suchen Studenten oder Geringverdiener oft vergeblich nach dem 1000-Euro-Wagen.

Bislang konnten Händler wie Hensel und Müller davon ausgehen, dass die Schrott-Politik bald ein Ende hat. Ursprünglich war die Abwrack-Subvention auf 1,5 Milliarden Euro begrenzt, das reicht für rund 600.000 Anträge, danach sollte Schluss sein - so war es beschlossen und verkündet.

Doch seit Mitte vergangener Woche ist nun klar: Die Abwrackprämie wird es nun sehr viel länger geben, und sie wird damit wohl auch erheblich teurer für den Staat. Bis Ende des Jahres haben jetzt rund acht Millionen Bundesbürger Anspruch auf staatliche Beihilfe beim Kauf eines Neuwagens, wenn sie ihren alten verschrotten - so haben es Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Vize Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Mittwoch entschieden. Weil es um ein Wahlgeschenk ging, fand keiner den Mut, nein zu sagen - obwohl sich die Prämie bisher als süßes Gift erweist.

Denn die seit Januar gesammelten Erfahrungen zeigen: Von der Subvention profitieren über 50 Prozent ausländische Autobauer, sie ist ökonomisch, ökologisch und finanzpolitisch fragwürdig, eher ein Risiko als ein Rettungsring in Krisenzeiten. Was im Übrigen bis zur Entscheidung am vergangenen Mittwoch von den verantwortlichen Politikern noch nicht mal bestritten wurde.

Es ist gerade mal zwei Wochen her, dass Merkels Kanzleramtschef Thomas de Maizière die Abwrackprämie im sächsischen Radebeul als Unfug bezeichnete, den die Politik "ein bisschen aus Feigheit" beschlossen habe. Und Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) jammerte in Hintergrundgesprächen darüber, wie schade es um das schöne Geld sei, das ihm nun als fragwürdige Subvention der Automobilindustrie durch die Finger rinne.

Sämtliche Zweifel am Sinn des "Schrottgesetzes" (CDU/CSU-Mittelstandssprecher Michael Fuchs) haben sich binnen weniger Tage auf wundersame Weise in Luft aufgelöst. Spitzenpolitiker von Union und SPD, zuletzt in fast allen politischen Fragen über Kreuz, loben sich jetzt gegenseitig für ihre Großzügigkeit und wirtschaftspolitische Weitsicht.

"Das ist gut. Da freuen wir uns", sagt Thomas Oppermann, der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Dass er eine Verlängerung der Prämie noch Mitte Februar als "dumm" und "kontraproduktiv" bezeichnete, erklärt Opperman damit, dass er "den Erfolg" nicht vorhergesehen habe.

Der Wahlkampf hat begonnen, und so ging es für die Spitzenvertreter der Großen Koalition vergangene Woche nur noch um die Frage, wer die teure Nachricht zuerst verkünden durfte. Die Strategen von Angela Merkel hatten mit dem Gedanken gespielt, den für diese Woche geplanten Auftritt der Kanzlerin bei Opel in Rüsselsheim mit der frohen Kunde zu verbinden. Doch SPD-Vizekanzler Steinmeier war schneller und nutzte einen Besuch des VW-Stammwerks in Wolfsburg am vergangenen Dienstag, um sich als Autokanzler in spe zu präsentieren. Er werde dafür sorgen, so Steinmeier in Gerhard-Schröder-Diktion, dass "Druck auf der Pulle bleibt".



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