AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2009

Eine Meldung und ihre Geschichte Das nackte Beben

Wie eine Tänzerin ein Gefängnis beglückte.

Von Ralf Hoppe


An jenem Morgen räumte Daniela R., jung und hübsch, ihr Frühstücksgeschirr beiseite; wie immer hatte sie etwas Obstsalat, eine Reiswaffel, Kaffee mit Sojamilch zu sich genommen, sorgsam spülte sie Teller und Tasse, knipste das kleine braune Radio aus und stand einen Moment unschlüssig da.

Wo blieb Rafa? Es war nach neun. Er sollte sie abholen, er hatte sie engagiert, als Background-Tänzerin, es war eine Ehre für sie, fand Daniela, denn sie war erst noch auf dem Weg zum Star, ins Filmbusiness, ins Showgeschäft.

Rafa hingegen hatte schon richtige Filme gemacht, Pornos zwar, aber irgendwo muss man anfangen, und jetzt hatte er diesen Song und Hit, und für den Auftritt an diesem Morgen hatte er Daniela engagiert, Fitnesstrainerin, Striptease-Tänzerin, zurzeit ohne festen Freund, dafür gesegnet mit den Maßen 110-60-90. Wenn man sie fragt, welche drei Dinge sie am liebsten mache, sagt sie: "Fitness, Pediküre, Shopping, Maniküre."

Das Telefon fiepte, Rafa rief vom Auto aus an, er würde gleich da sein. Ob sie runterkommen könne? Daniela schnappte sich die Tasche mit dem Leopardenmuster, die enthielt ihr Kostüm.

Vielleicht ist Daniela etwas oberflächlich, vielleicht auch kein Genie, aber gutmütig. Das merkt man, wenn man mit ihr spricht, das sagen all ihre Freunde. Sie gibt jedem Bettler Geld, ist hilfsbereit, und ein hungriges Kätzchen, ein aus dem Nest gefallenes Vogeljunges brechen ihr das Herz.

Wo der Auftritt stattfinden würde, hatte Daniela vergessen. Irgendwas mit Gefängnis.

Sie ließ sich auf den Beifahrersitz fallen, Rafa gab Gas, gegen zehn Uhr waren sie im Cárcel de Picassent, 2441 Inhaftierte. Señor Ramón Cánovas empfing sie, er war der Gefängnisdirektor und überhaupt nicht so, wie Daniela sich das vorgestellt hatte, sondern freundlich, höflich, leise Stimme.

Señor Cánovas hatte den Posten erst seit kurzem inne. Ursprünglich Universitätsprofessor im Fach Kriminologie, mit Lehraufträgen in Valencia und Madrid, hatte Cánovas sein Leben lang die liberale Linie vertreten - dass man im Strafgefangenen den Menschen sehen möge.

Und Menschen brauchen auch mal Unterhaltung, brauchen ein bisschen Spaß, auch im Gefängnis. Und deshalb war Rafa da, ein Popsänger oder Rapper, den Cánovas hatte engagieren lassen, und auf diese Art war auch Daniela hier gelandet.

Das grüne Stahltor, die grün-weiß getünchten Flure, die stabilen Türen - das alles machte Daniela Angst. Die armen Kerle, die hier eingesperrt waren. Sie rückte näher an Rafa, während Señor Cánovas ihnen den Mehrzwecksaal zeigte, wo der Auftritt stattfinden sollte - vor rund 200 Gefangenen, nicht 300, wie Zeitungen schrieben.

Die Gefangenen von Block 8 und Block 10, erklärte Cánovas, seien allesamt Burschen, die sich benehmen könnten. Und es sei genug Personal da, Aufseher, Sozialarbeiterinnen, keine Angst also. Und damit verabschiedete er sich zurück an seinen Schreibtisch.

Rafa fummelte am Mikro, Daniela schlüpfte in ihr sexy Krankenschwesterkostüm. Die Gefangenen wurden hereingeführt. Normale Gesichter, eigentlich sogar nette. Die Wärter wirkten schon strenger in ihren blauen Uniformen. Eine kurze Ansage, und es begann, Rafa sang, er sang zur Background-CD, Daniela tanzte, "Doctor Amor" heißt der Song, ein Rap.

Sie spielten drei Lieder. Der Applaus - wahrscheinlich gibt es kein dankbareres Publikum als Gefangene. Zugabe. Und noch eine. Aber jetzt war Schluss, Rafa machte Daniela ein Zeichen: Chica, danach hören wir auf.

Aufhören? Die Gefangenen taten Daniela plötzlich leid. Was hatten sie schon groß gesehen? Und Daniela hatte so etwas wie einen Einfall.

Sie sprang von der Bühne. Sie schälte sich aus ihrem Krankenschwesterkittel. Weg damit! Kann sein, dass 200 Männer nach Luft schnappten. Weg auch mit dem weißen Bikini-Oberteil! Es war so etwas wie eine Befreiung. Und sie tanzte.

Die Gefangenen brachen in ein Begeisterungsgetrampel aus, erinnert sich Daniela, Getrampel, als wollten sie die Richter-Skala knacken. Daniela, das strippende Erdbeben, und auch Rafa wurden von der Begeisterung mitgerissen. Zugabe! Und jetzt zog Daniela ihr Tanga-Höschen aus, es ging leicht, war ein herrliches Gefühl, und sie hielt die Augen die meiste Zeit geschlossen und bewegte sich zur Musik, und wenn sie die Augen öffnete, sah sie die glücklichen Gesichter, so erinnert sie sich.

Ich sehe es als Geschenk, sagt sie.

Für Señor Cánovas, den Gefängnisdirektor, hatte Danielas Einlage ein sehr unangenehmes Nachspiel. Die weiblichen Justizangestellten empörten sich, der Berufsverband zeterte, das Ministerium reagierte, die Presse bewertete den Vorgang als irgendwie auch frauenverachtend. Cánovas musste hässliche Fragen beantworten. Es spricht für ihn, dass er die Schuld auf sich nahm.

Rafa wurde in Talkshows eingeladen, musste mit Feministinnen diskutieren, das war ihm egal, Hauptsache, Fernsehen. Daniela lehnte die Einladungen ab, ihr wurde das alles bald zu viel. Sie begriff die Aufregung nicht, sie hatte es nur gut gemeint, es war ein Geschenk.



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