AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2009

Mythen Der Lokführer

Märklin, Schiesser, Karmann, Rosenthal - immer mehr Unternehmen, die nach alter Bundesrepublik klingen, sind zahlungsunfähig. Es ist die Hochzeit der Insolvenzverwalter. Ein Star der Branche, Michael Pluta, soll nun die deutscheste aller Spielzeugfirmen retten.

Von Ralf Hoppe und Ansbert Kneip


Die Einstiegsdroge ist ein Würfel, schwarz, Kantenlänge 185 Millimeter, innen Styropor, es knirscht, es quietscht beim Auspacken.

Zwölf zarte Schienenstücke, in knisternde Tütchen gepackt, feine Kabel, Transformator, eine winzige Lokomotive, zwei winzige Waggons, zum Preis von 129,95 Euro - so viel kostet diese Rolle rückwärts in die Kindheit, die Startpackung 81562 der Firma Märklin, insolvent seit dem 4. Februar 2009, 11.55 Uhr, und vielleicht findet sich in dieser schwarzen Box ein Hinweis darauf, was eigentlich geschehen ist mit diesem deutschesten aller Spielzeuge.

Der Zusammenbau: Die Blechzungen, mit denen die Schienen verbunden werden, verbiegen im Nu; die haarfeinen Kabelenden in den Federklemmbuchsen zu befestigen erweist sich als fürchterliche Fummelei; vier Broschüren liegen der Packung bei, die freundlichste beginnt so: "Für den Ausbau einer Märklin-Z-Startpackung stehen mehrere Alternativen zur Verfügung. Die komfortabelste Variante ist der Zukauf der Erweiterungspackungen E (Artikel 8190 mit Handweichen, 8191 mit elektromagnetischen Weichen), der Doppelgleispackung T1 (Artikel 8192), der Bahnhofsgleispackung T2 (Artikel 8193) ..."

Es ist ein Ton, bei dem man schlechte Laune bekommt. Ein Ton, bei dem man sich fragt, ob diese Firma noch zu retten ist. Und, falls ja - wie?

Noch im Untergang ist die Modellwelt Märklin ein Modell für die Krise in Deutschland, für jenen Teil der Wirtschaft jedenfalls, der nach alter Bundesrepublik klingt - so wie Schiesser, so wie Karmann, so wie Rosenthal, die großen Insolvenzen der letzten Monate. Insolvenz, das klingt endgültig. Aber womöglich ist die Insolvenz von Märklin auch das Modell für einen Neuanfang, für das Überleben einer Wohlstandsmarke in ungemütlicher Zeit.

Und in jedem Fall ist Märklin ein Hochamt für jeden Insolvenzverwalter.

Am Mittwoch, 4. Februar 2009, gegen halb zwölf, geht im Amtsgericht Göppingen, nicht weit von Stuttgart, ein vierseitiges Schreiben ein. Absender ist die Fa. Gebr. Märklin & Cie. GmbH, im Anhang eine Darstellung des Vermögens. Das Schreiben wird sofort in den zweiten Stock gebracht, zu Amts- und Insolvenzrichter Jan Bandszer. Der legt, woran er bis eben gearbeitet hat, augenblicklich beiseite, telefoniert seine drei Rechtspfleger herbei, es geht um Minuten, in dem Brief steht, sinngemäß: Hilfe.

Bandszer und sein Team haben die Tür hinter sich verschlossen, sie gehen eine Namensliste durch, da ist jener aus München, dieser aus Düsseldorf, neue Namen, abermals erwogen, ein Name bleibt übrig. Rechtspfleger Binder hastet zurück in sein Büro, eine Etage tiefer, mit den hellbraunen Sperrholzmöbeln, er öffnet die zweite Schublade rechts, zieht ein Verzeichnis mit 35 Telefonnummern hervor; eine Nummer davon ist die von Michael Pluta, Chef von Pluta Rechtsanwalts GmbH, Büros in 22 Städten Europas.

Pluta gehört zu den Stars der Szene, den vier, fünf Top-Kanzleien Deutschlands. Hier landen die Millionenfälle, die großen Namen, SinnLeffers, Schiesser, Qimonda, und mehr als hundert Mitarbeiter muss man schon haben, um im Spitzenfeld der Pleiteliga mitzuspielen. Pluta hat 235 Leute, er zieht rund 2000 Insolvenzen im Jahr durch, 21 Millionen Euro Umsatz, richtig gute Gehälter für alle.

Dieser Mann sitzt, als Binders Anruf ihn erreicht, in seinem Ulmer Büro: ein Herr von Ende fünfzig, ruhig und behäbig im Auftreten, er spricht ein mildes Schwäbisch. Wie jeden Tag trägt Pluta auch heute einen Anzug in gedecktem Blau, dazu hellblaues Hemd, blau ist auch der tiefe Teppichboden im Büro, ein Blumenstrauß auf dem Schreibtisch.

Als er den Hörer auflegt, hat Michael Pluta die Verantwortung übernommen für 1400 Mitarbeiter, zwei Produktionsstandorte, Warenlager, außerdem zwei Tochterfirmen, die LGB und die Trix, beide in Nürnberg. Er hat keine Ahnung, wie das Unternehmen Märklin dasteht, niemand hat zu diesem Zeitpunkt eine Ahnung. Gut möglich, dass der Laden nicht mehr zu retten ist.

Am selben Tag, an dem Michael Pluta Insolvenzverwalter von Märklin wird, beginnt in Nürnberg die Spielwarenmesse, es ist der wichtigste Termin des Jahres. Gleich in der ersten Halle, links hinterm Eingang, stellen die renommierten Modellbauer aus, Trix, Fleischmann, Roco, den größten Stand nimmt traditionell Märklin ein. Diesmal ist auch ein Jubiläum zu feiern: "150 Jahre Märklin" steht auf den Stellwänden, davon weiß Pluta noch nichts, aber er weiß, wie wichtig die Messe ist, die Zulieferer, Händler, Käufer, Fans. Sie alle werden Fragen stellen über die Zukunft von Märklin, und keiner ist da, der eine Antwort wüsste.

Michael Pluta beschließt: Er muss als Erstes nach Göppingen, zum Firmensitz. Aber auf die Messe muss er auch, sich zeigen: Pluta, der neue Boss.

20 Minuten nach dem Anruf des Rechtspflegers Binder sitzt Pluta in seinem schiefergrauen BMW 730d, 245 PS, beigefarbene Ledersitze, er gibt Gas.



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