AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2009

Ausland Das grüne Gold

Global Village: Billig und legal - auf ihrem weltweiten Siegeszug hat die Kaudroge Kat nun Europa erreicht.

Von Juliane von Mittelstaedt


Unauffällig sehen die Boxen aus, die vor Jassin Abanurs Tresen stehen. Acht Pappkartons mit Luftlöchern, in jedem 40 Bündel, jedes in Bananenblätter eingeschlagen, darin schlanke Stengel mit Blättern, die aussehen wie verwelktes Basilikum: braun und glänzend. Vor nicht einmal 24 Stunden wurden sie im Norden Kenias geerntet, dann nach Heathrow geflogen, von dort haben Lastwagen sie in alle Winkel Londons verteilt. An Männer wie Jassin Abanur, 43, mit neun Kindern von vier Frauen, einst Schweißer in Somalia, heute Cafébesitzer in der Kentish Town Road.

Es muss schnell gehen, denn Catha edulis ist ein empfindliches Gewächs, mit der Ernte beginnt sein Sterben, nach 48 bis 60 Stunden ist es nur noch ein Gemüse. Dann wäre alle Mühe umsonst. Aber ist es frisch, dann ist es das grüne Gold, die Paradiesblume, dann ist es Kat. Kaut man mehrere Bündel ein, zwei Stunden lang, dann wird Cathinon frei, auch "natürliches Amphetamin" genannt, und der Rausch beginnt. Es wirkt wie eine Mischung aus Koffein und Morphium, Cannabis und Kokain.

Kat gehört zu den ältesten Drogen der Welt, angeblich benutzt im alten Ägypten, unter Alexander dem Großen und verwendet für den Rauch des Orakels von Delphi. Lange Zeit wurde es nur auf der Arabischen Halbinsel und in Ostafrika gekaut, aber dann kamen die Flüchtlinge aus Somalia, Äthiopien und Jemen nach Europa; an die 250.000 Somalier leben inzwischen in Großbritannien, und mit ihnen kam das Kat. Am Anfang im Koffer, später per Paket. Inzwischen fliegt viermal pro Woche ein Flugzeug von Nairobi nach London, voll mit dem begehrten Gewächs. 10.000 Tonnen kommen jährlich, und das ist nur eine Schätzung aus dem Jahr 2005.

In Großbritannien ist Kat nicht verboten, anders als in Deutschland und den meisten übrigen europäischen Staaten, und so wurde London zu einem internationalen Umschlagplatz. Von hier wird es in Länder verteilt, in denen es illegal ist, in die USA und nach Norwegen, per Post oder mit Kurieren. "Viele Pakete werden abgefangen, aber wenn eins durchkommt, dann reicht das den Schmugglern", sagt Abanur, schließlich ist Kat dort zehnmal so teuer wie in London.

Man kann Kat mehr oder weniger offen in Tel Aviv kaufen, in Chicago und Sydney, in Amsterdam, Stockholm und Kopenhagen. In New York wurden im Jahr 2006 über 25 Tonnen beschlagnahmt, in Deutschland 2008 mehr als acht.

Auf ihrem globalen Eroberungszug hat die Pflanze auch eine Kulturgrenze übersprungen: Sie ist nicht mehr nur Einwandererdroge, sondern beliebtes Aufputschmittel für jedermann, zumindest in London. Drei Pfund kostet hier das Bund, 100 Gramm sind das etwa.

Kat, die Droge der somalischen Warlords und Piraten, ist neuerdings auch die Droge von Studenten, die konzentriert lernen wollen, von ehemaligen Süchtigen, die Ersatz suchen, von Jugendlichen, die es ausprobieren wollen, oder von Bankern, die sich Kokain nicht mehr leisten können.

Eine Frau betritt das Café in der Kentish Town Road, eine Engländerin, sie kauft fünf Bündel Kat, dann geht sie wieder. "Eine meiner Stammkundinnen", sagt Abanur. Die Briten setzen sich nur selten zu den Afrikanern, die meisten kaufen das Kraut zum Mitnehmen. "Für uns Somalier dagegen ist Katkauen ein soziales Ereignis. Zu Hause Kat zu kauen, ganz allein, das ist unüblich."

Fast 80 Prozent der somalischen Männer in London konsumieren Kat, mehr als in ihrer Heimat. Es ist eine Gemeinschaftsdroge, und vielleicht braucht man die Gemeinschaft in der Fremde mehr. Deshalb kommen sie in die Kat-Stuben, Mafreshis genannt, Hunderte gibt es davon bereits in London.

Jetzt, am frühen Nachmittag, sitzen bei Jassin Abanur nur ein paar Dauergäste auf den roten Polsterbänken, "die Verrückten", nennt er sie. "365 Tage im Jahr bin ich hier, jeden Tag vier, fünf Stunden", sagt Stammkunde Ibrahim. Vor ihm liegen zwei Bündel, seine Ration, langsam kaut er einen Stengel, dazu trinkt er süßen Tee, gegen den bitteren Geschmack. "Kat ist für uns eine Möglichkeit, der tristen Realität zu entkommen und in die Vergangenheit zu entfliehen", sagt Ibrahim. Männer wie er waren in Somalia Ärzte, Anwälte oder Lehrer, hier sind sie Busfahrer. Wenn überhaupt - 80 Prozent sind arbeitslos.

Am Abend sind alle Plätze belegt, im vorderen Raum diskutieren die älteren Männer über Politik, das Parlament werden sie hier genannt; im Hinterzimmer sitzen die Jungen, schauen Fußball und reden über Musik. Zwischendurch beten sie gemeinsam im Keller. Kat und Islam, das schließt sich nicht aus. Zu den frühen Genießern gehörten islamische Gelehrte - sie wollten ihre Konzentration beim Koranstudium erhöhen.

Vier Pappkartons voll Catha edulis verkauft Jassin Abanur täglich, 160 Bund, macht 480 Pfund. Reich wird man damit nicht, es ist eine Volksdroge. Immer wieder wird über ein Verbot diskutiert, auch die Somalier streiten darüber. Vor allem die Frauen wollen es verbieten lassen, weil es ihre Männer lethargisch mache und sie zu viel Geld dafür ausgäben; weil Kat den Magen angreife, zu Nervosität und Unterernährung führe, Depressionen und Psychosen auslösen könne.

Die andere Hälfte ist gegen ein Verbot, weil Kat andernfalls von professionellen Drogenhändlern vertrieben würde, weil die Somalier dann vielleicht zu härteren Drogen wechselten und die Preise stiegen.

Außerdem ist in London eine ganze Kat-Industrie entstanden, Tausende Somalier leben davon: Großhändler, Spediteure, Mafreshis, mobile Händler. Und nicht zuletzt auch Tausende Kleinbauern in Kenia, Jemen und Äthiopien.

Nur aus Somalia selbst kommt nichts mehr, denn dort wächst nach 18 Jahren Bürgerkrieg kaum noch Kat.



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