AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2009

SPIEGEL-Gespräch "Wow! Mehr davon"

3. Teil: "Der dopende Sportler begeht Fehler"


SPIEGEL: Haben Sie auch Bluttransfusionen erhalten?

Hütthaler: Ja, zweimal hat mir Matschiner in einem Haus in Steyrermühl, in Oberösterreich, Blut abgenommen. Einmal hat er es zurückgeführt. Im Keller dieses Hauses stand die Blutzentrifuge, die die roten Blutkörperchen vom Plasma trennt. Auf meinem Blutbeutel stand "Cindy". Er sagte, du bist meine Cinderella.

SPIEGEL: Sie waren Matschiners Aschenputtel?

Hütthaler: Er sagte, Fuentes bezeichne seine Kunden mit Tiernamen, er dagegen benutze Märchenfiguren. Bei mir passte beides - der Hund meiner Mama heißt auch Cindy. Ich habe mich ehrlich gesagt ziemlich geekelt. Normalerweise wird mir schon übel, wenn ich mir meinen Zeh anstoße und es blutet. Eine Steigerung des Hämatokritwerts um vier bis sechs Prozentpunkte sollte das bringen, also dickeres Blut mit mehr roten Blutkörperchen, das mehr Sauerstoff transportiert - gespürt habe ich im Wettkampf nichts.

SPIEGEL: Wann wurden Sie zum ersten Mal kontrolliert?

Hütthaler: Im Winter 2004. Und danach immer im Dezember oder Januar, wenn ich eine Dopingpause einlegte. Perfekt wäre die Phase im Frühjahr gewesen, in der ich mich auf die Wettkämpfe vorbereitete.

SPIEGEL: Im Juni 2007 wurden Sie österreichische Triathlon-Staatsmeisterin. Konnten Sie Ihren Triumph mit ruhigem Gewissen feiern?

Hütthaler: Für mich war das eine Frage der Gleichberechtigung. Du weißt, dass es die anderen machen und willst die gleiche Erfolgschance haben. Ich entwickelte einen Blick dafür, welche meiner Konkurrentinnen welches Mittel genommen hat.

SPIEGEL: Woran können Sie das erkennen?

Hütthaler: An der Konsistenz der Haut. Nach der Einnahme von Wachstumshormon wird die Haut dünner, das Testosteron macht sie unrein. Man weiß also Bescheid, man findet alles normal. Trotzdem bekam ich mit der Zeit Angst vor den Kontrollen. Jedes Mal, wenn ich vor dem Training mein Haus verließ, stellte ich mir vor, dass ein Dopingkontrolleur im Wagen vor meiner Tür sitzen könnte, der mich überrascht.

SPIEGEL: Sie mussten ja bei Ihrer Nationalen Anti-Doping-Agentur angeben, wo Sie sich befinden.

Hütthaler: Ja, Trainingsort und -zeit musste ich mitteilen. Auf dem Weg zur Schwimmhalle bekam ich oft weiche Knie. Ich erinnere mich noch genau, dass mir beim Radfahren einmal ein Mann und eine Frau entgegenkamen, normale Spaziergänger. Ich hielt sie für Kontrolleure, und es schauerte mir über den ganzen Körper. Heute weiß ich, dass dieses System, bei dem man am Computer angeben muss, wo man sich wann befindet, ein richtiger Schritt ist, um den Sport zu retten.

SPIEGEL: Warum?

Hütthaler: Wer nicht dopt, also nichts zu verbergen hat, der akzeptiert das Kontrollsystem. Sogar Hobbysportler notieren sich täglich Abläufe, Zeiten, Einheiten, Orte. Da kommt es auf ein Formular mehr auch nicht an. Außerdem geraten die Informationen ja nicht in die Öffentlichkeit. Informiert ist nur die Anti-Doping-Agentur. Den dopenden Sportler machen jedoch der Druck und die ständigen Kontrollen nervös, und er begeht Fehler.

SPIEGEL: Nur einmal wurden Sie zum richtigen Zeitpunkt getestet.

Hütthaler: Ja, am 22. März 2008. Das war perfektes Timing. Fünf Tage später bin ich nach Australien geflogen, acht Tage später habe ich an einem Triathlon teilgenommen. Ich war randvoll mit Epo.

SPIEGEL: Sie wussten, es ist aus?

Hütthaler: Nein, ich war total entspannt. Ich dachte, dass man mir diese Epo-Form nicht nachweisen könne und dopte weiter.

SPIEGEL: Als Sie erfuhren, dass die A-Probe positiv war ...

Hütthaler: ... habe ich trotzdem die Öffnung der B-Probe beantragt.

SPIEGEL: Aber Sie waren doch überführt.

Hütthaler: Schon zu Beginn meiner Dopingkarriere ist mir vermittelt worden, dass immer irgendetwas geht, um aus einer positiven eine negative Probe zu machen. Ich hatte in der Vergangenheit von so vielen Sportlern aus der ganzen Welt gehört, die zwar positiv getestet wurden, bei denen aber nie eine positive B-Probe herauskam.

SPIEGEL: Bei der Öffnung der B-Probe sollen Sie versucht haben, eine Laborantin mit 20.000 Euro zu bestechen.

Hütthaler: Ehrlich gesagt, es waren 50.000 Euro. Es erschien mir der einfachste Weg zu sein, heil aus der Nummer rauszukommen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon so viel gelogen, dass ich kein Unrechtsbewusstsein mehr hatte. Ich stand also vor meiner Probe in diesem Labor in Seibersdorf und habe in einer Kurzschlussreaktion die Laborantin gefragt, ob sie mir helfen kann.

SPIEGEL: Wie hat sie reagiert?

Hütthaler: Es traf genau das ein, worüber sie mich vor der Öffnung belehrt hatte: Jeder Versuch der Manipulation werde sofort gemeldet.

SPIEGEL: Sie hätten also wissen müssen, dass in diesem Moment alles zu Ende war.

Hütthaler: Manchmal frage ich mich immer noch, warum bei mir eine positive Probe herausgekommen ist und bei anderen, von denen ich definitiv weiß, dass sie gedopt haben, nicht.

SPIEGEL: Wie lautet die Antwort?

Hütthaler: Ich weiß es nicht. Vielleicht spielte ich noch nicht in der wahren Profiklasse mit. Aber das ist Spekulation.

SPIEGEL: Wie ging es weiter?

Hütthaler: Zehn Tage später erfuhr ich, dass die Probe positiv ist. Es war wie ein Riesenknall. Alles brach zusammen. Meine Beziehung hatte sich schon vorher aufgelöst. Der Freundeskreis fiel auch auseinander.

SPIEGEL: Warum?

Hütthaler: Ich konnte mit all diesen Menschen nichts mehr anfangen. Ich wollte niemanden bis auf meine Eltern sehen und verlor die Freude am Leben.

SPIEGEL: Wie hat Ihre Familie reagiert?

Hütthaler: Meine Eltern haben mich in den Arm genommen und mich festgehalten. Ich habe sie skrupellos angelogen, und sie haben mir verziehen.

SPIEGEL: Haben Sie mehr Unterstützung erwartet?

Hütthaler: Ich hätte mich darüber gefreut. Ich habe schwere Fehler gemacht. Aber wir Sportler sind auch Kinder eines kranken Systems. Ohne die richtigen Leute im Hintergrund, die Ärzte und Manager, würde das Netzwerk nicht funktionieren. Ich habe alles gestanden. Aber Hilfe bekomme ich keine. Niemand sagt mir, was ich tun soll, wie es weitergeht. Doper werden geächtet, packen wir aus, stehen wir alleine im Regen. Ich habe Fehler gemacht, aber ich bin keine Verbrecherin.

SPIEGEL: Glauben Sie, Dopingnetzwerke sind ein österreichisches Problem?

Hütthaler: Nein. In allen Ländern und allen Sportarten wird gedopt. Bist du in dem System drin, ist es das Normalste der Welt.

SPIEGEL: Was hat denn dazu geführt, dass Sie im Dezember 2008 vor der Staatsanwaltschaft ausgepackt haben?

Hütthaler: Nachdem mich die Nationale Anti-Doping-Agentur im Oktober 2008 sperrte, war ich mir zuerst sicher, weiter für meinen Traum, die Olympia-Teilnahme, zu trainieren. Natürlich gedopt, nur vorsichtiger als vorher. Aber ich spürte immer mehr, dass ich langsam verrückt werde in dieser Parallelwelt. Ich musste meine Eltern ja wieder anlügen. Mir wurde immer klarer, wie wahnsinnig das alles ist, und brach psychisch unter diesem Druck zusammen. Als einzigen Ausweg sah ich das Geständnis und den kompletten Ausstieg aus dem Profisport. Deshalb habe ich nach meinem Geständnis meine Karriere öffentlich beendet.

SPIEGEL: Sie wollen mit Ihrem Geständnis andere Sportler animieren auszupacken. Glauben Sie wirklich, dass sich dadurch etwas ändern wird?

Hütthaler: Auf längere Sicht vielleicht. Wer lebt schon gern immer in der Angst, erwischt zu werden? Wer will sein ganzes Geld in den Mist investieren?

SPIEGEL: Haben Sie bereits zurück in Ihr altes Leben gefunden?

Hütthaler: Nein. Dafür werde ich noch zu oft an das letzte Kapitel erinnert. Ich kann mich zum Beispiel so gesund ernähren, wie ich will, und trotzdem zeigt meine Kilokurve ohne Doping nach oben. Ich mache jetzt eine Ausbildung zum Ernährungsvorsorge-Coach und will später Kindern helfen, die richtige Einstellung zu ihrem Körper zu entwickeln, damit sie nie in eine solche Abhängigkeit geraten wie ich.

SPIEGEL: Frau Hütthaler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Cathrin Gilbert



insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
silenced 01.05.2009
1. ...
Wie schon so oft angemerkt: Sollen Doping endlich legalisieren und freigeben. Spart ein Haufen Geld und man hat jedes Jahr wie von alleine die vom Zuschauer "gewünschten" Rekorde und Doping-Toten. Das dauert dann nicht lang und Doping wird von selbst verschwinden, da kein Sportler mehr Lust haben wird auf diese Risiken und vor allem Nebenwirkungen.
r.zmudzinski, 01.05.2009
2. erschütternd
Den Bericht finde ich erschütternd, aber ich habe auch Respekt vor und Sympathie für Frau Hütthaler! "Wir Sportler sind auch Kinder eines kranken Systems," - sagt sie und Recht hat sie!
don_tango 01.05.2009
3. Doping
Hätte Jan Ullrich so ein interessantes Interview gegeben, so könnte er heute wieder erhobenen Hauptes anderen Leuten ins Gesicht sehen. War der im Winter nicht auch immer auffällig dick...? An der Frau kann sich manch ein Sportler eine Scheibe abschneiden. Alle Karten auf den Tisch legen und seine Vergangenheit konsequent aufarbeiten ist die einzige Lösung zum Doping-Geschwür.
ent 01.05.2009
4. !
Zitat von silencedWie schon so oft angemerkt: Sollen Doping endlich legalisieren und freigeben. Spart ein Haufen Geld und man hat jedes Jahr wie von alleine die vom Zuschauer "gewünschten" Rekorde und Doping-Toten. Das dauert dann nicht lang und Doping wird von selbst verschwinden, da kein Sportler mehr Lust haben wird auf diese Risiken und vor allem Nebenwirkungen.
sollte doping legalisiert werden, könnte rechtlich gesehen, legal nach immer besseren dopingmethoden geforscht werden, ein ganz neuer industriezweig würde entstehen. eine neue grauzone würde sich auftun, nämlich das doping an kindern, um übermenschliche maschinen heranzuzüchten... doping darf keinesfalls legalisiert werden!
M. Michaelis 01.05.2009
5. ...
Zitat von sysopDie österreichische Triathletin und Kronzeugin Lisa Hütthaler, 25, über Epo im Kühlschrank, die Auswirkungen von Testosteron und die Angst, verrückt zu werden durch das Leben in einer Parallelwelt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,621732,00.html
Man kann es leider nicht anders sagen Leistungssport und Betrug gehören untrennbar zusammen. Im Leistungssport wird systematisch und regelhaft betrogen. Es wird höchste Zeit die lächerlichen Huldigungen durch Politik und Medien zu beenden. Der Leistungssport ist ein Geschäft und Plattform narzistischer Selbstverwirklichung um jeden Preis. Leistungssportler sind keine tauglichen Vorbilder.
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