Bildung Maurer oder Manager

Drohen, tricksen, prozessieren - die Frage, ob ein Kind von der Grundschule aufs Gymnasium wechseln darf, bringt Eltern und Lehrer gegeneinander auf.

Benno Linne ist von Beruf Kummerkasten. Die bösen Briefe und E-Mails an seinen Chef, den Berliner Bildungssenator, die aufgeregten Anrufe - Linne kann nicht mehr viel aus der Fassung bringen.

Der 58-Jährige arbeitet im "Beschwerdemanagement" der Bildungsbehörde. Wenn der Unterricht ständig ausfällt oder der Schulbus nie pünktlich kommt - Telefon 030/902 658 33, Oberschulrat Linne hilft. Kürzlich hat wieder das "saisonale Geschäft" begonnen, wie er sagt. Aufgebrachte Eltern beschweren sich, weil die Grundschullehrer ihr Kind nicht fürs Gymnasium empfehlen. "Die Eltern wollen ihr Kind unbedingt in einer leistungsstarken Umgebung unterbringen", sagt Linne, "und sie sind sich sicher, dass ihr Kind das auch schafft."

Die Entscheidung am Ende der Grundschulzeit sorgt immer wieder für Streit zwischen Lehrern und Eltern. Es wird beleidigt und bedroht, getrickst und geklagt. Die Lehrer gelten schnell als Diktatoren, die selbstherrlich über Lebenswege entscheiden, und die Eltern als Egoisten, die noch den dümmsten Sohn zum Abitur prügeln wollen.

Empfehlen Lehrer nur die Realschule, ist rund ein Viertel der Eltern in Deutschland anderer Ansicht und würde das Kind lieber aufs Gymnasium schicken. Der Ehrgeiz ist manchmal groß, die Sorgen sind es auch. Die Eltern fürchten, dass ihr Kind später arbeitslos wird, wenn es ohne Abitur dasteht. Tatsächlich machen heute rund 27 Prozent der Schulabgänger Abitur, vor 30 Jahren waren es rund 16 Prozent.

Deutschland sortiert seine Schüler früher als fast alle anderen Staaten in verschiedene Schulformen. In Bayern wurde allen Viertklässlern in der vergangenen Woche per "Übertrittszeugnis" ihr weiteres Schicksal mitgeteilt. In Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg kämpften Kinder gerade in Assessment- Centern, sie suchten sich in einer Aufnahmeprüfung oder im Probe-Unterricht für eine höhere Schule zu beweisen.

"Maurer oder Manager, das zeichnet sich bereits mit dem Ende der Grundschule ab", sagt der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos. In einer aktuellen Studie hat er festgehalten: Die Wahl sei "eine wichtige Weichenstellung für den weiteren Schul- und Berufsweg, da spätere Korrekturen dieser Entscheidung ausgesprochen selten sind".

Die Bundesländer treffen höchst unterschiedliche Regelungen. In acht Ländern haben die Lehrer das letzte Wort, in den anderen acht die Eltern (siehe Grafik), und fast überall gibt es regelmäßig Streit um die frühe Auslese. So entschied:

  • das Berliner Abgeordnetenhaus Anfang April, die Empfehlung durch ein Gespräch von Lehrern, Eltern und Schülern zu ersetzen;
  • die Hamburger Landesregierung, mit der umstrittenen Schulreform die Grundschulzeit auf sechs Jahre zu verlängern und die Entscheidung über den weiteren Schulbesuch den Lehrern zu übertragen;
  • das bayerische Kabinett im März, die vergleichsweise strikten Regeln grundsätzlich beizubehalten und die Entscheidung den Lehrern zu belassen.

Bayern hat traditionell besonders rigide Regeln. Entscheidend ist die Durchschnittsnote der Fächer Deutsch, Mathematik sowie Heimat- und Sachunterricht. Eine 2,33 reicht gerade noch fürs Gymnasium. "Da brechen Welten zusammen, wenn es mit dem Übergang nicht so klappt wie geplant", sagt Ulrike Stautner vom Bayerischen Elternverband.

Den Familien bleibt nur die Hoffnung auf den dreitägigen Probe-Unterricht oder der Gang vor Gericht. Manche Eltern bringen deshalb gleich einen Anwalt mit, wenn sie zur Sprechstunde in die Schule geladen werden. "Viermal häufiger als noch vor drei Jahren" seien solche Fälle, sagt Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes.

Die Pädagogen hätten es immer öfter mit Eltern zu tun, die fast zu allem bereit scheinen. "Es ist unappetitlich geworden und sehr anstrengend", sagt Wenzel. Die Lehrkräfte müssten "Drohungen gegen Familie und Eigentum" ertragen, es sei auch schon vorgekommen, "dass einem wütenden Vater die Hand gegen die Lehrerin ausrutscht".

So weit gehen zum Glück nur die wenigsten Eltern. Doch der Druck auf Lehrer und auch die eigenen Kinder wird immer größer. Nachhilfe ab der ersten Klasse, ob durch die Eltern oder einen professionellen Lehrer, ist längst keine Seltenheit mehr. "Ich werde häufig schon in der ersten Klasse gefragt, ob das Kind denn wohl auch fürs Gymnasium in Frage komme", sagt Ulrich Hecker, Grundschulleiter in Moers und Vorstandsmitglied des Grundschulverbands. In Nordrhein-Westfalen sind die Entscheidungen der Lehrer seit zwei Jahren verbindlich - zum Ärger der Elternverbände.

"Viele Eltern wollen den sozialen Status unbedingt halten", sagt der Berliner Schulpsychologe Klaus Seifried. "Oder die Kinder sollen kompensieren, was die Eltern selbst nicht erreicht haben." Manche Eltern aus dem Bildungsbürgertum verfolgen die Schullaufbahn ihrer Kinder aufmerksamer, als sie selbst in der Schule je waren.

Etliche Studien belegen: Bei gleichen Leistungen haben Kinder gegenwärtig immer dann bessere Chancen, aufs Gymnasium geschickt zu werden, wenn auch ihre Eltern Abitur haben. Entscheiden die Lehrer über die weitere Schullaufbahn, geht es ungerecht zu, weil Kinder aus bestimmten Elternhäusern bevorzugt werden. Entscheiden aber die Eltern selbst, wird es noch ungerechter - dann hängt es noch stärker vom Elternhaus ab.

"Noten und Elternwillen haben ihre Grenzen", sagt der Tübinger Professor Ulrich Trautwein. "Wer den Leistungsstand möglichst objektiv erfassen möchte, muss zusätzlich standardisierte Leistungstests durchführen." Etwa ein zentrales Grundschul-Abitur für alle, dessen Ergebnis über das Fortkommen mitentscheidet. Doch Trautwein benennt auch die Nachteile dieses Verfahrens: Es laste viel Druck auf den Schülern, habe negative Auswirkungen auf den Unterricht und sei politisch kaum durchsetzbar.

Viele Eltern sehen überhaupt nicht ein, warum sie nicht selbst entscheiden sollten. Sie können sich auf eine Studie des Forschers Rainer Block berufen, die er als Mitarbeiter der Universität Duisburg-Essen erstellt hat. Block wettert gegen die Empfehlungen der Lehrer - ausdrücklich aber nicht gegen die Lehrer. Die könnten nichts dafür, dass ihre Urteile nicht besser seien.

"Weder ist die Vermittlung entsprechender Diagnostik- und Prognosekompetenzen Bestandteil der universitären Lehrerausbildung", meint Block, "noch gehören Kaffeesatzlesen und Hellseherei zum verpflichtenden Fortbildungsprogramm von Lehrern."

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