AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2009

Verkehr Jedermann ein Supermann

Das Fahrrad mit Stromanschub wird zum Massenprodukt. Es kann schneller werden als ein Moped - und saust in eine verkehrsrechtliche Grauzone ohne Tempolimit und Helmpflicht.

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Es fühlt sich gespenstisch an, dieses Rad. Mit kaum hörbarem Surren unterstützt es jeden Pedaltritt. Der Eindruck entsteht, man fahre dauernd bergab - sogar, wenn es in Wirklichkeit aufwärts geht.

Ohne sich zu überanstrengen, erreicht ein durchschnittlich trainierter Radler mit dem Modell "Pro Connect S" der Fahrradmarke Kalkhoff in der Ebene eine Geschwindigkeit von knapp 40 Kilometern pro Stunde, etwa das Durchschnittstempo auf der Tour de France. Der Hersteller spricht von "integriertem Rückenwind".

Pro Connect ist ein Hybridfahrzeug. In den Tretantrieb ist ein Elektromotor eingebaut, der zusätzliche Antriebskraft liefert, und zwar umso mehr, je mehr der Fahrer in die Pedale tritt. Das Prinzip heißt "Pedelec" und elektrisiert derzeit die gesamte Branche.

Gut 20 Hersteller bieten in Deutschland inzwischen Fahrräder mit zusätzlichem Stromantrieb an - und sehen sich am Beginn einer Marktexplosion, wie sie die Fahrradzunft seit dem Boom der Mountainbikes in den frühen Neunzigern nicht mehr erlebt hat.

"Das Elektrofahrrad wird ein Standardprodukt werden, kein kurzfristiger Trend", prophezeit Mathias Seidler, Geschäftsführer der Derby-Cycle-Werke in Cloppenburg, die mit Marken wie Kalkhoff, Rixe und Focus den deutschen Fahrradmarkt anführen. Etwa 100.000 Pedelec-Modelle wurden im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft. Der Absatz, schätzt Seidler, werde sich in drei bis vier Jahren verfünffachen und damit "holländische Verhältnisse" erreichen.

In den Niederlanden wird inzwischen jedes zehnte neue Fahrrad mit eingebauter Stromverstärkung verkauft. Die Trethilfe erweist sich dort als Wunderwaffe gegen den Wind, der in Holland rätselhafterweise nie in Fahrtrichtung weht.

Die elektrische Antriebsquelle, im Automobilbau noch ein Exot, findet ihren Weg in die Großserie nun über den Fahrradmarkt. Anders als beim Auto, wo zu extremen Kosten bislang nur kompromissbehaftete Produkte herauskommen, verhält es sich beim Fahrrad genau andersherum: Der Aufwand ist vergleichsweise gering, der spürbare Effekt enorm.

Doping mit Strom
DER SPIEGEL

Doping mit Strom

Um ein herkömmliches Fahrrad auf gemütliches Tourentempo von knapp 20 Kilometern pro Stunde zu bringen, bedarf es einer Tretleistung von etwa 100 Watt. Der Pedelec-Antrieb legt bis zu 250 Watt drauf. Mit solchem E-Doping wird jedermann zum Supermann.

Und der Stromdurst des elektrischen Wadenschoners lässt sich mit relativ kleinen Batterien stillen. Derby Cycle setzt ein gut sechs Kilogramm schweres Antriebsmodul des japanischen Systemlieferanten Panasonic ein, dessen Lithium-Ionen-Akku hinter dem zentralen Rahmenrohr untergebracht wird, 2,3 Kilogramm wiegt und etwa den Raum einer Ein-Liter-Milchtüte einnimmt. 260 Wattstunden sind in dem Lithium-Päckchen gespeichert, laut Hersteller genug für einen pedalelektrischen Ausflug von etwa 80 Kilometern.

Bei diesem muss allerdings sehr moderat gefahren werden. "Die Reichweiten schwan- ken je nach Fahrprofil enorm", sagt Hannes Neupert, der im thüringischen Tanna unter dem Vereinsnamen ExtraEnergy ein beispielloses Kompetenzzentrum für Elektrofahrräder betreibt.

Der heute 36-jährige Industriedesigner begeisterte sich schon als Berufseinsteiger für das E-Rad-Konzept und besitzt inzwischen eine Sammlung von gut 600 solchen Modellen aus den vergangenen drei Jahrzehnten - ein ansehnliches Kabinett meist klobiger E-Mobile, deren Stromspeicher ganze Picknickkörbe besetzt hielten.

1992 erstellte Neupert eine erste Marktübersicht. Es gab damals weltweit exakt drei Modelle. Zwei Jahre später begann er mit einem jährlichen Test aller aktuellen Produkte. Inzwischen ist ExtraEnergy eine international anerkannte Prüfinstitution.

Mit geeichten Kraftsensoren an den Pedalen und Belastungsfühlern an den Rahmenrohren strampelt Neuperts Testtruppe durchs Thüringer Hügelland. Im Labor prüfen Experten die Sicherheit der Batterien etwa in Crash- oder Überladungsszenarien. Die Ergebnisse sind teilweise katastrophal.

In einem Container sammelt Neupert die verkohlten Reste von Batterien, die im Laborversuch in Stichflammen aufgingen. Auch hielt manch ein Rahmen dem höheren Gewicht und der zusätzlichen Antriebskraft nicht stand und brach.

Im vergangenen Jahr dauerte der Test von 28 Rädern neun Monate: "Motoren versagten, Motorsteuerungen rauchten ab, Batterien zerfielen, und Kabel lösten sich auf", so das ernüchternde Protokoll des Testers. Als Schrott ab Werk entpuppen sich meist Billigimporte aus China, wo nach Neuperts Schätzung inzwischen etwa 2000 Hersteller jährlich 20 Millionen Elektroräder produzieren, meist jedoch von schauerlicher Qualität. Die Testsiegel "Sehr gut" und "Gut" gingen überwiegend an europäische Markenräder in der Preisregion zwischen 1300 und 3500 Euro.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Galaxia, 13.05.2009
1. Relation
Zitat von sysopDas Fahrrad mit Stromanschub wird zum Massenprodukt. Es kann schneller werden als ein Moped - und saust in eine verkehrsrechtliche Grauzone ohne Tempolimit und Helmpflicht. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,624058,00.html
Wo ist die Relation zu den Drecks Co2 Schleudern, die Krank machen? Co2 Drechsschleudern RAUS aus deutschen Innenstädten - Siehe London. Action Today to Protect Tomorrow The Mayor's Climate Change Action Plan http://www.london.gov.uk/mayor/environment/climate-change/ccap/index.jsp Oder Porsche die Umweltzerstörer, Dieselabgase töten http://www.plymovent.com/templates/Page____3859.aspx Porsche will gegen Spritfresser-Maut klagen http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,536291,00.html
nixxnuzz, 16.05.2009
2. Umweltzerstörer
Zitat von GalaxiaWo ist die Relation zu den Drecks Co2 Schleudern, die Krank machen? Co2 Drechsschleudern RAUS aus deutschen Innenstädten - Siehe London. Action Today to Protect Tomorrow The Mayor's Climate Change Action Plan http://www.london.gov.uk/mayor/environment/climate-change/ccap/index.jsp Oder Porsche die Umweltzerstörer, Dieselabgase töten http://www.plymovent.com/templates/Page____3859.aspx Porsche will gegen Spritfresser-Maut klagen http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,536291,00.html
Absolut Richtig, Ihre Forderung! Verbieten wir die Menschheit! Da standen so vor der vorletzten Eiszeit ein Cromargon Mensch mit seinem Neandertaler Nachbarn vor dessen Sozialhöhle und redeten über die Zerstörung der Umwelt. Guck die das mal an - schimpfte der Cromargon Mensch- das ganze Weiße geht weg, man kann die Mammuts in dem elenden Grün garnicht mehr von Weitem sehn - das Jagen wird immer mühsamer- jaaajaa - stellte der Neandertaler fest -seit DIE da in Großbrittannien angefangen haben, mit Pfeil und Bogen zu schießen - gehts mit der Eiszeit zu Ende-
Rainer Helmbrecht 16.05.2009
3. 1. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von sysopDas Fahrrad mit Stromanschub wird zum Massenprodukt. Es kann schneller werden als ein Moped - und saust in eine verkehrsrechtliche Grauzone ohne Tempolimit und Helmpflicht. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,624058,00.html
Das mit der rasenden Geschwindigkeit bekommen die Deutschen schon noch in den Griff. Wenn das alles nach dt TÜV Regeln sicher gemacht wird, Überrollbügel, Fahrgastzelle, Prallsack für vorne, hinten und die Seiten. Dann sind wir wieder auf 25 km/h und durch das Mehrgewicht wird auch die Energiebilanz etwas schlechter;o). MfG. Rainer
jean-luc2305 17.05.2009
4. Ich sag nur: TÜV
Aus der Reihe: Phänomene, um die wir uns nicht wirklich zu sorgen brauchem, da der deutsch-bürokratische Kontrolwahn sich ihrer schon rechtzeitig annehmen wird...
olleolaf 17.05.2009
5. Senkel
Zitat von Rainer HelmbrechtDas mit der rasenden Geschwindigkeit bekommen die Deutschen schon noch in den Griff. Wenn das alles nach dt TÜV Regeln sicher gemacht wird, Überrollbügel, Fahrgastzelle, Prallsack für vorne, hinten und die Seiten. Dann sind wir wieder auf 25 km/h und durch das Mehrgewicht wird auch die Energiebilanz etwas schlechter;o). MfG. Rainer
BMW hat ein ähnliches Gerät gebaut. Allerdings ohne Airbags. Mit einem Verbrennungsmotor. Ich habe in München versehentlich mein Fahrzeug auf einem derartigen Spielzeug geparkt. Die paar Fahrräder (standen daneben) waren preiswerter als dieses Witzteil. Muß denn jedes Fahrrad mit einem Motor aufgerüstet werden? Es ist Schwachsinn.
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