Konzerne Angst vorm Hexensabbat

Schon im März drohte Porsche eine Insolvenz. Nur eine dramatische Rettungsaktion half. In den nächsten Wochen könnte sich die Lage der hochverschuldeten Firma zuspitzen.

In Märchen erscheint gelegentlich eine Fee, wenn es hart auf hart kommt. Man hat drei Wünsche frei, kann sich aus diversen Notlagen retten und anschließend immerwährendem Glück entgegensehen.

Porsche-Chef Wiedeking: Ausgebremster Turbo-Kapitalist

Porsche-Chef Wiedeking: Ausgebremster Turbo-Kapitalist

Foto: DDP

Im Wirtschaftsdrama um Porsche besetzt die Rolle der guten Fee zurzeit ein Scheich. Man befinde sich in guten Verhandlungen mit dem Emirat Katar, verbreiten Porsche-Manager.

Ein Investor könnte sich direkt an Porsche beteiligen oder dem klammen Unternehmen seine vertrackten Kontrakte mit VW-Aktienoptionen abkaufen. Auf jeden Fall würde er Porsche mehrere Milliarden Euro zuführen und das Unternehmen damit von allen Problemen befreien.

Aber auch das ist bislang nur ein Märchen. Denn kein Staatsfonds, der sein Geld sicher anlegen will, dürfte sich derzeit an Porsche oder VW beteiligen. Beide Unternehmen bieten ein Bild totalen Durcheinanders.

Die Gespräche über ein Zusammengehen wurden erst unterbrochen, dann weitergeführt. Die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch zoffen sich. Porsche-Betriebsrat Uwe Hück lässt seine Belegschaft gegen Miteigentümer Ferdinand Piëch demonstrieren. Der wiederum will Porsche-Boss Wendelin Wiedeking loswerden.

Vor allem aber: Porsche braucht frisches Geld, sonst droht ein Totalschaden. "Die Insolvenzgefahr ist nicht gebannt", sagt ein VW-Manager. Porsche-Boss Wiedeking sagte im Aufsichtsrat der Porsche Automobil Holding SE: Die "kritische Situation" halte auch nach Verlängerung eines Zehn-Milliarden-Euro-Kredits an. Und Miteigentümer Piëch sagt: "An einer Insolvenz kann keiner der Beteiligten ein Interesse haben."

Dass Piëch das Wort "Insolvenz" überhaupt verwendet, gibt einen Hinweis darauf, wie ernst die Lage ist. Einen Eindruck, gegen den das Unternehmen mit offiziellen Stellungnahmen heftig ankämpft. "Wir stehen keineswegs im Hemd da", sagen Unternehmenssprecher. Porsche zahle seine Zinsen aus dem laufenden Geschäft, die Beschäftigten erhielten im Gegensatz zu anderen Autofirmen ihre Tariferhöhung pünktlich. Erst im März nächsten Jahres müsse Porsche für 3,3 Milliarden Euro eine neue Finanzierung finden.

Das ist allenfalls ein Teil der Wahrheit. Tatsächlich benötigen die Zuffenhausener zusätzlich zu diesen 3,3 Milliarden schon in Kürze weitere Kredite über 2,5 Milliarden Euro. Gerade mal 750 Millionen davon konnten sie sich bislang sichern In ihrer Not haben sich die Porsche-Manager sogar bei der staatseigenen KfW-Bankengruppe nach Hilfen erkundigt (SPIEGEL 21/2009). Dies wurde vorerst abgelehnt. Nun bringt Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger Landesbürgschaften ins Gespräch.

Der Turbo-Kapitalist und einstige Subventionsverächter Wiedeking ("Luxus und Stütze passen nicht zusammen") muss froh sein, wenn er nun diese Art von Staatshilfe erhalten sollte. Private Banken, die Porsche ohne staatliche Absicherung weiteren Kredit gewähren, sind offenbar keine in Sicht. Und nicht nur das.

In den drei Tagen vom 22. bis 24. März dieses Jahres musste Porsche nach übereinstimmenden Aussagen mehrerer Beteiligter gegen eine drohende Insolvenz kämpfen. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel schaltete sich ein.

Ein Porsche-Sprecher sagt zwar, eine Insolvenz habe nie zur Debatte gestanden. Aber die Ereignisse waren dramatisch.

Es begann am Sonntag, 22. März, um 17 Uhr mit einer Krisensitzung in der Staatskanzlei in Hannover. Porsche-Boss Wiedeking und sein Finanzchef Holger Härter berichteten Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, wie ernst die Lage bei Porsche sei.

Die Banken zögerten, einen bis zum 24. März laufenden Zehn-Milliarden-Kredit zu verlängern. Die Porsche-Manager sprachen nicht davon, dass dann eine Insolvenz drohe. Aber mehrere der Anwesenden verstanden die Botschaft so.

"Wir stehen nicht unter Druck"

Es wurden verschiedene Modelle einer Rettung debattiert, unter anderem die Übernahme des Automobilgeschäfts der Porsche AG durch den VW-Konzern. Um 22 Uhr ging die Runde auseinander.

Wulff besprach sich mit der Kanzlerin. Beide wollten ihre Kontakte zu den Banken nutzen, um die Sportwagenbauer bei der Geldbeschaffung zu unterstützen.

Am folgenden Tag verhandelten Porsche-Boss Wiedeking und Finanzchef Härter in Frankfurt mit mehreren Geldinstituten über mögliche Kredite. In Wulffs Staatskanzlei traf sich diesmal ein erweiterter Kreis.

Die Porsche-Miteigentümer Wolfgang und Oliver Porsche waren angereist. Außerdem war das Präsidium des VW-Aufsichtsrats mit VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh, Ex-IG-Metall-Boss Jürgen Peters, Ministerpräsident Wulff und Ferdinand Piëch vertreten. Auch VW-Chef Martin Winterkorn und VW-Finanzchef Hans Dieter Pötsch saßen mit in Wulffs Arbeitszimmer, das die Größe eines Volleyballfeldes hat.

Wolfgang Porsche verfolgte die Diskussion lange Zeit nur fassungs- und sprachlos. Er hatte nicht geahnt, wie schlimm es um Porsche stand. VW-Finanzvorstand Pötsch ließ sich per Handy die Zwischenstände der Bankenverhandlungen in Frankfurt melden. Mal war eine Bank endgültig abgesprungen, mal erhöhte eine ihr Kreditengagement.

Langsam zeigte sich, dass die Lobbyarbeit von Wulff und Merkel offenbar wirkte. Die Commerzbank, an der der Bund gut 25 Prozent kontrolliert, erhöhte ihren Kredit von 365 Millionen auf eine Milliarde Euro. Die BayernLB weitete ihr Engagement von 325 auf 500 Millionen aus und die Landesbank Baden-Württemberg sogar von 325 Millionen auf zwei Milliarden Euro. Doch all das reichte nicht.

Das in Wulffs Staatskanzlei versammelte Präsidium des VW-Aufsichtsrats stimmte einem 700-Millionen-Euro-Überbrückungskredit zu, den VW an Porsche vergibt. Die Familien Porsche und Piëch mussten als Sicherheit Teile ihres Salzburger Autohandelsunternehmens verpfänden.

Auch am 24. März musste Porsche-Finanzchef Härter um weitere Kredite verhandeln. Erst um 23 Uhr, eine Stunde vor Auslaufen der alten Darlehen, hatte Porsche dann seinen Zehn-Milliarden-Kredit zusammen. Dies gab Porsche offiziell bekannt. Von den Krisensitzungen erwähnte das Unternehmen nichts.

Porsche-Manager erweckten zudem den Eindruck, man benötige das Darlehen, um weitere VW-Aktien zu erwerben. Tatsächlich aber diente das Geld vor allem dazu, Schulden aus dem Kauf von VW-Aktien abzudecken. Porsche verschwieg auch, dass einige der beteiligten Banken zugleich ihre Betriebsmittelkredite an Porsche kürzten. Sie dienen dazu, das laufende Geschäft zu finanzieren, beispielsweise Rechnungen an Lieferanten zu bezahlen. Und der Überbrückungskredit des VW-Konzerns über 700 Millionen wurde gar wie eine geheime Kommandosache behandelt.

Er offenbart, wie eng es für Porsche stand. Und er beschreibt zugleich eine groteske Situation. Ausgerechnet der VW-Konzern, den Porsche-Boss Wiedeking mit einem Beherrschungsvertrag erobern wollte, rettete ihn. Ausgerechnet Ministerpräsident Wulff und VW-Betriebsrat Osterloh, deren Einfluss im Wolfsburger Konzern Wiedeking beschneiden wollte, halfen dem Porsche-Chef aus der Klemme.

Die beiden haben gute Gründe, Porsche nicht auf eine Pleite zusteuern zu lassen. Eine Insolvenz könnte schwerwiegende Folgen für den VW-Konzern selbst haben. Porsche hält 50,8 Prozent der VW-Stammaktien. Bei einem Scheitern des Sportwagenherstellers könnten diese Anteile flugs an einen chinesischen Autokonzern, vielleicht gar an einen Finanzinvestor weiterverkauft werden.

Aber die Hilfe aus Wolfsburg ist begrenzt. Der VW-Kredit läuft im September aus. Dann muss Porsche einen neuen Finanzier gefunden haben. Und zuvor steht ein weiterer dramatischer Termin an: Am 19. Juni ist "Hexensabbat". So nennen Börsianer den dritten Freitag in den Monaten März, Juni, September und Dezember.

An diesem Tag laufen Futures und Optionen auf Aktien und Indizes aus. Viele Banken halten als Absicherung für Porsches Optionen VW-Aktien, insgesamt rund 20 Prozent der Stammaktien. Wenn die Optionen auslaufen, könnten die Banken ihre VW-Aktien verkaufen. Der VW-Kurs würde einbrechen. Porsche drohten dann Milliardenabschreibungen auf die von den Stuttgartern noch gehaltenen VW-Aktien.

Der Hexensabbat ist auch der Grund dafür, dass die Gespräche zwischen VW und Porsche über einen möglichen Zusammenschluss oder den Kauf der Porsche AG durch VW bis zum 3. Juni abgeschlossen sein sollen. Die Unternehmen sollen nicht bis zum letzten Tag zittern, sondern noch Luft haben bis zum 19. Juni.

Wie die beiden Unternehmen zusammenkommen, ist noch offen. Eine Zukunft hat Porsche wohl nur noch als eine von zehn Marken innerhalb des VW-Konzerns. Aber VW kann den kleinen Ex-Angreifer nicht übernehmen, ohne die Risiken zu kennen, die in den Bilanzen der Stuttgarter verborgen sind. Bislang weigerten sich Wiedeking und Härter, alle Details ihrer milliardenschweren Aktienoptionskontrakte offenzulegen.

Doch in diesem Poker hat Wiedeking schlechte Karten. VW-Chef Winterkorn sagt: "Wir stehen nicht unter Druck." Porsche schon, auch wenn dessen Boss Wiedeking die Realität gern ein wenig schönredet und von einer "Fusion auf Augenhöhe" mit VW träumt.

Für ihn werden dies wohl die letzten Verhandlungen als Firmenchef sein. Selbst Mitglieder des Porsche-Clans sind inzwischen auf Distanz zu ihm gegangen. Sie verübeln Wiedeking, dass er sich nicht ausreichend um die Finanzen des Konzerns gekümmert hat.

Seit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 hatten Konzerne weltweit Probleme, Kredite zu bekommen. Doch Wiedeking gestand auf der Aufsichtsratssitzung der Porsche Automobil Holding am 30. März 2009 seinen Kontrolleuren ein, dass er "bis eine Woche vor dem 24. März", an dem der Zehn-Milliarden-Kredit auslief, "nicht über die sich zuspitzende Kreditsituation informiert" war. Auch die wesentlich schlechteren Konditionen für neue Verträge seien ihm erst bekanntgeworden, nachdem er sich selbst in die Gespräche eingeschaltet hatte.

Es ist ein peinliches Eingeständnis. Dass Wiedeking die Firma 1993 vor der Pleite bewahrte, sie sanierte und zum weltweit profitabelsten Autohersteller gemacht hatte, rechnen Aufsichtsräte ihm hoch an. Doch das wird seinen Job nicht retten.

Es sei denn, es erscheint doch noch eine Fee. Oder ein Scheich.

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