Entertainment "Ich will immer gewinnen"

Fernsehmoderator Stefan Raab über die Grenzen zwischen Sport und Unterhaltung, unbändigen Ehrgeiz und seine neue Rolle als Mannschaftskapitän des 1. FC Köln

SPIEGEL: Herr Raab, Ihre Sendung "TV total Turmspringen" ist kürzlich bei einer Abstimmung unter 10.000 Sportlern zur drittbesten Sportsendung im deutschen Fernsehen gewählt worden, hinter der "Sportschau" und dem "Aktuellen Sportstudio". Ihr TV-Event, bei dem Prominente in einem Wok durch den Eiskanal fuhren, wurde Achter. Missverstehen die Zuschauer einen Witz als ernsten Sport?

Raab: Auf keinen Fall. Ich wiederhole immer wieder gebetsmühlenartig, dass es Sport ist, und sage allen, die dabei sind: Wenn ihr mitmacht, müsst ihr gewinnen wollen. Sonst bringt es keinen Spaß.

SPIEGEL: Am kommenden Freitag, einen Tag vor dem echten Pokalfinale in Berlin, lassen Sie in Köln erstmals den Deutschen Eisfußball-Pokal ausspielen, bei dem Bundesliga-Altstars auf einer Eishockeyfläche in Bowlingschuhen Fußball spielen. Das klingt nach Parodie, nach Slapstick.

Raab: So fängt es bei mir immer an. Erst haben wir den Eurovision Song Contest parodiert, aber wenn die Ironie mal klar ist, lässt sie sich nicht wiederholen, weil dann niemand mehr lachen würde. Deshalb gibt es inzwischen den Bundesvision Song Contest als ernsthafte Musik-Veranstaltung. Eine Parodie trägt nicht den ganzen Abend, deshalb muss es eine anständige Wettkampfveranstaltung sein.

SPIEGEL: Und Eisfußball ist ernst gemeint?

Raab: Absolut. Die Idee dazu hatte ich im Januar während der Show "Schlag den Raab". Da musste ich in einer Disziplin gegen den Publikumskandidaten Fußball auf Eis spielen. Ich wusste sofort: Das ist es. Wir haben uns in der Woche danach mit der Produktionsfirma eine Eishalle gemietet und ausprobiert, ob das funktioniert. Und dann haben wir beim 1. FC Köln angefragt, ob sie interessiert sind.

SPIEGEL: Warum machen die mit?

Raab: Wie wir schon eben festgestellt haben, ist ein Großteil der Leistungssportler davon überzeugt, dass wir tatsächlich Sport machen. Diese Erkenntnis gibt es wohl auch bei den Managern der Vereine. Zugesagt haben noch Hamburg, Wolfsburg, Stuttgart, St. Pauli, Frankfurt, Schalke und sogar der FC Bayern, was mich wirklich überrascht hat. Für Bayern werden Thomas Helmer, Andreas Herzog und Mario Basler spielen.

SPIEGEL: Für wen spielen Sie?

Raab: Selbstverständlich für den 1. FC Köln, neben Matthias Scherz, Dirk Lottner und Toni Polster. Ich bin natürlich Mannschaftskapitän.

SPIEGEL: Die sind doch alle viel besser.

Raab: Es funktioniert trotzdem, weil sogar ein Ex-Profi auf dem Eis seine Überlegenheit verliert. Das Handicap Eis nivelliert die Unterschiede und produziert viele komische Momente. Es wird aber auch auf Taktik und Passgenauigkeit ankommen und auf die Einstellung: Es kann nicht angehen, dass Toni Polster da einen müden Hobbykick abliefert. Ich will gewinnen, ich will, dass der 1. FC Köln in diesem Jahr einen Titel nach Hause bringt. Das meine ich wirklich ernst, und genau das versuche ich den anderen klarzumachen. Das ist mehr als nur ein Promi-Spiel.

SPIEGEL: Die Landesmedienanstalten betrachten einige Ihrer Shows aber nicht als Sportübertragungen, sondern als Dauerwerbefernsehen. Bekommt auch Ihr Eisfußball eine Einblendung?

Raab: Ja, und das kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Da wird mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen. Beim Eisfußball sind diesmal sogar richtige Fußballvereine dabei, mit ihren richtigen Sponsoren auf dem Trikot, es geht um einen sportlichen Wettbewerb. Die Bundesliga-Vereine können ihre Stadien mit Plakaten zukleistern, und nur weil wir eine neue Sportart erfinden, dürfen wir das nicht.

SPIEGEL: Ist es Sport, wenn Ex-Profis auf dem Eis rumrutschen oder Reiner Calmund im Wok den Eiskanal hinunterfährt?

Raab: Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen erzähle: "Ich habe eine neue Sportart erfunden, da hängen Körbe wie Mülleimer oben an einem Brett und in die muss man Bälle werfen"? Basketball erscheint heute als eine völlig normale Sportart, weil es sie schon seit mehr als hundert Jahren gibt. In 20 Jahren wird niemand mehr sagen: "Wokfahren ist ein Funsport." Als Rodel-Olympiasieger Georg Hackl bei seinem Karriereende in Turin vor gut drei Jahren bei Waldemar Hartmann im Studio sitzt, wird er gefragt, ob er traurig sei, dass die große Karriere jetzt zu Ende sei. Da sagt der Hackl: Wieso das denn? Er müsse doch noch seinen Wok-Weltmeistertitel verteidigen. Genau darum geht es: Man muss die Zuversicht haben, dass ein neuer Sport diesen Weg nimmt. Das ist eine Frage der Konstanz. Irgendwann in 15 Jahren gibt es eine Eisfußball-Liga und ich bin der Liga-Präsident.

SPIEGEL: Es geht Ihnen um Sportgeschichte?

Raab: Das ist nicht mein Ansatz. Ich mache Sachen, die mir Spaß machen. Und irgendwann wird aus Ironie Ernst. Beim ersten Mal sind die Vierer-Woks noch maximal 86 km/h gefahren, beim letzten Mal schon 115 km/h. Damit liegen wir nur 25 km/h hinter den besten Bobs.

SPIEGEL: Sie haben mit Ihren großen Shows wie "Wok-WM" oder "TV total Turmspringen" eine neue Form von TV-Unterhaltung erfunden. Können Sie uns den Unterschied zwischen Sport und Entertainment erklären, oder sind Sie damit beschäftigt, die Unterschiede zu verwischen?

Raab: Der Unterschied ist nicht groß, deswegen passt es auch wunderbar. Von Fiktion und Information abgesehen sind erfolgreiche Formate immer auch eine Art Wettkampf. Bei "Wetten, dass ...?", "Wer wird Millionär?" oder "Deutschland sucht den Superstar" geht es darum: Wer kann was besser als der andere?

"Wäre ich fit gewesen, hätte ich sie natürlich zerlegt"

SPIEGEL: Die Grundfrage des Sports also.

Raab: Genau. Als ich 2001 das erste Mal gegen Regina Halmich boxte, waren wir selbst vom Erfolg überrascht. Dann hat mich die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein zu einem Rennen herausgefordert, das hatte 32 Prozent Marktanteil in unserer Zielgruppe. Emotionen können im Entertainment nur entstehen, wenn man mitfiebern kann.

SPIEGEL: Was kann der Sport vom Entertainment lernen?

Raab: Nicht viel. In erster Linie muss er immer Sport sein. Fußball ist auch deshalb eine der unterhaltsamsten Sportarten, weil das Spiel so wenig unterbrochen wird. Wenn Entertainment im Wettkampf einen zu großen Stellenwert einnimmt, schadet das der Spannung. Wir haben öfter mal Teilnehmer, die zum Beispiel beim Turmspringen ein Häschenkostüm anziehen wollen. Das finde ich gar nicht lustig, und das wird denen auch ausgeredet, weil diese Mätzchen den Wettbewerb verwässern.

SPIEGEL: Bei Ihrem ersten Fight gegen Regina Halmich waren Sie übergewichtig und untrainiert. Das war kein richtiger Sport.

Raab: Natürlich haben wir das ganze Drumherum des Kampfes extrem übertrieben, aber der Deal war: Wir werfen uns im Ring keine Sahnetorten ins Gesicht, sondern boxen richtig. Weil sie aber eine Frau ist und ich 30 oder 40 Kilo mehr wiege, habe ich damals auf Training verzichtet. Wäre ich fit gewesen, hätte ich sie natürlich zerlegt.

SPIEGEL: Das sieht Frau Halmich anders.

Raab: Na klar. Sie hat schwerste Mühe gehabt und von mir auch wirklich ein paar rein-genietet bekommen. Wahrscheinlich glaubte sie wirklich, dass sie mich k. o. schlägt.

SPIEGEL: Sie hat Ihnen immerhin die Nase gebrochen. Und sie sagte: Der sportliche Wert des Kampfes sei gleich null.

Raab: Das muss sie ja, um ihren Sport zu schützen. Aber ehrlich gesagt, war es für sie der wichtigste Kampf ihres Lebens.

SPIEGEL: Warum?

Raab: Frauenboxen hätte in Deutschland nie eine Chance gehabt ohne dieses Event. Das wird Ihnen sogar Regina Halmich bestätigen. Ohne diesen Kampf wäre sie wahrscheinlich 14 Jahre lang Weltmeisterin gewesen, und niemand hätte es gemerkt.

SPIEGEL: Eine anerkannte Sportlerin macht bei so einer Kirmesveranstaltung mit, und am Ende ist ihr Sport populärer als zuvor. Wie soll das gehen?

Raab: Die Frage ist, ob das überhaupt ein richtiger Sport ist. Wenn etwas dem Entertainment besonders nahe ist, dann ist das Boxen.

SPIEGEL: Für den zweiten Kampf haben Sie aber trainiert, oder?

Raab: Ja. Zusammen mit Felix Sturm.

SPIEGEL: Sie haben trotzdem verloren.

Raab: Ich bin ja, auch wenn mir das niemand glaubt, von Natur aus kein gewalttätiger Mensch. Man muss sich tatsächlich überwinden, eine Frau zu schlagen. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, es wäre noch härter gegangen, aber irgendetwas Menschliches in mir hielt mich zurück. Ohne dieses Stück Gutmütigkeit hätte ich gewonnen, und zwar durch K. o.

SPIEGEL: Im "Munzinger", einem biografischen Archiv über Personen der Zeitgeschichte, werden Sie als Schlagersänger, Moderator, Plattenproduzent, Clown, Rockmusiker und Pantomime geführt.

Raab: Pantomime?

SPIEGEL: Das steht da.

Raab: Wenn da Pantomime steht, müsste da eigentlich auch Leistungssportler stehen.

SPIEGEL: Sie fühlen sich als Sportler?

Raab: Ja. Sportler zu sein, das ist mehr als nur gewisse körperliche Fähigkeiten zu haben. Sport passiert im Kopf. Sport hat mit Ehrgeiz zu tun, und ich bin immer ehrgeizig. Ich will immer gewinnen.

SPIEGEL: Trainieren Sie regelmäßig?

Raab: Nein. Ich laufe hin und wieder, spiele Tennis oder fahre Rad. In der Jugend habe ich mal als Torwart im Verein gespielt. Mein Vorbild war Toni Schumacher.

SPIEGEL: Ihre erfolgreichste Show heißt "Schlag den Raab". Da tritt ein Kandidat aus dem Publikum gegen Sie in unterschiedlichen Disziplinen an. Wissenstests gehören dazu, Geschicklichkeitsspiele und sportliche Wettkämpfe. Man könnte sagen, dass das so eine Art modernes Gladiatorentum ist. Einer der wenigen Gegner, die Sie besiegt haben, bekam 2,5 Millionen Euro. Kurz vor Schluss haben Sie vor Wut über eine falsche Antwort mit Ihrer Hand einen Bildschirm zertrümmert. Sie können nicht verlieren.

Raab: Ich habe mir sogar die Hand aufgeschnitten und blutete. Das war eine Disziplinlosigkeit, für die ich mich beim Publikum entschuldigt habe, auch wenn es diese Authentizität in gewissem Maße mag. Ich hatte mich total darüber geärgert, dass ein Gegner, den ich eigentlich schon besiegt hatte, an mir vorbeizieht. In diesem Moment ist man in einer schwierigen mentalen Verfassung, die eben Kurzschlussreaktionen zulässt. So wie Ballack im Halbfinale gegen Barcelona nach einem nicht gegebenen Elfmeter dem Schiedsrichter in die Backe beißen will.

SPIEGEL: Ihre Gegner bei "Schlag den Raab" können mit einem Sieg ihr Leben verändern. Ist es Ihnen nie peinlich, so besessen dagegen zu kämpfen?

Raab: Ich lerne die Leute erst eine halbe Stunde vor der Sendung kennen und sage: "Gebt alles, es geht um viel Geld. Aber erwartet nicht von mir, ein Almosen zu bekommen." Natürlich gönne ich ihnen das Geld, aber wenn ich nur eine Minute daran denken würde, einen Punkt zu verschenken, kann man es mit der Show auch sein lassen. Das wollen die Zuschauer nicht sehen. Außerdem fand ich es schon als Kind blöd, wenn die Erwachsenen mich gewinnen ließen.

SPIEGEL: Sie sind Fan des 1. FC Köln. Für jemanden mit Ihrem Siegeswillen dürfte das eine ziemlich trübe Angelegenheit sein.

Raab: Ja, aber man sieht schon am Wappentier, dass es hier in Köln eine andere Haltung gibt. Anderswo gibt es Löwen oder Adler, der FC schmückt sich mit dem Geißbock.

SPIEGEL: Beim FC Bayern wären Sie besser aufgehoben.

Raab: Meinen Sie als Fan oder als Trainer?

SPIEGEL: Wie Sie wollen.

Raab: Ich kann mir durchaus vorstellen, Teamchef einer Profi-Mannschaft zu sein. Fußball ist doch kein so komplexer Sport, dass ein aufnahmefähiger Mensch wie ich das nicht durchschauen könnte.

SPIEGEL: Sie sind größenwahnsinnig.

Raab: Im Ernst. Das ist alles eine Frage des Delegierens. Fußballspieler sind Fußballspieler, weil sie Fußball spielen können. Dass die fit sind, dafür sorgt jemand anders. So eine Mannschaft braucht wie ein Unternehmen jemanden, der sagt: "Leute, vorwärts. Ich will etwas erreichen, und das ist meine Idee." Man muss die Leute begeistern können, und dann geht alles.

SPIEGEL: Klinsmann hat das auch geglaubt.

Raab: Sind wir doch ehrlich, bei Klinsmann ist es zwischendurch mal nicht so gut gelaufen, aber das, was Heynckes geschafft hat, hätte auch er geschafft. Er hat delegiert, die Arbeit haben andere gemacht. Ein paar Buddhas aufstellen kann ich auch. Klinsmann sucht nur die falsche Musik aus. Es kommt halt auf Kleinigkeiten an.

SPIEGEL: Wäre es eigentlich sinnvoll, wenn Sie für die ARD nach dem Debakel von Moskau den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest übernehmen?

Raab: Der NDR hat uns um Hilfe gebeten. Wir haben ein schlüssiges Gesamtkonzept vorgelegt. Die Entscheidungswege in der ARD sind aber derart kompliziert, dass sie mit unserer Arbeitsweise nicht vereinbar sind. Unser Song Contest heißt Bundesvision Song Contest.

SPIEGEL: Herr Raab, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Christoph Biermann und Lothar Gorris.

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