AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2009

Zeitgeschichte "Es war unfassbar"

Der ehemalige Gefreite der US-Armee Charles Payne, 84, über seinen Großneffen Barack Obama und dessen geplante Reise zum ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald


SPIEGEL: Mr. Payne, Ihr Großneffe Barack Obama will Anfang Juni das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald besuchen - jenen Ort, an dem Sie bei Ende des Krieges waren, als Soldat. Haben Sie den Anlass dazu gegeben?

Payne: Um die Wahrheit zu sagen: Ich war sehr überrascht, als er meinen Kriegseinsatz in Nazi-Deutschland zum Thema machte. Wir hatten vorher nie darüber gesprochen. Wenn er jetzt nach Buchenwald fliegt, geht es wohl eher um große Politik als um mich.


SPIEGEL:
Welche Motive vermuten Sie hinter dieser Reise?

Payne: Vielleicht hat dieser Besuch etwas mit Angela Merkel zu tun. Sie hat es ihm nicht immer leichtgemacht, im Wahlkampf nicht und auch nicht danach.

SPIEGEL: Obama hatte zunächst behauptet, einer seiner Familienangehörigen hätte Auschwitz mit befreit. Wie kam es zu diesem Missverständnis?

Payne: Da wir bis dahin nie über meine Kriegserlebnisse gesprochen hatten, kann er das nicht von mir haben. Aber meine Schwester und deren Mann sind große Geschichtenerzähler. Die haben ihm von meinem Einsatz in der 89. US-Infanteriedivision erzählt und dabei offenbar die Fakten ein wenig durcheinandergebracht. Natürlich gibt es genug Leute in Amerika, die wissen, dass Auschwitz östlich von Deutschland liegt und von der Roten Armee befreit wurde.

SPIEGEL: Barack Obama rief Sie dann an, was wollte er von Ihnen wissen?

Payne: Er wollte in Erfahrung bringen, wo sich dieses Lager befand, an dessen Befreiung ich beteiligt war. Ich erzählte ihm, dass das Lager Ohrdruf hieß und ein Nebenlager des Konzentrationslagers Buchenwald war. Ich beschrieb ihm ein wenig, was ich dort gesehen habe.

SPIEGEL: Wie gelangte ein kaum Volljähriger damals als Soldat an solch einen Ort?

Payne: Jeder halbwegs kriegstaugliche Amerikaner musste in den Krieg. Ich hatte im Frühsommer 1943 gerade mein Abitur gemacht und ging zu der Frau vom Rekrutierungsbüro. Ich sagte ihr: "Ich bin bereit, in den Krieg zu gehen." Sie erwiderte: "Mach dir keine Sorgen. Du bist auf der Liste." Da ich von Geburt an farbenblind bin, hat mich erst die Air Force abgelehnt, danach die Marine, bis mich die einfache Infanterie schließlich nahm.

SPIEGEL: Sie kamen aus einem kleinen Städtchen in Kansas. Wo haben Sie sich auf den Einsatz vorbereitet?

Payne: Die Armee schickte mich in ein Trainingslager in Texas. Ich habe in 13 Wochen alles gelernt, was ein Soldat können muss: gehorchen, marschieren, schießen.

SPIEGEL: Wie dachten Sie damals über die Deutschen?

Payne: Wir waren die Guten, und sie waren die Verkörperung des Bösen. Wir kamen, um die Welt vor Deutschland zu retten. Wir alle wollten diesen Krieg.

SPIEGEL: Dabei hatte es Jahre gedauert, bis es dem britischen Premier Winston Churchill gelang, US-Präsident Franklin D. Roosevelt zum Kriegseintritt zu bewegen.

Payne: Ich denke, Roosevelt hat Großes geleistet, indem er die Menschen langsam auf den Krieg vorbereitete. Amerika war zu diesem Zeitpunkt ein wirklich isolationistisches Land. Die Mehrheit war der Meinung: Lasst die Europäer ihren Krieg selbst führen. Wir, jenseits des Ozeans, sind sicher.

SPIEGEL: Und Sie? Haben Sie den amerikanischen Kriegseintritt befürwortet?

Payne: Mir war schon in der siebten Klasse klar, dass es Krieg geben wird. Da waren diese furchterregenden Überschriften in den Tageszeitungen, und immer öfter erschienen Sonderausgaben. Ich hatte das ungute Gefühl, dass ich mich um einen Platz im College gar nicht zu kümmern brauchte, weil ich ohnehin in den Krieg ziehen würde.

SPIEGEL: Wie waren Ihre ersten Erfahrungen an der Front?

Payne: Da war zunächst keine Front. Unser Schiff konnte nicht landen, weil die Hafenanlagen in Le Havre zerstört waren. In einem kleinen Boot, das halb unter Wasser stand, gelangten wir in Frankreich an Land. Es war bitterkalt, wir hatten nasse Füße. Für etliche meiner Kameraden war der Krieg an dieser Stelle bereits zu Ende: Sie hatten Erfrierungen; der Lagerarzt musste ihnen Teile der Füße amputieren und schickte sie in die USA zurück.

SPIEGEL: Auf welcher Route gelangten Sie dann nach Buchenwald?

Payne: Wir marschierten und marschierten, aber ich hatte nie wirklich eine Ahnung, wo wir uns befanden. Einfachen Gefreiten wie mir war es nicht erlaubt, Landkarten, Reiseführer oder Fotoapparate zu besitzen - damit keinerlei Informationen in die Hände des Feindes fallen konnten. Ich war Mitglied in einem fünfköpfigen Nachrichtentrupp. Die anderen mussten dem Kommandoposten funktionstüchtige Telefone zur Verfügung stellen; meine Aufgabe bestand darin, sie zu beschützen.



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