Bildung Einträgliches Nachsitzen

Keine Firma profitiert vom Nachhilfeboom in Deutschland mehr als die "Schülerhilfe". Doch viele Franchise-Partner fühlen sich von den US-Besitzern gegängelt.

Im Herbst will Joachim Reuter die Türschilder abschrauben und die Handbücher wegwerfen. Die Regelfibeln diktierten Reuter sogar, wie sein Klingelschild auszusehen habe. Nachhilfe wird er zwar weiter geben, aber "Schülerhilfe" wird dann nicht mehr an der Tür stehen.

Screenshot von "Schuelerhilfe.de": "Mit tollen Business-Plänen geködert"

Screenshot von "Schuelerhilfe.de": "Mit tollen Business-Plänen geködert"

Fast 20 Jahre lang war Reuter bei der 1974 gegründeten Franchise-Kette. Acht Filialen besaß er einmal. Aber die neuen Verträge, die er vor einiger Zeit bekam, empfand er als "Schlag in die Magengrube". Die Gebühren sollten sich um etwa 50 Prozent erhöhen, die Kündigungsfristen dagegen extrem verkürzen.

Statt wie bisher 450 Euro pro Monat und Standort sollte Reuter fortan knapp 700 Euro zahlen. Das sah er nicht mehr ein. Er ist mit seinem Ärger nicht allein. In den Reihen der Schülerhilfe, mit etwa tausend Filialen Branchenführer, gärt es.

Früher habe man mit der Gebühr auch den "Gebietsschutz" bezahlt, erzählt eine Kollegin Reuters. Doch mittlerweile scheint selbst der eigene Sperrbezirk nicht mehr sicher. Formal werde zwar nach Postleitzahlen getrennt, aber was solle er machen, "wenn ihm der nächste Laden nur drei Kilometer entfernt vor die Nase gesetzt" werde, so Reuter. "Es herrscht rabiate Gewinnmaximierung durch Standortverdichtung." Dabei hat er mit seinen Altverträgen noch Glück.

Neue Partner der Nachhilfekette müssen knapp 15.000 Euro Einstiegsgebühr bezahlen, bevor sie mit dem Unterricht überhaupt anfangen dürfen. Der gelernte Bankkaufmann Herbert Dieter Lehnert etwa ist erst gut vier Jahre dabei - und will schon wieder aussteigen. Er hat drei Schülerhilfe-Dependancen und lege wegen der hohen Gebühren "ständig aus eigenen Mitteln nach". Er sei "mit tollen Business-Plänen geködert worden", so Lehnert. "Doch die stimmten vorn und hinten nicht."

Schülerhilfe-Chef Norbert Milte gibt Unstimmigkeiten im System zu. Schuld am Ärger sei aber vor allem "eine Minderheit reformresistenter Altpädagogen". Trotz der Querelen laufe es wirtschaftlich sehr gut. Etwa 85 Millionen Euro setzte das Unternehmen zusammen mit seinen Partnern 2008 um - im Vergleich zu 2004 ein Wachstum von über 30 Prozent. Die Angst vieler Eltern vor dem Abrutschen ihrer Kinder, die wachsende Zahl von Alleinerziehenden, ein früh selektierendes Schulsystem - für das boomende Geschäft mit der Nachhilfe gibt es viele Gründe.

Zwischen 950 Millionen und 1,2 Milliarden Euro geben Eltern hierzulande fürs private Zusatzlernen aus. Und der Drill beginnt immer früher. So plant Schülerhilfe-Konkurrent "Studienkreis" ab Herbst eine "Kinderlernwelt" schon für Grundschüler. "Wegen der Versetzung in die weiterführende Schule sind die Eltern inzwischen extrem besorgt", sagt Studienkreis-Chef Alexander Bob.

Obwohl Bob Nachhilfekurse auch gern mal zu Schnäppchenpreisen bei Tchibo verramscht, gehört die Tochterfirma des Cornelsen-Schulbuchverlags unter den kommerziellen Anbietern noch zu den seriösesten. Neidisch blickt er indes zur Konkurrenz der Schülerhilfe, die habe sich einfach "besser entwickelt".

Während Bob einen Kreis Pädagogik-affiner Manager um sich scharte, setzten die US-Eigentümer der Schülerhilfe mit Norbert Milte andere Prioritäten: Milte war als Manager einst für den Verkauf von Tütensuppen und für einen Tiefkühlheimdienst zuständig, bevor er 2001 zur Schülerhilfe kam. Seine Stärke: Er hatte Ahnung von Franchise-Systemen.

Das war ganz nach dem Geschmack der Investoren von Sterling Capital Partners und Citibank Private Equity. Die übernahmen den Pädagogikkonzern "Educate" mitsamt der deutschen Schülerhilfe vor zwei Jahren für 535 Millionen Dollar.

Dank der Amerikaner habe er Geld investieren können für Fernsehwerbung, Prospekte und interne Leitlinien, so Milte. Früher war der Leitfaden für die Franchise-Partner ein dünnes Heft mit 38 Seiten. Heute ist allein das "Handbuch Außendarstellung" ein dicker Ordner, der dem Vertragspartner sogar die Fensterbeklebung vorschreibt. "Formalismus im Übersoll", kritisiert Franchise-Nehmer Reuter.

Die Uniformität nach US-Muster scheint teilweise auf Kosten des Unterrichts zu gehen. Eine Pädagogikstudentin aus Hessen unterrichtete bis vor einem Jahr in einer Schülerhilfe-Filiale in Hessen. Trotz garantierter Gruppengröße von maximal fünf Kindern habe sie bis zu zehn gleichzeitig unterrichtet - zum "Putzfrauenlohn" von 15 Euro für 90 Minuten.

In Online-Testberichten häufen sich ähnlich schlechte Noten. Als die Stiftung Warentest im Jahr 2006 die Schülerhilfe wegen mangelhafter Räume und schlechter Beratung rüffelte, begann Milte damit, die Schulen zertifizieren zu lassen. An der Kundenzufriedenheit müsse noch gearbeitet werden. Ansonsten aber sehe es gut aus. Das von den Amerikanern vorgegebene durchschnittlich zweistellige jährliche Wachstum sei erreicht, der Osten erschlossen worden.

Dennoch könnte sogar Milte bald seinen Job los sein. Die klammer werdenden US-Investoren wollen die Firma verkaufen. Viele Interessenten sind nicht in Sicht: Konkurrent Cornelsen ist sowieso an vielen Standorten der Schülerhilfe vertreten, Bertelsmann setzt mit "Scoyo" auf Online-Nachhilfe. Es blieben allenfalls andere Finanz-"Heuschrecken", denen im Zweifel nur neue Gebühren einfielen. "Da allerdings", weiß Milte, "haben wir eine Schmerzgrenze erreicht."

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