Hochschulen Die Bildungsmanager

Viele Uni-Präsidenten agieren wie Firmenchefs: Sie bauen ihre Institutionen für den Wettbewerb um. Doch die neuen Macher stoßen auf Widerstand bei Professoren und Studenten.

Um "Geduld und Gelassenheit" werde sie sich bemühen, sagt die Präsidentin, sie wolle "mehr Demut" zeigen, aber da ist es bereits zu spät.

Monika Auweter-Kurtz, 58, sitzt in ihrem Arbeitszimmer und kommt nicht mehr heraus. Die Präsidentin ist gefangen in ihrer eigenen Universität. Seit Wochen schwelt ein Konflikt an der Hamburger Hochschule. 120 Professoren haben in einem Brief gegen ihre Chefin protestiert, eine Kriegserklärung unter Akademikern, und Auweter-Kurtz will jetzt erklären, wie wieder Frieden herrschen könne. Sie gebe ja zu, dass manchem "mein hohes Tempo und mein klarer Ton missfallen", sie wolle gern "versuchen, mit den Kritikern ins Gespräch zu kommen".

Es sind reumütige Töne, die Auweter-Kurtz anschlägt, es klingt wie ein Versuch der Versöhnung nach all den Verletzungen. Doch an diesem Morgen verhallen sie ungehört. Draußen im Flur stampfen Studenten auf den Steinboden, ein dumpfes Dröhnen dringt in das Büro. "Dies ist unser Haus, schmeißt die Präsidentin raus", schreien die Studenten durch die von innen verriegelte Tür. Monika Auweter-Kurtz lässt die Polizei rufen. Noch ist sie hier die Hausherrin. Mit zwölf Wagen fährt die Staatsmacht vor das Portal des Hauptgebäudes, die Chefin wird später durch den hinteren Ausgang zu ihrem Auto eskortiert.

Der Streit um die Hamburger Präsidentin steht für einen typischen Konflikt, der sich an vielen deutschen Hochschulen beobachten lässt. Nicht überall eskaliert er wie in Hamburg, aber vielerorts schwelt er, seit die Universitäten einen radikalen Umbau erleben. An der Spitze stehen nun mächtige Macher, die ihre Institution für den Wettbewerb rüsten wollen. "Vorstandsvorsitzende" nennt das baden-württembergische Hochschulgesetz die neuen Bildungsmanager und stellt ihnen "Aufsichtsräte" zur Seite.

Schon diese neue Sprache ist ein Bruch mit der Tradition, die neuen Strukturen sind es erst recht. In den vergangenen Jahren machen die Hochschulen einen Wandel durch, wie es ihn seit mindestens vier Jahrzehnten nicht gegeben hat, seit der Studentenrevolte von 1968.

Der sichtbarste Teil der Reformen sind die neuen Abschlüsse Bachelor und Master. Sie stehen am Ende eines Studiums, das deutlich verschulter ist als früher. Kritiker sehen die Universität deshalb zu einer "Studenten-Fabrik" verkommen  (SPIEGEL 18/2008), Zehntausende zogen in der vergangenen Woche dagegen auf die Straße. Doch der Wandel geht weit über die Studienordnungen und Studienabschlüsse hinaus. Er hat auch die Organisation der Universitäten erfasst. Mehr als 350 Selbstverwaltungsgremien zählte allein die Universität Hamburg noch vor sieben Jahren. Wo früher alle mitreden und auch mitentscheiden durften, herrscht heute eine straffe Führung.

"Entscheidungskompetenzen werden von Gremien und Kommissionen in Präsidien, Rektorate und Dekanate verschoben", sagt Andreas Keller, Hochschulexperte der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Und Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands, einer Standesvertretung der Professoren, beklagt "die Entmachtung der akademischen Selbstverwaltungsgremien zugunsten einer hierarchischen Steuerung unter erheblicher Beteiligung außeruniversitärer Persönlichkeiten aus Staat und Gesellschaft, vornehmlich der Wirtschaft".

Kein Zweifel: Die Senate, in denen Professoren, Mitarbeiter und Studenten versammelt sind, haben an Bedeutung verloren. Sie tagen zwar an vielen Hochschulen so häufig wie früher und diskutieren über dieselben Themen. Aber sie dürfen in vielen Fällen allenfalls noch Stellungnahmen abgeben, keine Entscheidungen mehr treffen. "In manchen Bundesländern hat der Senat nur noch folkloristische Funktion", sagt Torsten Bultmann vom Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

An der Spitze stehen stattdessen nun Präsidenten und Rektoren, deren Attitüde zuweilen an die rigorosen Sanierertypen großer Konzerne gemahnt. Auch auf der Ebene darunter, bei den Dekanen, geht der Trend zum Wissenschaftsmanager. Viele Hochschulen haben, wie es in der Wirtschaft hieße, ihre Strukturen verschlankt. Die bunte Vielfalt an Fachbereichen verschwindet, größere Fakultäten entstehen. Erste Universitäten bestellen hauptamtliche Dekane, die ihre Managementaufgaben nicht mehr nur nebenbei und für eine kurze Zeit ausüben. Prompt gab es in Mannheim darüber Streit. Die Professoren weigerten sich, unter einem solchen Profi-Dekan zu arbeiten.

Doch aufzuhalten scheint der Wandel nicht: Magnifizenzen werden zu Managern. Es sind längst mehr als nur Einzelfälle wie Wolfgang Herrmann, der seine Technische Universität München schon vor Jahren zur "unternehmerischen Universität" ausgerufen hat und einen Chief Information Officer zu seinen Vizepräsidenten zählt; oder sein Berliner Kollege Dieter Lenzen, der schon als "Campus-König" bezeichnet und zuletzt als "Hochschulmanager des Jahres" ausgezeichnet wurde.

Lenzen hatte vor dem Bildungsstreik der vergangenen Woche zwar erklärt, dass er die Studenten sehr gut verstehe - aber das nutzte ihm nichts. Zornige Protestler besetzten das Präsidialamt. Bilder wurden abgerissen, Lampen zerstört und große Worte an die Wand geschmiert: "Für die Freiheit, für das Leben". Die Polizei rückte an und sorgte für Ruhe und Ordnung, Lenzen klagte über "Vandalismus".

Zeitenwende in der deutschen Wissenschaft

Es war ein bisschen wie in den Tagen der Studentenbewegung der sechziger Jahre. Der Furor jener Zeit war kürzlich auch in Aachen noch einmal nachzuempfinden. Das Hochschularchiv der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) hatte in den Gängen vor dem Rektorat eine kleine Schau aufgebaut, die von den Schlachten der Vergangenheit erzählte.

Ein grüner Talar samt passender Kopfbedeckung symbolisierte die "Ordinarienuniversität", in der die Lehrstuhlinhaber sich aller Macht und Herrlichkeit erfreuten. Den "Muff von 1000 Jahren" trieben ihr die Studenten aus. Ein Flugblatt dokumentierte den Kampf gegen die "diktatorische Hochschulordnung". Es folgte die "Gruppenuniversität", in der Studierende, wissenschaftliche und sonstige Mitarbeiter mitentscheiden durften.

Nur wenige Meter weiter blickt Rektor Ernst Schmachtenberg lieber nach vorn als zurück. Wenn Hochschulchronisten eines Tages den Wandel zu Beginn des 21. Jahrhunderts beschreiben wollen, könnten sie gut Schmachtenbergs Powerpoint-Präsentation zeigen. "Gemessen an Absolventen, Drittmitteln und wissenschaftlichem Output ist die RWTH die beste deutsche technische Universität", heißt es in der "Zukunftsvision der RWTH 2020". Als oberstes Ziel wird ausgerufen: "Meeting Global Challenges: Die großen Forschungsfragen unserer Zeit bearbeiten!" Der englische Slogan findet sich auch auf einem Dokument, das für die Hochschule wichtiger war als jedes andere in den vergangenen Jahren: ihre Bewerbung in der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern. Die Initiative steht für eine Zeitenwende in der deutschen Wissenschaft. Die Hochschulen müssen sich nun im Wettbewerb beweisen und in steigendem Maß um Gelder bewerben.

Der Titel "Elite-Uni", wie ihn die Gesamtsieger der Exzellenzinitiative tragen, ist der Hauptgewinn. Neun Universitäten sind stolze Besitzer der Trophäe, Aachen zählt dazu. Anfang Juni haben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten verkündet, eine weitere Runde des Forschungswettkampfs zu veranstalten. Der Druck auf die Präsidenten und Rektoren, in der neuen Exzellenzinitiative den Sieg zu verteidigen oder endlich besser abzuschneiden, ist schon jetzt zu spüren.

"Wie in einem Unternehmen müssen Sie Schwerpunkte setzen und können nicht alles machen", sagt der Stuttgarter Rektor Wolfram Ressel, der gerade eine Menge Ärger hat, weil er etliche Professorenstellen in den Geisteswissenschaften abbauen will. Eine andere Wahl habe er nicht. "Man kann die Rahmenbedingungen, unter denen wir arbeiten, gutheißen oder nicht, aber sie sind nun mal da", sagt der Rektor. "Der Wettbewerbsdruck ist hoch, da bedarf es eines klaren Profils."

Zu den Rahmenbedingungen zählt die neue Autonomie der Hochschulen. Der Staat zieht sich immer weiter zurück. Die Kontrolle liegt fast überall nun bei Hochschulräten, denen meistens auch Vertreter der Wirtschaft angehören wie BMW-Vorstandsvorsitzender Norbert Reithofer (TU München), Unternehmensberater Roland Berger (LMU München) und Daimler-Chef Dieter Zetsche (Universität Karlsruhe). Sie sollen wie ein Aufsichtsrat die Rektoren und Präsidenten überwachen.

Doch die neue Konstruktion sorgt vielerorts für Unmut. So prallten etwa in Siegen alte und neue Hochschulwelt aufeinander, als im vergangenen Jahr ein neuer Rektor gewählt werden sollte. Der Hochschulrat entschied sich für einen Kandidaten aus Berlin, doch der Senat wollte lieber den bisherigen Rektor behalten.

"Eine Beteiligung der gewählten Gremien im Vorfeld der Entscheidung, wie sie in anderen Hochschulen üblich ist, wurde vom Hochschulrat vermieden", klagten die Senatoren. "Der Senat der Universität Siegen bedauert das Vorgehen des Hochschulrates, welches akademische Traditionen und Umgangsformen missachtet."

Der Hochschulrat stand mithin vor der Frage, auf Traditionen und Umgangsformen Rücksicht zu nehmen oder seine juristisch verbriefte Macht auszuspielen. Er hätte den Senat mit einer Zweidrittelmehrheit überstimmen können, doch er wollte keinen weiteren Streit - und lenkte ein. Der alte Rektor durfte erst einmal im Amt bleiben, die Stelle wurde neu ausgeschrieben, und der Vorsitzende des Hochschulrats trat hörbar genervt zurück: "Bei der Auswahl einer Persönlichkeit für das Amt des Hochschulratsvorsitzenden können für mich als einen externen Hochschulrat nur insbesondere Kompetenz, Kreativität und Durchsetzungsstärke zählen und nicht so sehr das Eingehen auf eine Vielzahl von Einzelinteressen", verkündete Axel Barten, Geschäftsführer eines Maschinenbaubetriebs in der Region.

Auch an anderen Hochschulen wächst der Ärger um die Leitung. In Oldenburg wurde der Präsident zum Rücktritt gedrängt, nun ist die Universität seit einem Dreivierteljahr ohne Chef. Sie hat mittlerweile einen Personalberater mit der Suche beauftragt, er soll in den nächsten Tagen seine Vorschläge präsentieren.

Wie sehr sich die Hochschulen den Usancen der freien Wirtschaft nähern, lässt sich auch daran erkennen, dass immer häufiger solche Berater bei der Suche nach Führungskräften eingeschaltet werden. Auch der Deutsche Hochschulverband, dessen Mitglieder mit so manchen Neuerungen hadern, mischt bei der Personalfahndung mit, "Leaders in Science" heißt der Suchservice. Die Entlohung für eine erfolgreiche Vermittlung: ein Drittel des Jahresgehalts des Kandidaten.

Den protestierenden Studenten in Hamburg wäre nichts lieber, als wenn ein Berater an ihrer Universität bald gutes Geld verdienen könnte. Am Donnerstag zogen sie skandierend über den Campus. "Moni, Moni, Moni", schrie einer. Und die anderen: "Raus, raus, raus."

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