AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 26/2009

Basketball Gefälschte Liebe

Als einer der besten Spieler in der schillerndsten Liga des Weltsports lebte der Würzburger Basketball-Profi Dirk Nowitzki seinen eigenen amerikanischen Traum - bis seine Verlobte von der Polizei in seinem Haus wegen Betrugsverdachts verhaftet wurde.

Von Cathrin Gilbert


Sie hat ihr Haar zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden und trägt ein grünes Schlabbershirt. Sie haben es sich gemütlich gemacht und schmieren sich ein paar Sandwiches, er holt Käse und Wurst aus dem Riesenkühlschrank. Vertraut und zärtlich sind sie miteinander, sie schmiegt den Kopf an seinen Bauch. Mit seinen langen Armen drückt er sie sanft an sich. Sie genießt den Augenblick. Er wirkt ein wenig schüchtern, als ob er spüren würde, dass er beobachtet wird.

Ein halbes Jahr später sitzt Dirk Nowitzki im Büro seines Vaters in Würzburg, die Saison ist zu Ende, die Liebe auch, er macht Ferien von seinem Leben als Profi in der NBA. Über den Weinbergen von Unterfranken scheint die Sonne, im Büro ist es dunkel. Seine Eltern haben einen Malereibetrieb, an der Wand hängen der Meisterbrief des Vaters und Fotos des berühmten Sohnes. Schön neutral sei es hier im Industriegebiet von Würzburg, sagt Nowitzkis Begleiter, der das Treffen organisiert hat. Zu viel Privatsphäre sei zurzeit nicht angebracht.

Nowitzki zupft an seiner Unterlippe, seine Pupillen tänzeln wild. Ab und zu lässt er eine Hand gegen das Leder des Sessels fallen. Ein bisschen Lässigkeit ist in diesem Moment bestimmt nicht schlecht. Seine Wangen sind gebräunt, die Haare blonder als üblich. Gestern ist er aus dem Urlaub auf Kreta zurückgekehrt.

Am liebsten hätte er sich dort für immer verkrochen, sagt er.

Vor sieben Wochen hat ihm sein Mentor Holger Geschwindner erklärt, dass sein Privatleben im vergangenen Jahr eine Farce war. Die Frau, die sich von ihm in seiner Küche in Dallas' Villenviertel Preston Hollow so liebevoll umarmen ließ, ist eine Betrügerin. "Gold digger", Goldgräber, nennt man solche Frauen in Amerika.

"Im ersten Moment habe ich gar nichts gefühlt", sagt Nowitzki. Vier Stunden dauerte das Gespräch mit Geschwindner. Verstanden hat er es bis heute nicht.

Als sich Nowitzki die von einem Detektiv zusammengestellten Unterlagen anschaute, sei diese Wut in ihm hochgekrochen. Irgendwann hätte er am liebsten gegen die Wand getreten.

Alles unecht? Alles gelogen?

Seine Verlobte, die er am 18. Juli dieses Jahres heiraten wollte, wurde seit Jahren mit Haftbefehlen wegen mehrfachen Betrugs und Fälschung von Dokumenten gesucht. Sie hat in diesen Jahren ständig ihre Identität gewechselt. Ihm stellte sie sich als Christian Trevino mit brasilianischer Herkunft vor. "Crissy" reiche auch, sagte sie beim Weihnachtsessen zu seinen Eltern. Auch an Nowitzki scheint sie sich bereichert zu haben. Er wird wohl nie erfahren, ob sie ihn vielleicht trotzdem geliebt hat.

Crystal Ann Taylor, unter diesem Namen wird sie bei der Polizei geführt, kommt nicht aus Südamerika, sondern aus St. Louis; vom westlichen Ufer des Mississippi also, nicht vom Amazonas. Ein Jahr lang hat sie an Nowitzkis Seite gelebt. Gekannt haben sich die beiden bereits mehrere Jahre vor dem Beginn ihrer Beziehung. Es war sie, die die Nähe zu ihm suchte, und als sie endlich sein Vertrauen gewonnen hatte, ließ sie sich und ihre Trophäe in seiner Küche filmen.

Dirk Nowitzki sagt, das Schlimmste sei, dass die ganze Welt nun an seinem Privatleben teilhaben könne, ohne dass er sie eingeladen habe. Die Aufnahmen aus seiner Küche verkaufte Crystal Taylors Freundin an die Presse. Sie sind immer noch auf YouTube zu sehen. Wütend sei er, sagt Nowitzki, "und irgendwie auch hilflos".

Vor zwei Jahren wurde Dirk Nowitzki, 31, als erster Europäer zum besten Spieler der NBA gewählt, in der abgelaufenen Saison hat er bei den Dallas Mavericks mehr als 18 Millionen Dollar verdient. Fast 100 Millionen Euro dürfte er als Spieler und als Werbefigur insgesamt eingenommen haben. Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Sportler überhaupt.

Er hatte sein Privatleben geschützt wie einen Schatz und erlebt jetzt, wie er auf den Titelseiten der Klatschpresse vorgeführt wird. Er, der Meister des Schweigens, glaubt nun, dass es besser sei zu reden.

Sind Sie enttäuscht?

"Natürlich. Ich glaube, am meisten von mir selbst."

Haben Sie Angst?

"Ein bisschen. Ich frage mich, wie ich in Zukunft noch mal jemandem vertrauen soll", sagt er, und als ob er es damit erträglicher machen könnte, zwingt er sich zu einem Lächeln. "Na ja, ich bin ja schließlich nicht der Erste, der auf so was reinfällt."

Um dieses Drama zu verstehen, muss man die Bühne ausleuchten, auf der sich Dirk Nowitzki seit elf Jahren bewegt. Die Bühne der NBA, der glamourösesten Sportliga der Welt. Man muss verstehen, welche Rolle Dirk Nowitzki, der Bub aus Würzburg, in dieser Firma spielt, die einen Jahresumsatz von dreieinhalb Milliarden Dollar macht. In diesem Großkonzern, der den Mitarbeitern vorschreibt, welche Kleidung sie beim Verlassen der Turnhalle zu tragen haben und welche Musik sie in der Kabine besser nicht hören sollten.

Seinen Ruhm und seine Erfolge hat Dirk Nowitzki seinem Mentor zu verdanken. Geschwindner war in den siebziger Jahren Kapitän der deutschen Basketball-Nationalmannschaft. Nowitzki war 16, als er ihn das erste Mal traf. Beim Abendbrot sagte er zu seinen Eltern, ihm sei so ein Typ begegnet, der ihn trainieren wolle.

Drei Jahre danach flog er mit seinem Privattrainer zum Showmatch der Weltjuniorenauswahl nach San Antonio, Texas, und wurde als "German Wunderkind" gefeiert. Drei Monate später verpflichteten ihn die Dallas Mavericks.

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