AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2009

Kino Pionier des Humors

Der Brite Sacha Baron Cohen bricht mit den letzten Tabus der Komödie. Nun läuft sein neuer Film "Brüno" über einen schwulen Modejournalisten an.

Von und


So beliebt wie jetzt war Michael Jackson seit 25 Jahren nicht mehr. Zu Lebzeiten wurde der Popstar gern überall verhöhnt, ob in der Zeichentrickserie "South Park" oder in der Science-Fiction-Komödie "Men in Black II" - als sehr kinderlieber Außerirdischer, dem manchmal die Nase abfällt.

Auch Sacha Baron Cohen, der britische Guerilla-Humorist, machte einen der besseren Gags in seinem neuen Film "Brüno" auf Kosten von Jackson: Unter einem Vorwand hatte er dessen Schwester LaToya zu einem Interview gelockt. Am Ende des Gesprächs greift sich Cohen ihr Handy, sucht darin nach der Telefonnummer von Michael und beginnt sie laut vorzulesen.

Nur: Die Zuschauer des Films werden dies nicht zu sehen bekommen. Cohen hat die Szene nach dem Tod des Popstars herausgeschnitten - und gleichzeitig dafür gesorgt, dass die Welt (auf dem Umweg über das englische Boulevardblatt "The Sun") davon erfährt. Die pseudopietätvolle Selbstzensur belegt zweierlei: Cohen ist ein Genie der Selbstvermarktung. Und dieses PR-Talent überstrahlt mittlerweile gewaltig die Kunst des Komikers Cohen.

Cohen, 37, ist eine Art Günter Wallraff von Hollywood: In immer neuen Verkleidungen geht er dahin, wo es übel riecht. Als Borat, angeblich ein Reporter aus Kasachstan, entlockte er im Jahr 2006 ganz normalen Amerikanern hanebüchene Statements über Juden und Roma und Sinti. Welche Pistole am besten geeignet sei, einen Juden abzuwehren, fragte Cohen - selbst Jude - einen Waffenhändler. "Neun Millimeter oder eine 45er", antwortete der Mann.

Auch der kasachische Staatschef Nursultan Nasarbajew wurde damals unfreiwillig Teil der Inszenierung. Seine Regierung machte den Fehler, sich über den Komiker zu beschweren, der in "Borat" behauptet hatte, in dem Land seien Inzucht, Vergewaltigung und Judenhetze beliebte Freizeitbeschäftigungen. Cohen sei "ein Schwein von einem Mann", klagte der kasachische Botschafter in London. Der Schauspieler konterte mit dem Satz, auch er sei dafür, "diesen Juden" zu verklagen.

Mit "Borat", dem Film, der über 260 Millionen Dollar einspielte, schuf Cohen ein eigenes Genre: die Dokumödie, die sich zwischen aberwitziger Fiktion und bitterer Realität bewegt. Noch immer sind Prozesse wegen des Films anhängig. Für "Brüno" ist das die beste Empfehlung und höchste Bürde. Cohen, der bei "Borat" mit vielen Tabus brach und die Grenzen der Komödie beträchtlich erweiterte, wirkt wie ein Pionier in der Zeit des Wilden Westens, der an der Küste des Pazifiks steht und sich fragt, was er noch erobern kann.

Nun soll ausgerechnet der weibische Brüno als schwuler Österreicher in Borats übergroße Fußstapfen treten: ein Modejournalist, der um jeden Preis prominent werden will, nämlich "der berühmteste Österreicher seit Adolf Hitler", und deshalb durch die USA reist - Anlass für viele Scherze in knappen Kostümen, manchmal auch ohne. So schleicht sich Cohen als Brüno bei einer Swingerparty ein oder lässt in Gegenwart des republikanischen Politikers Ron Paul die Hosen fallen.

Viele Millionen Fernsehzuschauer machten vor rund einem Monat mit Brüno Bekanntschaft, als er während der Verleihung der MTV Movie Awards in Los Angeles mit Engelsflügeln von der Decke segelte und mit dem Gesäß fast im Gesicht des Rappers Eminem landete, der für seine homophoben Anwandlungen bekannt ist - und scheinbar empört aus dem Saal stürmte.

Tage später kam heraus, dass Eminem eingeweiht und der vermeintliche Skandal inszeniert war. Diese - offenbar ungeplante - Enthüllung über den Mann, der anderen Menschen die Maske vom Gesicht reißt, gibt nun vielen Rezensenten seines neuen Films zu denken: Man müsse davon ausgehen, schreibt etwa Todd McCarthy in Hollywoods wichtigstem Branchenblatt "Variety", dass viele Szenen in "Brüno" mit Schauspielern gestellt worden seien.

Doch unabhängig vom Anteil der fiktiven Szenen - es überrascht, wie sehr sich Cohen abstrampeln muss, um den Amerikanern schwulenfeindliche Äußerungen zu entlocken. Als er mit drei Jägern nachts im Wald auf Jagd geht, um traditionelle Männlichkeit zu erlernen, reagieren die Machos mit Langmut auf seine Provokationen.

Tatsächlich ist die Kunstfigur Brüno, die Cohen wie den Vorgänger Borat in seiner TV-Sendung "Da Ali G Show" entwickelte, als Instrument der satirischen Gesellschaftsanalyse nur bedingt geeignet. Borat wirkte auf viele Amerikaner wie ein kasachischer Höhlenmensch, dem sie nun endlich zeigen konnten, wie fortgeschritten die Vereinigten Staaten sind - und dabei unbewusst preisgaben, wie zurückgeblieben und vorurteilsbeladen sie selbst sind.

Gerade die völlige Fremdheit machte Borat zur Vertrauensperson. Gegenüber einem so offenkundig primitiven Mann aus einem Land, das sie kaum kannten, öffneten sich die Befragten und gaben freimütig zu, dass sie sich die Sklaverei zurückwünschen. Brüno dagegen ist in den Augen seiner Opfer keine vorzivilisatorische, sondern wohl eher eine postzivilisatorische Figur: ein dekadenter Schwuler. Dementsprechend vorsichtig verhalten sie sich.

Und weil sich Cohen in "Brüno", der wie "Borat" von Regisseur Larry Charles inszeniert wurde, so schwertut, mit seinen Scherzen ins finstere Herz Amerikas vorzudringen, verlagert er die Stoßrichtung in tiefer gelegene Körperregionen. In einer rüden Montagesequenz rafft er die bizarren Sexualpraktiken zusammen, mit denen sich Brüno von einem asiatischen Lustknaben befriedigen lässt; minutenlang spielt er später aus, wie sich der Held der Vorstellung hingibt, ein Mitglied der Pop-Band Milli Vanilli oral zu befriedigen.

Das ist oft pubertär und manchmal schreiend komisch. Doch wenn Brüno für eine TV-Sendung Kleinkinder castet und von den Eltern die Einwilligung erhält, ihren Nachwuchs in Nazi-Uniformen zu stecken, stockt den Zuschauern nicht - wie so oft in "Borat" - der Atem. Vielmehr bleibt das schale Gefühl einer Szene, die womöglich nicht vom wirklichen Leben, sondern von cleveren Autoren geschrieben wurde.

Ob das tatsächlich so war, lässt sich nicht klären; Cohen verweigert Auskünfte über den Realitätsgehalt seines Films. Als er Ende Juni zu einem Werbetermin vor dem Brandenburger Tor erschien, trug er einen rosafarbenen Ganzkörperanzug und reckte den Journalisten und Fans einen Penis aus Wolle entgegen. Es war vermutlich der lächerlichste Aufzug, in dem je ein Mann gesehen wurde - und doch die sicherste Rüstung, die Cohen finden konnte.

Denn sie erlaubte ihm, sich ganz und gar hinter der Figur, die er spielt, zu verstecken. Der Komiker tänzelte genauso geziert vor dem Brandenburger Tor wie Brüno im Film, er sprach im gleichen Akzent wie sein Held. Auch Interviews gab er nur im Kostüm, wenn überhaupt. Cohen, dem es wie keinem Komiker vor ihm gelingt, Menschen vor versteckter Kamera zu entlarven, hat offenbar enorme Angst, aus der Rolle zu fallen.



insgesamt 28 Beiträge
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Ein netter Netter 07.07.2009
1. Das Suchen des Haares in der Suppe
Es scheint, als ob der Rezensent unbedint ein Haar in der Suppe finden wollte. Ich finde Sascha Baron Cohen prima, natürlich ist nicht alles großartig was er so produziert, und manches mag gestellt sein. Solange man das aber nicht merkt, ist es mir ehrlich gesagt recht egal. Vielleicht ist es auch ein Urdeutsches Problem, sogar an Fäkalhumor noch mit dem Kopf drangehen zu müssen. Viel interessanter wäre es, hätte das Feuilleton sich mal gefragt, warum Comedy in Deutschland immer so brav daher kommen muss, während der Rest der Welt schon Meilen weiter ist. Hierzulande lacht man doch auch am liebsten über gestellte Homosexualität (siehe Traumschiff Surprise, Winnetouch), nur eben auf niedrigstem, dümmlichen, kleinster-gemeinsamer-Nenner-Niveau, das niemandem weh tut. Wenn jemand wirklich mal die Grenzen auslotet, wie Cohen, wird dahinter als erstes Betrug (Schauspieler) vermutet. Ist das wieder Neid?
libertarian, 07.07.2009
2. tja
Also ich habe den Film nicht gesehen und habe dahingehend auch keine Absichten. Was der Rezensent aber uebersieht, ist die Rolle die Bedeutung der Rolle des Bruno selbst. Natuerlich geht es hier auch wieder darum, ein moeglichst uebles (und daher fuer viele Leute offenbar komisches) Bild vom "dunklen Herzen" Amerikas zu zeigen. Es geht aber im groessten Kinomarkt fuer solche Spaesse aber um noch mehr: sich ueber schwuchtelige, "metro"sexuelle, Kontinentaleuropaeer lustig zu machen: Maenner die sich ueberall rasieren, Frauen die sich nicht rasieren, Maenner, die sich fuer Mode interessieren - und fuer Fussball und andere Frauensportarten...
mooksberlin, 07.07.2009
3. Ich habe gelacht.
Nachdem ich mir gestern Abend die Vorpremiere in Berlin angeschaut habe, kann ich Ihrem Autor ganz und gar nicht zustimmen. Ich hatte nach 90 Minuten fast Magenkrämpfe vom Lachen. Ich glaube auch nicht, dass der Film homophob ist und dass Karrieremütter wirklich alles geben um ihre Schützlinge erfolgreich durch ein Casting zu bringen, haben diverse Shows in Deutschland ja zur Genüge gezeigt. Alles in allem ist es ein abstruser Film mit an den Haaren herbeigezogenen Themen, trotzdem brüllte das (vorwiegend schwule Publikum)vor Lachen. Wer den Wortwitz von Sascha Baron Cohen mag, sollte sich den Film allerdings unbedingt im englischen Original anschauen.
Nov 07.07.2009
4. ...
Zitat von sysopDer Brite Sacha Baron Cohen bricht mit den letzten Tabus der Komödie. Nun läuft sein neuer Film "Brüno" über einen schwulen Modejournalisten an. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,634734,00.html
Und das Feuilettons wird wieder, wie bei Borat (oder auch Jackass*), entweder mit Totalveriss oder Heiligsprechung reagieren. Was dazwischen gibt es nicht, dafür werden deutsche Pressekritiker schließlich nicht ausgebildet. Entweder man ist abgehoben gegen alles - und gegen so eine Geschmacksverirrung natürlich ganz besonders! Oder man entschließt sich in jedem Tabubruch, jeder Abweichung von der Norm, genialistische Avantgarde zu erkennen. Ich für meinen fand den Borat damals ziemlich lustig (OmU), wenn auch viele Szenen offensichtlich gestellt und viele Gags aus der Ali G Show recycelt waren. Den Brüno werde ich mir deshalb wahrscheinlich auch anschauen. *den fand ich übrigens schwachsinnig
NAIS, 07.07.2009
5. Peinliche Masche
von dem vorgeblichen Komiker. Sie besteht darin, möglichst deutliche Tabubrüche zu begehen, der geschockte Zuschauer weiß dann nicht, ob er lachen oder weinen soll. Peinlich ist aber auch, dass diese Masche funktioniert, soll heißen Geld bringt. Es gibt also genug Menschen, die sich diesen Schmarrn antun. Mein Gefühl sagt mir, wer das lustig findet, schlägt auch kleine Kinder....
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