Der SPIEGEL

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13. Juli 2009, 00:00 Uhr

Jugend

"Wir feiern nicht, wir eskalieren"

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Zehntausende deutsche Abiturienten fahren jedes Jahr nach Spanien, Italien, Bulgarien oder Ungarn, um die bestandenen Prüfungen zu feiern. Auf die Abschlussfahrten hat sich eine Urlaubsindustrie spezialisiert, geworben wird mit dem Exzess.

Der Nachthimmel über Lloret de Mar hängt voll roter und blauer Neonröhren, aber wenn morgens die Lichter des Magic Park, des Hollywood und der anderen Bars und Discos erlöschen, wird die Stadt grau wie Beton. Während die Männer von der Straßenreinigung mit Kehrmaschinen und schenkeldicken Rohren die letzte Nacht vom Gehweg saugen, sinken die Abiturienten in ihre Hotelbetten; Olli, der Animateur, fährt sein Programm erst um zwei Uhr nachmittags wieder hoch: Treffen bei Dr. Döner, wo die Tonnen für die Sangria-Party warten.

Wer vorher aufwacht, kann sich aber Bier oder Wodka-Lemon an der Hotelbar holen. Es gibt wenig Grenzen in Lloret, deswegen sind sie hergekommen.

In den vergangenen Wochen hörten die Abiturienten von ihren Lehrern und Rektoren, was alle Lehrer und Rektoren sagen, wenn sie ihre Schüler mit etwas zu großer Geste ins Leben verabschieden: Ihr seid die Elite, ihr werdet an der Spitze eures Landes stehen. Der Teil der Gymnasiasten, der nach Lloret de Mar an die spanische Mittelmeerküste fährt, verschiebt das mit der Elite auf später und hat vor Reiseantritt den Alkohol im Hotel gleich mitgebucht, weil es billiger ist, als für jeden Schnaps einzeln zu bezahlen.

Etwa 35.000 Abiturienten aus ganz Deutschland steigen nach den Prüfungen in die Busse zur Costa Brava: künftige Wirtschaftsingenieure, Zahnärztinnen, Bundespolizisten; Jugendliche, die vorher das Walther-Rathenau-Gymnasium Bitterfeld besucht haben, das Canisiusstift Ahaus, das Marie-Curie-Gymnasium Ludwigsfelde oder das Technische Gymnasium Bühl. Es fahren ganze Klassenstufen nach Lloret oder auch nur Gruppen von fünf Leuten. Das Reiseziel steht fest. Bisschen den Kopf freisaufen, sagt Olli, der Animateur.

Lloret ist einfach. Es gibt Sonne, Strand, Discos und Alkohol, andere Drogen gibt es auch, viel mehr aber nicht. Trotzdem ist hier alles möglich, so sieht es jedenfalls aus. Die Stadt ist der betongewordene Traum, den viele Kinder träumen, wenn sie in ihrer Phantasie den Überfluss durchspielen: einmal in einem riesigen Supermarkt eingeschlossen werden und nach Herz und Laune rumsauen können die ganze Nacht. Lloret ist der Supermarkt für Abiturienten, und für fünf, sechs Wochen im Sommer existiert die Stadt nur, um dem neuen Leben nach der Schule die Komplexität zu nehmen. Die ersten Schritte in der Freiheit enden vor Sangria-Eimern.

Olli ist mitverantwortlich für die Komplexitätsreduktion in Lloret, er heißt eigentlich Oliver Schwartz, ist 33 und der Chef von zwei Dutzend Animateuren vor Ort für seinen Arbeitgeber Abi4Life, eine Firma, die Abschlussreisen für Abiturienten anbietet. Am Ende der Abi-Saison wird er 8000 Schulabgänger durch Lloret geschleust haben. Olli trägt einen Kinnbart und ist einer dieser Typen, die nie schlechte Laune haben, er kann mit jedem gut, ein Party-Macher. Er sagt, er sei immer ehrlich zu seinen Kunden.

Wenn samstags und dienstags die Reisebusse in die Stadt schaukeln mit Tausenden Abiturienten aus Berlin und Münster, Köln und Leipzig, Bühl und Laubach, steigt er zur Begrüßung in die Busse und brüllt ihnen seine Ansicht von einem gelungenen Urlaub entgegen: "Wir feiern hier nicht, wir eskalieren!" Die Abiturienten werfen dann die Arme in die Luft, schreiend, glücklich. Eskalation ist Ollis Lieblingswort, er ruft es in die Busse, er ruft es nachmittags bei der Sangria-Party und abends bei der Tequila-Randale im Aztek, der Disco mit den Plastikreliefs an den Wänden, die an die Azteken erinnern sollen.

Eskalation heißt hier Kontrollverlust, Eskalation ist das Wort des Sommers, das Urlaubsziel für sieben Tage all-inclusive in einem dritt- oder viertklassigen Hotel. Die Frage ist, ob jeder weiß, wann die Eskalation enden sollte, und ob er dann auch noch fähig ist, die Kontrolle aus eigener Kraft wieder an sich zu reißen. Zum Glück geht es darum aber gar nicht in Lloret.

Die Stadt ist seit den fünfziger Jahren bei Touristen beliebt, die günstig Urlaub machen wollen, sie wurde aber erst Ende der Neunziger von Reiseveranstaltern entdeckt, die nach neuen Kunden suchten und testeten, ob sich Pauschal- und Party-Urlaub auch an Jugendliche verkaufen lässt, die nicht viel Geld ausgeben wollen. Seitdem wächst der Markt für organisierte Abi-Fahrten, sieben Tage Lloret im billigsten Hotel ab 159 Euro im Mehrbettzimmer, inklusive Busfahrt.

Die Reisebusse mit den Abiturienten fahren nicht nur nach Spanien, sondern auch nach Italien, Kroatien, Ungarn und Bulgarien. Sie fahren meist in Party-Enklaven, die ähnlich funktionieren wie Lloret de Mar und wo auch betrunkene 18-Jährige nicht viel dreckig oder kaputtmachen können, weil das meiste in der Stadt entweder aus Beton ist oder abwaschbar oder so billig, dass man es mit wenig Aufwand austauschen kann.

"Hätten wir nicht vorher was essen sollen?"

Die deutschen Abi-Reisen-Agenturen heißen Abi4Life, Abidelmar, abireisen.de, abitours.de oder abireisen.com, sie spielen mit der Sehnsucht nach Exzess, Kontrollverlust und auch mit dem Wunsch nach Freiheit zwischen Abitur und dem Rest des Lebens. "Once in a Lifetime" haben sie auf Plakate in den Discos von Lloret gedruckt, einmal im Leben, es ist das Versprechen dieser Urlaubsindustrie: Die Chance auf die beste Party nach dem Abi gibt es nur einmal, jetzt, sei dabei, und du wirst den Moment nie vergessen. Nach der Eskalation kehren die Abiturienten wieder zurück in ihr normales Leben, das leiser sein wird als das an der Costa Brava.

Pirmin, Kevin und Damian aus Bühl in der Nähe von Baden-Baden lehnen über dem Geländer des Hotelbalkons und schauen nach unten. Dort liegen Mädchen neben dem Schwimmbecken. Was kommt nach der Party in Lloret, nach den Bikinimädchen, nach der Eskalation?

Damian liebt Autos und will eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker bei Mercedes-Benz machen, Kevin will zur Bundeswehr. Pirmin möchte studieren, später will er heiraten und ein Haus besitzen, ob mit 30 oder früher, wird sich zeigen, hängt natürlich auch von der Frau ab, die er erst finden muss. Alle wohnen noch daheim bei ihren Eltern und sagen, das werde sich auch nicht so schnell ändern. Sie hängen über dem Balkongeländer und gucken zu den Mädchen hinunter, drei Jungs zwischen 19 und 21 Jahren mit großen und kleinen Plänen für die Zukunft, die ein paar Tage lang vergessen wollen, was auf sie zukommt und was ihre Eltern und ihre Lehrer den Ernst des Lebens nennen.

Fünfhundert Meter Luftlinie entfernt warten Teile des Walther-Rathenau-Gymnasiums Bitterfeld und des Karl-Schmidt-Rottluff-Gymnasiums Chemnitz auf den ersten Rausch des Tages. Es ist kurz nach zwei, als Olli die mit Sangria gefüllten Eimer auf die Holztische bei Dr. Döner wuchtet und in die Runde ruft: "Sauft, ihr Schweine!" Die Eimer sehen aus wie die Hausmülleimer mit zwei Griffen, die Ikea verkauft, sie sind zu einem Drittel voll mit pappiger Sangria, Orangenscheiben und Eiswürfeln.

Olli sagt, er kenne den weiteren Ablauf des Nachmittags ziemlich genau: Nach zehn Minuten stecken sie die Strohhalme zu meterlangen Rohren ineinander, nach 20 Minuten folgt Gesang, der in Gegröle übergeht; nach einer halben Stunde tanzen sie auf Tischen und Bänken. Olli sagt: "Wenn wir Glück haben, zieht noch einer die Hose runter." Seine Vorhersagen treffen präzise ein - bis auf die Hosen. Ein 18-Jähriger stößt seinen Sitznachbarn an: "Hätten wir vorher nicht was essen sollen?"

Man verliert leicht den Überblick in Lloret, es ist, als wäre man zum ersten Mal in China: Jedes Gesicht sieht bekannt aus, als hätte man sich irgendwo schon getroffen. In der Schlange vor dem Tropics, im Londoner, beim Büfett im Hotel Flamingo? Die Abiturienten sind oft verwirrt. Es hilft, wenn man den Tag nach den Essenszeiten des Hotels strukturiert, in dem man wohnt, aber auch das ist keine Garantie, diejenigen wiederzuerkennen, mit denen man letzte Nacht geredet und getrunken hat.

Bei Dr. Döner brechen Schlagerlieder über die künftige deutsche Elite herein, die Musik schwillt an und legt sich mit dem Lärm aus den anderen Bars wie ein Teppich über die Straßen und Dächer.

"An drei Mädels rumgebissen, die wollen auch ihren Spaß"

Lloret mit seinen 38.000 Einwohnern, 199 Restaurants, 93 Hotels und 42 Discotheken verdient zwar gut an den Besuchern, doch seit einiger Zeit machen sich Lokalpolitiker Sorgen über das Bild ihrer Stadt, das die Sauftouristen aus Deutschland, aber auch aus Frankreich, Russland, England, Holland und Italien ruinieren. Lloret hat die Party satt.

Der Stadtrat hat vor vier Jahren mehrere Verordnungen verabschiedet, die unter anderem das laute Zuschlagen von Türen und Fenstern zwischen 22.30 Uhr und 7.30 Uhr untersagen; verboten ist auch Alkohol am Strand und auf den Straßen, was ein großer Witz ist, da es wenige Leute gibt, die auf der Straße und am Strand keinen Alkohol trinken.

Abends stehen Polizisten mit Schlagstöcken auf der Avinguda Just Marlés, der neonfarbenen Disco-Meile, aber die Polizisten können den Exzess nicht verhindern und auch nicht, dass Katastrophen geschehen. Ende Mai stürzte ein 20-jähriger Abiturient aus dem Kreis Osnabrück nach der Disco in der Dunkelheit offenbar eine Böschung hinab. Ein Spaziergänger fand eine Woche später seine Leiche.

Der Polizeichef von Lloret sagt: "Wenn man sich die Versprechen der Reiseveranstalter anschaut, denkt man, es geht hier nur um Sex und Alkohol. Die jungen Leute glauben, sie dürfen alles." Gegen den schlechten Ruf der Stadt kann er wenig tun und warnt also die Touristen weiter vor den Frauen, die an der Disco-Straße rote Nelken verschenken und dabei unbemerkt Scheine aus den Geldbörsen fischen.

Der Tourismus-Beauftragte von Lloret bemüht sich, auch die Santa-Clotilde-Gärten zu erwähnen und den Jugendstil-Friedhof, Nordic Walking sei zudem stark im Kommen, auch das vor kurzem errichtete maritime Museum am Strand begeistere seine Besucher.

Olli sagt: "Ich kenne keine Sau, die ins Museum geht." Neulich wurden zwar drei Abiturienten dabei erwischt, wie sie einen Fisch aus dem Hotelaquarium fangen und in ein Waschbecken mit Wodka setzen wollten, aber selbst die zeigten kein Interesse an Meereskunde.

Am späten Nachmittag liegt das Gymnasium Mittweida am Strand beim Volleyballnetz um ein paar zerknüllte Bierdosen herum. Die Abiturienten sind müde, weil der Bus bei der Anreise am Tag zuvor Schwierigkeiten mit dem Keilriemen hatte und die Fahrt von Mittweida nach Lloret 36 Stunden dauerte, aber auch, weil die Sangria bei Dr. Döner nachwirkt.

Das Gymnasium Syke schläft neben den Mülltonnen 300 Meter weiter seinen Rausch vom Vorabend aus. Das Technische Gymnasium Bühl hatte sich schon vor ein paar Stunden an der Hotelbar Bier geholt und döst jetzt ebenfalls in der Sonne. Das Walther-Rathenau-Gymnasium Bitterfeld ist dagegen hellwach und gibt an, die vergangene Nacht sei erfolgreich verlaufen im Sinn der Annäherung: "An drei Mädels rumgebissen, die wollen hier natürlich auch ihren Spaß." Das Gymnasium Mittweida entgegnet: "Die Jungs labern doch nur."

Das Marie-Curie-Gymnasium Ludwigsfelde wird sich später darüber beklagen, dass letzte Nacht im Aztek trotz anderslautender Versprechungen auf Fotos und Flugblättern keine jungen Mädchen um die Stange in der Mitte des Clubs tanzten. Man fahre doch nicht 1800 Kilometer mit dem Bus nach Spanien, "um einer dicken 60-Jährigen dabei zuzugucken, wie sie sich um eine Metallstange wickelt". Eskalation war das in gewisser Weise zwar auch, nach dem Geschmack des Marie-Curie-Gymnasiums allerdings in die falsche Richtung.

Einige beklagen sich darüber, dass all-inclusive nicht immer heißt, dass wirklich alles im Preis enthalten ist. Bei einigen Reiseveranstaltern muss man eine Rabattkarte für 30 Euro kaufen, um den Eintrittspreis in die Discos ermäßigt zu bekommen, bei anderen Veranstaltern ist die Disco-Karte im Preis mit drin. Ein Glas Wasser im St. Trop', der größten Disco in Lloret, kostet trotzdem 3 Euro, ob mit Rabattkarte oder ohne.

Die Abiturienten sind solche Tricks noch nicht gewohnt, viele sind zum ersten Mal ohne Eltern im Urlaub und hilflos, wenn im Badezimmer das Klopapier aufgebraucht ist. Sie laufen dann nicht nach unten zur Rezeption, sondern tippen die Notrufnummer ihrer Reiseagentur ins Handy. "Für viele musst du hier die Mutti spielen", sagt eine Reiseleiterin.

Abends schaufeln sie sich in den Hotels Nudeln oder Kroketten aus glänzenden Stahlwannen auf den Teller. Das Nachtleben beginnt auf den Hotelbalkonen, kleinen Bühnen, auf denen sich Grüppchen von vier, fünf Leuten sammeln und den anderen Grüppchen auf den gegenüber- liegenden Bühnen mit Bierdosen und Weinkartons zuprosten. Das Gymnasium Achern hat Handtücher mit dem Abi-Motto bedrucken lassen, die über dem Balkongeländer trocknen: "ABIritif - Ein Vorgeschmack aufs Leben".

Die Lampen auf der Avinguda Just Marlés leuchten rot und blau, die Freiheitsstatue aus Plastik grün, und Marilyn Monroe, auch aus Plastik, hält wie jeden Abend ihren Rock fest. Olli unterteilt die Discos von Lloret in zwei Kategorien: in die Vorglüh-Locations und in die Hauptlocations, wobei auch die Hotelbars als Vorglüh-Locations gelten. Um halb zehn sammeln die Reiseleiter die Abiturienten in ihren Hotels ein und ziehen weiter ins Aztek zur Tequila-Randale, so nennt es Olli, wenn die Animateure Schnaps von oben in die Münder der Abiturienten laufen lassen.

Auf der Straße vor dem Aztek steht ein kleiner dicker Mann und spielt mit ein paar Fünfzigern in der Hand. Graham ist 53 und der Manager im Aztek, im Londoner, außerdem noch in einer Bar und einem Burger-Imbiss. Er stammt aus England, kam in den Siebzigern nach Lloret und hat mit dafür gesorgt, dass aus einer kleinen Urlaubsstadt am Mittelmeer die Party-Enklave für Jugendliche wurde. Er hat eine 26 Jahre jüngere Freundin aus Brasilien, mit der er, wie er sagt, eine offene Beziehung führt.

Graham klagt darüber, dass die Verwaltung den Disco-Besitzern das Leben schwermache. "Früher konntest du hier alles tun, das ist jetzt schwieriger." Er sagt aber auch, dass Lloret auch künftig feiern werde - egal, was der Polizeichef und der Bürgermeister sagen, egal, wie viele Verordnungen noch kommen werden. "Das geht immer weiter hier, schau dich um, die ganzen Lichter, das Leuchten, es ist wie auf dem Piccadilly Circus."

Er will nicht auf das Geld verzichten, das die Jugendlichen bringen, zumal sie vor der Hauptsaison kommen. Lloret will Ruhe, Lloret will Geld, womöglich wird der Exzess also nie aufhören. Das Geld geht von den Touristen zu den Hoteliers, zu den Bar- und Disco-Betreibern, zu den Nelkenfrauen, zu Graham, zu den Dealern, die vor dem Tropics stehen, das Geld geht durch so viele Hände, dass sich die Scheine ledrig und abgegriffen anfühlen.

Die Nacht ist jetzt auf dem Höhepunkt, man ist in der Hauptlocation angekommen. Ein Abiturient stolpert aus dem Tropics und kotzt auf den Asphalt, die Leute applaudieren. Er hat das Reiseziel erreicht, die anderen eskalieren weiter.

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