AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2009

Eine Meldung und ihre Geschichte Englische Spülung

Ein Hund verschwindet durchs Klo - und wird gerettet.

Von Amrai Coen


Der Anruf, der ihn zum Helden machen wird, erreicht Will Craig auf dem Parkplatz des Wembley-Stadions im Nordwesten von London. Sein Handy schnarrt, als Will gerade am Wagen lehnt, eine Zigarette raucht und sich fragt, was zum Henker in diese fuckin' Toilette gefahren ist, und warum er, Will, diese Verstopfung nicht beheben konnte, obwohl er sechs Stunden daran geschraubt hat, nur gut, dass morgen Freitag ist.

Welpe im Abflussrohr
AFP

Welpe im Abflussrohr

Will Craig: Klempner, riesiger Kerl, gutmütig, Stoppelhaarschnitt, hält die Figur des Boxers Rocky Balboa, gespielt von Sylvester Stallone, für den mit Abstand ausgeformtesten Charakter der Film- und Literaturgeschichte. Will schwärmt außerdem für Schinkenkäse-Sandwiches, und vor allem liebt er den Klang einer sauberen, einer durch und durch frei gurgelnden Toilettenspülung.

Reinste Musik, sagt Will.

Denn ein freies Rohr bedeutet, sagt Will, dass sich, wenn auch im Verborgenen für die meisten Zeitgenossen, ein Problem gelöst hat, es bedeutet, dass die Welt wieder im Fluss ist, sanitäres Karma, wenn man so will. Übrigens unglaublich, was Sie alles in so einem Rohr finden können, sagt Will.

Sie führen Listen, Will und seine Kollegen: Asseln, Spinnen, Schlüssel, Tampons, Barbie-Puppen, Ken-Puppen, Teddybären, Portemonnaies, Tennisbälle, Kreditkarten, Zigarren, Playmobil-Polizisten, Kakerlaken, Ratten.

Leute schmeißen alles rein, sagt Will, aber sie fragen sich nicht, wo es bleibt. Und hier beginnt Will Craigs Job.

Während er jetzt in aller Ruhe seine Zigarette aufraucht und sich aus dem Stadionautomaten einen Pappbecher Tee holt - währenddessen fasst ein kleiner Junge namens Daniel Blair, vier Jahre alt und wohnhaft in Northolt, nicht weit von hier, einen Entschluss. Daniel hat einen Hund. Der Hund ist schmutzig. Der Hund muss gewaschen werden.

Das Tier ist ein Cockerspaniel, ein Welpe, eine Woche alt, kaum größer als ein Meerschweinchen, Daniel nennt ihn "Hundi", so ungefähr lässt es sich übersetzen. Er stellt das Tier in die Kloschüssel, die eine für den Vierjährigen bequeme Höhe hat. Daniel zieht die Spülung, dann schaut er nach, ob Hundi jetzt sauber ist. Schwer zu sagen, denn Hundi ist weg.

Eine englische Spülung besteht aus vier bis neun Litern Wasser, die in etwa fünf Sekunden durch die Leitung gedrückt werden. Der Hund, rund 600 Gramm Lebendgewicht, ist mit dem Schwall, wusch, in die Tiefe gerissen worden, ins Enge gepresst, er findet sich wieder an einem Ort, wo eher unangenehme Umstände herrschen.

Es ist ein Glück für das Tier, dass Daniel den Vorfall sofort seiner Mutter berichtet, Alison Blair ruft die Feuerwehr, die rückt schnell und aufwendig an, sie kann aber nichts machen.

Will Craig, 23 Jahre alt, träumte sein Leben lang von einem bedeutenden Moment. Er wollte großartige Dinge tun. Er wollte schöne Frauen befreien, Prinzessinnen retten, aber die waren inzwischen selten geworden in England, und irgendwann stellte sich die Frage der Berufswahl. Will versuchte es erst als Soldat, das war nichts, dann als Tischler, erst der dritte Versuch, das Sanitärgeschäft, erwies sich als Volltreffer. Kein Held, doch ein glücklicher Klempner.

Wills Firma Dyno-Rod kriegt 3000 Kundenaufträge am Tag, dieser hier, von Daniels Mutter Alison Blair, landet bei Will. Der Verkehr ist dicht, er braucht eine halbe Stunde.

Aus der "Berliner Morgenpost"

Aus der "Berliner Morgenpost"

Alison, die Mutter, verschwitzt, verzweifelt, führt Will zur Toilette.

Will führt die Rohrkamera ein. Auf einem Bildschirm kann er die Fahrt der Sonde verfolgen, kann navigieren, links, rechts, links, links, rechts, durch das unterirdische Venedig der Scheiße. Der Kameraschlauch ist 60 Meter lang. Jetzt müsste der kleine Kerl eigentlich auftauchen. Aber da ist nichts.

Nach endlosen Minuten entdeckt Will auf dem krisseligen Bildschirm eine Gestalt. Der Hund liegt auf dem Rücken, starr, streckt die Pfoten von sich, sieht jämmerlich aus. Lebt er?

Will, der große Kerl, füllt das winzige Bad der Blairs fast völlig aus, vor der Klotür, im Flur und in den Zimmern stehen sie alle in einer Reihe: Feuerwehrleute, Alison Blair, ihre sieben Kinder inklusive Daniel, örtliche Tierschützer, neugierige Nachbarn.

"Er lebt!", brüllt Will nach draußen.

Und jetzt stupst und schiebt und drückt Will den kleinen Körper mit der Sonde durch das Rohr bis zum nächsten Entnahmeschacht, zwischendurch hat es den Anschein, als ob der Hund aufgegeben hat, noch ein Stück, noch ein Stück, Will schiebt, drückt, jetzt - ein Feuerwehrmann greift zu.

Jubel, Applaus, Freudentränen, die Zeitung "Daily Mirror" kürt Will zum "Hero of the day".

War der schönste Tag in meinem Leben, sagt Will. Er hat keine Prinzessin gerettet, nur einen winzigen Hund, aber gerettet ist gerettet. Er gibt auf diesen Sieg am nächsten Wochenende im "The Royal Oak" etliche Foster's-Biere aus.

Die Blairs taufen den Hund auf den Namen der Klempnerfirma: Dyno. Will fügt zu der Liste, was man in einem Londoner Abflussrohr finden kann, einen Posten hinzu.



© DER SPIEGEL 31/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.