Stars Schlämmer als schlimm

Während die Marketing-Maschine für den neuen Film von Hape Kerkeling auf Hochtouren läuft, gibt nur dessen Kunstfigur Horst Schlämmer Interviews. Auch Brüno alias Sacha Baron Cohen und Uwe Wöllner alias Christian Ulmen agieren in den Medien, als wären sie real.

Der Ministerpräsident war eingeweiht. Er kannte Hape Kerkelings Kunstfigur Horst Schlämmer schon vorher und wusste, was auf ihn zukommt. Schlämmer - dieses Abziehbild eines Journalisten, dessen Anfangs-Sch schon lautlich andeutet, was dieser Typ alles ist: schmuddelig, schmierig, schleimig, schlimm.

Schockieren konnte Jürgen Rüttgers also eigentlich nichts mehr. Überraschungen waren nicht zu erwarten. Schlämmer würde ihn interviewen, und das würde in einem neuen Film zu sehen sein. Es war ein abgekartetes Spiel.

Doch offenbar schien der Politiker dies für ein paar Augenblicke selbst zu vergessen. So zumindest wirkt es im Film. Als Schlämmer ihm nämlich eröffnet: "Ich will Bundeskanzler werden", da ist auf Rüttgers Gesicht ein Ausdruck zu sehen, der nicht mehr zum Spiel gehört, sondern der Kunstfigur direkt gilt. "Das meinst du jetzt nicht ernst", heißt dieser Ausdruck.

Dann entspannt er sich: "Darf ich das der Angela Merkel sagen? Soll ich sie vorwarnen?" Das ist ganz lustig. Doch der eigentliche Gag ist Rüttgers' Blick.

Es sind diese raren Augenblicke, die das Publikum liebt: Wenn eine unglaublich bescheuerte Kunstfigur vom Gegenüber für voll und für echt genommen wird. Hape Kerkeling hat ein solches Wesen mit Schlämmer erschaffen. Der Brite Sacha Baron Cohen brachte dem Planeten den kasachischen Irren Borat und die Ösi-Tucke Brüno. Christian Ulmens erfolgreichste Kreation ist der labernde Loser Uwe Wöllner.

Doch diese Kunstfiguren bleiben längst nicht mehr in ihren angestammten Biotopen - in Comedy-Filmen und Comedy-TV. Sie nutzen mittlerweile auch den Journalismus für ihre Inszenierung. Sie geben Interviews, als seien sie real - und Journalisten werden zum Teil des Spiels.

Am 20. August kommt "Horst Schlämmer - Isch kandidiere" in die Kinos. Die Marketingmaschine für den Film wird in dieser Woche so richtig hochgefahren. An diesem Dienstag: Pressekonferenz im Ritz-Carlton in Berlin.

Und die Kunstfigur macht ernst. Kerkeling sitzt auf der Pressekonferenz nicht als Kerkeling, sondern nur als dieser sonderbare Typ mit Trenchcoat, Herrenhandtasche, falschen Zähnen und rheinisch-schnarrendem Timbre. Wer über den neuen Schlämmer-Film reden will, kann das nur mit Schlämmer. Kerkeling selbst beantwortet keine Fragen.

Es ist, zum einen, eine PR-Masche, zum anderen ist es auch ein Test, wie stark die Kunstfigur wirklich ist. Ist sie spannend genug, um allein Gegenstand der Berichterstattung zu sein?

Bisher hat Schlämmer den Realitätsdruck ausgehalten. Er ist - anders als etwa Kerkelings Schöpfung Uschi Blum - den Deutschen mittlerweile als Person vertrauter als mancher B-Promi. Wenn er bei Günther Jauchs "Wer wird Millionär?" auftritt und dem Moderatorenstar die Show stiehlt, verliert der Zuschauer irgendwann aus den Augen, dass er einer Kunstfigur aufsitzt. Und "Isch kandidiere"-Regisseur Angelo Colagrossi, der auch Kerkelings Lebensgefährte ist, erzählt, dass ihn Leute ernsthaft ansprächen, er solle doch mal gemeinsam mit Hape Kerkeling und Horst Schlämmer vorbeikommen, die zwei wären zusammen bestimmt ein lustiges Paar.

Die Eigenständigkeit seiner Figuren am weitesten getrieben hat Sacha Baron Cohen, der Erfinder von Borat und Brüno. Ihn gibt es öffentlich so gut wie gar nicht. Er gibt fast keine Interviews. Nur seine Figuren reden und verlieren so von Interview zu Interview immer mehr von ihrer Fiktivität. "Brüno", so sehr ist das Konzept hier aufgegangen, ist dann nur noch "der neue Film von Borat".

Doch Cohen ist auch ein Beispiel dafür, wie schnell man abrutschen kann auf dem schmalen Grat zwischen künstlerischem Konzept und purer Reklame. Er klemmte die Medien für seine "Brüno"-Kampagne derart ins PR-Korsett, dass alles Spielerische verlorenging und damit auch der eigentliche Witz an der Sache.

Als Brüno im österreichischen Fernsehen auftrat, mühte er sich nach Kräften, die Alpenrepublik zur provozieren. Er habe bewiesen, dass es "eine Alternative zum österreichischen Traum gibt, einen sicheren Job finden und ein Kellerverlies, in dem man eine Familie großzieht", sagte er in Anspielung auf den Inzestfall von Amstetten. Und ein paar Augenblicke später wies er den Interviewer zurecht: "Könnten Sie übrigens mich anschauen und nicht dauernd auf meinen Kugelsack starren? Versuchen wir professionell zu bleiben." Der Journalist blickte ungläubig.

Doch irgendwie schlug diese Kunstfigur nicht in der Realität ein. Was Brüno sagte, war den Österreichern ziemlich egal. Und die Journalisten waren entnervt.

Peter Fritz, Berliner Büroleiter beim ORF, führte das Interview. Er war von Cohen eher entsetzt. Er habe die Fragen tags zuvor einreichen müssen, damit ein Autorenteam die Antworten zurechtbasteln konnte. Der Komiker habe sie dann auf einer Art Teleprompter während des Interviews abgelesen. "Da war nichts spontan, und wenn ich vom Manuskript abgewichen bin, hat er gar nicht reagiert."

Die Kunstfigur erwachte nicht zum Leben. Sie blieb blutleerer Fake.

Das Geniale an Borat war, dass da eine Kunstfigur ein Stück der realen Welt aus den Fugen brachte. Die kasachische Regierung war von dessen Unflätigkeiten übers angebliche Heimatland so erbost, dass erst der kasachische Botschafter in London protestierte und schließlich noch eine Imagekampagne organisiert wurde, um den neuen üblen Ruf zu reparieren. Für diese Story ließ sich die weltweite Journaille die inszenierten Interviews noch gern gefallen.

Borat hatte in der realen Welt solche Verwüstungen angerichtet, dass man ihm zu diesen Dingen sogar sehr reale Fragen stellen konnte. Bei Horst Schlämmer ist das ein wenig anders. Gespräche mit ihm sind witzig und sehr speziell, aber irgendwie sinnlos. Eigentlich geht es um nichts. Was schließlich soll man eine Kunstfigur fragen, die Kanzler werden will? Ein Versuch:

"Man kann mich anfassen, und ich rieche."

SPIEGEL: Herr Schlämmer, erfüllen Sie die Sehnsüchte nach dem starken Mann, der für schnelle Lösungen sorgt?

Schlämmer: Also, der starke Mann ist mir insofern schon gar nicht möglich, dass ich ohne Hilfe morgens gar nicht allein aus und abends nur ohne Hilfe ins Bett komme, wenn ich was getrunken habe. Ich habe Kreislauf, ich habe Rücken, und ich habe Mitte. Ich bin konservativ, ich bin links, ich bin liberal - und das ist im Grunde doch das ganze Land.

SPIEGEL: Wie schätzen Sie ihre Gegnerin ein, die Kanzlerin?

Schlämmer: Ich bewundere an der Merkel, dass sie in den letzten vier Jahren ihrer Kanzlerschaft keinen Skandal gehabt hat. Das spricht für sie. Andererseits ist sie dadurch auch ein bisschen konturlos. Vielleicht hätte ihr der eine oder andere Skandal auch gutgetan.

SPIEGEL: Wo ist eigentlich die SPD geblieben? Verschwunden?

Schlämmer: Die SPD ist wahlsloganmäßig ein bisschen abgetaucht zurzeit. Aber die Wahlslogans aller Parteien haben ja so etwas Ätherisches, ich möchte fast sagen: Esoterisches. Die sind von einer Leichtigkeit, da pusten Sie gegen, und dann kommen die wieder hoch.

Anders als Cohens Kreaturen provoziert Kerkelings Kunstfigur nicht. Nur ihre Klamotten sind schlämmer als schlimm, und sie müffelt nach Schnaps. Doch sie fabriziert keine Skandale, die Journalisten so lieben. Der Nachrichtenwert der Figur Schlämmer ist gleich null.

Schlämmer funktioniert in den Medien nur, weil das Publikum diesen Typen tatsächlich mag - und nicht nur, weil hinter der Maske Hape Kerkeling steckt. Deshalb werden in den nächsten Tagen und Wochen die Zeitungen und TV-Promi-Magazine voll sein mit Schlämmer-Interviews und Schlämmer-Porträts. Er wird behandelt werden wie jede reale Celebrity auch - und wird zwischen all den "Promis", von denen man ohnehin nie wusste, warum man sie kennen muss, nicht einmal besonders auffallen. Es ist ein Vexierspiel, das die Kunstfigur am Ende scheinbar selbst verwirrt:

SPIEGEL: Eines haben wir nur noch nicht verstanden: Kandidieren Sie wirklich, oder spielen Sie nur als Sie selbst in einem Film mit, der sich Ihre Popularität zunutze macht?

Schlämmer: Das ist nicht sicher. Die Constantin hat ja einen Film dazu gedreht. Also ich bin der festen Überzeugung, ich würde kandidieren. So wurde es mir auch verkauft.

Eigentlich ist Schlämmer viel zu bekannt, um noch jemanden in Deutschland mit seiner puren Existenz zu überraschen. Doch bei "Isch kandidiere" gibt es Ausnahmen. Schlämmer hatte sich auch zu Interviewterminen mit Vertretern von sehr kleinen Parteien verabredet - und die reagieren auf ihn so wie die ersten Menschen, auf die Kerkelings Schöpfung vor Jahren losgelassen wurde: entsetzt, dass es so jemanden tatsächlich zu geben scheint.

Über diesen Charme des Noch-Unbekannten verfügt zurzeit noch Uwe Wöllner, das Geschöpf von Christian Ulmen. Die Figur entstand in einem Fernsehformat und ist mittlerweile Kultobjekt einer eher überschaubaren Fan-Gemeinde im Internet. Wöllner kann sich noch relativ inkognito durch die wahre Welt bewegen.

Seine Story ist simpel. Der ziemlich beschränkte, aber haltlos plappernde Arbeitslose Uwe wurde vom TV-Reporter Schorch überredet, Protagonist einer Doku-Serie zu sein. Und genau als eine solche Fernsehproduktion, wie es sie in Deutschland zigfach gibt, melden sich Uwe und Schorch dann bei ihren Opfern an.

Ulmen ist in der Umsetzung dieser Idee einigermaßen radikal. Er erspart es seiner Figur auch nicht, dass sie von Schorch in ein Bordell gedrängt wird, wo sie mit heruntergelassener Unterhose vor laufenden Kameras ihre Unschuld verliert. Das Bordell und die Prostituierte seien echt, versichert Ulmen. Nur der eigentliche Akt sei gefaked. Was Schorch in der Szene erklären konnte, ohne die Prostituierte misstrauisch werden zu lassen. Schließlich arbeiten ähnliche "Doku"-Produktionen sonst ja auch mit gestellten Szenen.

Der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" waren die beiden Kunstfiguren Uwe und Schorch ein langes Interview wert. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber des Blattes, war einer der Interviewer. Die Idee sei ihm gekommen, als er den Darsteller des Schorch auf einer Party traf und irritiert feststellte, "dass ich die Figur selbst für ganz real halte".

Eigentlich hatte er erwartet, dass das Interview irgendwann kippen und man mit den Schauspielern über die Figuren reden werde. Doch das Gespräch entwickelte eine Eigendynamik. "Zweieinhalb Stunden hat es gedauert", erzählt Ulmen. "Und Schirrmacher war mit großer Spielfreude dabei. Er wollte unbedingt, dass Schorch endlich gesteht, dass er Uwe eigentlich ausnutzt."

Eigentlich eine absurde Situation, eine Kunstfigur zum Geständnis zu bewegen. Ulmen selbst war begeistert: "Ich hatte gar nicht geahnt, wie sehr meine Figur mittlerweile als real empfunden wird."

Die Kunstfigur Schlämmer hat es in diesem Spiel besonders schwer. Sie muss ihren Schöpfer Hape Kerkeling vergessen machen, immerhin einer der beliebtesten Komiker, der als Autor des Pilgerbuchs "Ich bin dann mal weg" einen der erfolgreichsten Bestseller der vergangenen Jahre hinlegte. Kerkeling schweigt. Dafür kann man Schlämmer in ein grenzkomisches Gespräch darüber verwickeln, ob es ihn überhaupt gibt:

SPIEGEL: Kennen Sie Brüno, den österreichischen Modejournalisten?

Schlämmer: Ja natürlich.

SPIEGEL: Es geht das Gerücht, er sei bloß die Erfindung eines Komikers. Glauben Sie das?

Schlämmer: Mir wird ja auch immer unterstellt, dass ich eine Kunstfigur sei. Aber schauen Sie, ich bin keine Kunstfigur, ich bin real. Ich bin auch mal virtuell, aber generell mehr real.

SPIEGEL: Woran erkennt man das?

Schlämmer: Man kann mich anfassen, und ich rieche.