AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2009

Leichtathletik Laufen in der Matrix

Die Sprinter Usain Bolt und Dwain Chambers leben in unterschiedlichen Welten. Der Olympiasieger aus Jamaika wird als Superstar gefeiert, der Brite Chambers, 2003 des Dopings überführt, steht vor den Trümmern seiner Karriere. Bei der WM in Berlin treten sie noch einmal gegeneinander an.


Auf seiner Tournee um die Welt ist Usain Bolt, 22, in Manchester, Nordengland, angekommen. In der Innenstadt ist eine Laufbahn für ein Rennen über 150 Meter aufgebaut. Bolt, dreifacher Olympiasieger und Weltrekordler über 100 und 200 Meter, ist der Stargast, er bekommt 120.000 Dollar Antrittsgage. Er steht in einem kleinen Zelt und wartet auf seinen Auftritt. Es regnet.

Die 150 Meter sind keine offizielle Wettkampfdistanz, es ist ein Showrennen, eine Werbeveranstaltung, vorbei an einer Großbank und einem Armani-Laden. Eine Zeitung schreibt, nichts sei dämlicher als ein Wettlauf mitten in Manchester.

Aber nun strömen immer mehr Menschen an die Strecke, und als neben der Laufbahn kein Platz mehr frei ist, klettern die Leute auf Telefonzellen und Lichtmasten, sie kauern in Fensternischen und drängen auf Vordächer. Sie wollen den schnellsten Mann der Welt sehen, einen dunkelhäutigen Schlaks aus Jamaika, von dem es heißt, er könne jederzeit eine neue Bestzeit setzen. An einem Haus hängt ein riesiges Plakat: "Welcome to the Show".

Kurz vor dem Start schlendert Bolt auf eine Gruppe Jugendlicher zu, die ein Autogramm von ihm wollen. "Usain, was hast du heute drauf?", fragt ein Junge. "Was wollt ihr sehen?", fragt Bolt zurück. "Einen Rekord", sagt der Junge. Bolt guckt in den Himmel. Es hat aufgehört zu regnen. Er sagt: "In Ordnung."

Vier Bahnen sind ausgelegt in der City in Manchester, Bahn drei ist für Bolt reserviert. Auf Bahn zwei sollte eigentlich der britische Halleneuropameister laufen, aber Dwain Chambers ist nicht da.

Chambers, 31, trainiert im Lee Valley Athletics Centre im Norden von London. Er macht Steigerungsläufe, danach Gymnastik. Das Hotel in Manchester war schon gebucht, aber dann wurde er kurzfristig ausgeladen.

Chambers gewann 2002 bei der Europameisterschaft in München über 100 Meter, doch der Sieg wurde ihm aberkannt. Er war Kunde des kalifornischen Doping-Gurus Victor Conte, flog im Zuge der sogenannten Balco-Affäre auf und verbüßte von 2003 bis 2005 eine Doping-Sperre. Heute lebt Chambers in der Peripherie des Weltsports. Zu großen Sportfesten wird er nicht eingeladen, er hat keinen Sponsor und trägt alte Trainingsklamotten auf. Der Internationale Leichtathletikverband will von ihm noch Prämien in Höhe von 120.000 Dollar zurückhaben. Um Geld zu verdienen, hat Chambers ein Buch über seine Doping-Karriere geschrieben. Möglich, dass er bald ins Dschungelcamp einzieht.

Nach dem Training geht Chambers in die Cafeteria, er hat ein enges Hemd an, seine Muskeln glänzen. "Ich war ein Junkie damals", sagt Chambers. Er nahm alles, was der Markt hergab, anabole Steroide, Wachstumshormon, Aufputschmittel, Epo, Insulin, manchmal ließ er sich Doping-Cocktails mixen, nach der Einnahme konnte er tagelang trainieren, ohne müde zu werden. Weil er kaum Schlaf brauchte, ging er sogar nachts in den Kraftraum.

Chambers spricht ganz ruhig, wenn er davon berichtet, wie er sich Spritzen setzte, er hatte keine Schuldgefühle. "Ich habe nie daran gezweifelt, dass es notwendig ist zu dopen, um im Sport ganz nach oben zu kommen", sagt Chambers.

Die Sprinter Usain Bolt und Dwain Chambers sind extreme Beispiele dafür, in was der moderne Sport Athleten verwandeln kann. Sie träumten beide von Ruhm und Rekorden. Bolt hat alles erreicht, er ist ein Superstar, in seiner Heimat ein Nationalheld und verdient Millionen. Chambers steht vor den Trümmern einer verkorksten Laufbahn, er sagt von sich selbst: "Ich bin ein Mahnmal." Sie leben in unterschiedlichen Welten. Doch am kommenden Wochenende werden Bolt und Chambers noch einmal gegeneinander antreten über 100 Meter bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin.

Als Bolt in Manchester in den Startblock steigt, kommt kurz die Sonne raus. Er hängt seine Gegner locker ab, geht mit großem Vorsprung durchs Ziel, auf der Anzeigetafel blinkt die Zeit: 14,35 Sekunden. Ein neuer Weltrekord über 150 Meter, wie auf Bestellung. Fanfaren, Konfettiregen, Fans springen auf die Laufbahn, tanzen mit Bolt, manche streicheln ihn wie ein schönes Tier.

In den vergangenen Jahren hat kein Athlet das Publikum so sehr begeistert wie Bolt. Er mag Fußball und Fast Food, feiert gern und hat auch schon mal einen Joint gerollt. Für die Fans kommt er damit rüber wie ein normaler junger Mann. Obwohl er bis zu 250. 000 Dollar pro Auftritt verlangt, reißen sich die Meeting-Manager um ihn. Als vor dem Golden-League-Sportfest in Paris bekannt wurde, der Jamaikaner werde dort antreten, verdreifachte sich der Ticketvorverkauf.

Bolt schürt die Emotionen. Nach jedem Siegeslauf zeigt er die Pose des Bogenschützen, sie ist zu seinem Markenzeichen geworden. "Er ist die perfekte Mischung aus Entertainment und Höchstleistung", sagt der Berliner Sportfest-Veranstalter Gerhard Janetzky.

Vor einem Meeting in Zürich sitzt Bolt an einem großen Konferenztisch. Es werden die üblichen Fragen gestellt. Wollen Sie auch mal heiraten? Essen Sie immer noch am liebsten Chicken Nuggets? Er langweilt sich, beginnt mit den Händen auf dem Tisch zu trommeln, man spürt, er hat Lust, die Runde aufzumischen, und plötzlich sagt er ungefragt: "Ich denke, ich könnte die 100 Meter in 9,50 Sekunden laufen, es ist möglich."

Die Reporter gucken sich verblüfft an. Hat er das wirklich gesagt? 9,50! Die Zahlen wandern durch die Reihen wie ein Virus. Noch nie hat sich ein Sprinter so weit nach vorn gewagt.

Die Welt wartet nun auf den Wunderlauf. Egal, wo Bolt zuletzt auftrat, in Toronto, in Paris, in Ostrau, Lausanne, in London, immer hielt ein ganzes Stadion den Atem an, wenn er die Laufbahn betrat.



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