Umwelt Blick unter die Maske

Kehrt der Amazonas-Regenwald zurück? Neue Studien deuten darauf hin, dass nachwachsende Vegetationen den Dschungel zumindest teilweise ersetzen können. Kritiker befürchten jedoch, der Raubbau werde verharmlost - denn auch die Sekundärwälder werden oft wieder abgefackelt.

Wie eine Wand steht der Wald hinter Felipe Garcías Hütte. "Vor sieben Jahren haben meine Nachbarn ihre Farm aufgegeben", erzählt der Bauer. "Jetzt hat sich ihr Grundstück in Dschungel verwandelt." Dann streicht er über seinen runden Bauch: "Und wenn ich mein Feld nicht bestelle, sieht es in ein paar Jahren genauso aus."

García ist vom Stamm der Ngöbe, der größten indianischen Gemeinschaft Panamas. Als einer der wenigen Einwohner in dem Städtchen Chilibre lebt er noch vom Ackerbau. Die meisten Bauern haben ihre Farmen längst aufgegeben. "Den jungen Leuten ist die Landarbeit zu anstrengend", klagt der Indio. "Sie arbeiten lieber in der Hauptstadt."

Die Bürotürme von Panama-Stadt sind eine knappe Autostunde entfernt. Chilibre ist zur Schlafstadt geworden - und zu einem faszinierenden Studienobjekt für Botaniker und Ökologen: Auf den verlassenen Farmen in der ehemaligen Kanalzone wuchert schon nach wenigen Jahren wieder dichte Vegetation.

Früher wurden die "Sekundärwälder", wie das nachgewachsene Grün genannt wird, von den Forschern verschmäht. Unstrittig ist: Sie sind längst nicht so spektakulär wie die artenreichen Primärwälder mit ihren oft jahrhundertealten Baumriesen, es gibt in ihnen auch nicht so viele Tier- und Pflanzenarten. Doch nun interessieren sich immer mehr Biologen für die vernachlässigte Vegetation. So kommt eine Uno-Studie zu dem Ergebnis, dass die ökologische Bedeutung der neuen Wälder "unterbewertet" sei; überall auf der Welt würden sie "dramatisch anwachsen".

Erholt sich der Regenwald tatsächlich wie von selbst vom Raubbau? Sind die Folgen der Abholzung womöglich gar nicht so verheerend, wie Umweltschützer jahrelang gepredigt haben?

"In den meisten tropischen Ländern gibt es heute mehr sekundäre als primäre Regenwälder", erläutert der US-Biologe Joe Wright. "Insgesamt ist die von Vegetation bedeckte Fläche stabil." Vor allem in den tropischen Ländern führen Landflucht und Verstädterung dazu, dass immer mehr Bauern ihre Felder aufgeben. Auf den Brachen gedeihe neues Grün. Wright: "Die Zahlen sprechen für sich."

Wright forscht am Smithsonian Institute in Panama. Er arbeitet in einem von den Amerikanern erbauten Holzhaus in der ehemaligen Kanalzone, nur wenige Kilometer von der Hütte Felipe Garcías entfernt. Seit 25 Jahren erkundet der Forscher die Urwälder Zentralamerikas, die seit langem überwiegend aus Sekundärvegetation bestehen. "Denn schon die Maya haben abgeholzt", sagt Wright.

Unlängst hat der Wissenschaftler die für den Bau des Panama-Kanals gerodeten Zonen untersucht; die Siedler waren dort von den Amerikanern vertrieben worden. Seither hat sich der größte Teil der Region wieder in Regenwald verwandelt. Für einen Laien ist der Unterschied zu einem Primärwald kaum zu erkennen: Affen kreischen, bunte Schmetterlinge flattern über die Dschungelpfade, am Himmel kreist ein Adler. Wright: "Viele Tiere passen sich an die Umgebung an, die Artenvielfalt bleibt zu 80 Prozent erhalten."

Mit seinen Feldstudien hat der US-Forscher einen Gelehrtenstreit losgetreten, der mittlerweile Forscher auf der ganzen Welt beschäftigt. "Joe ist naiv", grummelt sein Widersacher Bill Laurance, der selbst jahrelang im brasilianischen Amazonas-Gebiet geforscht hat und sogar am selben Institut arbeitet wie Wright. Privat sind die beiden befreundet, beruflich erbitterte Gegner.

Laurance fürchtet, dass Wright die Zerstörung der Urwälder verharmlost: "Die Verhältnisse im kleinen Panama lassen sich nicht verallgemeinern. Am Amazonas zerstören Rinderzüchter und Agroindustrie den Dschungel auf breiter Front. Das Gestrüpp, das auf den gerodeten Flächen gedeiht, ist die Karikatur eines Waldes."

Brasilien sei "eine Schlüsselregion" für die Zukunft des Regenwalds, räumt auch Wright ein. Drei Viertel des Amazonas-Dschungels liegen auf brasilianischem Staatsgebiet, nirgendwo wird der Wald so rücksichtslos zerstört. Dennoch fehlten zuverlässige Informationen über die langfristigen Folgen des Raubbaus.

17 Prozent des brasilianischen Amazonas-Regenwalds seien bislang abgeholzt worden, meldet das staatliche Raumfahrtforschungsinstitut Inpe, das den Urwald per Satellit überwacht. Was auf den gerodeten Flächen geschieht, wenn sie nach einigen Jahren landwirtschaftlicher Nutzung aufgegeben werden, sei jedoch "ein großes Rätsel", bekennt auch Inpe-Forscher Claudio Almeida.

In Belém im Amazonas-Mündungsgebiet baut der Wissenschaftler derzeit ein Institut des Inpe zur Erforschung der Regenwälder auf. Zwischen Umzugskisten und elektronischem Gerät sitzt er an einem Computer und wertet Satellitenbilder aus, die vom Inpe-Satellitenkontrollzentrum in São Paulo übermittelt werden. Die aktuellen Bilder aus dem All zeigen nur die jüngst gerodeten Flächen; wie sich das schon länger abgeholzte Terrain weiterentwickelt, haben die Wissenschaftler bislang ausgeblendet. Almeida: "Jetzt blicken wir erstmals unter die Maske."

Der Agronom aus São Paulo erforscht die Sekundärvegetation im gesamten brasilianischen Amazonas-Gebiet. Per Satellit hat er 26 Orte ausgewählt, die schon vor Jahren gerodet wurden und später verwilderten. Anschließend klapperte er sie zwei Monate lang mit dem Auto ab. Sein Befund: "20 Prozent der abgeholzten Flächen erholen sich."

Dennoch gibt Almeida keine generelle Entwarnung für den Regenwald: "Nach spätestens fünf Jahren werden die meisten Sekundärwälder erneut abgefackelt oder abgeholzt." Rinderzüchter nutzen die Brachen als Weideland, Farmer säen Soja oder Getreide.

Für Brasilien hat die Sekundärvegetation trotzdem einen großen Nutzen: Die neuen Wälder tragen zur Bindung des Treibhausgases Kohlendioxid bei und bremsen so die globale Erwärmung. "Unsere Biomasse ist größer als bislang angenommen", bilanziert Almeida. Auf der Uno-Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen, wo über die Nachfolge des Kyoto-Protokolls beraten wird, werden die neuen Wälder denn auch ein Schlüsselthema sein.

Wright würde sie am liebsten gleich unter Naturschutz stellen: "In vielen Ländern gibt es überhaupt keine Urvegetation mehr. Da muss man schützen, was noch zu schützen ist."

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