AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2009

Medizin Misshandelt im Mutterleib

Norbert Michalke

2. Teil: Bereits in kleinsten Dosen entfaltet Ethanol sein verheerendes Werk


Das Urteil stützt sich auf Befunde, die zweierlei zeigen: Alkoholbedingte Schäden treten sogar schon bei scheinbar geringen Mengen auf. "Ein Vollrausch zur falschen Zeit", sagt Spohr, "kann zwischen Hauptschule und Gymnasium entscheiden."

Bereits in kleinsten Dosen entfaltet das Ethanol, so der chemische Begriff für den Trinkalkohol, sein verheerendes Werk. Es verändert die Arbeit bestimmter Gene in den Nervenzellen und stört die Übertragung molekularer Signale im wachsenden Gehirn: Dadurch kann dessen Heranreifen empfindlich gestört werden.

Die hirnorganischen Schäden machen sich in kognitiven Defekten bemerkbar. Dazu zählen Verluste der Impulskontrolle - wie bei Heide, die ihre Eltern urplötzlich auf das Übelste beschimpft. Aber auch Störungen der sogenannten Exekutivfunktionen treten auf: Die Betroffenen haben ein miserables Arbeitsgedächtnis, sie können nicht gezielt planen und handeln.

Noch ein Beispiel von Heide: Als sie sich kürzlich einen Fahrschein kaufen wollte, fragte sie der Mann am Schalter, ob sie eine Gruppenkarte oder ein "Single-Ticket" brauche. Wütend sei die Tochter nach Hause gekommen, erzählt die Mutter, und habe gerufen: "Was geht den Kerl an, ob ich einen Freund habe?"

Solche vermeintlich harmlosen Macken summieren sich im Alltag auf; Heide kann weder Rechnungen pünktlich begleichen noch mit Geld haushalten. Die Sissi-Filme, die sie so gern schaut, hält Heide für echt - und ist verwirrt, wenn sie die Darstellerin in einer anderen Rolle sieht.

Die Alkoholgeschädigten ecken auch deshalb andauernd an, weil man ihnen die geistige Behinderung zunächst kaum anmerkt. Die Psychologin Gela Becker-Klinger, die in Berlin die bundesweit einzige Beratungsstelle für alkoholgeschädigte Kinder eröffnet hat, erzählt das Beispiel eines jungen Mannes mit einem vorgeburtlichen Alkoholsyndrom. Der brach abends vor einem S-Bahnhof in Berlin ein Fahrradschloss auf, gleich unter der Straßenlaterne, um besser sehen zu können. Als ihn ein Polizist zur Rede stellte, antwortete der Halbwüchsige mit scheinbar kindlicher Unschuld: Er klaue doch niemandem etwas, sondern borge sich nur ein Rad für den Heimweg. "Der meinte das wirklich so", sagt Becker-Klinger. "Der Polizist kam sich natürlich veralbert vor."

Nicht nur Ordnungshüter tun sich schwer, die pränatal erworbenen Behinderungen anzuerkennen. Auch etlichen Mitarbeitern von Jugendämtern, so Spohr, sei das Problem noch viel zu wenig bekannt. "Selbst wenn die Mutter eine Alkoholikerin war, dokumentieren die Mitarbeiter der Jugendämter kaum deren Trinkgewohnheiten", kritisiert der Kinderarzt. "Die haben kein Interesse an der Diagnose, weil sie die Kinder dann möglicherweise nicht mehr vermitteln können."

Ähnlich sieht es der HNO-Arzt Volker Baschek, der in seiner Gelsenkirchener Praxis alkoholgeschädigte Kinder mit Hörschäden untersucht. "Die Jugendämter sind gar nicht über das Krankheitsbild informiert", sagt Baschek. Man könne sich nicht des Eindrucks erwehren, erregte der Doktor sich unlängst im "Deutschen Ärzteblatt", "der Staat und die Jugendämter versuchen ohne Berücksichtigung der möglichen gravierenden Folgen, das Risiko auf Adoptionsfamilien abzuwälzen".

Enttäuschte Eltern haben inzwischen bundesweit Selbsthilfegruppen gegründet und klagen über ihr Leid. Eine 47 Jahre alte Mutter aus dem Raum Soest etwa würde die Adoption ihres inzwischen wegen Körperverletzung und Vandalismus aktenkundigen Sohnes, 16, am liebsten rückgängig machen: "Wir wollten ein gesundes Kind, jetzt haben wir ein alkoholgeschädigtes Kind, mit dem wir nicht fertig werden." Derzeit liegt sie im Streit mit den Behörden: Wer bezahlt für den Sohn, der in einem speziellen Heim verwahrt werden muss?

130 Kilometer nördlich von Soest, im beschaulichen Bünde, findet der Maschinenschlosser Peter Schubert ebenfalls deutliche Worte. Zusätzlich zu zwei leiblichen Kindern nahmen seine Frau Marlene und er im August 1993 ein Baby zur Pflege, das sie für gesund hielten. Doch der Junge mit den kleinen graugrünen Augen versagte in Kindergarten und Schule und mischte seine Familie 13 Jahre lang auf.

Mittlerweile ist bei dem renitenten Pflegesohn ein vorgeburtlicher Alkoholschaden diagnostiziert; doch als er als Säugling zu den Schuberts kam, hätten die Mitarbeiter des Jugendamts die bereits bekannte Alkoholsucht der leiblichen Mutter als unerheblich abgetan: Mit Liebe könne man viel wiedergutmachen.

Jetzt ist der Spross 16 Jahre alt, kann dem Vater zufolge gerade mal von eins bis 20 zählen und wurde, nachdem er eine Betreuerin beinahe zu Tode gewürgt hätte, in einem Heim mit ständiger Rufbereitschaft aufgenommen. Rückblickend sagt Schubert: "So ein Kind hätte niemals in einer normalen Pflegefamilie untergebracht werden dürfen."

Zumindest der Landschaftsverband Westfalen-Lippe müht sich neuerdings um Abhilfe und versucht, alkoholgeschädigte Babys in spezielle Pflegefamilien zu geben, die im Umgang mit besonders bedürftigen Zöglingen geschult werden. Andere Jugendämter dagegen streiten das Syndrom ab - und unterstellen den Ersatzeltern sogar, sie redeten ihre Schutzbefohlenen bloß krank. Wie Lügenbaron Münchhausen erfänden sie die Symptome ihrer Kinder, um sich selbst zu erhöhen.

So geht es etwa aus einem Brief hervor, den eine Mitarbeiterin des Fachamts Jugend- und Familienhilfe des Bezirksamts Hamburg-Eimsbüttel im Mai über die Familie Rosenke und ihre alkoholgeschädigte Pflegetochter geschrieben hat: Aus dem Verhalten der Pflegeeltern ergebe sich "der Verdacht auf ein Münchhausen-by-proxy-Syndrom".

Die Ferndiagnose aus dem Jugendamt erscheint gewagt. Die Verfasserin des Briefs unterstellt mal eben ein psychiatrisches Syndrom, dessen Existenz medizinisch umstritten ist - und ignoriert ein Leiden, dessen Folgen unstrittig und eigentlich nicht zu übersehen sind.

Die Berlinerin Nicole Graf, 41, hat im eigenen Leib erfahren, was Alkohol einem ungeborenen Kind zufügen kann. Bis vor fünf Jahren hat die Frau immer wieder und zeitweise ausschweifend getrunken und in dieser Zeit zwei Söhne geboren: Patrick hat einen IQ von 85, er besuchte die Sonderschule; Leonard hat einen IQ von 111 und soll aufs Gymnasium kommen.

Obgleich die Söhne von verschiedenen Vätern stammen, gibt sich Graf, die jetzt trocken ist und aus ihrer Geschichte kein Hehl macht, keinen Illusionen hin, wo die Unterschiede herkommen: "Ein Teil von Patricks Defiziten rührt daher, dass ich während seiner Schwangerschaft wesentlich mehr getrunken habe als bei Leonard."

Patrick versucht gegenwärtig, eine Ausbildung als Teilfacharbeiter im Gartenbau zu schaffen. Er ist sich seiner Einschränkungen und Defizite bewusst und hat den Grund dafür von der Mutter erzählt bekommen. Aber er ist geistig nicht in der Lage, ihr das zum Vorwurf zu machen - die Räusche vor seiner Geburt waren einfach zu stark.



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