AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2009

Pfandhäuser Der letzte Ausweg

Unternehmer verpfänden ihre Luxusautos, Mittelständler ihren Schmuck, Hartz-IV-Empfänger letzte Habseligkeiten: Die Finanzkrise beschert den Leihhäusern eine Hochkonjunktur, über eine Million Kunden versorgen sich dort mit Bargeld.

Bert Bostelmann / Bildfolio

Von Bruno Schrep


Zögernd betritt der gepflegt wirkende Mann im hellbraunen Anzug den grell ausgeleuchteten Laden. Das Geschäft ist gut besucht, er sieht sich mehrmals um. "Kommen Sie doch bitte hier hinein", ruft die junge Angestellte Michelle Jehn, die seine Unsicherheit bemerkt, winkt ihn in ein Nebenzimmer.

Im sogenannten Diskretionsraum, vor neugierigen Blicken geschützt, legt Wolfgang Z. wortlos eine stählerne Uhr, Marke Festina, auf den Tresen, packt noch zwei glänzende Ringe dazu. "Das Goldgewicht ist leider nicht sehr hoch", bedauert die junge Frau nach kurzer Prüfung. "Ich kann Ihnen nur 150 Euro geben."

Wolfgang Z. guckt entsetzt. "Eigentlich hatte ich viel mehr erwartet", murmelt er, nickt dann aber resigniert. "Ist schon okay." Er steckt schnell das Geld ein und verlässt mit eiligen Schritten das Geschäft. Auf keinen Fall gesehen werden. Weg, bloß weg.

Alltag im Leihhaus Exchange in der Frankfurter Kaiserstraße. Hier, im Schatten der nahe gelegenen Bankentürme, ist die Krise, die mit Fehlentscheidungen in den obersten Etagen solcher Türme begann, bei den Menschen unten angekommen.

"Der erste Gang kostet Überwindung"

Noch vor einem Jahr hätte ein Mann wie Wolfgang Z. ausgeschlossen, jemals ein Pfandhaus zu betreten. Der Vertriebsleiter im Außendienst, 47 Jahre alt, immer erfolgreich, kaufte ein Haus, legte sich einen Zweitwagen zu. Dass sich sein hohes Einkommen zu 50 Prozent aus Umsatzprovision errechnete - na und?

Inzwischen wird sein Sortiment, teure Software für Computersicherheit, immer seltener geordert, die Firmen sparen. Und Wolfgang Z. bangt nicht nur um seinen Arbeitsplatz. Was er jetzt noch verdient, reicht nicht, um Hypothekenzinsen, Lebensversicherung und den Unterhalt der Familie mit den drei Kindern zu bestreiten.

Dem Entschluss, alten Familienschmuck zu verpfänden, stimmte die Ehefrau nur nach seinem Schwur zu, zumindest die Ringe wieder auszulösen. Ob das wirklich klappt, ist mehr als fraglich. Das Bankkonto ist hoffnungslos überzogen, auf dem Schreibtisch zu Hause stapeln sich unbezahlte Rechnungen. Die 150 Euro aus dem Leihhaus werden für eine Tankfüllung und die Lebensmittel der nächsten Tage reichen. Und dann? Noch einmal hierher? Wolfgang Z. zuckt mit den Schultern. "Vielleicht."

"Der erste Gang zu uns kostet größte Überwindung", berichtet Exchange-Mitarbeiter Gerhard Bodensohn, "mit jedem weiteren Besuch sinkt die Hemmschwelle." Goldschmiedemeister Bodensohn, Mitte vierzig, graue Schläfen, dunkles Sakko, ist Fachmann für Edelmetall und für Menschen. Er erkennt schnell, ob Kunden mit echtem Schmuck ankommen oder mit Tand; ob es sich um Zocker handelt, die ihren nächsten Spielhallen-Trip finanzieren wollen, oder um in Not geratene Durchschnittsbürger, die keinen anderen Ausweg mehr wissen.

Letztere werden immer mehr. Rund eine Million Deutsche trugen 2008 ihre Wertsachen ins Leihhaus. Sie verpfändeten Gegenstände im Wert von 510 Millionen Euro; für die rund 200 Pfandhäuser der Republik war es das erfolgreichste Jahr ihrer Geschichte.

Goldschmiedekunst zählt nicht, nur der Materialwert gilt

Und 2009 könnte noch besser werden. "Viel mehr passt hier nicht mehr rein", erklärt Bodensohn und zeigt auf zwei wuchtige Tresore im Ladeninnern, hinter deren 20 Zentimeter dicken Stahltüren Schmuck, Uhren und Münzen lagern, sorgsam verpackt, registriert und etikettiert.

Vor ihm auf dem Tisch liegen ein überdimensionaler Gürtel aus reinem Gold, zweieinhalb Kilo schwer, und ein protziges Diadem, ebenfalls aus Gold. "Ist heute erst verpfändet worden", sagt Bodensohn.

Goldschmiedekunst zählt nicht, als Beleihungsgrundlage gilt allein der Materialwert. Ausgezahlt werden nur etwa 25 Prozent des handelsüblichen Wiederverkaufswerts, für viele Kunden eine riesige Enttäuschung.

"Mein Schmuck hier ist in mehreren Katalogen aufgeführt, sogar mit Fotos", beschwert sich eine ältere Adlige in Finanznot, die fein ziseliertes Geschmeide aus ihrer Handtasche kramt. "Das stammt noch aus dem Besitz des letzten russischen Zaren", behauptet sie - und kann kaum fassen, dass sie dafür nur ein Darlehen über 3000 Euro kriegt.

Das Gefühl mancher Kunden, übervorteilt zu werden, hat viel mit der Vergangenheit des Gewerbes zu tun. Geschichten über gierige Pfandleiher, die ihre Schuldner gnadenlos ruinieren, haben über Jahrhunderte das Bild geprägt. Und weil seit dem Mittelalter lange Zeit nur Juden solche Geschäfte ausüben durften, vom Handel und vom Handwerk ferngehalten wurden, lieferte das Metier auch gängige Vorwände für Antisemitismus.

Shakespeare hat in seinem "Kaufmann von Venedig" eine literarische Vorlage für das Zerrbild vom blutsaugenden jüdischen Wucherer geliefert: Der alte Geldverleiher Shylock verlangt für ein Pfanddarlehen das Recht, dem Kaufmann Antonio, wenn das Geld nicht zurückgezahlt wird, ein Pfund Fleisch aus dem Leib zu schneiden.

Anfangs haben 90 Prozent ihre Wertsachen wieder abgeholt

Ein Rest des alten Ruchs hängt der Branche bis heute nach. "Zu uns zu kommen hat noch immer einen Hautgout", bedauert Goldschmied Bodensohn. Auch wenn es, wie in Deutschland, penible gesetzliche Bestimmungen gibt.

"Wir haben kaum Spielraum", versichert Andreas Frühwirth, Leiter der Frankfurter Exchange-Filiale. Der studierte Soziologe zählt auf, an welche Vorschriften alle Leihhäuser gebunden sind: Die übliche Laufzeit beträgt drei Monate, Zinsen dürfen ein Prozent pro Monat nicht überschreiten, darüber hinaus fallen im Regelfall zweieinhalb Prozent Gebühren an. Die Kredite müssen auf Wunsch verlängert werden, die Pfänder dürfen nicht vor Ablauf von vier Monaten versteigert werden. Etwaige Überschüsse aus Versteigerungen stehen dem Eigentümer zu. Ist der unauffindbar oder tot, kassiert der Staat.

"Wir verdienen nur gut, wenn der Kram wieder ausgelöst wird", betont der Filialleiter. Bleibe die Firma auf dem Pfand sitzen, drohe dagegen ein Verlustgeschäft. Denn längst nicht immer decke der Versteigerungserlös die Darlehenssumme plus der entstandenen Kosten.

Noch zu Beginn der Wirtschaftskrise, berichtet Frühwirth, hätten 90 Prozent der Darlehensnehmer ihre Wertsachen wieder abgeholt - und meist auch kurzfristig. Inzwischen werde die Laufzeit häufig verlängert, gar verzweifelt versucht, das Einlösedatum weiter hinauszuzögern. Bei manchem, der prolongiere, beschleicht Frühwirth jetzt das Gefühl: "Der war zum letzten Mal hier. Den siehst du nie wieder."

Dafür kommen nun neue Kunden. Der Jungunternehmer zum Beispiel, dem die Sparkasse trotz guter Geschäftsidee kein Geld leihen will; er wird von seinem Vater begleitet, der nach zehn Minuten Bedenkzeit einwilligt, seine Rolex-Uhr zu verpfänden. Die Lebensmittelverkäuferin, die vor ein paar Wochen entlassen worden ist, aus Rationalisierungsgründen. Weil sie ihre Raten nicht mehr bezahlen kann, fiel ihr die Kette wieder ein, die ihr vor 20 Jahren ein Verehrer schenkte - und die sie noch nie getragen hat. "Sie ist mehr wert, als ich dachte", sagt sie, "ich muss ihm viel bedeutet haben."



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gutmensch666, 09.09.2009
1. Der Aufschwung
Zitat von sysopUnternehmer verpfänden ihre Luxusautos, Mittelständler ihren Schmuck, Hartz-IV-Empfänger letzte Habseligkeiten: Die Finanzkrise beschert den Leihhäusern eine Hochkonjunktur, über eine Million Kunden versorgen sich dort mit Bargeld. Von Bruno Schrep http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,647741,00.html
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,647741,00.html Kann gar nicht sein! Der Aufschwung ist beim Bürger aufgekommen und ausserdem geht es mit der Wirtschaft aufwärts!
lemming51 09.09.2009
2. Aufschwung
Wenigstens ist der Aufschwung bei den Leihhausbesitzern angekommen, das ist erst mal ein Anfang. Der Rest regelt sich dann unter schwarz-gelb. Ganz sicher !!
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