AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2009

Essay Angst und Biedersinn

DDP

Von Elke Schmitter

2. Teil: Es hat sich durchgesetzt, die Menschen draußen im Lande zu schonen.


Hier kommt wieder die Angst ins Spiel. Es ist schwer zu entscheiden, ob es die eigene Angst ist, welche die Politiker so merkwürdig erstarren lässt, oder die Angst vor der Angst. Vor 20 Jahren, nach einem Wunder, gab es plötzlich politisches Personal, zu dem auch die Landesmutter gehörte, das geradezu anstößig war: glühende Augen und Bärte jedweder Fasson, beseelte Gesichter, gezeichnete Köpfe. Ältere Herren mit scharfen Mienen, hagere Käuze, langhaarige Frauen. Komische Typen, nervöse Raucher, energische Melancholiker, handelnde Träumer. Wo sind die alle hin?

In den Apparaten der großen Parteien wird ein Verhalten gezüchtet, das Kompetenz im Detail bei größtmöglicher Anpassung im Auftreten zum Ziel hat. Pathos und Brillanz, Humor und Geistesgegenwart, leidenschaftliche Überzeugungen und die Zumutungen der Individualität dürfen beim Spitzenpersonal nicht mehr erkennbar sein. Es hat sich durchgesetzt, die Menschen draußen im Lande zu schonen. Es gibt ein Bundespresseamt, da arbeiten etwa 500 Leute, die alle damit beschäftigt sind, für die Politiker zu filtern, was die Medien meinen, was die Leute denken, oder was die Medien denken, was die Leute meinen. Und am Ende kommt offenbar immer heraus, dass die Menschen vor allem nicht gestört werden wollen von der Politik, das scheint das geheime Ziel der Demokratie zu sein, dass jeder Bürger am Ende das Recht hat, nicht weiter behelligt zu werden.

Dahinter sitzt, sagt der Minister, die Angst vor der Angst: Das Volk darf nicht beunruhigt werden. Denn das vertragen die Deutschen nicht.

Das denken die Wahlstrategen offenbar auch. Der freundliche Apparatschik, der kompetente Beamte, der Spezialist mit Dialekt, das verspricht als politisches Personal die höchstmögliche Stabilität: der Biedersinn als Kehrseite der Panik. Infolgedessen ist in den sogenannten politischen Debatten das übliche Einerseits, Andererseits (harte Einschnitte für alle, aber Bewahrung des Sozialstaates; ein bisschen Ökologie, aber natürlich auch konventionelles Wachstum; ein bisschen Krieg, aber eher aus Versehen) an eine absurde Energie im Detail gekoppelt; absurd nicht deshalb, weil das Diskutieren über Krankenkassengebühren überflüssig wäre, sondern weil die wattierte Rhetorik im Großen neben dem Gehakel im Kleinen eine Art flächendeckende Verwirrung stiftet. Zu spüren an der Lethargie des Wahlvolks, dem offenbar nicht beizubiegen ist, dass es um eine "Richtungswahl" geht. Kann es sein, dass das Volk, das im Basso continuo angesprochen wird als ein ängstliches, manchmal quengelndes Kind, nur angemessen reagiert, wenn es Mama und Papa machen lässt? Die können das, die regeln das schon?

Man kann mit Gründen anderer Ansicht sein. Nicht nur, was die Sachlage betrifft, sondern auch in der Einschätzung jener Wähler, die derzeit als Kinder angesprochen sind, für die man Mama und Papa spielt.

Jetzt lieber alles mit Vorsicht, dreimal bedacht. Und bitte ohne Gefühl.

Wer heute wählt, für den sind die historische Inflation der zwanziger Jahre, das Chaos der späten Weimarer Republik und die Nazi-Zeit Daten aus dem Geschichtsbuch. Die krasse Ungerechtigkeit in der Verteilung von Wohlstand und Sicherheit, die Ausweidung und Verschrottung der Natur, die dauerhafte Verelendung ganzer Weltregionen und schließlich die Vernachlässigung und Apathisierung der Chancenlosen in Deutschland: Das sind die wahren Unruhedaten. Die Unruhe wird genährt von einer Angst, die um so bedrohlicher - und destruktiver - ist, als sie nicht ausgesprochen werden darf: dass unaufhörliches Nachbessern, ein stures Weiter-So keine Antworten auf die Probleme sind. Wenn Opel gerettet wird, oder auch nicht, dann geht es nicht nur um Opel, sondern auch um unzählige Mittelstandsfirmen, die Scheibenbremsen, Kabelzeug und Radkappen liefern, wohl wahr. Aber es bleibt ein mulmiges Gefühl: Sind Autos etwa die Zukunft? Wann, wenn nicht jetzt, wäre die Stunde für eine grundsätzliche Diskussion, die aus diffuser Angst politische Fragen macht - über Wachstum und Ökologie, über die Definition von Arbeit, über Teilhabe in der Gesellschaft? Eine Diskussion, die da stattfindet, wo sie hingehört - im Parlament und in den sogenannten Volksparteien?

Keine Experimente! So warnte das düstere Greisengesicht Adenauers Ende der fünfziger Jahre; heute ist es der gleiche Slogan, aber von der Spieluhr intoniert. Dabei ist dringend Zeit für Experimente. Die Finanzwirtschaft macht weiter, als wäre nichts geschehen. Die Polkappen schmelzen vor sich hin. Hungersnöte aus strukturellen Gründen sind an der Tagesordnung. Kinder sterben. Arten sterben.

All diese großen Probleme aber sind abgedrängt aus der offiziellen Rhetorik und führen ein Küchenschabenleben im Gemüt des Einzelnen. Als lauerndes Unwohlsein, wenn er Bananen kauft. (Wo kommen die her? Wie sind sie gespritzt? Wie werden die Pflücker bezahlt? Wie viel Schadstoff hat der Transport verursacht?) Als Schuldgefühl, wenn er Auto fährt, in den Urlaub fliegt, doch wieder in Aktien investiert. Er weiß, dass fast alles mit allem zusammenhängt. Unser Alltag, schon der als Konsument, ist längst politisch geworden. Während die Politik sich als Verwaltungsakt inszeniert und phasenweise, im Wahlkampf nämlich, als Streichelzoo. Damit keiner Angst haben muss.

Wer aber heute wählen darf, kennt das Lied der Apokalypse ohnehin schon in mehreren Strophen. Die meisten können sich an verschiedene Angstwellen erinnern, bei denen es doch nicht ganz so schlimm kam: Waldsterben, Meeresüberfischung, Tschernobyl. Irgendwie hat sich alles verteilt, selten zu unseren Lasten. Der Müll wird exportiert, man könnte auch ohne Maikäfer leben, und bis Hamburg unter Wasser steht, dauert es noch ein bisschen. "Kann schon sein, dass ich paranoid bin", sagt ein alter jüdischer Witz, "aber vielleicht sind sie trotzdem hinter mir her." Kann schon sein, dass es manchmal Fehlalarm gab. Aber die Erde erwärmt sich doch.

In der Natur der menschlichen Wahrnehmung liegt, dass wir uns mehr vor Taschendieben fürchten als vor dem Ozonloch. Dass wir mit dem Alltag beschäftigt sind, der immer fordernder und tatsächlich bedrohlicher wird. Für das, was übermorgen kommt, haben wir kein Organ, da helfen nur Wissen und die kollektive Vernunft, die in Handeln übergeht. Eigentlich nennt man das Politik.



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Seite 1
aqualung 18.09.2009
1.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Denke, dass die FDP z.Zt. noch zu hoch gehandelt wird und im Endeffekt knapp unter 10 % landen wird. Am Ende wird Rot-Rot-Grün rechnerisch möglich sein und die SPD wird sich panisch in die GroKo flüchten - auf die Argumentation bin ich gespannt...
zbigbrz 18.09.2009
2.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Was gibt's da zu bewerten? Wahlkampf fand doch nicht statt. Das Merkel fährt im Schlafwagen zurück ins Kanzleramt.
Machtbesessen 18.09.2009
3. Gleiche Augenhöhe
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Das Finale ist gut. Die beiden Kanzlerkandidaten sind bald auf Augenhöhe. Beide haben dafür Ihr bestes dafür gegeben.
Brand-Redner 18.09.2009
4. Hamlet 2009
Zitat von aqualungDenke, dass die FDP z.Zt. noch zu hoch gehandelt wird und im Endeffekt knapp unter 10 % landen wird. Am Ende wird Rot-Rot-Grün rechnerisch möglich sein und die SPD wird sich panisch in die GroKo flüchten - auf die Argumentation bin ich gespannt...
Frei nach Shakespeare: Ist es auch Blödsinn, so hat es doch Methode. Ich würde sie "hochschreiben" nennen, denn die gebetsmühlenartige Wiederholung utopischer "Umfragewerte", scheinbar ein Mantra des politischen Mainstreams, soll doch nichts anderes werden als eine selbsterfüllende Prophezeiung nach dem Motto: Es gibt genügend Lemminge, die sich wirklichen und auch erdachten Mehrheiten anschließen. Die wählen schon deshalb den angepriesenen Favoriten, um nachher stolz sagen zu können: "Ich habe es ja richtig gemacht!" Doch die neoliberalen Volksverführer haben - wen wundert's - bis dato nichts aus der Finanzkrise gelernt: Die maßlose Überbewertung eines dubiosen "Produktes" führt früher oder später zum totalen Wertverlust. Der könnte in diesem Falle am 27. September erfolgen - mein Mitleid hält sich aber schon heute in Grenzen...
pssst... 18.09.2009
5.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Schlaftabeltten sind dagegen reine Aufputschmittel.
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