AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2009

Essay Angst und Biedersinn

Eigentlich müssten diese Wahlen große Dinge entscheiden.

DDP

Von Elke Schmitter


Wer dieser Tage nach Deutschland kommt, sieht in den Straßen vor allem: zwei überlebensgroße Gesichter, die lächeln. Der Mann gütig und herzlich, aber auch verhalten spitzbübisch, die Frau leicht schelmisch, aber auch unpersönlich und schwebend: ein Buben- und ein Feenlächeln in hochseriösen Gesichtern. Der Mann zeigt volles weißes Haar, während die dezent frisierte Frau ihr gelebtes Leben in feinen, dynamischen Fältchen präsentiert: Seht her!, sagt die Optik, uns geht es gut, und wir sind vollkommen damit zufrieden, exemplarischer Durchschnitt zu sein. Wir könnten entkoffeinierten Kaffee bewerben oder blutdrucksenkende Mittel, eine erschwingliche Kreuzfahrt oder auch alles andere, das eine Verbindung aus Lebensfreude und Mäßigung, Zuversicht und Gemütlichkeit darstellt.

Die beiden Gesichter sind oft umgeben von anderen Menschen, die allerdings unscharf gezeichnet sind. Es ist in den Bildern gelungen, Individualität und Masse gewissermaßen zu kreuzen: Man kann einzelne Menschen erkennen, wird aber durch das Diffuse ihrer Konturen und das gemeinsam Schwingende ihrer Bewegung darauf hingewiesen, dass es sich um Gruppen handelt, die keine klaren Ränder haben. Es sind Massen ohne Motiv (keine Demonstrationen, keine politischen Massen), die sich in Vertrauensseligkeit und Harmonie um ihren Hirten scharen. Das dritte große Gesicht, das man seltener sieht und dessen Lächeln ins Sardonische spielt, hat eine Herde hinter sich, die geradezu aufgekratzt wirkt, wie nach dem Genuss euphorisierender Drogen. FDP, CDU und SPD, sind das Sekten, die ich noch nicht kenne?

Dass es um politische Wahlen geht, darauf kann der Uneingeweihte nicht kommen. Dass es um ein Land in der Krise geht, scheint ihm absurd. Die Entscheidung geht offenbar um Nuancen des Wohlgefühls. Mutter, Vater und der bebrillte Onkel von der FDP sehen gar nicht nach Reggae aus, aber es summt und singt von diesen Plakaten: Don't worry, be happy, don't worry, be happy ...

Wer den Wahlkampf in Deutschland betrachtet, dem kommt ein gut hundert Jahre alter preußischer Satz in den Sinn, gesprochen von einem Minister nach einer verlorenen Schlacht: "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht." Inzwischen scheint es vor allem die erste Politikerpflicht zu sein, Ruhe und Zuversicht zu bewahren, zu empfehlen und zu verströmen. Die Ruhe nach der Schlacht, vor der Schlacht, während der Schlacht?

Nicht sehr inspirierend, aber konfliktarm. Die Deutschen wollen das so.

Eine Weltwirtschaftskrise ist abgefedert und eigentümlich unfühlbar geblieben; zweifellos ein Ergebnis von Geistesgegenwart und Staatskunst. Deren Helden aber erwecken in ihrem Auftreten den Anschein, eine diskrete Art von Expertentum könnte grundsätzlich genügen, jede Art von Krise zu bewältigen. Das sogenannte Fernsehduell der beiden möglichen Kanzler vor einem himmelblauen Hintergrund (allerdings mit feinen schwarzen Linien verfugt, was dem Blau etwas Bodenständiges gibt) verläuft in präzisen Takten und ohne erkennbaren Höhepunkt, wie ein Menuett. Es liegt eine kaffeewärmerhafte Dämpfung über den Gesichtern und Gesten aller Beteiligten, die sich doch redlich um etwas bemühen, das von großer Wichtigkeit ist. Im Vordergrund herrscht Kontrolle, also im Hintergrund Angst: Angst, aus der Rolle zu fallen, Angst, etwas Falsches zu sagen, Angst vor Unsachlichkeit, Angst vor jeder Art Unvorhersehbarkeit. Die Nationalhymne dieses Landes könnte "Don't worry, be happy" auf einer Spieluhr sein.

Ein Minister sagt beim Abendessen "off the record" mit bitterer Leidenschaft: Man solle sich nicht beklagen über mangelndes Pathos, über das Klein-Klein der täglichen Schritte, über die Trägheit der politischen Bewegung. Deutschland sei seit dem Zweiten Weltkrieg doch sehr gut gefahren mit all diesen Elementen der gegenseitigen Kontrolle, des Zwangs zum Konsens, des dialektischen Ausgleichs: der Föderalismus, Gewerkschaften und Verbände, der Bundesgerichtshof, der Bundesrat - all diese Elemente und Hunderte mehr sorgten eben dafür, dass alles sehr langsam geht. Nicht sehr inspirierend, aber konfliktarm. Die Deutschen, sagt der Minister, wollen das so. Die große Inflation von 1923, das Desaster der Weimarer Republik, zwei Weltkriege, die Nazi-Zeit, all das sitzt in den historischen Knochen. Jetzt lieber alles mit Vorsicht, dreimal bedacht. Und bitte ohne Gefühl.

Die Große Koalition ist natürlich die Verkörperung all dieser Tugenden in Permanenz. Dass sie sich bewährt hat, als es darauf ankam, ist jetzt gerade fatal: Denn nach der Erste-Hilfe-Aktion im vergangenen Herbst ist nun die Frage der richtigen Kur des Patienten keine Konsens-, sondern Überzeugungssache. Erst mal stabile Seitenlage, Sauerstoff und eine Spritze: Darauf kann man sich einigen unter Medizinern. Ob es aber weitergeht mit einer strengen Diät oder einer Mastkur, mit vorsichtiger Stabilisierung oder radikaler Umstellung des Organismus, mit Elektroschock, Homöopathie oder konventioneller Medikamentierung - all das ist eben nicht mehr im Konsens zu entscheiden. Voraussetzung für eine Therapie ist aber die Diagnose. War's eine Krise des Systems oder eine Influenza, gegen die man sich impfen kann?



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Seite 1
aqualung 18.09.2009
1.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Denke, dass die FDP z.Zt. noch zu hoch gehandelt wird und im Endeffekt knapp unter 10 % landen wird. Am Ende wird Rot-Rot-Grün rechnerisch möglich sein und die SPD wird sich panisch in die GroKo flüchten - auf die Argumentation bin ich gespannt...
zbigbrz 18.09.2009
2.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Was gibt's da zu bewerten? Wahlkampf fand doch nicht statt. Das Merkel fährt im Schlafwagen zurück ins Kanzleramt.
Machtbesessen 18.09.2009
3. Gleiche Augenhöhe
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Das Finale ist gut. Die beiden Kanzlerkandidaten sind bald auf Augenhöhe. Beide haben dafür Ihr bestes dafür gegeben.
Brand-Redner 18.09.2009
4. Hamlet 2009
Zitat von aqualungDenke, dass die FDP z.Zt. noch zu hoch gehandelt wird und im Endeffekt knapp unter 10 % landen wird. Am Ende wird Rot-Rot-Grün rechnerisch möglich sein und die SPD wird sich panisch in die GroKo flüchten - auf die Argumentation bin ich gespannt...
Frei nach Shakespeare: Ist es auch Blödsinn, so hat es doch Methode. Ich würde sie "hochschreiben" nennen, denn die gebetsmühlenartige Wiederholung utopischer "Umfragewerte", scheinbar ein Mantra des politischen Mainstreams, soll doch nichts anderes werden als eine selbsterfüllende Prophezeiung nach dem Motto: Es gibt genügend Lemminge, die sich wirklichen und auch erdachten Mehrheiten anschließen. Die wählen schon deshalb den angepriesenen Favoriten, um nachher stolz sagen zu können: "Ich habe es ja richtig gemacht!" Doch die neoliberalen Volksverführer haben - wen wundert's - bis dato nichts aus der Finanzkrise gelernt: Die maßlose Überbewertung eines dubiosen "Produktes" führt früher oder später zum totalen Wertverlust. Der könnte in diesem Falle am 27. September erfolgen - mein Mitleid hält sich aber schon heute in Grenzen...
pssst... 18.09.2009
5.
Zitat von sysopWahl-Countdown: Die Parteien ringen um die Gunst der Deutschen. Wie bewerten Sie das Finale des Bundestagswahlkampfs und die Auftritte der Kandidaten?
Schlaftabeltten sind dagegen reine Aufputschmittel.
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