AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2009

Handel Wie teuer ist billig?

ddp

2. Teil: "Kik stiehlt sich aus der Verantwortung"



Bevor der Betriebsrat aktiv wurde, waren Arbeitszeiten und Überstunden nicht ordnungsgemäß registriert und Zuschläge, so die Gewerkschaft, unterschlagen worden. Das, immerhin, habe sich nun geändert.

In Deutschland sind die Mitarbeiter noch nicht so weit. Zwar gelang mit viel Mühe im Frühjahr die Wahl eines Betriebsrats im Logistikbereich in der Kik-Zentrale in Bönen (NRW), doch nicht einmal die örtliche Ver.di-Vertretung in Unna scheint einen so tragfähigen Kontakt zu dem Gremium zu unterhalten, dass sie einen Vertreter benennen kann.

Direkt kontaktieren kann man den Betriebsrat sowieso nicht. Anfragen, so heißt es bei Kik, liefen über die Kommunikationsabteilung. Kaum verwunderlich, dass eine derart zurechtgestutzte Mitarbeitervertretung auch den Überwachungsbedarf ihres Arbeitgebers nicht bremsen kann.

Noch immer nämlich schnüffelt Kik über die Auskunftei Creditreform die Bonität seiner Mitarbeiter aus. Die Praxis des Discounters war im Mai bekannt geworden.

Überwachung "zum Schutz der Mitarbeiter"

Inzwischen, so eine Kik-Sprecherin, erhebe das Unternehmen keine regelmäßigen Auskünfte mehr, sondern nur noch in Fällen eines berechtigten Interesses. Doch ob das bei Kik überhaupt vorliegt, schien der NRW-Datenschutzbeauftragten so konstruiert, dass sie Anzeige erstattete. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft.

In einer internen E-Mail vom Mai rechtfertigte der Konzern die Abfragen, schließlich würden sie dem "Schutz der Mitarbeiter/innen" dienen. In sensiblen Bereichen wie etwa Kassen sollten Leute mit negativen Einträgen nicht eingesetzt werden können. Mit Blick auf die Spähaktionen bei Lidl und Bahn distanzierte sich Kik empört "von den Skandalen des Wettbewerbs". Eine pauschale, in regelmäßigen Abständen durchgeführte Abfrage aller Mitarbeiter finde sowieso nicht statt.

Das las sich in einem internen Schreiben an alle Bezirks- und Verkaufsleiter vom 4. Januar 2008 noch anders. Dort hieß es, Creditreform biete Datenabgleiche an, mit denen Kik "jeden aktiven Mitarbeiter abfragen und somit auch bei langjährigen Mitarbeitern evt. negative Merkmale herausfinden" könne. Das klingt eher wie die Suche nach Entlassungsgründen.

Vom 7. Januar 2008 an, heißt es weiter, würden daher "alle Bestandsmitarbeiter automatisch" viermal im Jahr abgefragt. Aus dem Schreiben geht ebenfalls hervor, dass zumindest bis Anfang 2008 auch Bewerber vor ihrer Einstellung durchleuchtet wurden. 49.000 Bonitätsauskünfte über Mitarbeiter holte Kik über Creditreform in den vergangenen rund eineinhalb Jahren ein. Das Unternehmen wollte sich hierzu wie zu vielen anderen Fragen nicht äußern.

Mitarbeiter berichten über unerträgliche Arbeitsbedingungen

Im Internet berichten Dutzende Mitarbeiter von Kik und dessen Ableger Tedi, einem ebenfalls von Heinig gegründeten Ramschwarenverwerter, über Verhöre durch Vorgesetzte, unbezahlte nächtliche Inventuren und psychische Zermürbung.

Und über unerträgliche Arbeitsbedingungen: So ist Heinig stolz darauf, dass es in seinen Läden nicht mal Klimaanlagen gebe - alles viel zu teuer. An manchen Tagen im Sommer habe sie kaum atmen können, wenn sie morgens in die Filiale gekommen sei, sagt etwa eine Tedi-Teamleiterin aus dem Raum Aachen. Dann stehe die Luft und rieche leicht süßlich. Sie wuchte dann zuerst die Ständer mit den Plastik-Clogs vor die Tür. Wie gefährlich hoch die Weichmacher-Konzentration in vielen solcher Produkte ist, wies "Öko-Test" bereits vor einem Jahr nach. Auch bei Kik gab es Massen davon.

Bei Zweifeln an der Qualität der Produkte verweist die Firma gern auf die eigene Qualitätskontrolle in Bönen. Dort sollen 30 Leute beweisen, wie ernst es Heinig mit seinem Versprechen nimmt - Kik steht schließlich für "Kunde ist König". Doch für die Kunden ist bei Kik nicht klar, ob der Preis, den sie zahlen, am Ende nicht viel höher ist als das, was sie im Laden auf den Tisch legen.

Die Qualitätssicherung, berichtet eine Ex-Mitarbeiterin, sei ihr wie eine "Alibi-Abteilung" vorgekommen. Zwar würden dort Produkte auf Reißfestigkeit und Farbechtheit getestet. Manchmal werde aber extra nicht geprüft - wie etwa bei den roten Mitarbeiter-Shirts, die bei einigen Kollegen zu Ausschlag geführt hätten.

"Diese Anweisung muss sofort umgesetzt werden"

Produkte von Kik finden sich auch auf der Rapex-Liste, eine Art Schnellwarnsystem der EU. Im August erst wurde vor Damen-Jeans gewarnt, die zu viel Chemikalien abbekommen hatten. Eine Woche davor ging es um benzolbelastete Filzstifte. Im Februar rief Kik Babylätzchen zurück, die zu "gesundheitlichen Beeinträchtigungen" führen könnten.

Viel lieber nutzt die Firma bei Pannen aber den kleinen Dienstweg. Ist mal wieder Gefahr im Verzug, werden die Filialmitarbeiter morgens über das Kassensystem gewarnt. "Achtung!!! Achtung!!!" steht dann oben auf den Kassenzetteln. Es folgen knappe Anweisungen im Kik-Kommandoton. Mal geht es um mangelhafte Buntstifte, mal um eine BH-Perle. Manchmal müssen nur Einzelteile, oft ganze Produkte sofort aus den Regalen entfernt werden. Meist folgt die Aufforderung, diesen Sondermüll "zwingend außerhalb ihrer Filiale" zu entsorgen. Laut einer Ex-Mitarbeiterin versucht Kik so, "problematischen" Abfall der sachgemäßen Entsorgung zu entziehen.

Eine Warnung betraf etwa mangelhaftes Tierfutter für Wellensittiche und Zwergkaninchen. Hier war offenbar Eile geboten: "Diese Anweisung muss sofort und zu 100 Prozent umgesetzt werden." Kik selbst weist den Verdacht der unsachgemäßen Entsorgung zurück. Es gebe kein Müll- und Qualitätsproblem, man wälze auch nichts auf die Mitarbeiter ab.

Dass aber irgendwas im eigenen Billigsystem nicht rund läuft, scheinen auch Kiks Führungskräfte zu ahnen. Die Sache mit dem Tierfutter, hieß es auf dem Kassenzettel, sei dringend, "da wir mit Kontrollen rechnen müssen".



insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
Dennis K., 26.09.2009
1. Man fragt sich doch wirklich,...
...wo solche Unternehmensgründer ihr "Handwerk" gelernt haben, dass sie zu solchen Sadisten werden. Von Führungsqualitäten und unternehmerische Verantwortung keine Spur. Widerwärtig.
Dr. Sorglos 26.09.2009
2. Freier Markt
Ja, auf einem freien Markt, da regelt sich alles wie von alleine. Deshalb Sonntag FDP wählen!
csillag 26.09.2009
3. einfache Lösung
...nur leider schwer durchzusetzen/zu verwirklichen: NICHT oder besser NIE BEI kik KAUFEN!!!
csillag 26.09.2009
4. aber ja....
Zitat von Dr. SorglosJa, auf einem freien Markt, da regelt sich alles wie von alleine. Deshalb Sonntag FDP wählen!
ja latürnich (wie das Obelix betrunken sagt, anders hält man weder den Artikel noch die (ex)Pünktchen-Partei aus), der Chef von kik ist wohl auch dabei...
helloworld1 26.09.2009
5. Am Ende ist natürlich der Verbraucher schuld!
Meiner Meinung nach ist das ein ordnungspolitisches Thema. Der kleine Bäcker von nebenan wird kontrolliert bis der Arzt kommt, muß Nachweise und Statistiken für Behörden führen. Aber bei den großen Handelsketten/Konzernen drückt man gerne alle Augen zu. Meiner Auffassung nach sollten nicht die bösartigen Steuerkriminellen an der Grenze tot kontrolliert werden, um ihnen dann die "illegalen" 20.000,-- € zu beschlagnahmen. Meiner Meinung nach gehört es sich für eine Industrienationengmeinschaft grundsätzlich nur Ware einführen zu lassen, die qualitätsmäßig o.k. sind (Beweisführung durch Importeur) und dass diese Waren nicht von Kinder bzw. Sklavenarbeitshänden erstellt wurde (Beweisführung durch Importeur aber Kontrolle durch Behörde vor Ort). Stellt sich hier Schummelei heraus sollten empfindliche Strafen ausgesprochen werden. Das ist aber ein grundsätzliches Problem für alle Importe, aber solange Billigware ungefiltert hier reinkommt, können einheimische Produzenten mit Ihren steuerlichen und sozialen Lasten niemals mithalten...da reicht es auch nicht einfach darauf zu verweisen auf "Hightech" zu setzen (siehe Transrapid oder diversen Lizenzklau aus Fernost). Auch was die beiden 400-EURO Jobber angeht, die ihr Recht vor Gericht erst in zweiter Instanz erkämpfen konnten oder die 750-EURO Filialleiter, versagt m.E. der Rechtsstaat. Hier handelt es sich in meinen Augen um ein Offizialdelikt was die Behörden verfolgen müssen. Verängstigte Mitarbeiter werden wohl nur äußerst selten gegen ihren Brötchengeber vorgehen. Der Einzelladen um die Ecke, der teure Waren verkauft und anständig seine Mitarbeiter bezahlt, geht bei solchen Billigsklaventreiber natürlich über kurz oder lang pleite...die Spirale nach unten läuft schneller. Aber wem haben wir es zu verdanken....der SPD, die damals 1998 mit den Grünen diese Pfade gelegt haben und nun wie eine Opposition argumentiert und alles nächste Woche ab dem 28.09. besser machen will. Gruss
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