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Josel Ackermann: "Es hat alles seinen Preis"

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Finanzkrise "Es hat alles einen Preis"

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, 61, über neue Regeln für die globalen Finanzmärkte, Schuld und Selbstzweifel sowie die Frage, was die Banken eigentlich aus der Krise gelernt haben

SPIEGEL: Herr Ackermann, Sie sind Teil eines Systems, das die Weltwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat. Haben Sie schon einmal über Ihre eigene Schuld nachgedacht?

Ackermann: Ich habe über die Ursachen der Krise nachgedacht und was wir daraus für die Zukunft lernen können. Es kommt weniger auf das Verhalten des Einzelnen an als darauf, die richtigen Regeln zu haben.

SPIEGEL: Sie selbst haben sich nichts vorzuwerfen?

Ackermann: Sicher habe auch ich einiges falsch eingeschätzt. Ich ging zum Beispiel wie die meisten davon aus, dass jeder Marktteilnehmer nur so viele Risiken übernimmt, wie er selbst verkraften kann und damit das System in sich stabil ist. Das hat sich als Irrtum erwiesen. Und daraus müssen wir lernen und Konsequenzen ziehen.

SPIEGEL: Sie haben in der Vergangenheit stets gesagt, es gebe keine systemischen Risiken. Kein Grund für Selbstzweifel?

Ackermann: Wer nicht alles weiß und exakt vorhersieht, muss ja nicht gleich an sich zweifeln. Dass unsere kollektive Erkenntnis nicht tief genug war, ist offenkundig. Wie gesagt, ich habe nicht gedacht, dass einzelne Banken zum Teil außerhalb der Bilanz Risiken in solchen Größenordnungen ansammeln wie geschehen.

SPIEGEL: Wie war es denn bei der Deutschen Bank? Sie haben doch auch Milliardengeschäfte beispielsweise mit Ramschanleihen gemacht.

Ackermann: Vieles, was heute als Ramschanleihe gilt, war nicht von vornherein schlecht. In der Krise gab es plötzlich auch für viele an sich gute Produkte praktisch keine Nachfrage mehr mit einem entsprechenden Preisverfall. Wenn Sie Ihre Picasso-Sammlung verkaufen müssen, es aber keine oder kaum noch Käufer gibt, ist auch das schönste Gemälde nur noch wenig wert. Aber ist es deshalb Ramsch?

SPIEGEL: Bei den Banken waren wohl weniger Picassos als Schrott in der Sammlung.

Ackermann: Angesichts der Dimension der globalen Finanzmärkte war nur bei relativ wenigen Produkten die Substanz nicht gut. Diese Produkte haben allerdings viele andere in Mitleidenschaft gezogen.

SPIEGEL: Warum haben die Banken all die Warnungen, etwa vor der wachsenden Immobilienblase in den USA, nicht ernst genommen?

Ackermann: Es ist sehr schwierig, Blasen vorab zu erkennen. Ab wann stellen steigende Preise eine Blase dar? Steigen Sie zu früh aus, verlieren Sie Erträge und sind womöglich bald nicht mehr im Geschäft. Reagieren Sie zu spät, erleiden Sie große Verluste. Ohne Risiko gibt es kein Bankgeschäft, aber deshalb ist ja so wichtig, gerade in Boomzeiten Risikodisziplin, man könnte auch sagen Risikomoral, zu bewahren. Das haben wir bei der Deutschen Bank getan. Wir hatten daher keine Verluste, die unsere Kapitalbasis oder gar unsere Existenz gefährdeten.

SPIEGEL: Dennoch hat auch die Deutsche Bank nur deshalb überlebt, weil das ganze System mit dem Geld der Steuerzahler stabilisiert wurde.

Ackermann: Wir sind dankbar für das schnelle und entschlossene Eingreifen der Staaten und Zentralbanken in der Finanzkrise. Wenn es zu einer Kernschmelze gekommen wäre, zum Beispiel bei der Hypo Real Estate, hätte uns das natürlich auch massiv betroffen. Aber man muss schon unterscheiden zwischen denen, die selbständig ihre Existenz gesichert haben, und denjenigen, die das nicht mehr konnten. Und man darf auch darauf hinweisen, dass der Staat mit diesen Rettungsaktionen letztlich im Interesse der Steuerzahler und der ganzen Volkswirtschaft gehandelt hat.

SPIEGEL: Der Investmentbanker Alexander Dibelius, immerhin Deutschland-Chef von Goldman Sachs, fordert von seinem und Ihrem Berufsstand eine kollektive Demut. Sie scheinen dazu nicht bereit zu sein.

Ackermann: Ich habe schon vor über zwei Jahren im Fernsehen gesagt, dass auch wir als Deutsche Bank und ich selbst Fehler gemacht haben. Ich habe darüber hinaus sehr früh auf systemische Schwierigkeiten hingewiesen und eine systemische Lösung gefordert. Die Deutsche Bank hat sich auch in die notwendigen Rettungsaktionen immer sehr stark eingebracht. Wir haben keinen Grund, kollektiv in Sack und Asche zu gehen, zumal die weitaus meisten Bankmitarbeiter, gerade in Deutschland, mit dem Entstehen der Finanzkrise nicht das Geringste zu tun haben. Aber natürlich müssen wir die Spielregeln, nach denen wir bisher gehandelt haben, in Teilbereichen ändern, um die Wiederholung einer solchen Krise zu vermeiden.

SPIEGEL: Wenn es wenig Spielregeln gibt, ist es letztendlich eine Frage der Moral, wie man sich selbst verhält.

Ackermann: Wer sagt, dass wir wenig Spielregeln haben? Die Banken sind die am stärksten regulierte Branche der Wirtschaft. Es gab nur in wenigen Teilbereichen, vor allem in der US-Immobilienfinanzierung, zu wenige Spielregeln. Dort sind auch die Probleme entstanden, die sich dann auf das ganze System ausgedehnt haben. Es war übrigens politisch erwünscht, dass möglichst viele US-Bürger Wohneigentum erwerben. Aber letztlich kommt es nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität der Spielregeln an. Gute Spielregeln zu setzen, Regeln, die den positiven Seiten des Wettbewerbs genug Raum lassen, aber negative Aspekte möglichst ausschalten und vor allem verhindern, dass Wettbewerb ruinös wird, das ist die Aufgabe des Staates. Diese Regeln einzuhalten ist Verpflichtung des Einzelnen und der Unternehmen. Allein an die Moral des Einzelnen oder von Unternehmen zu appellieren bringt in einer Wettbewerbsgesellschaft nicht die Lösung.

"Boni sind notwendig, um die besten Talente zu gewinnen"

SPIEGEL: Auch der amerikanische Präsident Barack Obama sieht Schuld bei den Banken und beim Finanzsystem. Das Problem war doch eine Kultur, in der Leute enorm viel Geld damit verdienten, die gesamte Wirtschaft aufs Spiel zu setzen.

Ackermann: Das ist eine schiefe Optik. Falsche Anreizsysteme haben sicher ihren Anteil an den Ursachen der Krise. Aber andere Faktoren, wie globale wirtschaftliche Ungleichgewichte, eine zu lockere Geldpolitik in den USA oder die expansive Kreditvergabe, waren wesentlich wichtiger.

SPIEGEL: Die Anreizsysteme bei den Banken, die nicht nur dem amerikanischen Präsidenten unheimlich sind, existieren auch bei der Deutschen Bank. Auch Sie zahlen Ihren Investmentbankern weiter Boni in unglaublicher Höhe.

Ackermann: Wir bei der Deutschen Bank zahlen keine Boni auf bloße Einnahmen, sondern berücksichtigen selbstverständlich auch die Kosten des Geschäfts. Wir zahlen zudem einen Großteil der Boni in Aktien aus, die überdies nicht sofort zu Bargeld gemacht werden können. Wenn unser Aktienkurs sinkt, verliert der Bonus also an Wert. Wir koppeln die Boni so an die längerfristige Wertentwicklung des Unternehmens. Als Folge der Krise werden wir auch noch ein Malussystem einführen. Man kann seine Boni also künftig auch wieder verlieren. Im Übrigen stehen wir dazu, dass Leistung sich lohnen muss. Boni sind notwendig, um die besten Talente zu gewinnen und zu behalten.

SPIEGEL: Aber die Höhe der Boni begrenzen Sie nicht. Vergütungen von 20, 30 und mehr Millionen Euro sind der Gesellschaft nicht vermittelbar, gerade nach einer solchen Krise. Fördern nicht solche exorbitanten Anreize eine Kultur der Gier und Maßlosigkeit, die dann immer wieder zu Exzessen führt?

Ackermann: Ich bin ein überzeugter Anhänger der Marktwirtschaft und deshalb dagegen, Preise festzusetzen. Das gilt auch für Bezüge. Preise haben in einer Marktwirtschaft eine Lenkungsfunktion. Sie signalisieren Knappheiten und sorgen so für einen effizienten Einsatz von Ressourcen. Aber natürlich brauchen wir, um auf Dauer erfolgreich sein zu können, auch gesellschaftliche und politische Akzeptanz. Die geht verloren, wenn in der Bevölkerung das Gefühl herrscht, dass sich einige wenige zu Lasten der Allgemeinheit die Taschen füllen. Ich habe mich deshalb sehr früh, auch als Präsident der internationalen Bankenvereinigung IIF, für vernünftige Vergütungssysteme eingesetzt und auf die gerade in diesen Zeiten angebrachte Sensibilität hingewiesen. Allerdings brauchen wir für die Vergütung globale und konsistente Regeln. Wenn hier ein Land isoliert handelt, mag es dort zwar in den Augen vieler gerechter zugehen, aber am Ende werden alle dadurch ärmer.

SPIEGEL: Viele Banken zahlen wieder Boni in Millionenhöhe, als wäre nichts geschehen.

Ackermann: Wir haben in den vergangenen Monaten einige gute Leute verloren, die uns mit hohen Garantie-Boni abgeworben wurden. Aber ich will darüber nicht klagen. Die Deutsche Bank hat ihr Investmentbanking einst auch so aufgebaut, dass sie anderen gestandene Leute abwarb. Und wir lassen uns auch heute nicht die Butter vom Brot nehmen. Banking ist ein People's Business. Wenn Sie zu den Besten gehören wollen, müssen Sie die Besten haben. Und dafür müssen Sie bezahlen, was der Markt verlangt.

SPIEGEL: Bonus-Exzesse sind ja nur ein, wenn auch besonders populäres Beispiel für Fehlentwicklungen, die für die Krise verantwortlich sind. Brauchen wir nicht ein grundsätzlich anderes Finanzsystem?

Ackermann: Wir brauchen kein grundsätzlich anderes, aber ein besseres Finanzsystem, das ein gesundes Wachstum der Weltwirtschaft erlaubt, zugleich aber stabiler ist als das bisherige. Das ist ein Optimierungsthema.

SPIEGEL: Wie soll dieses stabile Finanzsystem aussehen?

Ackermann: Wir sind uns sicher einig, dass die Spielregeln so angepasst werden müssen, dass eine solche Krise sich nicht mehr wiederholen kann. Aber das heißt nicht, dass verbriefte Produkte, Finanzinnovationen oder gar das Investmentbanking insgesamt verschwinden, wie manche meinen.

SPIEGEL: In Pittsburgh haben die Staats- und Regierungschefs der G-20-Länder die Grundzüge eines neuen Regelwerks für die Banken ausgearbeitet. Was wird sich für die Deutsche Bank ändern?

Ackermann: Die Banken werden künftig mehr Eigenkapital vorhalten müssen. Das ist im Grundsatz auch richtig. Aber die verantwortlichen Regelsetzer müssen sorgfältig abwägen, wie weit sie dabei gehen und wie schnell sie diese Kapitalzufuhr einfordern wollen. Überziehen sie, entstehen beträchtliche volkswirtschaftliche Kosten, weil dadurch die Kredit- und Finanzierungsspielräume der Banken eingeschränkt werden. Es hat eben alles einen Preis.

SPIEGEL: Wir alle zahlen einen hohen Preis für das Fehlverhalten auf den Finanzmärkten. Es ist doch verständlich, wenn beispielsweise die Bundeskanzlerin sagt, dass sie nie mehr von den Banken erpresst werden will.

Ackermann: Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass die Regierungen Banken nicht noch einmal mit Steuergeld retten wollen. Wir müssen dahin kommen, dass Banken künftig aus dem Markt ausscheiden können, ohne dass die ganze Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen zu werden droht.

SPIEGEL: Verbriefungen gelten als eine der Hauptursachen der Finanzkrise: Kredite wurden in Wertpapiere umgewandelt und außerhalb der Bilanz in Zweckgesellschaften gelagert, so dass niemand erkennen konnte, welche Risiken die Bank eingegangen war. Wie sollen diese Produkte reguliert werden?

Ackermann: Banken müssen künftig einen Teil der Verbriefungen in der eigenen Bilanz halten. Wenn wir selbst von dem kosten müssen, was wir kochen, kann das der Qualität nur bekömmlich sein. Richtig ist auch, vermehrt Derivate über börsenähnliche Gebilde zu handeln, um die gegenseitige Abhängigkeit von Banken untereinander zu reduzieren.

SPIEGEL: Analysten rechnen Ihnen bereits vor, dass wegen der höheren Kapitalanforderungen Ihr Renditeziel von 25 Prozent nicht mehr erreichbar ist.

Ackermann: Diese Frage lässt sich erst beantworten, wenn die neuen Kapitalanforderungen bekannt sind. Die 25 Prozent Eigenkapitalrendite, vor Steuern wohlgemerkt, ist für uns im Übrigen kein Ziel an sich, sondern nur der Maßstab der Besten der Welt. Dazu wollen wir gehören. Leider hat sich diese Zahl in Deutschland zu einem Politikum entwickelt. Dabei hat die verarbeitende Industrie hierzulande über viele Jahre noch höhere Renditen erwirtschaftet. Natürlich wird es bei höheren Eigenkapitalquoten schwieriger, das Ziel von 25 Prozent zu erreichen. Aber dafür gibt es auch andere Faktoren, die es uns leichter machen, wie etwa die Tatsache, dass die Zahl unserer Wettbewerber durch die Krise abgenommen hat und sich die Margen dadurch verbessert haben. Hinzu kommt ein großes Wachstumspotential in den Schwellenländern. Wir haben im Moment jedenfalls keinen Grund, von unserem Gewinnziel abzurücken.

SPIEGEL: Eine weitere Forderung aus Pittsburgh lautet, dass künftig jede Bank darlegen muss, wie sie abgewickelt werden kann. Haben Sie ein solches Testament für die Deutsche Bank schon gemacht?

Ackermann: Nein. Wie bei den künftigen Eigenkapitalanforderungen müssen wir auch hier die Details abwarten. Ein solches Testament würde aber sicher erhebliche Konsequenzen für die Struktur der Banken haben.

"Die Intervention der Staaten war notwendig"

SPIEGEL: Das ist ja Sinn der Sache: Die Struktur der Banken soll verändert werden, damit sie weniger krisenanfällig sind.

Ackermann: Dennoch gilt es, auch die Wohlfahrtseffekte einer solchen Maßnahme zu bedenken. Wenn eine globale Bank in einzelne Tochtergesellschaften mit jeweils eigenem Eigenkapital aufgeteilt wird, kann sie natürlich leichter abgewickelt werden. Eine integrierte Bank lässt sich dagegen nicht so leicht auseinanderdividieren. Aber eine integrierte Bank bietet betriebliche und auch volkswirtschaftliche Vorteile. Wenn es stimmt, dass ein globales Finanzsystem unseren Wohlstand mehrt, und davon bin ich überzeugt, wirkt eine stärkere nationale Fragmentierung als Wohlstandsbremse. Jetzt in der Krise sehen viele nur die Risiken und Kosten des globalen Finanzsystems. Sie vergessen dabei seinen immensen Beitrag zur Steigerung des Wohlstands in den vergangenen Jahrzehnten.

SPIEGEL: Immerhin musste das bisherige System vom Staat vor dem Kollaps gerettet werden.

Ackermann: Ich bin der Letzte, der bestreitet, dass die Intervention der Staaten notwendig war. Dass ich so etwas nicht noch einmal erleben will, brauchen wir auch nicht zu diskutieren. Aber die Frage ist: Wie weit schlägt das Pendel jetzt in die andere Richtung aus? Wir müssen die anstehenden Reformmaßnahmen so optimieren, dass wir ein stabileres System bekommen, aber zugleich zu hohe volkswirtschaftliche Kosten für die Gesellschaft vermeiden. Das geht nur, wenn Banken und Regelsetzer einen intensiven Dialog miteinander pflegen.

SPIEGEL: Die vergangenen Monate haben bewiesen, dass die Finanzmärkte ein instabiles System sind. Es kann sich nicht selbständig stabilisieren, sondern braucht Hilfe von außen. Nur auf den Markt zu hören geht ja gar nicht.

Ackermann: Wenn Verwerfungen systemische Ausmaße annehmen, ist eine systemische Antwort von Staaten und Zentralbanken erforderlich. Ohne eine solche Antwort hätte der Markt zwar irgendwann auch wieder zu einem Gleichgewicht gefunden, aber die Wohlstandsverluste wären dann viel größer geworden.

SPIEGEL: Inzwischen erzielen viele Banken schon wieder hohe Gewinne. Ausgerechnet die Verursacher der Krise verdienen an den staatlichen Rettungsmaßnahmen und dem billigen Geld, das die Notenbanken zur Stabilisierung ins System pumpen. Sind Sie ein Krisenprofiteur?

Ackermann: Es ist klar, dass die Stabilisierung der Finanzmärkte und die Interventionen der Regierungen und Notenbanken uns geholfen hat. Sind wir deshalb Krisenprofiteure? Von den staatlichen Rettungsmaßnahmen profitieren doch alle und übrigens auch davon, dass viele Banken wieder Gewinne erzielen: Wir sind dadurch in der Lage, die Geschäfte der Industrie zu finanzieren, Arbeitsplätze zu schaffen beziehungsweise zu sichern, Steuern zu zahlen, Wachstum und Wohlstand zu fördern.

SPIEGEL: Was ist die Aufgabe der Banken: Sollen sie ihre Kunden mit Geld versorgen oder aus Geld noch mehr Geld machen?

Ackermann: Die Aufgabe einer Bank ist es, die finanziellen Voraussetzungen für Wachstum und Wohlstand zu schaffen, die vielfältigen Ansprüche von Kunden, Mitarbeitern, Eigentümern und der Gesellschaft insgesamt möglichst gut zu erfüllen. Diese Ansprüche stehen zum Teil im Wettstreit miteinander. Der zentrale Orientierungspunkt ist hier der Gewinn. Gewinn können Sie nur mit zufriedenen Kunden und motivierten Mitarbeitern erzielen. Und nur mit Gewinn können Sie bessere Produkte und Dienstleistungen anbieten, Arbeitsplätze schaffen, Steuern zahlen und damit den Wohlstand mehren.

SPIEGEL: Viele Unternehmen klagen, dass ihnen die Banken kein Geld mehr leihen. Gibt es eine Kreditklemme?

Ackermann: Eine allgemeine Kreditklemme sehe ich bisher nicht. Sicher haben sich die Kreditkosten und -anforderungen für die Unternehmen erhöht. Ich kann aber sagen: Wir als Deutsche Bank stehen unverändert mit Krediten für unsere Kunden zur Verfügung.

SPIEGEL: Dennoch kommt das billige Geld der Notenbanken nicht bei den Bankkunden an. Stattdessen machen viele Banken wieder die alten Geschäfte und erzielen deshalb auch wieder hohe Gewinne. Geht die Party nach der Krise einfach weiter?

Ackermann: Die Fakten sehen anders aus: Erstens sind die Zinsen sowohl für Verbraucherkredite wie für Hypothekenkredite gesunken. Das billige Geld der Notenbanken kann nicht so billig bei den Kunden ankommen, weil es nur einen kleinen Beitrag zu dem Refinanzierungsvolumen der Banken leistet. Der Großteil unserer Refinanzierungskosten ist viel höher. Im Übrigen spiegelt die Zinshöhe nicht nur die Refinanzierungskosten, sondern auch das Ausfallrisiko wider. Und das ist aufgrund der Rezession gestiegen. Zweitens ist es falsch, dass wir einfach die alten Geschäfte weiterbetreiben. Unsere Risiko- und Ertragsstruktur hat sich wesentlich verändert. Die Party geht also nicht weiter. Außerdem stärken wir systematisch unsere stabilen Geschäftsfelder und unsere Position im Heimatmarkt.

SPIEGEL: Wie handlungsfähig sind Sie eigentlich derzeit noch angesichts des schwelenden Machtkampfs mit Ihrem Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Börsig?

Ackermann: Machtkampf? Sie unterliegen da offenbar einem Missverständnis. Ich hatte dem Aufsichtsrat mitgeteilt, dass ich schon zur Hauptversammlung 2009 zurücktreten wolle, nicht erst zur Hauptversammlung 2010. Damit wollte ich eine lange schädliche Nachfolgediskussion vermeiden.

SPIEGEL: Und in dieser Situation wollte sich Börsig zu Ihrem Nachfolger ernennen lassen, worauf Sie gesagt haben, so geht das nicht, und Ihren Vertrag verlängert haben.

Ackermann: Nein. Nicht ich, der Aufsichtsrat hat die angedachte Nachfolgelösung nicht mitgetragen und mich gebeten zu bleiben. In dieser schwierigen Situation für die Bank habe ich mich verpflichtet gefühlt, weiterzumachen. Den von Ihnen beschriebenen Machtkampf hat es damit nie gegeben.

SPIEGEL: Wer sucht jetzt Ihren Nachfolger?

Ackermann: Herr Börsig und ich gemeinsam.

SPIEGEL: Und Sie bleiben bis zum Ende der Laufzeit Ihres Vertrags im Jahr 2013 Vorstandsvorsitzender?

Ackermann: So sieht es mein Vertrag vor. Und den gedenke ich zu erfüllen.

SPIEGEL: Herrn Börsig wird vorgeworfen, Auftraggeber ominöser Bespitzelungen gewesen zu sein, betroffen waren auch ein Vorstand und ein Aufsichtsrat. Datenschützer, die Finanzaufsicht und die Staatsanwaltschaft ermitteln. Drohen weitere Enthüllungen?

Ackermann: Als uns das Thema im Vorstand bekannt wurde, haben wir schnell und konsequent gehandelt. Der Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats hat in Abstimmung mit mir eine unabhängige Untersuchung durch eine renommierte Anwaltskanzlei in Auftrag gegeben. Die wesentlichen Ergebnisse dieser Untersuchung hat die Bank der Öffentlichkeit inzwischen mitgeteilt. Dem haben wir derzeit nichts hinzuzufügen. Es laufen ja noch weitere behördliche Untersuchungen. Deren Ergebnisse müssen wir noch abwarten.

SPIEGEL: Sie haben einem Ihrer Sicherheitsleute und dem Chef der Investor-Relations-Abteilung gekündigt. Die Untersuchung durch eine Anwaltskanzlei hat ergeben, dass auch ein kritischer Aktionär und ein Journalist bespitzelt wurden. Das zeugt von einer gewissen Paranoia.

Ackermann: Wir sprechen hier von insgesamt vier jeweils ganz unterschiedlich gelagerten Fällen in einem Zeitraum von zehn Jahren ...

SPIEGEL: ... die alle sehr ungewöhnlich sind.

Ackermann: Allen Fällen lag ursprünglich das legitime Ziel zugrunde, die Bank oder ihr Management vor Schaden zu bewahren. Bei der Verfolgung dieses Ziels kam es dann im weiteren Verlauf leider zu fragwürdigen Aktivitäten.

SPIEGEL: Sie sind nach Ihrer Vertragsverlängerung in der Bank unumstrittener denn je, aber im Land nach wie vor heftig umstritten. Macht Ihnen das zu schaffen?

Ackermann: Umfragen in der Bevölkerung ergeben ein wesentlich differenzierteres Bild. An mir wird, sicher auch wegen meines hohen Bekanntheitsgrades, vieles festgemacht - zu Recht oder zu Unrecht. Ich stelle mich dieser Herausforderung und Verantwortung.

SPIEGEL: Was erwarten Sie von der neuen Regierung? Eine Steuersenkung?

Ackermann: Ich erwarte Veränderungen in Teilbereichen des Steuersystems. Ich hoffe auch, dass wir in der Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik einige neue Akzente sehen. Mein größter Wunsch aber ist, dass zwischen Politik und Wirtschaft der Dialog wieder stärker gepflegt wird - zum Wohle des Ganzen. Die Menschen erwarten von uns Lösungen für ihre Probleme.

SPIEGEL: Als Banker wissen Sie: Wenn Einnahmen fehlen, muss man die Ausgaben anpassen. Wie soll denn die Regierung in der gegenwärtigen Situation überhaupt Steuern senken?

Ackermann: Die hohe öffentliche Verschuldung können wir vor allem über mehr Wachstum abbauen. Dabei helfen Steuersenkungen. Aber sicher ist auch die Ausgabenseite zu prüfen.

SPIEGEL: Herr Ackermann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Mathias Müller von Blumencron, Armin Mahler und Christoph Pauly.

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