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Transsexuelle Triathletin: Extremsport im neuen Körper

Foto: Ulrich Zimmermann

Transsexuelle Triathletin "Ich bin schlechter geworden"

Nicole Schnaß startete noch bis vor zwei Jahren als Mann im Triathlon. Nach ihrer Geschlechtsumwandlung spricht die 38-Jährige im SPIEGEL-Interview über den Argwohn der Konkurrentinnen, den Kampf um Anerkennung und ihre Qualifikation für den Ironman auf Hawaii.
Von Lukas Eberle und Cathrin Gilbert

SPIEGEL: Frau Schnaß, Sie sind schon als Frau und als Mann beim Triathlon gestartet. Was unterscheidet die Geschlechter im Sport?

Schnaß: Frauen benehmen sich beim Triathlon fairer und nehmen Rücksicht aufeinander. Bei den Männern geht es dagegen viel härter zur Sache. Beim Schwimmstart verteilen sie auch mal Fußtritte oder Kinnhaken.

SPIEGEL: Sie haben vor zweieinhalb Jahren Ihr Geschlecht zur Frau umwandeln lassen. Wie ist diese Entscheidung in Ihnen gereift?

Schnaß: Es war ein langer Prozess, bis mir bewusst war, dass ich im falschen Körper stecke. Erst war es nur ein Gefühl. Ich konnte schon als Kind besser mit den Mädchen lachen. Meine Haut war unbehaarter und weiblicher. Dann gab es verschiedene Schlüsselerlebnisse. Zum Beispiel als ich einmal im Krankenhaus ankreuzen sollte, ob ich schon mal schwanger war. Irgendwann lebte ich komplett in der Rolle einer Frau.

SPIEGEL: Warum haben Sie mit Triathlon angefangen?

Schnaß: Mich hat die Kombination der einzelnen Sportarten gereizt. Und durch die extreme Anstrengung hat sich auch mein Körper verändert, ich wurde robuster. Später hat mir der Sport dann die Kraft gegeben zu erkennen, wer ich bin. Ohne ihn hätte ich mit mir selber viel größere Probleme bekommen. Ich habe wirklich aufreibende Jahre hinter mir, die vielen Behördengänge, die ganzen Gutachten, die erstellt wurden. Wenn mal die Wut in mir aufkam, konnte ich sie im Training rauslassen.

SPIEGEL: Seit Januar dürfen Sie nun als Frau starten. Wie haben sich die Hormonbehandlungen, denen Sie sich im Zuge der Geschlechtsumwandlung unterziehen mussten, auf Ihre Leistungen ausgewirkt?

Schnaß: Ich bin schlechter geworden. Vor allem meine Schwimm- und Laufzeiten sind in den Keller gegangen, im Vergleich zu meinem früheren Leben. Den Einbruch beim Radfahren konnte ich durch noch mehr Training im Rahmen halten.

Ironman

SPIEGEL: Dennoch qualifizierten Sie sich im Mai auf Lanzarote gleich für den -Triathlon auf Hawaii. Wie haben Ihre Gegnerinnen reagiert?

Schnaß: Meiner schärfsten Konkurrentin, die ich in der Qualifikation besiegt habe, fiel es zunächst schwer, damit klarzukommen. Ich kann das verstehen. Immerhin startete ich 2006 auf Lanzarote noch als Mann. Mittlerweile verstehen wir uns sehr gut. Die Lösung war, dass ihr der Veranstalter des Ironman auf Hawaii einen zweiten Startplatz angeboten hat. Ich bin eben ein Präzedenzfall.

SPIEGEL: Spüren Sie auch Ablehnung?

Schnaß: Ja. Und leider gehen die Sprüche manchmal unter die Gürtellinie. Da kann es schon passieren, dass ich eine Träne verdrücken muss.

SPIEGEL: Von wem werden Sie beleidigt?

Schnaß: Am häufigsten anonym in Internetforen. Da fühlen sich manche wohl ganz stark. Ich bin jetzt zwar eine Frau, so steht es auch in meinem Pass, aber mein Kampf um Anerkennung im Sport wird wohl noch lange dauern.

Caster Semenya

SPIEGEL: Für transsexuelle Sportler gelten klare Regeln. So mussten Sie nach der Operation eine vom Internationalen Olympischen Komitee vorgegebene Zweijahressperre einhalten. Seit dem Fall der südafrikanischen Läuferin wird darüber debattiert, wie der Sport angemessen mit Intersexualität umgehen soll. Haben Sie eine Lösung?

Schnaß: Die Verbände sollten jeden Fall mit sehr viel Fingerspitzengefühl angehen. Die Voraussetzung dafür ist, grundsätzlich zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die anders sind. Ich glaube, viele Leute sind da noch nicht so weit.

SPIEGEL: Bei Semenya wurde versucht zu verheimlichen, dass sie medizinisch nicht eindeutig Frau oder Mann ist. Sie veröffentlichen auf Ihrer Internetseite Ihre Blutwerte und weisen offen darauf hin, dass Sie früher ein Mann waren.

Schnaß: Alles andere wäre doch Betrug. Mal angenommen, ich würde meine Geschichte verstecken, die Konkurrenz abhängen, und dann käme im Anschluss die Wahrheit zufällig heraus. Um Gottes willen. Dann wäre die Ablehnung der anderen Athleten riesig, und ich wäre gescheitert.

SPIEGEL: Ist es manchmal schwer, immer offen zu sein?

Schnaß: Darüber denke ich nicht nach. Ich will nicht unterstellt bekommen, dass ich das alles nur gemacht habe, damit ich sagen kann: Hey, ich verdiene meine Kohle als Triathlon-Profi. Es geht mir nicht um Pokale. Ich möchte einfach nur als Sportlerin akzeptiert werden.

Das Interview führten Lukas Eberle und Cathrin Gilbert