AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2009

Geldanlagen Gewinne in Gottes Namen

Demnächst will die erste Bank in Deutschland Scharia-konforme Finanzprodukte anbieten. Ein Milliardenmarkt, den viele große Institute global längst entdeckt haben.

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In Deutschland leben vier Millionen Muslime. Sie essen und trinken nach den Vorschriften des Propheten Mohammed. Sie beten auch danach. Nur für ihre Geldgeschäfte spielten die Lebensregeln des Koran bislang hierzulande keine Rolle. Das soll sich schon bald ändern.

Anfang folgenden Jahres will die erste islamische Bank Scharia-konforme Produkte in Deutschland anbieten. Die Kuveyt Türk Beteiligungsbank wird in der Mannheimer Innenstadt eine Zweigstelle eröffnen. Filialen in anderen Städten sind geplant.

Die Finanzaufseher der BaFin haben der Tochter einer türkisch-kuwaitischen Bank vor kurzem eine eingeschränkte Lizenz erteilt. Sie darf nun Gelder einsammeln, die auf Islam-konforme Konten in der Türkei überwiesen werden.

So bescheiden ging es einst auch in anderen Staaten los. Doch kaum zehn Jahre nach ihrem Start unterhalten in Großbritannien alle wichtigen Großbanken islamische Abteilungen, es gibt allein fünf britische Islambanken.

Nach islamischen Grundsätzen werden mittlerweile weltweit Vermögenswerte von weit über 700 Milliarden Dollar verwaltet. Nur in Deutschland existierte bisher so gut wie kein Angebot.

Grundgedanke des islamischen Bankgeschäfts ist das Zinsverbot des Propheten Mohammed. Wie Jesus laut Neuem Testament war auch der Prophet gegen die Wucherer seiner Zeit vorgegangen, die ihre Zeitgenossen mit Zinsen traktierten - damals mitunter weit über hundert Prozent. Mohammed verbot den Zins kurzerhand, wenn der ohne jede Gegenleistung erhoben wurde. Seit den siebziger Jahren versuchen islamische Banken deshalb, ihren Kunden Finanzdienstleistungen auf Grundlage zinsfreier Transaktionen anzubieten.

Statt Zinsen wird eine Beteiligung an den Gewinnen der Bank versprochen. Es können aber auch Handelsaktivitäten finanziert werden, bei denen der islamische Sparer einen Aufschlag kassiert, der ähnlich hoch ausfällt wie die herkömmlichen Zinsen.

Die Zinslast gilt als Werk des Teufels

Unternehmen, die eine neue Fabrik bauen wollen, nehmen keinen Kredit auf, sondern beteiligen die Investoren an ihrem Erfolg. Wichtig bei all diesen Geschäften im Namen Allahs ist, dass ihnen tatsächlich ein realer Tausch von Gütern oder Dienstleistungen zugrunde liegt. "Der Bezug zur Wirklichkeit muss klar sein", sagt Michael Saleh Gassner, Finanzexperte beim Zentralrat der Muslime in Deutschland.

Seit der Finanzkrise stoßen die Prinzipien der islamischen Investoren auch bei konservativen christlichen Anlegern auf Interesse. Die Grundidee scheint so angenehm fern von jener Spekulationsgier westlicher Finanzmanager.

Zudem hatten sich Aktienindizes, die nach islamischen Prinzipien ausgewählte Unternehmen enthalten, zeitweise besser als vergleichbare ohne konfessionellen Hintergrund entwickelt. Bankgeschäfte nach den Vorgaben der Scharia seien "in der Lage, eine weltweite Führungsrolle zu übernehmen", glaubt Susilo Bambang Yudhoyono, Präsident des bevölkerungsreichsten islamischen Landes Indonesien.

Noch repräsentieren die Koran-konformen Anlagen nur ein Prozent des Gesamtmarkts. Doch die Geschäfte im Zeichen des Propheten wachsen um 15 bis 20 Prozent pro Jahr. Insbesondere die Kunden aus der ölreichen Golfregion bestehen darauf, dass ihr Kapital unter religiösen Gesichtspunkten angelegt wird.

Neben dem Zinsverbot ist auch zu beachten, dass beispielsweise nicht in Glücksspiel oder die Sexindustrie investiert wird. Hochverschuldete Unternehmen werden aussortiert, auch hier gilt die Zinslast als Werk des Teufels.

Mancher Investmentbanker zittert vor religiösen Rating-Agenturen

Der Münchner Versicherungsriese Allianz und die Deutsche Bank haben entsprechende Fonds und Zertifikate aufgelegt, offerieren diese allerdings aktiv nur in islamischen Ländern. "Es ist in der Golfregion eine geschäftliche Notwendigkeit, Scharia-konforme Produkte anzubieten", sagt Hussein Hassan von der Deutschen Bank in Dubai. Mittlerweile sei die Sparte in der Golfregion für 20 bis 25 Prozent des Gewinns verantwortlich.

Dabei gibt es gar keine endgültige Sicherheit darüber, welche Geschäfte mit den Prinzipien des Korans übereinstimmen. Die Banken behelfen sich damit, dass sie möglichst renommierte Islamgelehrte in sogenannte Scharia-Aufsichtsräte berufen, die jedes einzelne Angebot prüfen. In der Golfregion gibt es etwa zehn Geistliche, die mit fast jeder großen westlichen Bank arbeiten und mittlerweile viele Mitarbeiter beschäftigen.

So entstehen quasi religiöse Rating-Agenturen, vor deren Urteil auch mancher Investmentbanker in London zittert. Weil in jedem Land andere Führer den Koran auslegen, hat die Deutsche Bank für ihre Geschäfte in Malaysia, Saudi-Arabien und der Golfregion unterschiedliche Scharia-Aufsichtsräte berufen.

Dass die Geistlichen komplette Märkte mit einer Fatwa lahmlegen können, demonstrierte 2007 Muhammad Taqi Usmani. Der renommierte Rechtsgelehrte aus Pakistan entschied, dass die meisten modernen Ausgestaltungen islamischer Schuldverschreibungen, sogenannte Sukuks, nicht der Scharia entsprechen. Der Bann traf einen Boommarkt, auf dem sich Staaten, Immobilienentwickler und Unternehmen allein im Jahr 2007 knapp 50 Milliarden Dollar besorgt hatten.



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peterworldwide 30.04.2009
1.
Zitat von sysopIslambanken, die nach den Regeln der Scharia arbeiten, verzeichnen in der Wirtschaftskrise einen Boom. Was machen die Institute besser als andere Banken? Taugen sie als Gegenmodell zum westlichen Kapitalismus?
Man sollte Kapitalismus durch Egoismus ersetzen. Dann finden sich hier sicherlich viele (noch immer egoistische) Antworten. Die Islambanken verfolgen eine voellig andere Idee, welche dem christlichen Glauben zur Ehre gereichen wuerde. Aber der Vatikan selbst verfolgt ja eine voellig andere Strategie, als er gar predigt. Und geht dabei ueber Leichen...
Gockeline 30.04.2009
2. Es ist ihnen verboten solche Geschäfte zu machen wie unsere
Hier hält der Gäauben die Hand über das Eigentum der Bürger. Genauso wie in sehr kleinen Banken die nach altem Muster arbeiten.Wohin die Bankenwelt geschlittert ist mit ihren erfundenen Spekulation wissen wir.
PaulNeu, 30.04.2009
3.
Zitat von peterworldwideMan sollte Kapitalismus durch Egoismus ersetzen. Dann finden sich hier sicherlich viele (noch immer egoistische) Antworten. Die Islambanken verfolgen eine voellig andere Idee, welche dem christlichen Glauben zur Ehre gereichen wuerde. Aber der Vatikan selbst verfolgt ja eine voellig andere Strategie, als er gar predigt. Und geht dabei ueber Leichen...
Da müsste man mal definieren, was Islamic Banking bedeutet. Da ist das Zinsverbot zu nennen oder auch Spekulationsverbot. Letzteres ist ohnehin nicht so einfach zu definieren, ich kann auch mit Unternehmen und Mietshäusern spekulieren. Das Zinsverbot wird ersetzt durch Beteiligungsfinanzierung (private equity) oder Anlage in Investmentzertifikate, statt Zinsen also Gewinne. Umsonst gibt auch ein Moslem seine Kröten nicht her. Mit Susuk-Anleihen wird das Zinsverbot umgangen. Ausdrücklich erlaubt der Koran jedoch die Verteilung von Gewinnen. Daher werden die Zinszahlungen durch religionsverträgliche Gewinngutschriften ersetzt. Oder es wird eine Anleihe begeben, deren Mittel in Investitionen gegen Gewinnbeteiligung gesteckt werden, am Ende der Laufzeit erhält der Anleger den um Gewinne erhöhten Anlagebetrag zurück. Letztlich eine gewinnabhängige Verzinsung. Die Anlage fließt dann in westliche Unternehmen, die durch kapitalistisches Banking finanziert werden. Was den Christen im Mittelalter die Juden waren zur Umgehung des Zinsverbotes, das sind die Christen für die reichen Moslems, ohne der kapitalistischen Wirtschaftsweise könnten die frommen Moslems ihre riesigen Geldvermögen nicht korangetreu anlegen. Da würden auch die vielen Hotels nicht helfen, denn die leben auch vom christlichen Tourismus. Wie Islamic Holdings die frommen Anlegen ebenso abzockt wie Banken mit Lehmann Zertifikaten, haben Moslems in Deutschland genug zu spüren bekommen. http://www.welt.de/print-welt/article224716/Betrug_im_Namen_Allahs.html 25 Milliarden Betrug durch fromme Anlageberater.
TommIT, 02.05.2009
4. Echt geil
wird man dann bei der Einreise in die USA oder schon vorher bis auf die Urinkristalle im Nierenstein durchleuchtet, wenn man dort ein Konto hat? Welch absurde Geschehnisse die Worte fpür die der Normalbürger die Unterhose auf dem Fluhafen ausziehen darf, plötzlich an Lippen hängen, die vorher noch einen Nacktscanner forderten. Verbiete die Scharia auch die Gelder so anzulegen, dass einige 'Leute' in Krisengebieten davon profitieren. Unser fettester Ölexporteur wird ja schon länger von denselben alimentiert, die am Flughafen die 'Blankziehertrigger' beschäftigen. So hat man eben die Finger in jedem Geschäft.
silenced 02.05.2009
5. Ach ja ...
Im grunde ist das, wovon diese "islamischen Banken" Abstand halten: Zins, Spekulation, virtueller Schwachfug. Also all jenes, was das "westliche Bankensystem" kaputtgemacht hat weil man begonnen hat aus "Gar Nichts" vielfach "Noch Mehr" zu machen. Kurz: Da standen keine realen Werte mehr dahinter. Nicht zu vergessen: Das ultimative Böse: der Zins ! Das wirklich verwerfliche war/ist: Am Ende merkten die Finanzmenschen: ""Verdammt, unser "virtuelles" Zeug ist ja wirklich nur "virtuell" und wir haben "Nichts", aber nun haben wir dieses "Nichts" komplett verloren, was nun ?"" Und genau dieses "Nichts" hat diese "Krise" verursacht, den im Grunde größten Bankraub aller Zeiten, "Nichts" verlieren aber sich in "Realen Werten" auszahlen lassen. GENIAL ! Aber da kann man Beweisen und Reden soviel man will, es wird sich nichts ändern. Und die wirklich verantwortlichen sitzen immernoch in ihren Sesseln und kassieren dicke Boni.
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