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Raumfahrt Hoffnung auf die Wunderkerze

In Florida startet die erste Testversion einer Rakete, die den Spaceshuttle beerben soll. Sie ist Teil eines Plans, Menschen zum Mond und zum Mars zu senden. Doch das Geld wird knapp. Platzen jetzt alle Träume von künftigen bemannten Fernmissionen?

Es hängt viel davon ab, ob "Ares I-X" am Dienstag dieser Woche wie geplant in den Himmel über Florida startet. Schon nach 39 Sekunden soll die 800-Tonnen-Rakete die Schallmauer durchbrechen, zwei Minuten später dann bereits in 40 Kilometer Höhe fliegen.

Kleiner und kleiner wird der Feuerschweif des schlanken Flugkörpers über dem Atlantik östlich von Cape Canaveral werden. Und Jon Cowart wird aufatmen und sich dem Ziel seiner Träume einen gewaltigen Schritt näher wähnen.

Werden in absehbarer Zeit wieder Astronauten auf dem Mond stehen? Und welche weiteren ihrer Visionen wird sie künftig noch verwirklichen dürfen, die US-amerikanische National Aeronautics and Space Administration (Nasa)?

Derlei Fragen werden Cowart, dem "Deputy Mission Manager" für das "Ares I-X"-Projekt, durch den Kopf schießen. Und er wird hoffen, dass der gewaltige Vrooom der Rakete seine Wirkung nicht verfehlt.

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"Ares 1-X": Flug in eine ungewisse Zukunft

Foto: NASA/ REUTERS

"Ich glaube, dass ein gelungener Start die Diskussion um die Zukunft der Nasa positiv beeinflussen wird", sagt der Ingenieur und blickt hinüber zur Startrampe 39B des Kennedy Space Center. "Wenn die Politiker dieses Ding abheben und nach Osten rasen sehen, dann werden sie sagen: ,Ja, das funktioniert, und ja, dies ist der Weg, den wir gehen sollten.'"

Die Nasa hat die derzeit größte Rakete der Welt in Anschlag gebracht. Sie ist ein Triumph phallischer Ingenieurskunst, hundert Meter hoch und geformt wie eine überdimensionale Wunderkerze. Sie ist Hoffnung und Rettungsanker der Nasa.

40 Jahre nach der ersten Mondlandung steht die größte Raumfahrtorganisation der Erde am Scheideweg. Die Spaceshuttles fliegen im kommenden Jahr zum letzten Mal. Sie gelten als zu teuer und - nach den Challenger- und Columbia-Katastrophen - auch als nicht sicher genug.

Mit einer neuen Flotte von Raumfahrtvehikeln soll nun eine neue Ära der Exploration anbrechen. "Ares I-X" ist die erste Testrakete des sogenannten Constellation-Programms, das Menschen ab 2020 wieder zum Mond und darüber hinaus tragen soll.

Doch mit einem Billionendefizit im US-Haushalt ist das Geld knapper denn je. Und die Politik zweifelt zunehmend am Sinn des Weltraumzaubers. Alles scheint derzeit in Frage zu stehen: die Raketen, das Budget, der Zeitplan, die Flugziele - und damit möglicherweise die Zukunft der bemannten US-Raumfahrt überhaupt.

Das Constellation-Programm sei ohne weitere Finanzspritzen "nicht durchführbar". So steht es in einem von US-Präsident Barack Obama in Auftrag gegebenen Bericht, dessen Schlussfassung vergangene Woche bekannt wurde. "Mit dem derzeitigen Budget lässt sich kaum etwas Inspirierendes unternehmen", klagt Norman Augustine, Chefautor des nach ihm benannten Reports. Bill Nelson, Senator aus Florida, ergänzt: "Wenn der Präsident nicht bereit ist, einen ähnlich kühnen Schritt zu gehen, wie ihn Präsident Kennedy einst ging, wird die bemannte Raumfahrt den Bach runtergehen."

Am 25. Mai 1961 gab Präsident John F. Kennedy den Startschuss für den amerikanisch-sowjetischen Wettlauf zum Mond: "Vor dem Ende der Dekade" sollte es gelingen, "einen Mann auf dem Mond zu landen und sicher zurück zur Erde zu bringen". Acht Jahre später war es so weit: Neil Armstrong setzte als erster Mensch seinen Fuß auf den Erdtrabanten.

Doch zu welchem Preis: An die 400.000 Menschen beschäftigte das "Apollo"-Programm zu seinen besten Zeiten. Rund 130 Milliarden Dollar kostete das Wagnis in heutigen Preisen. Nie wieder steckten die Amerikaner einen so großen Teil ihres Haushalts in die Raumfahrt.

An diese glorreiche Ära wollen die Nasa-Strategen anknüpfen. Diesmal gehe es um noch mehr: Astronauten sollen für Monate auf dem Mond leben und dort einen dauerhaften Außenposten aufbauen. Vor allem aber sollen sie sich auf die Erkundung des Mars und des weiteren Sonnensystems vorbereiten. Amerika trage die Eroberung ferner Welten "im Erbgut", sagt Charles Bolden, Ex-Astronaut und seit kurzem Nasa-Chef. Die Gründe für neue Missionen seien so alt wie die Idee von Amerika selbst: Entdeckung, Wissenschaft, Innovation. "Großartige Expeditionen liegen noch vor uns", sagt Bolden.

Ende September am Kennedy Space Center in Florida: Die Konstruktion von "Ares I-X" ist noch in vollem Gang. Hoch wie ein 50-stöckiges Haus ist die riesige Nasa-Montagehalle, und wer hineintritt, fühlt sich wie in einer hoffnungslos überheizten Kathedrale. Der Blick schweift augenblicklich nach oben und verliert sich im Gewirr der Lüftungsrohre und Kabelstränge. Etwa auf halber Höhe der "High Bay 4" hängt eine gut 15 Meter hohe US-Flagge, dahinter, eingekeilt zwischen Montageplattformen, die weiß schimmernde Außenhaut von "Ares I-X".

Was eigentlich soll der Ami im All?

Die Halle ist historischer Grund: Schon die Saturn-Raketen der "Apollo"-Ära wurden hier zusammengebaut. Auch die Startvorbereitungen für die Spaceshuttles - unweit in Spezialgaragen geparkt - finden bis heute in dieser Halle statt. Und nun also die "Ares"-Raketen: Neben der "Ares I" planen die Ingenieure eine stärkere Schwesterrakete namens "Ares V", die bis zu 188 Tonnen tragen kann. Das Crewmodul "Orion" ist in der Entwicklung, ebenso die Mondlandefähre "Altair". Vier Astronauten sollen die Vehikel zunächst zur internationalen Raumstation (ISS), später auch zum Mond befördern.

"Ares I-X" ist die erste Testversion der "Ares I"-Rakete. Unbemannt und nur mit der Hauptantriebsstufe ausgestattet, soll die Rakete Daten über die kritischen ersten zweieinhalb Flugminuten sammeln. "Wir wollen Unsicherheiten im Design ausräumen, damit wir uns alle besser fühlen, wenn "Ares I" erstmals mit Menschen an Bord abhebt", erläutert der für die Konstruktion verantwortliche Ingenieur Trent Smith.

Mit dem Aufzug geht es hinauf in den 37. Stock. Von hier wirkt der Flugkörper noch größer. Auf seiner Spitze sitzt eine Mini-Rakete, die im Katastrophenfall zündet und das Crewmodul mit rabiatem Schub aus der Gefahrenzone treibt. "'Ares I' ist viel sicherer als der Shuttle", schwärmt Smith. "Es ist drei Jahrzehnte her, dass jemand eine so große Rakete gebaut hat", sagt der 37-Jährige stolz und lässt seinen Blick über den schlanken Korpus des Vehikels wandern als handelte es sich um eine marmorne Venus.

Doch nun stellt das Gutachten der Augustine-Kommission alles in Frage. Fünf Optionen zur Zukunft der bemannten US-Raumfahrt benennen die Experten. Nur in zwei Modellen spielt "Ares I" überhaupt noch eine Rolle. Für zusätzliche drei Milliarden Dollar jährlich, so das Gremium, sei das Constellation-Programm wie geplant durchführbar. Allerdings könne der Mond damit frühestens 2025 erreicht werden.

Sinnvoller und preiswerter könnte es jedoch sein, "Ares I" durch Raketen privater Firmen wie SpaceX oder Orbital Sciences zu ersetzen, die bereits heute Verträge mit der Nasa haben und die ISS versorgen sollen. Für den Transport schwerer Lasten kämen vielleicht auch umgerüstete Militärraketen vom Delta-Typ in Frage.

Vor allem aber muss die Amerikaner eine Einsicht der Experten schmerzen: Nicht mehr abwendbar ist, dass die Weltraumnation nach dem Einmotten der Spaceshuttles im kommenden Jahr zunächst überhaupt keine Menschen mehr ins All wird befördern können - nicht zur ISS und schon gar nicht darüber hinaus.

"The gap", die Lücke, nennen die Amerikaner diese Phase, in der sie ausgerechnet auf die Russen und deren Sojus-Raketen zurückgreifen müssen. Wie groß die Durststrecke ist, hängt maßgeblich von den jetzigen Entscheidungen ab. "Ares I" könnte 2017 fertig sein. Geht es anders schneller? "Sind wir bereit, für längere Zeit von den Russen abhängig zu sein, oder sind wir bereit, darauf zu wetten, dass kommerzielle Alternativen früher fertig werden?", fragt Scott Pace vom Space Policy Institute der George Washington University.

Die Frage an die Obama-Administration sei ganz einfach: "Was für ein Raumfahrtprogramm wollen wir, und was sind wir dafür bereit zu zahlen?"

Rund hundert Milliarden Dollar soll die Nasa in der kommenden Dekade für die bemannte Raumfahrt bekommen. Mehr als 30 Milliarden müsste die US-Regierung zusätzlich zusagen, um Menschen tatsächlich erneut zum Mond zu schießen, schätzt die Augustine-Kommission. Bei so viel Geld drängt sich die Frage auf: Was eigentlich soll der Ami im All? Geht es nur um ein paar Verrückte, die auf einer Art gigantischem Feuerstuhl wie weiland Jesus Christus in den Himmel auffahren wollen? Was hat der Mond zu bieten außer Tonnen von Staub? Und was der Mars?

Die Verfechter der bemannten Raumfahrt versprechen wissenschaftliche Erkenntnis. Ein Radioteleskop etwa ließe sich auf der erdabgewandten Seite des Mondes installieren, um tiefer denn je ins All zu blicken. Schon die Marsmission allerdings, so scheint es, fasziniert die Zunft vor allem aus Lust am Abenteuer. "Ob jemand dahin will?", fragt Jeff Greason, Chef des Unternehmens XCOR Aerospace, erstaunt. "Ich will! Und es gibt eine Menge Leute, die auch wollen." Der amerikanische Westen sei dereinst auch eine "heulende Wildnis" gewesen: "Was man bewohnbar nennt, hängt einzig von der Technik ab."

Die Kritiker überzeugt das nicht. "Jeder, der denkt, er könne autark auf dem Mars überleben, lügt sich in die Tasche", sagt Bob Park von der University of Maryland, ein profilierter Kritiker des Astronautenprogramms. "Auf dem Mars ist nichts zu holen; selbst wenn er zentimeterdick von Diamanten bedeckt wäre, würde es sich nicht lohnen, Menschen dorthin zu schicken."

Ohnehin stellten Roboter immer die bessere Alternative dar, sagt Park: "Sie machen keine Pause fürs Mittagessen und beschweren sich nicht über kalte Nächte; und sie leben von Sonnenschein!" Menschen seien nicht gebaut für die Erkundung des Weltalls. "Unsere Rover können sogar besser sehen - und jeder kann sehen, was sie sehen! Wie demokratisch!"

Ist die bemannte Raumfahrt der Nasa also ein Auslaufmodell? Im Kennedy Space Center könnte man fast den Eindruck gewinnen. Kantine und Mediathek wirken, als wären sie seit den siebziger Jahren nicht mehr renoviert worden. Selbst das Personal scheint größtenteils schon seit "Apollo"-Zeiten dabei zu sein. "Wir feiern heute mal wieder eine Pensionierung", sagt eine der dienstbaren Damen. Dann werden Häppchen und Süßtee gereicht.

Doch noch scheinen einige Experten der Nasa Großtaten zuzutrauen. Kommissionschef Augustine jedenfalls empfiehlt einen "flexiblen Weg". Schritt für Schritt, etwa durch Missionen zu Asteroiden, solle sich die Nasa an die größten Abenteuer herantasten. Durch regelmäßige Erfolgsmeldungen lasse sich auch die Öffentlichkeit bei der Stange halten, glaubt er.

Für Giovanni Bignami, den ehemaligen Präsidenten der italienischen Weltraumagentur ASI, sind die Mondpläne der Nasa sogar noch zu bescheiden. Die Zukunft der staatlichen Raumfahrt liege eher im "Deep Space", in den Weiten des Alls.

"Lasst die Chinesen das tun, was Amerikaner vor 40 Jahren getan haben", rät der Professor. Auch "privaten Reiseveranstaltern" traut Bignami zu, in nicht allzu ferner Zukunft Ausflüge zum Nachtgestirn anzubieten - "vielleicht für frisch Verheiratete, All-you-can-eat-Buffet inklusive".

Der Nasa und der Europäischen Weltraumagentur Esa indes rät der Italiener, gemeinsam "zu größeren und besseren Dingen" fortzuschreiten.

Natürlich müssten neue, aufregende Techniken, etwa nukleare Antriebssysteme, entwickelt werden, um ferne Winkel des Sonnensystems zu besuchen, begeistert sich Bignami: "Wir brauchten Billionen Dollar dafür; aber warum nicht?"

Immerhin gehe es um nichts Geringeres als darum, "die irdischen Ketten" zu sprengen.

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