AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2009

Psychologie "Wow, was für ein Gefühl!"

Von , Ulrike Demmer, und

2. Teil: "Die Versuchung, immer mehr zu nehmen, war einfach zu groß"


Das ist die gute, die faszinierende Seite der Tabletten. Nur: Die Langzeitfolgen für die Gesundheit sind noch weitgehend ungeklärt. Und es stellen sich, zieht man die Freigabe der Mittel in Betracht, komplexe ethische Fragen. Zum Beispiel das Problem der Chancengleichheit. Schließlich verschafft sich jeder Konsument von Hirnverstärkern, ähnlich wie der Doper bei der Tour de France, Vorteile gegenüber Konkurrenten. Es beginnt ein Wettrennen, bei dem jeder verliert, der sich den neuen Hirncocktails verweigert.

Thorsten Galert, Philosoph und Mitglied jener deutschen Forschergruppe, die die Folgen des Neuro-Enhancement analysiert, fragt deshalb, wann uns "in Analogie zum Radfahrer Erik Zabel der erste Leibnitz-Preisträger unter Tränen im Fernsehen gestehen wird, dass er seine besten Arbeiten unter Ritalin verfasst hat".

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Kosmetik fürs Gedächtnis: Pille einwerfen, Überflieger sein
Aber dieses Problem, oft schon für den Sport diskutiert, wirkt geradezu trivial angesichts der großen Philosophenfrage nach dem Ich. Sie stellt sich neu, wenn Menschen Mittel nehmen, die ihr Gehirn, Sitz des Bewusstseins, gezielt verändern. Das Gedächtnis ist ein maßgeblicher Teil des Selbst; das Individuum formiert sich um das Puzzle all der Geschichten, die es gespeichert hat, sie sind Wegmarken der eigenen Persönlichkeit. Bin ich also noch ich, wenn meine Vergangenheit plötzlich aus Erinnerungen besteht, die ein chemischer Stoff im Kopf verankert hat?

Supermutter dank Chemie

Maria Westermann hatte keine Zeit, sich um solche Fragen zu scheren. Von Anfang 2005 an gehörte das Gehirndoping fest zu ihrem Leben. Zunächst nahm sie lediglich jeden zweiten Tag eine Ritalin, schon bald konnte sie auf die tägliche Ration nicht mehr verzichten. Ihr Körper hatte sich an den Wirkstoff schnell gewöhnt. "Die Versuchung, immer mehr zu nehmen, war einfach zu groß", sagt sie.

Westermann war mit den Tabletten so leistungsfähig wie nie, sie schalteten auch die befürchteten Nachwirkungen der Unterleibsoperation einfach aus. Morgens schon managte sie perfekt den Apothekenbetrieb. Sie schmiss eine Pille ein, nahm sich die Kassenumsätze vor und konnte genau verfolgen, wie das Geschäft am Vortag gelaufen war, ohne im Laden gewesen zu sein. "Langsam wurde sie mir unheimlich", sagt Klaus, ihr Ehemann.

Nachmittags war Maria Westermann Übermutter und paukte ihre Jungs durch die Schularbeiten. Nebenbei bereitete sie Vorträge für die Elternschaft vor. Keine gewöhnlichen Referate, bewahre - das Ritalin in ihr stachelte sie zu Höherem an. Sie arbeitete das Standardwerk über Rhetorik durch, betrieb Werbung, schaltete die Lokalpresse ein, am Ende kamen 130 Leute. Rekord.

Sobald die Kinder im Bett waren, las Maria Westermann den SPIEGEL an einem Stück durch. Dann Fachliteratur über Psychologie, Medizin, Philosophie, Theologie. Sie verschlang Schopenhauer und Nietzsche. "Sie hat die Bücher nicht gelesen", erinnert sich ihr Mann, "sie hat sie regelrecht aufgesogen." Westermann war in der Lage, sich Inhalte exakt zu merken, Zusammenhänge herzustellen und Erklärungen für ihr eigenes Leben abzuleiten. "Jedes Buch war so spannend wie ein Krimi", sagt sie.

Potentiell gefährliche Nebenwirkungen

Methylphenidat heißt der Wirkstoff, der Maria Westermann so beglückte. Zunächst stellten Ärzte mit dem Präparat ausschließlich Kinder ruhig, die unter einer Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität leiden, dem "Zappelphilipp-Syndrom". Inzwischen schlucken in den USA Orchestermusiker, Journalisten und Wall-Street-Banker das Mittel.

Aber das wahre Experimentierfeld des Hirndopings liegt in den amerikanischen Universitäten. Mehr als vier Prozent der Studenten werfen sich routinemäßig stimulierende Mittel wie Methylphenidat oder Amphetamin ein, so eine Studie von 2005. Auf einem Campus räumte sogar ein Viertel aller jungen Frauen und Männer ein, das Gehirn pharmakologisch aufzumöbeln, um an der Universität mithalten zu können. Studenten dealen illegal mit den Substanzen, zermahlen die Tabletten und ziehen sich das Pulver in die Nase. "Ritalin wird inzwischen häufiger geschnupft als Kokain", sagt Claus Normann, Psychiater an der Freiburger Uni-Klinik.

Wer sein Hirn damit hochjagt, muss freilich die auf den Packungsbeilagen angegebenen Nebenwirkungen verdrängen: Schlafstörungen, Herzbeschwerden, Psychosen. Suchtmittelexperten warnen davor, dass Methylphenidat, langfristig eingenommen, abhängig mache. Deswegen fällt das Medikament in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz und muss nach denselben Richtlinien verschrieben werden wie zum Beispiel Morphin.

Der Schweizer Arzneimittelkonzern Novartis setzte im vergangenen Jahr mit Ritalin 440 Millionen Dollar um. Der Konkurrent Johnson & Johnson machte allein im dritten Quartal dieses Jahres 284 Millionen Dollar Umsatz mit dem Präparat Concerta, das ebenfalls Methylphenidat enthält. Derzeit kämpft die Pharmalobby in Deutschland um die Zulassung des Wirkstoffs für ADHS bei Erwachsenen.

Forscher arbeiten am perfekten Hirndoping

Dabei ist noch gar nicht vollständig erforscht, wie das Zeug genau im Hirn wirkt. Neurowissenschaftler haben festgestellt, dass Methylphenidat die Konzentration des Glückshormons Dopamin in bestimmten Teilen des Nervensystems steigen lässt. Zudem erhöht sich der Spiegel des Botenstoffs Noradrenalin, der in einem Teil der Großhirnrinde bestimmte Rezeptoren aktiviert. Das erhöht die Konzentrationsfähigkeit - aber nicht unbedingt die Intelligenz, es werden lediglich vorhandene Potentiale stimuliert.

Methylphenidat ist nur ein Mittel der neuen Neurodrogen-Welt. Ähnliche Wunder versprechen sich Ermattete von Vigil mit dem Wirkstoff Modafinil. Obwohl das Präparat gegen Tagesschläfrigkeit vor allem bei Schichtarbeitern eingesetzt wird, schlucken es Geschäftsreisende nach Langstreckenflügen gegen den Jetlag so selbstverständlich wie Espresso. Es hilft, zum richtigen Zeitpunkt hellwach im Kopf zu sein: sich auf die Powerpoint-Präsentation zu konzentrieren statt einzunicken. Das Medikament findet unter Jungunternehmern im Silicon Valley wie auch andernorts in den USA reißenden Absatz.

Inzwischen arbeiten Forscher an noch viel filigraner auf den Denkapparat abgestimmten Pillen. Wach und animiert? Das genügt nicht mehr. Inzwischen sind die Wissenschaftler so weit, mittels spezieller Proteine der Hirnchemie den Neuronen ein fotografisches Gedächtnis einzubrennen. Das wäre er, der absolute Kassenschlager: die Tablette fürs Gedächtnis, die Blitz-Lernpille. Allerdings gelingen die Versuche bislang nur an Taufliegen.

ViaCell in Boston entwickelt ein Wachstumspräparat für Bindegewebszellen, die auch im Gehirn vorkommen, die sogenannten Fibroblasten. Das Mittel soll sie anregen, sich zu vermehren; vorgesehen ist es für Patienten mit Hirntumoren oder Schlaganfall. Der vermutete Nutzen für Gesunde: Neugebildete Neuronen lernen schneller als alte - es ist, als würde die Hardware im Gehirn nachgerüstet.

"Ich war arrogant, hochnäsig, hatte eine Art Größenwahn"

Als Vorreiter der Hirnverbesserungsforschung gilt Eric Kandel. Der heute 79-jährige Amerikaner befasst sich seit Jahrzehnten mit den Prozessen des Lernens im Gehirn. 2000 bekam er den Nobelpreis für Medizin, nachdem er mit einem Kollegen die Firma Memory Pharmaceuticals gegründet hatte, die inzwischen vom Schweizer Multi Roche aufgekauft wurde. Nun forscht Kandel an gedächtnisfördernden Präparaten. Das Ziel seines Forscherteams: Substanzen in den Nervenzellen zu aktivieren, die wie ein Turbo für das Gedächtnis wirken.

Maria Westermann hatte nach sieben Monaten ihren Ritalin-Turbo auf zehn Tabletten am Tag gesteigert. Die erste Ration morgens war stets die schönste für sie, weil sie damit wie auf Tastendruck ihre inzwischen gewohnte Leistungskraft wiederherstellte. Alle folgenden Pillen des Tages dienten dazu, diesen Zustand so lange wie möglich aufrechtzuerhalten.

Sie leistete nun so viel wie nie, und sie wusste so viel wie niemals zuvor. Sie saß im Gemeinderat und sprudelte vor Einfällen, wie man die Gottesdienste wieder voll und die Kirche attraktiver machen könnte. Zack, das muss man so machen. Warum sind die anderen nur so langsam, so träge? Blöde Hausfrauen, dachte sie.

Die Bücher, all die Einsichten, die Neugierde ließen sie nicht mehr los - sie gönnte sich keine Verschnaufpause mehr. Und sie begann zu dozieren. Sie erzählte ihren Bekannten und Verwandten, was sie alles auf dem Kasten hat. Die empfanden sie zunehmend als abgedreht. "Ich war arrogant, hochnäsig, hatte eine Art Größenwahn, weil ich so voller Wissen, Kraft und Tatendrang steckte", sagt sie.

Wer sich den Neuronen-Stimulus nicht wie Westermann vom Rezept fürs eigene Kind abzweigen kann, versucht, ihn dem Arzt abzuschwatzen. Wohl oft erfolgreich: Laut einer aktuellen Analyse der ärztlichen Verschreibungen haben hilfreiche Doktoren offenbar mindestens mit jedem vierten Rezept für Mittel wie Ritalin oder Modafinil Möchtegern-Superfrauen und -männern zu ihrem Kick verholfen.



insgesamt 197 Beiträge
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Seite 1
Mocs, 24.10.2009
1. Kranker Gedanke
Ich glaub', es hackt !! Der Mensch ist keine zu tunende Maschine - und sich mit Chemikalien vollballern, damit die Bourgeoisie 3 - 20% mehr Geld zusammenklauen kann ?? Nein Danke - allein der Gedanke ist krank.
Orthogräfin, 24.10.2009
2.
Zitat von sysopViele Menschen nehmen sie jetzt schon, auf Rezept: Medikamente, die Nervosität und Konzentrationsschwäche bekämpfen. Sollen diese Medikamente zur Leistungssteigerung am Arbeitsplatz generell freigegeben werden?
Diese Medikamente gehören nicht nur freigegeben, sondern verbindlich in den Nahrungskatalog der abhängig Beschäftigten. Die (Lohn)Sklaven können froh sein, das Soma zu bekommen - und bezahlen zu dürfen, geht doch die Arbeit viel leichter von der Hand. Schließlich kann ja keiner wollen, daß die Gewinne der Pharmaindustrie unter der Krise leiden! Und wer das Zeug nicht nehmen will und stattdessen menschenwürdige Arbeitsbedingungen fordert, ist ein Querulant und Volksschädling...
hardner 24.10.2009
3.
Zitat von sysopViele Menschen nehmen sie jetzt schon, auf Rezept: Medikamente, die Nervosität und Konzentrationsschwäche bekämpfen. Sollen diese Medikamente zur Leistungssteigerung am Arbeitsplatz generell freigegeben werden?
Wer solche Forderungen stellt, der beweist, dass solche Präparate vollkommen wirkungslos sind. Gruss, hardner
sukowsky, 24.10.2009
4. Warum sich kaputtmachen
Warum sich kaputtmachen. Ich bin so wie ich bin. Doping, na gut als Medizin, wie ein Nachbrenner einschalten - aber dann muss Schluß sein.
saul7 24.10.2009
5. Eine
Zitat von sysopViele Menschen nehmen sie jetzt schon, auf Rezept: Medikamente, die Nervosität und Konzentrationsschwäche bekämpfen. Sollen diese Medikamente zur Leistungssteigerung am Arbeitsplatz generell freigegeben werden?
eindeutige Antwort: Medikamente zur "Leistungssteigerung" am Arbeitsplatz sollten, wenn sie denn nur diese Indikation zum Ziel haben, generell nicht rezeptiert werden!!!
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