AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2009

Psychologie "Wow, was für ein Gefühl!"

Von , Ulrike Demmer, und

3. Teil: Dürfen Eltern ihre Kinder dopen?


Wie leichtfertig es - zumindest derzeit noch - ist, die Lizenz zum Hirndoping zu vergeben, das kann Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, täglich in ihrem Sprechzimmer beobachten.

Einmal kam ein 22-jähriger Student der Betriebswirtschaftslehre in Heusers Sprechstunde. Als er zitternd vor ihr saß, hatte er schon sechs Monate Doping und einen Nervenzusammenbruch hinter sich. Der Student hatte tagsüber Ephedrin geschluckt, ein Aufputschmittel, um seine Bachelor-Prüfungen trotz eines Skiunfalls nach dem sechsten Semester abschließen zu können. Abends waren dann Alkohol und Schlafmittel nötig, um wieder runterzukommen. Seine Mutter, eine Allgemeinmedizinerin, habe dem Mann das Mittel verschrieben, erzählt Heuser.

Auch die Weltwirtschaftskrise hat schon Kundschaft zu Heuser getrieben. Ein Investmentbanker in feinem italienischem Tuch forderte Modafinil auf Rezept. "Der wollte die durch die Krise entstandenen Verluste ausgleichen und nun 18 statt der sonst üblichen 14 Stunden arbeiten", erzählt die Psychotherapeutin.

Heuser verteufelt das Neuro-Enhancement nicht. "Menschen wollen sich verbessern, das ist ein legitimer Anspruch", sagt die Wissenschaftlerin, "schließlich leben wir in einer Leistungsgesellschaft." Die Optimierung des Körpers ist längst akzeptiert. Warum sollte man nicht auch die Psyche perfektionieren? Eine schnelle Auffassungsgabe, gutes Erinnerungs- und Konzentrationsvermögen verschaffen möglicherweise den jobsichernden Vorteil in der modernen Arbeitswelt.

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Kosmetik fürs Gedächtnis: Pille einwerfen, Überflieger sein
"Spätestens wenn die Medikamente keine Nebenwirkungen mehr haben, werden wir nicht darauf verzichten", prophezeit Reinhard Merkel, Rechtswissenschaftler an der Universität Hamburg. "Es rollt eine riesige Welle auf uns zu." Wie Galert und Heuser gehört Merkel zu dem Team der Wissenschaftler, das für die Bundesregierung die Folgen des Neuro-Tunings untersucht hat.

Der Jurist stellt Fragen, die demnächst beantwortet werden müssen: Dürfen Eltern ihre Kinder dopen? Soll es Kontrollen an Universitäten geben? Werden die Neuro-Enhancements irgendwann allen zugänglich sein? Oder vergrößert damit nur die Elite ihren ohnehin bestehenden Vorsprung? Wird es bald ein Wettrüsten der Nationen um das beste Dopingmittel geben? Wie kann sichergestellt werden, dass die Präparate nur auf freiwilliger Basis eingenommen und nicht von fordernden Chefs vorgeschrieben werden?

"Nature"-Manifest löste Kontroverse aus

Mit einer Art Manifest, erschienen in "Nature", wirbelten vor knapp einem Jahr sieben Forscher die akademische Welt durcheinander. Sie plädierten darin für eine "verantwortungsvolle Freigabe" der Psychomittel auch für Gesunde. Heute könne sowieso jeder, der das wolle und bezahlen könne, seinen Körper und das Hirn mit Medikamenten aufrüsten, hieß es dort. "Wir sollten neue Methoden begrüßen, die unsere Hirnfunktionen verbessern."

Was den Vorstoß besonders brisant machte, war die Tatsache, dass Koryphäen wie Michael Gazzaniga, 69, unter den "Nature"-Autoren waren. Der Hirnforscher arbeitet am Sage Center for the Study of the Mind und ist Mitglied des Bioethikrats des US-Präsidenten. Seine Botschaft: "Die Menschen benutzen eine ganze Reihe unnatürlicher Mittel, um Leistungen zu verbessern", deshalb solle der Arzt auch Präparate dieser Art verschreiben dürfen, "wenn jemand unter besonders großem Leistungsdruck steht".

Als "kleinen Skandal" empfindet Michael Soyka, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, das Manifest, er hielt "Nature" bisher für seriös, eine Instanz in der Forschung. "Das Ganze ist wirklich fürchterlich", schimpft er. Ein Tabubruch, ein Vorschlag gegen jede medizinische Ethik.

Soyka ist dagegen, die Tabletten freizugeben, er verabscheut die Forderungen seiner Wissenschaftskollegen. "Mir gefällt das Menschenbild dahinter nicht", sagt er. Schneller, besser, mehr, mehr, mehr. Es sei die Logik des Computerzeitalters, das Hirn der Menschen halte nicht mehr mit. "Es geht nur noch um Durchhalten und mehr Power." Warum verschreiben Ärzte keine Arbeitspausen?

"Die Mittel sind kein Kaugummi"

"Gewiss, die Mittel sind kein Kaugummi", räumt Martha Farah von der University of Pennsylvania ein, die den Aufruf mit unterzeichnet hat. "Andererseits gibt es Schlimmeres: Rauchen etwa."

Und was ist mit dem Vorwurf, Gehirndoping führe zu einem unfairen Wettbewerb? Das kann man genau andersherum sehen, finden die Gelehrten um Farah. An Chancengleichheit mangele es ohnehin: Studenten, die sich einen privaten Tutor leisten können, seien gegenüber ärmeren Kommilitonen im Vorteil. Die Drogen fürs Gehirn, argumentieren die Forscher, könnten diesen Ungerechtigkeiten sogar entgegenwirken - man müsse die Mittel einfach allen Prüflingen kostenlos zur Verfügung stellen.

Tatsächlich könnte das Dopen ganzer Klassen und Absolventenjahrgänge zu einer beispiellosen Gleichmacherei führen, wie neurowissenschaftliche Untersuchungen andeuten: Bei mittelmäßigen Studenten führen die Mittel nämlich zu vergleichsweise großen Verbesserungen. Überdurchschnittliche Hochschüler spüren nur kleine Effekte.

Mathias Berger, Ärztlicher Direktor der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie des Uni-Klinikums Freiburg, beobachtet mit Verwunderung, wie schnell der Markt für die "Kosmetik der grauen Zellen" wächst. Er sieht ein Phänomen, das "in dieser Form dem Doping in Sportstudios vergleichbar werden wird": Obwohl so wenig bekannt sei über die Risiken und Nebenwirkungen, werde das Zeug "insbesondere unter College-Studenten bedingungslos geschluckt".

Vielen Konsumenten erschienen die Nebenwirkungen zunächst auch gering. Aber diese Medikamente, erklärt Berger, veränderten "die Verarbeitung der Informationen im Gehirn". Und: "Die Auswirkungen auf die Persönlichkeit eines Menschen, der sich für Erfolge nicht mehr sehr anstrengen muss, sind nicht absehbar." Auch der Druck auf ältere Arbeitnehmer, ihr Gehirn aufzupeppen, werde "sicher extrem steigen", prophezeit Berger, sobald deren geistige Frische nachlasse.

Zusammenbruch nach drei Jahren unter Ritalin

Maria Westermann hatte nach zwei Jahren unter Ritalin den Höhepunkt ihrer Gehirnleistung erreicht. Sie nahm bis zu 18 Tabletten am Tag. Sie begann zu zittern und hatte ständig Kopfschmerzen. Als schlimmer noch empfand sie aber, dass sie trotz steigender Dosen ihre grandiose Konzentrationsfähigkeit nicht mehr erreichen konnte. Es ging jetzt bergab.

Bald merkte sie, dass sie die Fähigkeit einbüßte, sich auf mehrere Dinge gleichzeitig einzulassen. Hatte sie sich in eines ihrer Projekte vergraben, konnten die Kinder noch so viel maulen. "Die waren dann nur noch Störfaktoren für mich", sagt sie, "ich habe wie in einem Tunnel gelebt und hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei."

Westermann veränderte sich. Sie war leicht reizbar, und "an manchen Tagen hasste ich mich selbst". Schlau sei sie zwar gewesen, erzählt ihr Mann, aber ihr "gesunder Menschenverstand" war verlorengegangen: "Das war nicht mehr die Frau, die ich geheiratet hatte."

Das vollgestopfte Gehirn von Maria Westermann geriet immer öfter in Konflikt mit den Anforderungen des Alltags. Aus jeder Bemerkung ihres Mannes leitete sie eine Verschwörung ab. Erzählte er von einem Gespräch mit einer Mitarbeiterin, so vermutete sie eine Liebschaft dahinter. Berichtete er von Problemen der Kinder, so vermutete sie, ihr Mann wolle ihr die Söhne entziehen. "Alles, was ich mir ausdachte, ergab einen Sinn", sagt sie. Die Ehe wurde zur Hölle.

Erst im Mai 2008, über drei Jahr nach der Einnahme der ersten Tablette Ritalin, sah Westermann ein, dass sie Hilfe brauchte. Sie ließ sich in einer Klinik für Suchtkranke aufnehmen. Alkoholiker, Tablettenabhängige, Kokainsüchtige, Ausgebrannte. "Das war wie eine Hinrichtung", sagt sie, "ich war auf dem Abstellgleis angekommen."

Für Götz Mundle, Chefarzt der Oberberg-Klinik im Schwarzwald, war Maria Westermann der erste Fall einer Gehirngedopten. Gewundert hat er sich dennoch nicht über das spezielle Drama seiner Patientin. "Je mehr Gas der Mensch gibt, desto mehr innere Verankerung braucht er auch", sagt der Psychiater.

Die neue Medikamentengeneration hält er nicht per se für etwas Teuflisches. Nicht die Präparate seien das Problem, sondern der Umgang mit den neuen Herausforderungen der Arbeitswelt. Menschen brauchten eine Balance zwischen äußeren Anforderungen und innerer Ruhe. "Wer seine Potentiale kennt und zu entwickeln weiß, ist auf diese Medikamente nicht angewiesen", sagt Mundle.

Maria Westermann blieb acht Wochen in Mundles Suchtklinik. Ritalin, sagt sie, habe sie in unbekannte Sphären gehoben, aber in Erinnerung ist ihr besonders die "dunkle Zeit" geblieben, die Tage, in denen "ich wie durch einen dichten Nebel gegangen bin".

*Name geändert



insgesamt 197 Beiträge
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Seite 1
Mocs, 24.10.2009
1. Kranker Gedanke
Ich glaub', es hackt !! Der Mensch ist keine zu tunende Maschine - und sich mit Chemikalien vollballern, damit die Bourgeoisie 3 - 20% mehr Geld zusammenklauen kann ?? Nein Danke - allein der Gedanke ist krank.
Orthogräfin, 24.10.2009
2.
Zitat von sysopViele Menschen nehmen sie jetzt schon, auf Rezept: Medikamente, die Nervosität und Konzentrationsschwäche bekämpfen. Sollen diese Medikamente zur Leistungssteigerung am Arbeitsplatz generell freigegeben werden?
Diese Medikamente gehören nicht nur freigegeben, sondern verbindlich in den Nahrungskatalog der abhängig Beschäftigten. Die (Lohn)Sklaven können froh sein, das Soma zu bekommen - und bezahlen zu dürfen, geht doch die Arbeit viel leichter von der Hand. Schließlich kann ja keiner wollen, daß die Gewinne der Pharmaindustrie unter der Krise leiden! Und wer das Zeug nicht nehmen will und stattdessen menschenwürdige Arbeitsbedingungen fordert, ist ein Querulant und Volksschädling...
hardner 24.10.2009
3.
Zitat von sysopViele Menschen nehmen sie jetzt schon, auf Rezept: Medikamente, die Nervosität und Konzentrationsschwäche bekämpfen. Sollen diese Medikamente zur Leistungssteigerung am Arbeitsplatz generell freigegeben werden?
Wer solche Forderungen stellt, der beweist, dass solche Präparate vollkommen wirkungslos sind. Gruss, hardner
sukowsky, 24.10.2009
4. Warum sich kaputtmachen
Warum sich kaputtmachen. Ich bin so wie ich bin. Doping, na gut als Medizin, wie ein Nachbrenner einschalten - aber dann muss Schluß sein.
saul7 24.10.2009
5. Eine
Zitat von sysopViele Menschen nehmen sie jetzt schon, auf Rezept: Medikamente, die Nervosität und Konzentrationsschwäche bekämpfen. Sollen diese Medikamente zur Leistungssteigerung am Arbeitsplatz generell freigegeben werden?
eindeutige Antwort: Medikamente zur "Leistungssteigerung" am Arbeitsplatz sollten, wenn sie denn nur diese Indikation zum Ziel haben, generell nicht rezeptiert werden!!!
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