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Angela Merkel: Tristes Heute, schönes Morgen

Foto: Markus Schreiber/ AP

Essay Tristes Heute, schönes Morgen

Angela Merkel im Spiegel von Vorbild und Spitznamen.

Als Angela Merkel am Tag ihrer Wiederwahl zur Bundeskanzlerin den Reichstag verließ, traf sie an der Tür ihren ehemaligen Wirtschaftsminister Michael Glos. Er trug keinen Mantel, und sie ermahnte ihn, achtzugeben wegen der Kälte. Sie sagte das durchaus ernst, eine Spur streng sogar, und es gab einen kleinen Wortwechsel, bei dem Glos anmerkte, dass es Merkel ja immer gut mit ihm meine. Merkel stieg in ihren Dienstwagen, und Glos schickte ihr ein faunisches Grinsen hinterher. Glos war im Frühjahr zurückgetreten, weil er sich schlecht behandelt fühlte von der Bundeskanzlerin, und Glos ist der Mann, dem nachgesagt wird, er habe Merkels Spitznamen "Mutti" in die Welt gesetzt. Durch das kleine Treffen am Mittwoch vergangener Woche durfte er sich bestätigt fühlen. Merkel bedachte ihn mit einer schneidigen Mütterlichkeit, in der sowohl Fürsorge steckte als auch Hierarchisierung. Glos, fast zehn Jahre älter als Merkel, war in dieser Szene das Jüngelchen, das in seinem Leichtsinn die Gefahren des grippalen Infekts übersieht.

Mutti war denn auch das Wort der vergangenen Woche, in der Angela Merkels zweite Kanzlerschaft begann. Es tauchte häufig in den Zeitungen auf, und im Berliner Regierungsviertel gibt es unter Männern kaum noch ein Gespräch über Merkel, in dem sie nicht Mutti genannt wird.

Merkel weiß das, und für sie muss es etwas merkwürdig sein, wenn sie in ihrem Büro die Zeitungen liest und zwischendurch den Blick hebt. Dann sieht sie einen Silberrahmen, in dem ein Bild der russischen Herrscherin Katharina II., genannt "die Große", steckt. Dieses Bild steht dort, weil Merkel in jener Katharina ein Vorbild sieht, und das ist eine eigenartige Spannung, die sich dort zeigt, die Spannung zwischen Vorbild und Spitznamen, zwischen Katharina der Großen und Mutti. Während im Vorbild stets der Wunsch nach einem heroischen Sein steckt, beleuchtet der Spitzname die krude Realität. Im Idealfall, im Fall eines gelungenen Lebens oder, was Merkel angeht, einer gelungenen Kanzlerschaft, liegt beides nicht weit auseinander. Das aber kann Merkel nicht für sich beanspruchen. Katharina die Große und die sehr deutsche Figur der Mutti verbindet nicht viel.

Auf den ersten Blick hat sich Merkel ein passendes Vorbild ausgesucht. Katharina II. wurde am 2. Mai 1729 in Stettin als Sophie Friederike Auguste geboren und wuchs als Prinzessin von Anhalt-Zerbst auf. Als 14-Jährige reiste sie nach Russland, weil sie als Braut für Thronfolger Peter ausgesucht war. Von da an gibt es verblüffende Parallelen zu Merkels Leben. Beide mussten sich in einer fremden Welt etablieren, die deutsche Prinzessin im wenig europäischen Russland, die gelernte DDR-Bürgerin Merkel in der Bundesrepublik. Beide nahmen den Machtkampf mit den herrschenden Männern auf und siegten. Katharina stieß ihren Gatten vom Thron, er verlor dabei sein Leben, Merkel schob Helmut Kohl und andere aus dem Weg, sie kamen glimpflicher davon. Beide Frauen waren bereit, Identitäten für Macht einzutauschen. Sophie änderte ihren Namen in Katharina, weil der für Russland passender war, und konvertierte vom Protestantismus zum orthodoxen Glauben, Merkel vom Neoliberalismus zur Sozialdemokratie.

Der Spitzname Mutti dagegen scheint so gar nicht zu passen. Merkel ist kinderlos und entspricht nicht dem Bild der warmherzigen Matrone, die sich mit biederem Sinn und geistig etwas beschränkt dem Wohl der Lieben verschreibt. Mit dem Wort Mutti ist ja eher eine Figur der fünfziger, sechziger Jahre gemeint, moderne Mütter verbitten sich dieses Wort.

Auf den zweiten Blick allerdings steckt im Vorbild eine Anmaßung und im Spitznamen eine Richtigkeit. Katharina die Große war eine Reformerin. Sie hat das rückständige Russland näher an Europa herangeführt. Sie hat die Verwaltung und die Justiz erneuert, sie hat den Staatshaushalt saniert. Katharina II. hat ein großes Werk hingelegt, über Merkel würden das allenfalls glühende Fans sagen.

Sie ist die selbsternannte "Kanzlerin für alle"

Weshalb Merkel näher am Spitznamen regiert als am Vorbild. Mutti politics - das ist die große Umarmung aller, die ständige Suche nach der universalen Glücksformel, mit der die Gesellschaftsmitglieder bei Laune gehalten werden können. In dieser Hinsicht ist Merkel wahrhaft eine Große.

Sie ist die selbsternannte "Kanzlerin für alle", sie verteilt sogar in der Krise Steuergeschenke wie mit der Suppenkelle, auch wenn das den Haushalt auf Jahre unter Stress setzt. Alles, was eine größere Reform sein könnte, schickt sie durch Kommissionen und Wartezimmer, so dass niemand in absehbarer Zeit eine Beunruhigung fürchten muss.

Es gibt allerdings auch eine Schnittmenge von Vorbild und Spitznamen. Auch die Figur der Mutti ist nicht harmlos, sie ist absolute Herrscherin in der Familie so wie Katharina in Russland. Wenn Politiker der Union in Berliner Hintergrundgesprächen Mutti sagen, sagen sie dies meist mit dem Ausdruck des Glücks, eine Übermächtige schmähen zu können, aber auch mit dem Ausdruck der Sorge, sie könne davon erfahren.

In ihrem Umfeld wird vermutet, dass der Spitzname ältere Machomänner wie Michael Glos mit Merkels Dominanz versöhnen soll. Von einer Frau beherrscht zu werden erscheint ihnen unerträglich, es sei denn, es ist die Figur, der das natürlicherweise zukommt: die Mutter. In dem Gedanken, dass selbst ein Julius Cäsar oder ein Winston Churchill zumindest als Kind von einer Mutti beherrscht wurden, finden Politikertypen wie Glos etwas Trost.

Was macht das alles mit Merkel? Wie steht sie zu Vorbild und Spitznamen? Als sie am Mittwoch im ZDF gefragt wurde, was sie von dem Wort Mutti halte, das so beharrlich an ihr klebe, musste sie erst einmal ein Gesicht für diese Situation suchen. Die Frage riss sie aus größter Heiterkeit, Merkels Augen wanderten nach oben, sie zögerte mit der Antwort und zog eine Flunsch, als sie mit den letzten Resten eines Lächelns sagte, das Wort habe "etwas Liebevolles". In ihrer Umgebung wird gesagt, es gebe "Schlimmeres". In der CSU hat auch schon der wirklich fiese Spitzname "Zonenwachtel" die Runde gemacht hat. Er konnte sich nicht durchsetzen. In Mutti dagegen treffen sich Respekt, Unterwerfung und Beleidigung.

Das kleine Porträt von Katharina der Großen hat Merkel geschenkt bekommen, als sie noch Fraktionsvorsitzende war. Sie hat deren Biografie gelesen und sich mit dem russischen Herrscher Putin über sie unterhalten. Man kann aber nicht sagen, dass sie viel über Katharina redet. Sie trägt dieses Vorbild nicht vor sich her. Gewicht bekommt es durch seine stille, nachdrückliche Präsenz in einem Kanzlerinnenbüro, das sonst fast nichts Persönliches von Merkel preisgibt.

In der Sendung "Beckmann" wurde sie einmal gefragt, was sie an Katharina "vorbildlich" finde. Merkel sagte, dass die Zarin "ja doch unter wirren Umständen in Russland sehr mutig vieles auf den Weg gebracht" habe. "Sie war eine kluge Strategin." Dass Merkel eine kluge Machtstrategin ist, steht außer Frage. Sie hat sich in der Großen Koalition so positioniert, dass sie wählbar blieb, während die Sozialdemokraten in einer an sich sozialdemokratischen Zeit abrutschten.

Von "mutig" oder gar "sehr mutig" kann allerdings keine Rede sein

Von "mutig" oder gar "sehr mutig" kann allerdings keine Rede sein. In der Großen Koalition war Merkel folgsam gegenüber den Wählerwünschen, wie sie sich in Umfragen ausdrückten, und folgsam gegenüber dem sozialdemokratischen Koalitionspartner. Nie hat sie ihr Amt riskiert, um eigene Vorstellungen durchzusetzen. Ein Vorbild kann auch ein Schlaglicht auf die eigenen Defizite werfen.

Die tiefere Bedeutung eines Vorbilds wie Katharina der Großen liegt im Motiv der Geschichte. Angela Merkel selbst ist gerade in die Geschichte eingetreten. Zwar war ihre erste Wahl zur Bundeskanzlerin schon ein historisches Ereignis: die erste Frau, die erste Ostdeutsche. Doch für die Bundeskanzler selbst ist die Wiederwahl das entscheidende Ereignis, die Bestätigung, die Möglichkeit der Dauer.

Ein Kanzler, der die Wiederwahl nicht schafft, wird von den Historikern mehr oder weniger als Irrtum abgefertigt. Kurt Georg Kiesinger, Kanzler der ersten Großen Koalition, landete in der Vergessenheit. Ludwig Erhard wird nur als Wirtschaftsminister erinnert. Merkel hat die beiden nun an Amtsjahren übertroffen, und wenn sie diese Legislaturperiode durchsteht, wird sie auch vor Willy Brandt und Gerhard Schröder liegen.

Merkel hat durchaus ein Bewusstsein für das Historische. Als sie am Mittwoch im Bundestag saß und das nicht allzu berauschende Ergebnis der Kanzlerwahl hörte, dachte sie angeblich nicht an die neun Abgeordneten der Koalition, die ihr die Stimme verweigert hatten. Sie dachte daran, dass sie, die Ostdeutsche, 20 Jahre nach dem Mauerfall als Bundeskanzlerin bestätigt wird. Sie sah sich als historisches Ereignis, als Bewohnerin der Sphäre, in der sich auch Katharina die Große aufhält. Vielleicht war sie deshalb so aufgeregt. Erst riss sie die Schutzkappe von dem Mikrofon, über das sie die Wahl annahm. Dann vergaß sie, beim Amtseid die Hand zu heben. Es wirkte, als hielte sie sich in Gedanken nicht im Bundestag auf, sondern in einer noch schöneren Zukunft.

Für Merkel hat nun jene süße Zweizeitigkeit begonnen, die nur den historischen Figuren vergönnt ist. Sie leben im Jetzt und im Morgen. Das Jetzt, das ist der nicht allzu heroische Alltag des Politikers. Es ist das ewige Ringen um die Schnipsel der Macht, das sind die schwammigen Koalitionsverträge, die missgünstigen Ministerpräsidenten, die schlechten Kompromisse, die Journalisten mit ihrem scharfen Blick für das Unzulängliche.

Merkels Jetzt drückt sich aus in einem Wort wie Mutti. In ihrem Spitznamen steckt die ganze banale Gegenwärtigkeit, das Generve, das Klein-Klein, das tägliche Aufräumen der Kinderzimmer, bei dem die Kinder nur widerwillig mitmachen. Als Mutti kann man sich nicht historisch vorkommen.

Das eigene Vorbild hingegen ist ein Vorgriff auf die gewünschte Rolle in der Zukunft. Merkel ist nicht so vermessen, sich den künftigen Ruhm einer Katharina III. zu erträumen. Die Zeiten sind nicht danach, die Bundesrepublik muss nicht mehr neu erfunden werden. Aber ein wenig heimelig wird ihr wahrscheinlich doch, wenn sie in Gedanken schon mal in den Geschichtsbüchern ihrer Nachwelt blättert. Das liest sich anders als in den Zeitungen und Zeitschriften von heute. Für Politiker ist die Zukunft ein Trostraum.

Journalisten sind meist die Historiker des abgelaufenen Tages oder der abgelaufenen Woche, und die sind angefüllt mit Generve, mit Klein-Klein, mit dem Aufräumen der Kinderzimmer. Die Historiker, die später die Geschichtsbücher schreiben, haben diesen Alltag kaum noch im Blick. Sie befassen sich mit den großen Linien, mit den langfristigen Wirkungen von Politik.

Auch Katharinas Alltag war nicht heroisch. Sie wurde von ihren Liebhabern enttäuscht und verlassen, sie erlitt Rückschläge bei den Reformen, und an ihrem Hof sirrten die Intrigen und das böse Geschwätz. In der gerafften Erinnerung spielt das kaum eine Rolle. Da ist Katharina die männerverschlingende Großreformerin.

Es fällt mittlerweile auf, wie gern Merkels Vertraute mit einem gewaltigen Satz in die Zukunft springen und von dort zurückschauen, mit dem Blick des künftigen Historikers. Dann verschwindet die Mutti-Welt von heute, und es erscheint ein katharinenhafter Katalog mit Großtaten bei den Themen Klima, Integration, Familie, Gesundheit und, man denke, Haushalt. Letzteres ist auch ein Beispiel für Zweizeitigkeit. Jetzt wird geaast, der Haushalt platzt bald aus allen Nähten, aber von 2016 an gibt es ja die Schuldenbremse. Die beruhigt und gilt als Kandidat für die schöne Erinnerung, also für das Geschichtsbuch.

Dieser vorgreifende Blick zurück macht den Dialog der Zeitgenossen mit ihren dauerhaften Bundeskanzlern manchmal schwierig. Die genießen sich schon als historische Figur, während die Bürger den Dürftigkeiten der aktuellen Politik ausgesetzt sind. Und so leicht sind die Historiker auch nicht zu beeindrucken. Ein paar mutige Taten müssen es schon sein für einen komfortablen Platz im Geschichtsbuch.

Zudem ist denkbar, dass die Hoffnung der Bundeskanzlerin auf den milden Blick der Historiker von morgen auch aus einem anderen Grund trügt. Wenn die zur Kasse gebeten werden, um Merkels Kredite zurückzuzahlen, könnten sie sich als ungnädig erweisen.

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