AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2009

Pop Die Hüterin des Schatzes

Die Beatles sind als Computerspielhelden und dank aufpolierter Songs die Stars des Pop-Herbstes 2009. Die fröhlichste Nutznießerin dieses Triumphs ist Yoko Ono, die einst als Zerstörerin der Band angegiftet wurde.

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Yoko Ono: "Der Respekt kam spät"
In der Prince-of-Wales-Suite des Londoner Mandarin-Oriental-Hotels steht die Luft, als wäre das Zimmer ein marokkanisches Schwitzbad mit viktorianischer Inneneinrichtung. Ein Luftbefeuchter entsendet sanft weiße Nebelschwaden über den bambibraunen, flauschweichen Teppichboden, die Heizung ist bis zum Pegelanschlag hochgedreht, die zarte blonde Assistentin der Künstlerin tippelt barfuß durch den Raum.

Yoko Ono aber sitzt in einer hochgeschlossenen schwarzen Bluse mit durchgedrücktem Rücken auf einem sehr großen Sofa, sie kräuselt ihre Lippen, kein Tropfen Schweiß auf ihrer Stirn, und verkündet, fast wie eine Königin: "Es sind Revolutionen in Gang. Eine davon hat dafür gesorgt, dass mich die meisten Menschen inzwischen nett behandeln, selbst britische Journalisten. Aber wenn die Meinung der Öffentlichkeit irgendetwas bedeuten würde, dann wäre ich längst tot."

Yoko Ono ist jetzt 76 Jahre alt, sie war lange eine der unbeliebtesten Frauen der Welt. Man hat sie angegiftet als das Monster, das die Beatles zerstört hat, und als tückische Witwe, die den Nachruhm ihres toten Gatten John Lennon manipuliert. Man hat sie verhöhnt wegen ihrer Kunst, die kaum einer verstand und fast niemand mochte, und man hat sie ausgelacht wegen ihrer jaulenden und scheppernden Musik.

Heute sagt sie: "Der Respekt kam spät. Er kam ganz von selbst. Ich glaube, ich ernte jetzt, was ich, mit und ohne John Lennon, in frühen Jahren gesät habe."

Sie meint, unter anderem, ihr neues Album, das vor ein paar Wochen erschienen ist. Es heißt "Between My Head and the Sky" und enthält Kinder- und Rumpelsongs. Das neue Werk wurde von den meisten Kritikern in Großbritannien und in Deutschland freundlich gelobt.

Sie meint, unter anderem, den Goldenen Löwen, den man ihr im Juni in Venedig während der Biennale verliehen hat, eines der wichtigsten Kunstspektakel der Welt: einen Preis für ihr Lebenswerk als bildende Künstlerin, die mit krawalligen, lustigen Aktionen Furore gemacht und zum Beispiel einen legendären Film nur aus nackten Männerhintern gebastelt hat.

Und dann ist da dieses Zauberkunststück, das sich gerade mit dem Werk ihres Mannes und seiner Mitstreiter vollzieht und das ohne die Frau, die die Beatles vermeintlich trennte, nie möglich gewesen wäre. "Ich nenne es die zweite Revolution der Beatles", sagt Ono und hebt den Zeigefinger der rechten Hand: Die Beatles, "die Band, die mein Mann gegründet hat", hätten in den sechziger Jahren das erste Mal die Welt verändert.

Der globale Siegeszug der Beatles ist Geschichte, jetzt sei die Zeit gekommen für den zweiten Schub. "Die Menschen können auf ganz neue Art Zugang finden zu der Welt, in der die Musik entstand, die sie lieben", sagt Ono. "Plötzlich dürfen die Fans wirklich teilhaben am Leben und der Arbeit einer Rockband."

Ono spricht von dem Computerspiel "The Beatles: Rock Band", das seit Anfang September verkauft wird. Wer sich damit hinter die Konsole setzt, kann selbst die Rollen von John, Paul, Ringo oder George übernehmen. Er kann einen von 45 Beatles-Klassikern wie "Can't Buy Me Love" oder "Here Comes the Sun" mit seinem jeweiligen Lieblingsinstrument einstudieren. Und er kann durch die Kulissen der Beatles-Legende wandern - durch den Cavern Club in Liverpool, das mit hysterisch brüllenden Teenies gefüllte Shea Stadium in New York oder aufs Dach jenes Londoner Bürogebäudes, auf dem 1969 das letzte Beatles-Konzert stattfand.

Computerspiele wie "Guitar Hero" oder eben "Rock Band" sind in den vergangenen Jahren millionenfach verkauft worden. Die Idee dieser Spiele ist es, dass sich die Fans als Pop-Dilettanten versuchen. Mag sein, dass das infantil ist, andererseits: Wer stand nicht selbst schon als Kind vor dem Badezimmerspiegel und übte sich in den Posen seiner liebsten Stars?

Yoko Ono hat sich mit den Feinheiten und Gimmicks und Bonusbeigaben des Spiels ähnlich penibel beschäftigt wie mit der Arbeit an den beiden dicken CD-Boxen des digital aufpolierten Beatles-Katalogs, dem zweiten Beatles-Coup dieses Herbstes. "Es war unsere Pflicht, uns alles genau anzusehen und anzuhören", findet Ono. "Wir mussten uns versichern, dass verantwortungsvoll mit dem Schatz umgegangen wird, den wir hüten."

Giles Martin, der Sohn des legendären Beatles-Produzenten George Martin, hat für das Beatles-Spiel in mühseliger Tüftelarbeit Soundschnipsel aus der Studioarbeit der Band zusammengesucht. So können sich die Fans nun das originale Gealbere und Gemurmel der Musiker zwischen den Aufnahmen anhören, als stünden sie selbst dabei. Yoko Ono nennt Martin einen "super Jungen".

Ono und Olivia Harrison, die Witwe von George Harrison, haben ebenso Fotos und Erinnerungsstücke für das Computer-Historienspiel abgeliefert wie Starr und McCartney. Kenner der jahrelangen Streitigkeiten zwischen den Musikern und deren Erben untereinander und mit diversen Film-, Musik- und Computerfirmen um die Verwertung des Beatles-Nachlasses fanden das verblüffend. Ono sagt: "Wir haben uns überzeugen lassen, alles herauszurücken, was man für ein zeitgemäßes Beatles-Spiel benötigt."

Es brauchte nur wenige Tage, dass aus "The Beatles: Rock Band" ein spektakulärer Hit wurde, der den Erben von George Harrison und John Lennon sowie den beiden noch lebenden Musikern Ringo Starr und Paul McCartney sehr viel Geld einbringen wird.



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