AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2009

TV-Sender Im nahen Osten - so fern

Intendant Reiter: Zocker, Macher, Söldner, Provokateur
DDP

Intendant Reiter: Zocker, Macher, Söldner, Provokateur

2. Teil: "Der Hof ist wichtiger als der Bauer"


Interessanterweise machte die zweite Bedürfnisanstalt der neuen Bundesländer strategisch alles anders als der MDR: Der RBB-Vorläufer ORB schmiss von Anfang an vieles aus dem Programm, was nach Defa-Kitsch oder geschichtsklitternder Altlast roch. Das Programm hieß Aufbruch, das Ergebnis war quotentechnisch zunächst erschütternd.

Dabei verging in der Leipziger MDR-Zentrale kaum ein Jahr ohne Affäre. Mal ging es um Reiters verspielte Millionen, mal um Korruption, mal um Polit-Filz und immer wieder um Stasi-Fälle, mit denen der Sender anfangs nur zögerlich umzugehen verstand.

Reiters Credo wurde: "Der Hof ist wichtiger als der Bauer." Manchmal glich dieser Hof aber einem Saustall.

"Es gab kleine Mitläufer und echte Drecksäcke", sagt der Intendant heute. "Und jene, die mit großer Inszenierung öffentlich ihre tränenreiche Beichte abgelegt haben, waren nicht immer die Besten. Aber es gab auch tragische Schicksale."

Es erwischte den Zonen-Gottschalk Ingo Dubinski, den "Je t'aime - wer mit wem?"-Kuppler Frank Liehr, den "Mach dich ran!"-Moderator Hendrik Petzold und viele andere. "Die Stasi-Debatte hat mein Weltbild nicht erschüttert, sondern bestätigt", sagt Reiter. Als ob Opportunismus im Osten erfunden worden sei! Als ob er beim BR nicht auch Karrieristen erlebt hätte, die das CSU-Parteibuch nur zum Aufstieg brauchten!

Fernsehformate, die nicht wegzukriegen sind

Er kann durchaus den eigenen schwarzen Schatten ignorieren. Vor den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen zum Beispiel sollten Kanzlerin und SPD-Herausforderer im MDR auftreten. Frank-Walter Steinmeier war dann erst eine Woche nach den Landtagswahlen eingeplant, Angela Merkel dagegen vorher. Als Reiter davon hörte, tobte er - und ließ auch die Kanzlerin wieder ausladen. Er fürchtete, es könne nach einer Bevorzugung der Union riechen. Es war eine politisch einsame Entscheidung, journalistisch aber die richtige.

Und - ist die deutsche Einheit nun vollzogen? "Im Prinzip ja", sagt Reiter. "Es knirscht noch ein bisschen, und an manchem Rand brennt's. Formal sind die Ostdeutschen in der Demokratie angekommen. Inhaltlich haben es sich viele schöner vorgestellt."

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MDR-Produktionen: Ein Sack voll Musikanten

Und natürlich bedient sein Sender weiterhin diese Unzufriedenheitsbefindlichkeiten der vermeintlich zu kurz Gekommenen. Das merkt man schon daran, welche Formate aufgrund ihres schieren Erfolgs einfach nicht wegzukriegen sind.

"Escher" etwa spielt sich noch immer als Anwalt der Entrechteten auf, nennt Ross und Reiter, steckt den Kopf nicht in den Sand, hilft dem kleinen Mann und empfiehlt: "Sich wehren!" Wahlweise gegen Willkür oder einfach gegen die da oben. Selbst die Second-Hand-Viecher, die in "Tierisch, tierisch" eine neue Heimat suchen, sind mindestens ausgesetzt, oft auch misshandelt oder gequält worden.

Ist der Osten so larmoyant und miesepetrig? Stellen ihn die MDR-Chefs nur so dar? Es ist inhaltlich alles nicht mehr so schlimm wie noch vor wenigen Jahren, dafür geht es jetzt beiden nicht mehr besonders - Bürgern wie Sender.

Gebührenbefreit und den ganzen Tag vorm Fernseher

"Jedes Jahr gehen uns 70.000 Menschen als Gebührenzahler verloren. Die ziehen einfach nach Westdeutschland." Dem Intendanten bleibt ein wachsendes Prekariat. Reiter behauptet, ein Drittel aller Hartz-IV-Empfänger lebe im MDR-Sendegebiet. "Das ist gut für die Quote, weil die den ganzen Tag fernsehen, aber schlecht für die Einnahmen, weil sie alle gebührenbefreit sind." Früher lamentierte er in den ARD-Gremien über die armen Partnersender, heute lamentiert er dort als armer Aushilfsossi.

Reiter ist mittlerweile älter als sein Durchschnittszuschauer, will aber nicht daran erinnert werden. Wenn er seinen Vertrag voll erfüllt, ist er am Ende 71. Er lebt mittlerweile in einer renovierten Dorfschule in einem Nest am Rande von Leipzig. Er ist angekommen und will dort auch als Intendant i. R. bleiben. "Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Wurzeln geschlagen."

Aber er wäre gern noch ein bisschen Zocker, Macher und Provokateur, Söldner, Abenteurer, Irrer. Zurzeit ruft er ein Innovationsprogramm aus. Alle sollen Ideen einreichen. Und kürzlich hat er sich mal den Einstellungstest zeigen lassen, den angehende MDR-Volontäre ausfüllen müssen. Er wollte wissen, ob er im eigenen Haus eine Chance hätte. Reiter bestand. Dennoch lässt er den Test jetzt ändern. Er fand die Fragen so altmodisch.



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