AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2009

Umwelt Der Sisyphus aus Nairobi

Achim Steiner, oberster Umweltschützer der Vereinten Nationen, sieht die Menschheit vor dem Kopenhagen-Gipfel an einer Wegscheide. Eine "grüne Weltwirtschaft" sei überlebenswichtig.

REUTERS

Von und Christian Schwägerl


Einen solchen Auftrieb sieht der Flughafen von Istanbul selten. Massenweise strömen Finanzminister, Notenbankchefs und andere Geldexperten aus ihren Maschinen. Überall schwarze Limousinen, Blaulicht, Motorradeskorten - eine Stadt im Belagerungszustand.

Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds halten ihre Jahrestagung am Bosporus ab. Die globale Finanzprominenz sucht nach einem Weg aus der Weltwirtschaftskrise. Nur einen hat das Protokoll übersehen. Geduldig wartet er an der Gepäckausgabe. Er zieht seinen Koffer vom Rollband, winkt ein Taxi heran und lässt sich zum Konferenzzentrum fahren.

Achim Steiner, 48 Jahre alt, macht die Nachlässigkeit der Gastgeber nichts aus. Er braucht solche Statussymbole nicht. Einem Naturschützer würde eine große Limousine ohnehin nicht besonders gut anstehen. Steiner leitet das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, Unep: Standort Nairobi, 500 Mitarbeiter, Jahreshaushalt rund 200 Millionen Dollar. Er ist einer der ranghöchsten amtlichen Umweltschützer auf dem Globus. Aber das zählt nicht viel in manchen Kreisen. Umweltfragen nehmen für die globale Finanzelite noch immer eine Nebenrolle ein.

Dabei ist es Steiners Job, über jenen Reichtum zu wachen, der es den anderen erst möglich macht, ans Geldverdienen zu denken: Meere, Wälder, Klima, Wasser, Arten. Diese natürlichen Lebensgrundlagen stecken in einer akuten Krise. Mit absehbar dramatischen Folgen auch für die Weltwirtschaft.

In drei Wochen verhandeln in Kopenhagen mehr als 190 Staaten darüber, ob sie den Verbrauch fossiler Brennstoffe drosseln wollen. Es wird der entscheidende Test sein, ob die Welt gelernt hat, ihre Zukunft neu zu denken oder ob sie in ihren alten Mustern verharrt. Ob sie den nachfolgenden Generationen untragbare Hypotheken hinterlassen oder ob sie selbst mit der Tilgung ihrer Schuld beginnen will. Achim Steiner hält Klimawandel, Artenschwund und Waldvernichtung für so bedrohlich, dass er die Menschheit vor dem Uno-Klimagipfel an einer "Wegscheide" sieht. "Halbgare Deals kann es in Kopenhagen nicht geben. Ein Scheitern wäre ein einmaliger Akt des Egoismus", sagt er.

Steiner eilt durch die Flure des Konferenzzentrums von Istanbul. Er sucht seinen Sitzungssaal. "Eigentlich müsste die ganze Wirtschaftspolitik gerade darum kreisen, wie eine durch und durch grüne Weltökonomie entstehen kann", sagt er, "doch es geht nur darum, wie die herrlichen Wachstumsraten von vor der Finanzkrise wieder erreicht werden können."

Die Weltbank hat Steiner für eine Podiumsdiskussion vorgesehen. Die ist vor allem dazu da, die Mittagszeit elegant zu überbrücken. Steiner gibt mit anderen Fachleuten den Pausenfüller.

Nach der Diskussion redet er sich in Rage. "Die denken immer noch linear", sagt er, "für die ist das Primat der CO2-Reduktion immer noch ein Störfaktor." Steiner gehört zu den Wortführern einer neuen Strömung in der globalen Umweltbewegung, die sich nicht länger abspeisen lassen will mit kleinteiligen Naturschutzprojekten, grünen Vorzeigeflächen und Lippenbekenntnissen zur Nachhaltigkeit. Er will das System umbauen, die Verursacher in die Pflicht nehmen und endlich Taten sehen.

"Wir müssen ins Herz der Finanzwelt vordringen", sagt er. "Wenn die Menschheit nicht grün wird, sieht es düster aus für sie."

Steiner führt seinen Kampf gegen Urwaldrodung, Dürren und steigende Wasserpegel von seinem Büro in Nairobi aus. Es ist ausgestattet mit wuchtigem Mobiliar aus einer anderen Zeit, aus Hartholz, gemacht für die Ewigkeit. Ein Vorgänger hatte sich die Möbel aus simbabwischen Eisenbahnschwellen schreinern lassen.



insgesamt 4342 Beiträge
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yubi 28.10.2009
1. Was bringt der Klimagipfel?
Er bringt viel inhaltsloses Geschwätz, vollmundige (und windelweiche) Absichtserklärungen, Forderungen an "die Anderen", endlich auch etwas zu tun (bevor man selber was tut), .... Gut, daß die mal wieder drüber gesprochen haben ..... Ausser Spesen wieder nichts gewesen, und .... dann bis zum nächsten mal.
Maschinchen, 28.10.2009
2.
Bleiben seitens der EU finanzielle Zusagen für Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern weiterhin aus, wird es schwer, diese mit ins Boot zu holen. Meiner Ansicht nach ist es ohnehin utopisch, das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen. Klimaschützer werden sich zunehmend mit dem ungeliebten Wort adaptation anfreunden müssen.
Edgar, 28.10.2009
3.
Wird wohl auf die übliche Verzögerunstaktik hinaus laufen, Aussitzen, bis die Klimahysterie vorbei ist, bis da hin Valium verteilen. Gut so! Wird nämlich trotzdem noch viel zu viel Geld sinnlos verbrannt. Deutschland wird wohl leider wieder als letzter Staat merken, dass die Party vorbei ist, und brav 'Vorbild' spielen.
Internetnutzer 28.10.2009
4. Atomkraft
Alle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Maschinchen, 28.10.2009
5.
Zitat von InternetnutzerAlle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Nun, was schlagen Sie vor? Anreise im Schlauchboot, Übernachtung auf dem Campingplatz?
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