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Umwelt: Der Sisyphus aus Nairobi

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Umwelt Der Sisyphus aus Nairobi

Achim Steiner, oberster Umweltschützer der Vereinten Nationen, sieht die Menschheit vor dem Kopenhagen-Gipfel an einer Wegscheide. Eine "grüne Weltwirtschaft" sei überlebenswichtig.
Von Horand Knaup und Christian Schwägerl

Einen solchen Auftrieb sieht der Flughafen von Istanbul selten. Massenweise strömen Finanzminister, Notenbankchefs und andere Geldexperten aus ihren Maschinen. Überall schwarze Limousinen, Blaulicht, Motorradeskorten - eine Stadt im Belagerungszustand.

Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds halten ihre Jahrestagung am Bosporus ab. Die globale Finanzprominenz sucht nach einem Weg aus der Weltwirtschaftskrise. Nur einen hat das Protokoll übersehen. Geduldig wartet er an der Gepäckausgabe. Er zieht seinen Koffer vom Rollband, winkt ein Taxi heran und lässt sich zum Konferenzzentrum fahren.

Achim Steiner, 48 Jahre alt, macht die Nachlässigkeit der Gastgeber nichts aus. Er braucht solche Statussymbole nicht. Einem Naturschützer würde eine große Limousine ohnehin nicht besonders gut anstehen. Steiner leitet das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, Unep: Standort Nairobi, 500 Mitarbeiter, Jahreshaushalt rund 200 Millionen Dollar. Er ist einer der ranghöchsten amtlichen Umweltschützer auf dem Globus. Aber das zählt nicht viel in manchen Kreisen. Umweltfragen nehmen für die globale Finanzelite noch immer eine Nebenrolle ein.

Dabei ist es Steiners Job, über jenen Reichtum zu wachen, der es den anderen erst möglich macht, ans Geldverdienen zu denken: Meere, Wälder, Klima, Wasser, Arten. Diese natürlichen Lebensgrundlagen stecken in einer akuten Krise. Mit absehbar dramatischen Folgen auch für die Weltwirtschaft.

In drei Wochen verhandeln in Kopenhagen mehr als 190 Staaten darüber, ob sie den Verbrauch fossiler Brennstoffe drosseln wollen. Es wird der entscheidende Test sein, ob die Welt gelernt hat, ihre Zukunft neu zu denken oder ob sie in ihren alten Mustern verharrt. Ob sie den nachfolgenden Generationen untragbare Hypotheken hinterlassen oder ob sie selbst mit der Tilgung ihrer Schuld beginnen will. Achim Steiner hält Klimawandel, Artenschwund und Waldvernichtung für so bedrohlich, dass er die Menschheit vor dem Uno-Klimagipfel an einer "Wegscheide" sieht. "Halbgare Deals kann es in Kopenhagen nicht geben. Ein Scheitern wäre ein einmaliger Akt des Egoismus", sagt er.

Steiner eilt durch die Flure des Konferenzzentrums von Istanbul. Er sucht seinen Sitzungssaal. "Eigentlich müsste die ganze Wirtschaftspolitik gerade darum kreisen, wie eine durch und durch grüne Weltökonomie entstehen kann", sagt er, "doch es geht nur darum, wie die herrlichen Wachstumsraten von vor der Finanzkrise wieder erreicht werden können."

Die Weltbank hat Steiner für eine Podiumsdiskussion vorgesehen. Die ist vor allem dazu da, die Mittagszeit elegant zu überbrücken. Steiner gibt mit anderen Fachleuten den Pausenfüller.

Nach der Diskussion redet er sich in Rage. "Die denken immer noch linear", sagt er, "für die ist das Primat der CO2-Reduktion immer noch ein Störfaktor." Steiner gehört zu den Wortführern einer neuen Strömung in der globalen Umweltbewegung, die sich nicht länger abspeisen lassen will mit kleinteiligen Naturschutzprojekten, grünen Vorzeigeflächen und Lippenbekenntnissen zur Nachhaltigkeit. Er will das System umbauen, die Verursacher in die Pflicht nehmen und endlich Taten sehen.

"Wir müssen ins Herz der Finanzwelt vordringen", sagt er. "Wenn die Menschheit nicht grün wird, sieht es düster aus für sie."

Steiner führt seinen Kampf gegen Urwaldrodung, Dürren und steigende Wasserpegel von seinem Büro in Nairobi aus. Es ist ausgestattet mit wuchtigem Mobiliar aus einer anderen Zeit, aus Hartholz, gemacht für die Ewigkeit. Ein Vorgänger hatte sich die Möbel aus simbabwischen Eisenbahnschwellen schreinern lassen.

Die Unep kann nur mahnen, erinnern und antreiben

Niemand hatte Steiner, ehemals Chef der Weltnaturschutzunion IUCN, auf dem Zettel, als 2006 die Nachfolge von Klaus Töpfer als Unep-Chef anstand. Den Ausschlag gab der damalige Uno-Generalsekretär Kofi Annan. Er wollte einen Anwalt der Sache und keinen kompromissgeschulten Berufspolitiker. Steiner holte neue Leute, änderte Strukturen, vertiefte die Kontakte zu Nichtregierungsorganisationen und warb um Vertrauen bei den Geber-Regierungen. Mit Erfolg: Er holte Länder wie Spanien und Südkorea ins Boot und konnte die Zuwendungen für Unep um 30 Prozent steigern.

Das Ziel einer "Green Economy", einer grünen Weltwirtschaft, in der Umweltschutz und Wohlstand sich nicht ausschließen, ist spätestens seit Beginn der Weltfinanzkrise Steiners oberste Priorität. Wenn Hunderte Milliarden zur Rettung der Banken mobilisiert werden können, muss das für die Rettung der Lebensgrundlagen auch möglich sein. Es ist die Idee, Regierungen und Unternehmen weltweit auf ein neues ökologisches Regelwerk zu verpflichten. Begrenzte Ressourcen, ob Wälder, Fischgründe oder die Atmosphäre, sollen nicht mehr kostenlos sein und einen Marktpreis nicht erst dann bekommen, wenn sie zerstört werden.

So müssten die Industrieländer die Staaten in den Tropen dafür bezahlen, ihre Regenwälder als CO2-Speicher vorzuhalten. "Nur wenn wir für den Wald mehr bezahlen, als die Leute rausholen können, die den Wald abholzen, haben wir eine Chance", sagt er. Die "Green Economy" hat inzwischen auch den Segen des Uno-Hauptquartiers. Für Steiner ein besonderer Erfolg: "Vor zwei Jahren wären die Leute in New York noch davongelaufen."

Steiner wurde in Brasilien geboren, er hat in Oxford und London studiert, in Pakistan, in Südafrika, in Simbabwe gearbeitet. Für das Weltparkett ist er also wie gemacht. Doch sein größtes Problem ist die operative Kraftlosigkeit der Unep. Das "globale Umweltgewissen" wird die Unep bisweilen genannt. Sie kann mahnen, erinnern und antreiben, aber sie kann keine Regeln einführen oder Strafen verhängen. Auch über Grenzwerte, Richtlinien und Ausgleichszahlungen wird anderswo entschieden.

Zudem ist die Unep nur ein Uno-Programm und keine mächtige, eigenständige Uno-Organisation wie etwa die Weltgesundheitsorganisation WHO. Es gibt keine Pflichtbeiträge der Regierungen, nur freiwillige Spenden.

Manche der 500 Unep-Mitarbeiter in Nairobi, zusammengewürfelt aus allen Teilen der Welt, widmen sich lieber der Verwaltung als neuen Ideen. Da macht sich einer, der von einer schlagkräftigen Truppe träumt, der Strukturen ändert, Abteilungen neu mischt und Ergebnisse sehen will, nicht nur Freunde. Steiners Versuch, die Unep aus der Rolle des Mahners herauszuholen und sie zum Akteur zu machen, stößt auch auf Kritik.

In Kenia zum Beispiel helfen Unep-Leute, den Mau-Forest zu retten, den zentralen Wasserspeicher des Landes, in Mali und auf Haiti wollen sie ganze Ökosysteme wiederbeleben. Die Unep habe aber gar nicht die Kapazitäten, um solche Projekte operativ anzugehen, sagen Kritiker aus den großen Geber-Staaten. Die Organisation übernehme sich. Er solle sich weniger um das Unep-Profil kümmern und mehr um das, was bei internationalen Prozessen wirklich herauskommt, lautet ein anderer Kritikpunkt. Steiner kontert: "Die Unep kann nicht nur im Labor Ideen ausbrüten. Wir müssen auch beweisen, dass unsere Ansätze umsetzbar sind."

Eine Aufwertung der Unep zur Uno-Organisation erhofft sich Steiner vom Nachhaltigkeitsgipfel in Rio de Janeiro im Jahr 2012. In der Tat braucht der globale Umwelt- und Klimaschutz eine schlagkräftigere Struktur. Im September haben Nicolas Sarkozy und Angela Merkel mit einem Schreiben an Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon das Anliegen unterstützt und die Debatte neu angefacht. "Das war ein Signal, mehr noch nicht", sagt Steiner.

Wie verarbeitet er den alltäglichen Frust auf diesem Posten, den Umstand, dass die Umweltzerstörung immer noch viel schneller voranschreitet als alle grünen Bemühungen?

Steiner sitzt auf seiner Terrasse in Nairobi und denkt lange nach. "Ach, wir haben ja eine Menge erreicht. Wir sind nicht mehr nur die Entwicklungsverhinderer, sondern längst Akteure bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen." Südkorea etwa habe die Unep als Berater eingespannt, um die Volkswirtschaft möglichst umfassend auf Umweltschutz zu trimmen. Dann sagt er: "Es ist eine Sisyphusarbeit, und es braucht eine gewisse Portion Sturheit."

Der Mann ist ein hartnäckiger Optimist. Er glaubt, dass es viel mehr Lösungen als Probleme gibt. Geschärft hat er seine Arbeitsauffassung nicht zuletzt als Generalsekretär der Weltstaudammkommission, wo er Konflikte beim Bau riesiger Staudämme vermeiden helfen sollte: "Da saßen an einem Tisch die Großkonzerne zusammen mit den Menschen, die drohten, sich aus Protest zu ertränken." Am Ende hätten sich beide Seiten zumindest auf einen Bericht verständigt.

Solche Differenzen sind aber Kleinkram im Vergleich zu den großen Herausforderungen der kommenden Wochen. Vor dem Kopenhagen-Gipfel stehen die Zeichen auf Streit statt auf Einigung. Die Industriestaaten fordern von den Entwicklungsländern, zur CO2-Reduktion konkret beizutragen. Die Entwicklungsländer wiederum beharren auf Milliardenhilfen, um teure umweltfreundliche Kraftwerke und Dämme gegen Überschwemmungen zu bezahlen.

Drei Wochen vor dem Uno-Klimagipfel in Kopenhagen redet Steiner unablässig auf Politiker ein, um für einen kraftvollen Klimavertrag zu werben. Das allgemeine Gerede, die Kopenhagen-Konferenz werde scheitern, empört ihn. "Wer jetzt die Erwartungen senkt, versündigt sich an den Erfolgschancen", sagt er.

Ohne verbindliche, wissenschaftlich tragfähige Reduktionsziele und ohne konkrete Milliardenzusagen der Industriestaaten für den Klimaschutz in ärmeren Ländern dürfe die Konferenz nicht beendet werden. Zeit für die Regierungen, ihren konkreten Beitrag zu ermitteln, hat es reichlich gegeben. "Eine Klimapolitik der kleinen Schritte reicht nicht mehr", sagt Steiner, "jetzt geht es ums Ganze."

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