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Rupert Murdoch: Ein-Mann-Krieg an zwei Fronten

Foto: KEVIN LAMARQUE/ REUTERS

Unternehmer Ein-Mann-Krieg an zwei Fronten

Der Medienzar Rupert Murdoch verweigert sich nicht der Realität, er bekämpft sie. US-Präsident Obama ist ihm zu links, Google zu mächtig. Gegen beide lässt er seine Blätter und Sender antreten.
Von Gabor Steingart

Rupert Murdoch

, 78, ist ein Mann der alten Schule. Er will seinem Gegner ins Auge schauen.

Also lud er im Frühsommer 2008 Barack Obama, damals 46, ins New Yorker Hotel Waldorf-Astoria ein. Die Atmosphäre war steif. Der Präsidentschaftskandidat der Demokraten interessierte sich für Murdochs Aufstieg vom Einwanderer zum amerikanischen Medienzar. Höflich erkundigte er sich auch nach dessen Verhältnis zum Vater, der in Australien als Verlegerlegende gilt.

Murdoch aber, dessen Zeitungen traditionell zur Wahl der Republikaner aufrufen, schlug einen anderen, einen aggressiveren Ton an, wie er später selbst verbreitete. Falls Obama Präsident werden würde, habe er nach der Amtseinführung sechs Monate Zeit, etwas Großes zu leisten. Danach würden Partei und Presse unruhig werden. Man konnte das auch als Drohung verstehen.

Google

Die -Gründer bat er ebenfalls zu sich. Als Sergey Brin und Larry Page in seinem kalifornischen Ferienhaus auftauchten, erlebten sie einen herrischen alten Herrn, wie seine Frau Wendi sich erinnert. Er stellte viele Fragen, vor allem Fragen wie diese: "Warum lest ihr keine Zeitung?"

Internet

Rupert Murdoch lebt in einer anderen Welt und legt Wert darauf, dass das auch so bleibt. Die Moderne erlebt er als eine Ansammlung von Zumutungen. Er findet, Regierungen sollten schwach und Unternehmer stark sein. Er ist gegen den Sozialstaat, gegen Obama und gegen das , zumindest wenn es kostenlos ist und seine Gewinne schmälert.

Der Unternehmer verweigert sich nicht der Realität, er bekämpft sie. Wenn einer im Mediengeschäft arbeite und in Sorge sei um die Welt, dann müsse er seinen Einfluss auch geltend machen dürfen, verteidigte er 2007 beim Weltwirtschaftsforum in Davos seinen Eifer.

Aber auch er stoße an Grenzen, bekannte er: "Man kann ja nicht die ganze Welt ändern, zum Beispiel keine Wahlen." Das Bedauern über diesen Sachverhalt war nicht zu überhören.

Mit der Rolle des Zuschauers oder auch des Kommentators hat sich Murdoch nie begnügt. Sein Biograf Michael Wolff schreibt: Murdoch führe sein Leben als Ein-Mann-Krieg, das Dagegensein sei sein Naturell.

So wurden Obama und Google seine natürlichen Gegner. Die eine Welt reibt sich an der anderen, weil jede die Bedeutung der anderen schrumpfen will. Die Obama-Welt will, dass das Reaktionäre verschwindet, und Murdoch will, dass Obama verschwindet.

Google würde er zumindest gern zurückdrängen, weil die Internetwelt seiner Printwelt arg zusetzt. Die Jungs aus dem Silicon Valley kassieren jene Milliardengewinne, die eigentlich ihm gehören. So sieht er die Sache.

Was sich derzeit in Amerika abspielt, ist nichts Geringeres als ein Kampf der Kulturen. Es ist die alte Welt, die sich mit der neuen Welt anlegt, politisch und ökonomisch. In der Welt von Obama und Google spielen Transparenz und Demokratie eine große Rolle. Der Präsident und die Gründer von Google wollen nicht gefürchtet, sondern geliebt werden.

Der Präsident veröffentlicht täglich seinen Terminkalender, damit man das Gefühl hat, man könne ihm beim Regieren zuschauen. Ob er in seinem Dienstflugzeug, der Air Force One, unterwegs ist oder seine Ehefrau Michelle ins Washingtoner Restaurant Citronelle ausführt, immer sind Reporter dabei. Sie hocken im hinteren Teil des Flugzeugs und warten, dass er vorbeikommt. Sie sitzen beim Dinner mitunter ein paar Tische entfernt.

Sie protokollieren, was sie sehen und hören, und sind verpflichtet, ihre Eindrücke in einem sogenannten Pool Report in Echtzeit an die anderen Korrespondenten in Washington zu verschicken. Obama will es so.

Es gibt daher keinen exklusiven Blick auf ihn; der mächtigste Mann des Landes gehört allen, das ist seine Idee dahinter. Er will, dass man ihn sieht. Er will zugänglich und kostenlos für alle sein. Er ist der erste Präsident, der seine Wahl dem Internet verdankt.

Was bei Obama eine politische Strategie ist, hat Google zum Geschäftsprinzip erhoben. Das Wissen der Welt soll transparent sein und frei verfügbar für jedermann. Der Preis der Freiheit ist der, dass sie keinen hat.

James Murdoch

Die Welt des Rupert Murdoch ist dagegen eine dynastische und keine demokratische. Seine engsten Berater sind seine Frau und seine Kinder, vorneweg Harvard-Abbrecher .

Der Alte tritt nur selten öffentlich auf, gibt Interviews am liebsten in seinem eigenen Sender Fox News. Da stellt man ihm keine Fragen, sondern reicht ihm die Stichworte wie Lachshäppchen auf der Dinnerparty.

News-Corporation

Wichtige Entscheidungen fallen bei News Corporation hinter verschlossener Tür, auf Murdochs 56 Meter langen Yacht "Rosehearty", in der 44-Millionen-Dollar-Wohnung in New York mit Blick auf den Central Park oder im achten Stock des -Towers. Die Öffentlichkeit, von der er lebt, sperrt er in eigener Sache aus. Andere sollen ihn fürchten, nicht lieben.

Die Siegesgewissheit früherer Jahre allerdings ist dahin. Die neue Zeit, für die das Internet das Betriebssystem liefert, hat Murdoch übel mitgespielt.

Murdochs Verhältnis zum Internet ist geprägt durch Abneigung.

Sein Zeitungsimperium wankt nicht nur, es blutet. Das Zusammentreffen von Finanz- und Medienkrise hat den Unternehmer hart erwischt. Im Geschäftsjahr 2008/09 meldete News Corporation einen Verlust von 3,4 Milliarden Dollar. Etliche seiner Blätter in Australien, England oder Amerika liefern derzeit keine Gewinne bei ihm ab. Murdoch investierte zwar auch ins Internet, doch das brachte ihm oft Verluste. Delphi, einer der ersten Internet-Provider, scheiterte genauso wie iGuide, eine Suchmaschine. Sie wurde eingestellt, noch bevor Google für Aufsehen sorgte. Das soziale Netzwerk MySpace galt einst als Star am Internethimmel, verglühte aber einige Jahre nachdem Murdoch sich der Web-Seite angenommen hatte.

Die Online-Ausgabe des "Wall Street Journal", die einen Großteil ihres Angebots nur gegen Bezahlung freigibt, hat ihm dagegen Geld gebracht. Sie dient deutschen Verlegern wie Mathias Döpfner vom Axel-Springer-Verlag als Beispiel, dass man auch im Internet Geld für gute Inhalte verlangen kann.

Das Verhältnis Murdochs zum Internet ist geprägt durch Abneigung. Bislang grummelte er nur so vor sich hin. Nun hat er sich öffentlich angelegt, nicht nur mit der Führungsmannschaft von Google, sondern mit der weltweiten Google-Kultur. Er empfindet das neue Medium Internet als pornografisch, als zu links, zu antibürgerlich in all seiner Unordentlichkeit. Vor allem aber stört ihn, dass der bisherige Verlegerkapitalismus im Internet nicht funktioniert. Die Umsonst-Kultur nennt er "Diebstahl".

Das Argument, dass Google sich die Texte ja keineswegs aneignet, sondern den suchenden Leser auf die Originalseite dieser Texte geleitet, also auch zu den Murdoch-Zeitungen, lässt er nicht gelten. Die Leser würden nur den einen Text lesen, die Anzeigen kaum beachten und dann wieder zu Google zurückkehren. Das empfindet er als parasitär.

Das eigentliche Anzeigengeschäft werde so auf die Google-Seite verlagert. Fest steht jedenfalls, dass die Firma aus dem Silicon Valley seit vielen Jahren Gewinne ausweist, über vier Milliarden Dollar werden es wohl in diesem Jahr sein. Ihr Aktienkurs sieht in diesem Jahr aus wie die Startkurve eines Jumbo-Jets.

Murdoch will, dass auch im Internet für Zeitungsartikel bezahlt wird. Deshalb wird er seine Web-Seiten nach und nach mit elektronischen Mauthäuschen versehen. "Wenn wir das nicht tun, werden die Hersteller der Inhalte untergehen, und die Inhalte-Kleptomanen werden triumphieren", sagte er jüngst in Peking, wo er eine Rede auf dem World Media Summit hielt.

Im nächsten Schritt will er Google verbieten, auf Web-Seiten aus der Murdoch-Welt zu verweisen. Kein Artikel aus seinem Reich dürfe mehr bei Google erscheinen. Die Murdoch-Inhalte erhalten Einreiseverbot in die Google-Welt.

Sie sollen künftig exklusiv bei der Suchmaschine Bing auftauchen, die zu Microsoft gehört. Die von Bill Gates gegründete Firma ist bereit, für Murdoch-Texte zu zahlen. So könnte Bing, das bisher nur wenige nutzen, womöglich im Wettbewerb mit Google zulegen. Mehr Artikel und mehr Exklusivität sollen Leser und Anzeigenkunden locken, hofft man in der Firmenzentrale nahe Seattle.

Bisher hat Bing im weltweiten Wettbewerb der Suchmaschinen nur einen Marktanteil von 3,5 Prozent. Auf Google entfallen rund 85 Prozent.

Nur eine Absprache der ganzen Verlagsbranche könnte Google beeindrucken. Aber Murdoch wollte nicht länger warten. Jetzt schlägt er eine Bresche und hofft, dass andere Verleger ihm folgen.

Doch die denken nicht daran. Der Bruch mit Google ist ihnen zu radikal. Bertelsmann und Springer wären wohl schon zufrieden, die Manager der Suchmaschine würden ihnen eine Nutzungsgebühr für ihre Zeitungs- und Zeitschriftenartikel zahlen.

Die Einsamkeit des Rupert Murdoch wird noch dadurch vergrößert, dass er auch die politische Wirklichkeit bekämpft. Er setzt seine Werte gegen die des Barack Obama. Der neue Mann im Weißen Haus sei führungsschwach und komme das Land teuer zu stehen, sagte Murdoch jüngst. Er prophezeite, dass viele Unternehmer bald auswandern würden.

Als sein populärster Moderator, Glenn Beck, Obama einen Rassisten nannte, ihn bezichtigte, einen tiefsitzenden Hass gegen alle Weißen zu besitzen, sprang Murdoch ihm bei. Das sehe er genauso, teilte er in den hauseigenen Nachrichten mit.

Der Präsident ist leichter zu verletzen als Google. Er macht viele Fehler. Er verbeugt sich vor dem Kaiser von Japan so tief, dass er fast nach vorn gekippt wäre.

Das regt viele Amerikaner auf, unabhängig vom politischen Lager. Murdoch braucht ihre Aufregung nur durch eine filmische Endlosschleife auf Fox News zu befeuern.

Auch das Gezerre um die Gesundheitsreform lädt zur Kritik ein. Woher kommt das Geld für die heute etwa 47 Millionen Unversicherten, wenn Obama doch verspricht, dass es für die breite Masse der Bevölkerung keine Steuererhöhungen und keine Einsparungen gibt?

Murdochs Medien freilich stellen keine Fragen, sondern betreiben Journalismus mit Ausrufezeichen. Die Gesundheitsreform wird unbezahlbar! Alles wird furchtbar! Das schreien die TV-Sender jeden Abend hinaus. Die Moderatoren sprechen von "sozialistischer Medizin", die dem Land nun verabreicht werde.

Google lässt den Angreifer Murdoch wüten. Die Manager der Suchmaschine haben sich Gelassenheit verordnet. Nur nicht zurückkeifen, heißt die Parole.

Die Obama-Mannschaft im Weißen Haus reagiert weniger lässig. Sie weiß nicht, wie sie mit dem Angreifer umgehen soll. Kritisieren oder ignorieren? Seine Sender boykottieren oder bewusst dort auftreten, um das andere Amerika wenigstens in seiner aggressiven Selbstgewissheit zu erschüttern?

Neulich sah es für ein paar Tage so aus, als habe sich Obama entschieden. Eine Frau aus dem engsten Zirkel um den Präsidenten trat auf und griff Fox News an. Die Direktorin für Kommunikation im Weißen Haus, Anita Dunn, sagte, dass bei Fox News Meinungen als Nachrichten maskiert würden, dass der Sender der verlängerte Arm der konservativen Partei sei.

Doch wenige Tage später kündigte die Frau ihren Rücktritt an. Aus privaten Gründen, hieß es, wolle sie das Weiße Haus verlassen. Das war für Murdoch ein schöner, ein unverhoffter, vielleicht sein letzter Triumph.

Der Ein-Mann-Krieg, geführt an zwei Fronten, isoliert ihn zusehends. Das große Glück, das den Einwanderer aus Australien einst nach ganz oben begleitete, an die Spitze der amerikanischen Gesellschaft, scheint sich von ihm zu verabschieden.

Derzeit verliert er, worauf er einst stolz war: Leser, Anzeigenkunden und Prestige. Angesichts rückläufiger Auflagen schrumpft auch sein politischer Einfluss. Barack Obama ist der erste US-Präsident seit Harry Truman, mit dem es im Amt keine Begegnung gab. Das abgelaufene Geschäftsjahr war eines der schlechtesten in der Firmengeschichte.

An manchen Tagen hat es den Anschein, als ob die Welt des Rupert Murdoch gerade untergehe.