AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2009

Kino "Es ist doch nur ein Film"

3. Teil: "Ich mache keine Filme, damit sie auf einem Festival laufen"


SPIEGEL: War es je Ihr Ziel, mal mit einem Film in Cannes zu sein?

Schweiger: Nein, meine eigenen Filme sind einfach keine Festivalfilme.

SPIEGEL: Warum nicht?

Schweiger: Weil ich nicht Lars von Trier bin.

SPIEGEL: Aber Sie haben doch auch einen künstlerischen Ehrgeiz.

Schweiger: Den verwirkliche ich auch. "Keinohrhasen" und "Barfuß" sind für mich sehr künstlerische Filme. Aber ich mache doch nicht Filme, damit sie auf einem Festival laufen. Klar habe ich mich gefreut, dass "Phantomschmerz" auf dem Festival von Toronto lief. Aber ich hätte mich mehr gefreut, wenn ihn in Deutschland mehr Zuschauer gesehen hätten.

SPIEGEL: Es waren nur knapp 100.000. Hätten Sie in dem Film, in dem Sie einen Einbeinigen darstellen, nicht mitgespielt, wenn Sie gewusst hätten, dass er so schlecht ankommt?

Schweiger: Doch, denn ich mochte das Drehbuch sehr. Beim Lesen musste ich zweimal weinen. Da wusste ich, dass das für mich funktioniert. Aber die Leute wollen Til Schweiger offenbar nicht sehen, wie er ein Bein verliert. Die wollen ihn sehen als Macho, der bekehrt wird.

SPIEGEL: Sie können doch nicht Ihr Leben lang den Macho spielen, der bekehrt wird?

Schweiger: Nein, deshalb mache ich ja immer wieder Filme wie "Phantomschmerz".

SPIEGEL: Ist es frustrierend, vom Publikum in einem so engen Rollenspektrum festgehalten zu werden?

Schweiger: Nein. Ich bekomme häufig Rollen angeboten, bei denen mir die Autoren oder Regisseure sagen: "Til, da kannst du endlich mal zeigen, dass du auch was anderes kannst." Dann erwidere ich nur: "Das muss ich nicht." Ich mag diese Haltung nicht. Es gibt Leute, die von vornherein wissen, dass sie mit ihren Filmen keinen Erfolg beim Publikum haben werden. Die kratzen sich ihr Geld aus Fördertöpfen zusammen.

SPIEGEL: Finden Sie das verwerflich?

Schweiger: Verwerflich nicht. Aber nicht ganz astrein. Für Filme, die aufgrund ihres Drehbuchs und ihrer Machart überhaupt keine Chance beim Publikum haben, gibt es ja die Kulturförderung. Ich finde Wirtschaftsförderung sollte dazu dienen, die Wirtschaft anzukurbeln.

SPIEGEL: Wieso muss in Deutschland Erfolg an der Kinokasse noch mal zusätzlich durch Steuergelder belohnt werden?

Schweiger: Das lässt Ihnen keine Ruhe, gell? Lange Zeit war es doch so: Für die Zuschauer, die man erreicht hat, bekam man aus dem Topf der Filmförderungsanstalt Geld für den nächsten Film. Je mehr Zuschauer man erreicht hat, desto mehr Geld war es am Ende. Heute bekommt man auch Fördermittel, nur weil ein Film irgendwo in Annecy oder in Gera auf einem Kinderfestival gezeigt wird. Das Geld fehlt dann den Filmen, die vorher für ihren Erfolg belohnt wurden.

SPIEGEL: Aber warum brauchen Sie denn öffentliches Geld, um eine Fortsetzung von "Keinohrhasen" zu drehen? Sie dürften doch einen zweistelligen Millionenbetrag verdient haben.

Schweiger: Ganz so viel war es leider nicht. Hätte ich gerne genommen.

SPIEGEL: Wie auch immer. Sie drehen mit öffentlichen Fördergeldern, finanziert also von Steuerzahlern, obwohl Sie es eigentlich auch selbst finanzieren könnten. Wie erklären Sie das Otto Normalverbraucher?

Schweiger: Das muss ich Otto Normalverbraucher gar nicht erklären. Der freut sich einfach, dass er den Film sehen kann. Dem ist es egal, wie ich den finanziere. Dem ist egal, ob ich in der deutschen Filmakademie bin oder nicht. Dem ist es egal, ob meine Filme verrissen werden. Der hat kein Problem mit Til Schweiger. Aber wenn ich es doch erklären müsste, würde ich sagen: Gut, ich habe mit "Keinohrhasen" Geld verdient. Das ist aber nicht der Normalfall. Es ist sehr schwer in Deutschland, mit einem Film als Produzent Geld zu verdienen. Deswegen gibt es ja eine Filmförderung. Im Übrigen reden wir hier von rückzahlbaren Darlehen, die ich im Erfolgsfall auch tatsächlich zurückzahle.

SPIEGEL: Im Frühjahr sind Sie mit der RTL-Castingshow "Mission Hollywood" angetreten, in der junge Frauen durch Strippen und Stöhnen ihr schauspielerisches Talent unter Beweis stellen sollten. Warum machen Sie so etwas? Wegen des Geldes?

Schweiger: Unter anderem. Aber ich hatte auch viel Spaß und hätte gern weitergemacht, es ging im Übrigen auch nicht nur um Stöhnen und Strippen. Wir haben auch an Szenen gearbeitet mit richtigen Dialogen.

SPIEGEL: Ein bisschen schmierig war es schon, wie Sie mit Heiner Lauterbach über den weiblichen Orgasmus fachsimpelten.

Schweiger: Schmierig? Wir fanden's lustig.

SPIEGEL: Sie wirkten, als fühlten Sie sich unwohl.

Schweiger: Am Anfang schon, ich hatte so was ja noch nie vorher gemacht, da hab ich mir einen abgebrochen, um irgendwelche Informationstexte aufzusagen.

SPIEGEL: Wünschen Sie sich ein dickeres Fell?

Schweiger: Manchmal.

SPIEGEL: Welche ist Ihre liebste unter den vielen Til-Schweiger-Beschimpfungen?

Schweiger: Einer hat mal geschrieben: Der hat nur drei Gesichtsausdrücke. Da hab ich gesagt: Das sind immer noch zwei mehr als Steve McQueen.

SPIEGEL: Herr Schweiger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten Lars-Olav Beier und Wolfgang Höbel



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