AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2009

Essay zu Kopenhagen Scheitern wäre ein Erfolg

Von Bjørn Lomborg

2. Teil: Politiker überbieten sich in phantasiereichen Versprechen


Bis zum Jahr 2050 wird sich der globale Energiebedarf verdoppeln. Alternative Energiequellen aber sind noch weit davon entfernt, wirklich tauglich für den Masseneinsatz zu sein. In einem Beitrag für den Copenhagen Consensus Center aus dem Juli dieses Jahres haben Isabel Galiana und Chris Green von der kanadischen McGill University das Ausmaß der technischen Herausforderung aufgezeigt. Um drei Viertel des CO2 bis 2100 einzusparen und gleichzeitig ein vernünftiges Wirtschaftswachstum beizubehalten, müsste eine Kapazität nichtfossiler Energiequellen zur Verfügung stehen, die zweieinhalbmal so groß ist wie der globale Energieverbrauch des Jahres 2000. Wenn wir auf dem gleichen Pfad bleiben, wird die technische Entwicklung nicht annähernd ausreichen, um CO2-freie Energiequellen wettbewerbsfähig mit fossilen Energieträgern zu machen, sowohl was deren Preis angeht als auch deren Effizienz.

Green und Galiana untersuchten den Stand der klimaschonenden Energiequellen von heute, einschließlich Atom-, Wind-, Solarkraft und Geothermie. Ergebnis: Die Technik ist noch nicht reif, weder in Größenordnung noch Zuverlässigkeit. Meist bedarf es absoluter Grundlagenforschung. Wir sind nicht einmal nahe dran, die echte technische Revolution zu starten. Und wir sollen nicht vergessen: Künftige Generationen werden uns nicht an unseren Ambitionen messen, sondern an dem, was wir erreicht haben.

Derzeit überbieten sich die Politiker in phantasiereichen Versprechen, die nur wenig oder gar keine Aussicht auf Erfüllung haben. Betrachten wir Japan. Im Juni versprach man, die CO2-Emissionen bis 2020 um acht Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Was das bedeutet, hat Roger Pielke vom Center for Science and Technology Policy Research berechnet: Acht neue, noch leistungsstärkere Atomkraftwerke müssten gebaut werden; eine Million neuer Windturbinen müssten aufgestellt, Solar-Panels auf fast drei Millionen Hausdächern installiert, der Anteil von rigoros gedämmten Häusern verdoppelt und der Verkauf von grünen Autos von 4 auf 50 Prozent gesteigert werden.

Das wäre eine Herkules-Aufgabe, zumal für eine Nation, die schon heute führend ist in Energieeffizienz. Und dennoch wurde das Versprechen des Premiers scharf kritisiert. Erst als der neue japanische Premier unlängst eine noch viel strengere Reduzierung um 25 Prozent versprach, applaudierte man ihm. Dass dem Plan jede Aussicht auf Umsetzung fehlt, störte niemand. Schöne Worte werden höher bewertet als realistische Ziele.

53 Milliarden Euro für Solarkraft halten den Klimawandel um eine Stunde auf.

Unser derzeitiger Ansatz, die globale Erwärmung zu stoppen, besteht darin, sich ausschließlich darauf zu fokussieren, wie viel Kohlendioxid wir mit Abgaben einsparen können, und nicht, wie wir das technisch erreichen. Das bedeutet, wir spannen den Karren vor die Pferde.

Am effizientesten wäre es, die öffentlichen Ausgaben für Erforschung und Entwicklung von CO2-freier Energiegewinnung drastisch zu erhöhen. Wir müssen nicht fossile Energie teurer, sondern alternative Energien billiger machen.

Geld für Forschung und Entwicklung in einer Größenordnung von 66 Milliarden Euro würde jährlich gebraucht. Das ist 55-mal so viel, wie die Regierungen heute dafür ausgeben. So gewaltig diese Summe erscheinen mag, so wäre sie doch nur ein Bruchteil jener Kosten, die die CO2-Reduzierung verschlingen würde. Berechnungen zufolge verhindert jeder Euro für Forschung und Technik elf Euro Schaden durch den Klimawandel.

Wir können uns dabei nicht auf Privatunternehmen verlassen. So wie in der medizinischen Forschung, so werden auch hier die frühen innovativen Durchbrüche keine echten Erträge abwerfen. So gibt es derzeit keinen starken Anreiz für private Investitionen.

Mehr öffentliche Forschungsgelder würden zugleich viele der politischen Probleme des Kyoto-Ansatzes lösen. So würden aufstrebende Nationen wie China und Indien viel eher den billigeren, klügeren und ergebnisreicheren Innovations-Pfad wählen.

Kohlendioxid-Steuern könnten eine wichtige, sekundäre Rolle dabei spielen, Forschung und Entwicklung zu unterstützen. Die kanadischen Umweltökonomen Green und Galiana schlagen zunächst eine schwache Besteuerung von fünf US-Dollar pro Tonne CO2 vor, um die Finanzierung solcher Forschungsprogramme sicherzustellen. Später, so ihr Vorschlag, sollte die Steuer angehoben werden, um mit diesem Geld auch den Einsatz von effizienten und bezahlbaren Technologiealternativen zu fördern.

Wichtig ist, das Geld nicht dafür zu verschwenden, die heutigen, uneffizienten Alternativtechniken ein wenig aufzupeppen. Einen anschaulichen Fall dazu bietet gerade Deutschland: Riesige Geldmengen werden dort aufgewendet, um winzige Mengen Kohlendioxid mit Solarkraft einzusparen. 716 Euro lassen es sich die Deutschen kosten, um mit den Solar-Panels eine Tonne Kohlendioxid-Emission zu vermeiden - und ersparen dem Planeten Erde damit einen geschätzten Schaden von vier Euro. Der maximale Effekt des gesamten deutschen 53 Milliarden Euro teuren Solarförderungsprogramms ist es, die globale Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts um eine Stunde aufzuschieben. Ein imposantes Beispiel für eine Politik, die sich gut anfühlt, aber rein gar nichts bringt.

Politiker sollten mit bedeutungsschweren Verhandlungen zur CO2-Reduzierung aufhören und stattdessen ein Bündnis eingehen, in Forschung und Entwicklung zu investieren, um alternative Energien auf das nötige Niveau zu bringen.

Seit Politiker 1992 in Rio de Janeiro das erste Mal versprachen, Kohlendioxid einzusparen, haben wir 20 Jahre ohne Fortschritt verschwendet. Dafür haben wir keine Zeit mehr.



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Seite 1
semper fi, 07.12.2009
1. -
Zitat von sysopWarum die Menschheit den Klimaschutz vertagen sollte. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,665526,00.html
Mit dem Artikel wird erstmalig versucht, ein bisschen Vernunft in die Diskussion einzubringen. Wenig, aber immerhin schon 'mal ein Anfang. Warum sind die Deutschen sonst so hysterisch bei diesem Thema? Ich verstehe es nicht.
fc-herrenturnverein 07.12.2009
2. Bravo.
Zitat von sysopWarum die Menschheit den Klimaschutz vertagen sollte. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,665526,00.html
... und gerade schimpfe ich noch über schlechten Journalismus und die Gleischaltung von Medien durch die Klimapolitiker und deren moralische Überlegenheit. Sorry. Nehme ich zurück. Das hier klingt um einiges interessanter und bedenkenswerter als alles, aber wirklich auch alles was unsere Klimapolitiker und die übrige platte Wiederholungspresse von sich gibt. Darüber kann man diskutieren. Mehr davon. Etwas mehr Vernunft tut gut. Dann kann man auch die Wissenschaft wieder ernster nehmen.
mzwk 07.12.2009
3. My one
Ein Scheitern waere zu begruessen. Denn der gemeine Gruene soll sich mal ueberlegen wer das zahlen soll? Die Elite zahlts bestimmt nicht, also heissts: Eine neue Steuer muss her. Die Carbon Tax, die CO2 Steuer. Nein, ich werde sie nicht zahlen, denn ich habe kein Geld mehr das ihr mir aus der Tasche ziehen koenntet. Und ich denke da bin ich nicht allein. Aber wie gut dass wir jetzt den Vertrag von Lissabon haben - Jetzt kann die EU direkte Steuern erheben, und keiner kann sich dagegen wehren. Tolle Demokratie haben wir da.
Joe67, 07.12.2009
4. Falsche Perspektive
Der Autor schreibt, mit der Besteuerung von CO2-Ausstoss würde der Karren vor die Pferde gespannt werden. Dieser Ansatz ist scheinheilig und entspringt der Industrielobby. Diese möchte an ihren Technologien und Machtstrukturen festhalten und allenfalls dann umsteigen wenn eine marktreife Technologie auf dem Silbertablett präsentiert wird. "Marktreif" sind neue Technologien aber nur dann, wenn sie nicht teurer als die alten Technologien sind. Gerade die Förderung der regenerativen Energien hat dazu geführt, dass sich deren Kosten auf ein Bruchteil dessen reduziert haben, was man vor einem Jahrzehnt hätte investieren müssen. Nur mit Forschungsprojekten a la "Growian" hätte die Windkraft nie den Durchbruch geschafft. Heute gibt es ausgereifte und deutlich günstigere Windkraftanlagen. Reine Forschung dient häufig genug nur als Alibi. Die jahrzehntelang gebetsmühlenartig beschwörte "Wasserstofftechnologie" ist dafür das beste Beispiel. Das Resultat ist gleich Null - und das war von Anfang an so gewollt: Ein teures Placebo für die Politik, Automobilmessen und die Bevölkerung. Wenn dagegen Förderung und Forschung parallel vorangetrieben werden, kann eine Energiewende erreicht werden. Heute ist Solarenergie zunehmend konkurrenzfähig - Forschung alleine hätte dies nie erreicht. Scheitern wäre nur für die alten Industrien ein kurzfristiger Pyrrhussieg. Wenn die Ausgaben für den Klimaschutz lächerliche 12,9% Wirtschaftswachstum kosten ist dies gegenüber den möglichen Schäden, den zu erwartenden Migrationsströmen und Kriegen ein Sonderangebot. Bei all den Prognosen sollte aber berücksichtigt werden, dass viele Berechnungen auf Prognosen des Energieverbrauchs von EIA und IEA basieren. Diese prognostizieren aus politischen Gründen einen deutlich überhöhten Verbrauch von Öl und Gas. Das Problem der Klimaerwärmung löst sich dadurch jedoch leider nicht von alleine. Zwar wird insgesamt weniger verbrannt - aber auch mehr klimaschädlichere Rohstoffe wie Kohle und Ölsände. Zudem steigt der Preis wodurch die verfügbaren Gelder für den Klimaschutz knapper werden.
runninggecko² 07.12.2009
5. Motive für Klimaschutz
Ich denke, um sich mit Lomborgs Argumentation anzufreunden, muss man sich zunächst seine eigenen egoistischen Motive in Sachen Klimawandel klarmachen. Viele Leute tun ja tatsächlich so, als ginge es uns dabei um possierliche Tiere oder Menschen in Drittweltländern. Nur könnten wir (wie auch Lomborg es in "Cool It!" ausführt)für diese schon heute und sehr viel billiger etwas tun. Es kostet im Vergleich zur CO2-Reduktion fast nichts, in Afrika Medikamente zu verteilen oder in Südamerika Regenwald zu schützen. Dass wir es nicht (bzw. nicht sonderlich entschlossen) tun, zeigt unsere Präferenzen deutlich.
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