AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2009

Karrieren Der Kamelhändler

Hans-Joachim Fuchtel, CDU-Abgeordneter aus Calw, darf nach 22 Jahren im Bundestag der Bundesregierung als Parlamentarischer Staatssekretär dienen. Warum?

Staatssekretär Fuchtel: "Von da oben sehen Sie alles!"
Christian Thiel

Staatssekretär Fuchtel: "Von da oben sehen Sie alles!"

Von Christoph Schwennicke


Das Martinique in Freudenstadt hat unverkennbar Zeiten erlebt, in denen es mit der Gegenwart erfolgreicher Schritt halten konnte. Die DJs blenden gerade von "Brick House" zu "Last Night a DJ Saved My Life" über, als ein Mann im Raum auftaucht, der im Schummerlicht an jenen Herrn erinnert, der Deutschland regierte zu Zeiten, als das Martinique noch in Mode war.

An Helmut Kohl.

Es sei schön, "solch einen großen Herrn in unserer Mitte zu haben", sagt der Sportkreisvorsitzende auf der Bühne des Tanzpalastes, und der massige Mann erwidert, er komme ja schon seit 20 Jahren zu dieser Sportlerehrung, "da hoffe ich, dass Sie jetzt auch einen Staatssekretär der Bundesregierung hier ertragen".

Staatssekretär der Bundesregierung. Er macht eine Pause, damit sich der Beifall in ihr ausbreiten kann.

Hans-Joachim Fuchtel, 57, ist ganz oben angekommen. Seit vier Wochen darf er sich Parlamentarischer Staatssekretär im Arbeits- und Sozialministerium nennen. Nach 22 Jahren in Bonn und Berlin und über 40 Jahren in der CDU. 1968 trat er in die Junge Union ein, seit 1987 sitzt er weitgehend unbemerkt für den Wahlkreis Calw im Bundestag. Aufgefallen war er zuletzt dadurch, dass er sowohl bei der Wiederwahl des Bundespräsidenten im Mai als auch bei der Wiederwahl der Bundeskanzlerin im Oktober bei den Abstimmungen als Schriftführer des Bundestagspräsidenten die Namenslisten des Plenums vorlas. Nachname, Vorname. Nachname, Vorname. Fehlerfrei.

Wieso, fragt man sich, wird einer, der im Bundestag die Namen vorliest, einer, der 22 Jahre im Bundestag nicht weiter aufgefallen ist, zum Ersatzminister, darf Reden in Vertretung des Ministers halten und auf der Kabinettsbank Platz nehmen, so wie am vorvergangenen Donnerstag, als er in der ersten Reihe saß für seinen angeschlagenen Minister Franz Josef Jung? Einer, der von sich selbst auf seiner Homepage bis vor kurzem sagte, er sei "kein politischer Promi" sondern "ein Abgeordneter mit einem großen Wahlkreis"?

Der Mensch Fuchtel ist ein durch und durch durchschnittlicher Bundestagsabgeordneter aus dem nördlichen Schwarzwald. Das Modell Fuchtel aber verrät einiges über die Mechanismen der Politik in Berlin, darüber, wie die kleinen Rädchen in die großen greifen. Es verrät auch viel über das filigrane Belohnungs- und Ruhigstellungssystem, das jenes Mischwesen des Parlamentarischen Staatssekretärs geschaffen hat.

Rein sachlich betrachtet ist der Parlamentarische Staatssekretär das überflüssigste Wesen des deutschen Politikbetriebs. Nichts würde fehlen, gäbe es ihn nicht. Der "Parlamentarische" ist Zierrat, eine Nippesfigur aus Fleisch und Blut. Und es ist wie mit Nippes auf dem Büchersims: Wenn man nicht aufpasst, steht immer mehr davon herum. Die Zahl der Parlamentarischen Staatssekretäre hat sich seit Ende der sechziger Jahre vervierfacht. 30 gönnt sich die aktuelle Bundesregierung. Abschaffen will sie immer nur die Opposition, aber nur, bis sie wieder regiert. Weil diese Posten parteipolitisch verdammt nützlich sein können.

Der Fall Fuchtel lehrt, dass man nicht unbedingt bei Anne Will in der Talkshow glänzen, dass man nicht mal im Bundestag aufgefallen sein muss, um aufzusteigen. Man muss aber wissen, wie Politik dort funktioniert, wo sie nicht von Scheinwerfern ausgeleuchtet ist.

In der Politik ist es wie im Pilzwald. Über dem Waldboden sieht man nur den Hut, darunter liegt der eigentliche Pilz, verborgen als feines Gespinst im Boden. Politik, das ist das ebenso feine Geflecht von Geld und Beziehungen und der virtuose Umgang mit der Kombination aus beidem. Fuchtel hat ein feines Gespür für den entscheidenden Schmierstoff in der Politik entwickelt, Helmut Kohl redete von "Bimbes".

Viele Jahre saß Fuchtel im Haushaltsausschuss, zuständig für Einzelplan 11, Arbeit und Soziales, den mit weit über hundert Milliarden Euro mit Abstand größten Einzeletat. In seinem Haushalt, da kenne er sich bis in die hintersten Winkel aus, sagen sie im Ausschuss. Dieses Wissen ist Macht. Und Fuchtel hatte das letzte Wort, wer sich da eine "Tiefenkenntnis bis zum letzten Dienstwagen" erarbeitet habe, wie er sagt, der kann eine Menge machen.

Es war Unionsfraktionschef Volker Kauder, der nach der Wahl dafür sorgte, dass Fuchtel Staatssekretär wurde. Die Baden-Württemberg-Connection, eine mächtige Seilschaft in der CDU, funktionierte. Es heißt, dass darüber hinaus Angela Merkel von Fuchtels extrem harter Kindheit in schwierigen sozialen Verhältnissen wisse und beeindruckt sei, wie sich Fuchtel durchgebissen habe.



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Seite 1
Onsager 11.12.2009
1. ---
Schoener spitzer Artikel :-)
BardinoNino 11.12.2009
2. Vielleicht...
Zitat von sysopHans-Joachim Fuchtel, CDU-Abgeordneter aus Calw, darf nach 22 Jahren im Bundestag der Bundesregierung als Parlamentarischer Staatssekretär dienen. Warum? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,665803,00.html
...weil kein anderer/keine andere mehr da war und der Fuchtel schon ihr "bester" Mann ist? Oder...weil er das noch schnell bestellte edle Schreibgerät aus dem Etat des REICHstages zumindest selbst benutzt?
jueho47, 11.12.2009
3. Eigentlich belanglos
..es wäre wohl interessanter gewesen, nicht einfach ein paar Anekdötchenen über den Herrn Fuchtel zusammenzutragen, sondern die (angedeuteten) Beziehungsgeflechte in der Politik zu durchleuchten...
lemming51 11.12.2009
4. ###
Der Knabe ist wohl nur die Spitze eines Eisberges. Im BT wird viel "gefuchtelt", so viel steht fest.
tomtomtomtomtom 11.12.2009
5. wir sind das Volk
Wir bekommen genau die Politiker, die wir uns wählen. Nicht mehr, und nicht weniger.
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