AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2009

Vereinigte Arabische Emirate Gipfel des Größenwahns

Dubai im Höhenrausch: Bald wird der größte Wolkenkratzer der Welt eingeweiht - vor dem Hintergrund einer dramatischen Finanzkrise. Ende der Hybris im Übermorgenland?

dpa

Von Erich Follath und


Die Sicht ist klar, die Luft ist weich und seidig, den Himmel und das Meer trennt nur ein dünner roter Streifen beim Sonnenuntergang. Die Grenze zwischen Erhabenheit und Kitsch verschwimmt hier oben auf halber Höhe des Burj Dubai, des höchsten Turms der Welt.

Es riecht nach Lack, Lasur und frischen Ledergarnituren, die Schritte der Besucherinnen hallen vornehm, wenn sie über Parkett und Marmor laufen, und sind plötzlich wie verschluckt, wenn sie mit ihren Pumps in weichen Teppichen versinken. Im Südwesten ist eine künstliche Insel in Palmenform auszumachen, weiter nördlich ein Archipel, der wie eine Weltkarte aussieht.

Doch nur die Möbel, nur die Teppiche, nur die Gerüche und Geräusche stimmen, der Rest ist Illusion. Der Besucher schaut nicht aus 400 Meter Höhe auf den Persischen Golf hinunter, er steht zu ebener Erde am Fuße eines hermetisch abgeriegelten Gebäudes. In einem Musterapartment, vor dessen Panoramafenster eine riesige Wandtapete aufgezogen ist.

Es präsentiert sich das Verkaufszentrum von Emaar, der Firma, die diesen Turmbau zu Dubai errichtet, die sich aber schwer übernommen hat und ihre Apartments inzwischen zum halben Listenpreis verkauft. Es ist eine Firma, deren Aktienkurs in den letzten zwei Wochen erst um 32 Prozent sank und am vergangenen Donnerstag wieder um 15 Punkte stieg, die - wie die ganze Stadt - an einem Abgrund steht und nun so tut, als wäre nichts.

Dubai steht wie kein anderer Ort für die Globalisierung, für "Innovation" und "erstaunlichen Fortschritt", wie US-Präsident Barack Obama in seiner Kairoer Rede an die Muslime lobte - aber auch für unglaubliche Exzesse. In Dubai sind Utopien mitunter Wirklichkeit, und die Realität ist manchmal nur eine Fata Morgana.

Der Turm ist Wirklichkeit. 818 Meter und 160 bewohnbare Etagen hoch ragt er in den Himmel, die Touristen mit ihren Kameras gehen in die Knie vor ihm, um Sockel und Spitze gleichzeitig aufs Bild zu kriegen.

Und er ist so hoch, dass ihn die Beduinen in ihren Oasen noch 100 Kilometer landeinwärts und die Matrosen auf ihren Supertankern draußen im Golf aus 50 Seemeilen Entfernung sehen können - an den paar Wintertagen zumindest, wenn die Luft so klar ist wie auf der Wandtapete vor dem Panoramafenster.

Er ist so riesig, dass die Luft an seiner Spitze bis zu acht Grad kühler ist als an der Basis. Sollte je einer auf die Idee kommen, unten und oben eine Tür und dazwischen die Luftschleusen zu öffnen, würde ein Sturm durch das klimatisierte Gebäude rasen, der außer den schweren Marmorplatten in den Luxusapartments nicht viel von der Innenarchitektur übrigließe. "Kamineffekt" heißt dieses Phänomen.

Ein Heer von Gastarbeitern aus Indien, Pakistan und Bangladesch hat den Burj gebaut, sie stellen rund 80 Prozent der Einwohner in Dubai; nur jeder fünfte mit Wohn- und Arbeitssitz ist ein "Local" mit Anrecht auf einen Pass der Vereinigten Arabischen Emirate. Ein Heer von Marketing-Strategen sorgt dafür, dass keiner am silbernen Firnis des Wunderwerks kratzt.

Wer der Baustelle zu nahe kommt, dem erklären Sicherheitsleute die Bedeutung des Wortes "unbefugt". Alle, die zur Besichtigung geladen sind - und sei es nur der äußeren Anlagen -, haben sich zur Geheimhaltung zu verpflichten, und zwar, wie im Vordruck steht, "letztgültig, unwiderruflich und bedingungslos". Gerichtsstand ist Dubai.

Gut zwei Wochen gilt das noch, bis zum 4. Januar 2010, dem mehrfach verschobenen Eröffnungstermin, zu dem der Turm seine ganze Wirkung entfalten soll - als Magnet eines zwei Quadratkilometer großen Neubauviertels, an dessen Stelle vor fünf Jahren der Wind noch leere Plastiktüten über den Wüstensand blies. Und als vorläufig letztes Großprojekt einer Stadt, die hoch gestiegen ist und nun tief zu fallen droht.

Allein am Dienstag voriger Woche sackten die Kurse an der Börse von Dubai um durchschnittlich sechs Prozent ab, Anleihen der Baufirma Nakheel standen zuletzt bei 52 Cent gegenüber dem Nominalwert von einem Dollar. Sechs andere Staatsfirmen stufte die Rating-Agentur Moody's so tief herab, dass Börsianer ihnen nur mehr den "junk status" zubilligen: Ramschware. Dass Dubai World, die größte der Staats-Holdings, ihre 26 Milliarden Dollar Schulden wie versprochen binnen sechs Monaten refinanzieren kann, hält kaum mehr jemand für realistisch. Der Umschuldungsbedarf von Dubai-Staatsunternehmen wird sich nach Erkenntnissen der US-Bank Morgan Stanley sogar noch einmal dramatisch erhöhen - auf fast das Doppelte, knapp 47 Milliarden Dollar.

"Dubai wurde innerhalb eines Jahres vom Grundstücksmarkt mit der besten Performance zu dem mit der schlechtesten auf der Welt", schreibt die "International Herald Tribune". Hat sich das als Übermorgenland gepriesene Emirat am Persischen Golf verzockt? Das Vorbild für ein zukunftsorientiertes Arabien, das Drehscheibe der Globalisierung zwischen Ost und West sein wollte, nicht weniger als ein Modell für die Zukunft - gescheitert?

Ausgerechnet das "Wall Street Journal", das Zentralorgan des westlich geprägten, konservativen Kapitalismus, warnt vor amerikanischer und europäischer Arroganz und der Tendenz, die Emporkömmlinge am Golf - und in der Dritten Welt generell - abschreiben zu wollen: "Die alten Finanzzentren sehen die Dubais, Shanghais und Rios mit Misstrauen und in der irrigen Überzeugung, deren Modelle seien nur auf Sand gebaut. Dabei waren es doch ihre eigenen Fundamente, die sich als schwach erwiesen haben. Darum sollten wir uns Sorgen machen, große Sorgen - aber nicht um Dubai."



insgesamt 135 Beiträge
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Seite 1
zwangsreunose 10.12.2009
1.
Zitat von sysopDie Krise an den Finanzmärkten in Dubai ist offensichtlich überwunden. Nach der dramatischen Talfahrt der vergangenen Tage investierten viele Anleger wieder kräftig. Der Aktienmarkt verbuchte mit plus sieben Prozent die größten Gewinne seit dem 23. Februar. Ist die Krise damit abgehakt. Oder sollte man über Konsequenzen nachdenken?
Ach wa..... war ja auch keine Krise in Dubai, sondern in den USA war Thanksgiving. Da hatte man nur mal für einen Tag das Investieren vergessen. Das hatte nur für kurze Magenverstimmung gesorgt. Die ganze Aufregung war umsonst und jetzt gehts weiter in alter Frische. So! Und wer sucht hier in D derzeit potente, liquide Einsteiger. Ich wüsste da einen............. Dubai World. Oder gehen Sie besser gleich zur FED oder BOE.
zwangsreunose 10.12.2009
2.
Zitat von sysopDie Krise an den Finanzmärkten in Dubai ist offensichtlich überwunden. Nach der dramatischen Talfahrt der vergangenen Tage investierten viele Anleger wieder kräftig. Der Aktienmarkt verbuchte mit plus sieben Prozent die größten Gewinne seit dem 23. Februar. Ist die Krise damit abgehakt. Oder sollte man über Konsequenzen nachdenken?
Über Konsequenzen nachdenken? ...... das ist nicht Ihr Ernst, oder?
AndyH 10.12.2009
3.
Zitat von sysopDie Krise an den Finanzmärkten in Dubai ist offensichtlich überwunden. Nach der dramatischen Talfahrt der vergangenen Tage investierten viele Anleger wieder kräftig. Der Aktienmarkt verbuchte mit plus sieben Prozent die größten Gewinne seit dem 23. Februar. Ist die Krise damit abgehakt. Oder sollte man über Konsequenzen nachdenken?
Solange Dubai steuerfrei bleibt, wird immer auf die Füße fallen.
maher 10.12.2009
4.
Zitat von sysopDie Krise an den Finanzmärkten in Dubai ist offensichtlich überwunden. Nach der dramatischen Talfahrt der vergangenen Tage investierten viele Anleger wieder kräftig. Der Aktienmarkt verbuchte mit plus sieben Prozent die größten Gewinne seit dem 23. Februar. Ist die Krise damit abgehakt. Oder sollte man über Konsequenzen nachdenken?
Die Krise in Dubai wird erst überwunden, wenn die Sache mit dem Geschäftsmodell Dubai geklärt ist. Und es ist gescheitert. Die Zukunft von Dubai ist vorbei.
grauer kater 10.12.2009
5.
Zitat von AndyHSolange Dubai steuerfrei bleibt, wird immer auf die Füße fallen.
So ist es! Dieser Standortvorteil ist durch nichts zu ersetzen! Vive le Emirates!
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