Bodenschätze Der Traum von Aynak

Armes Afghanistan? Das Land besitzt riesige Erzvorkommen, die es endlich zu Geld machen will. Die Bieterschlacht läuft, China ist bislang der größte Profiteur. Aber wohin fließt der Gewinn?
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Korruption und Kohle: Afghanistans Bodenschätze

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Dieser trostlose Berg soll 80 Milliarden Dollar wert sein? Es ist ein Berg wie jeder andere in Afghanistan: kein Baum, kein Strauch, nur gelbbraunes Geröll.

Aber oben steht ein Zelt, so wie auf den anderen Bergkuppen auch, davor wachen Soldaten mit Geschützen. Und die Hänge sind mit roten und weißen Fähnchen markiert, den Zeichen der Minensucher - Rot steht für Gefahr, die weißmarkierten Flächen sind bereits geräumt.

Mit 1500 Soldaten, postiert in drei Sicherheitsringen, hält die afghanische Armee die Gegend rund um den Weiler Aynak in der Provinz Logar besetzt; die 17 Kilometer lange Schotterpiste, die von der Fernstraße Kabul-Gardez heraufführt, ist mit Checkpoints gespickt.

Grund zur Vorsicht gibt es genug, obwohl Aynak nicht mal 100 Kilometer von Kabul entfernt liegt. Da ist zum Beispiel dieser roh in den Stein gehauene Gang, der drei Kilometer tief ins Berginnere führt - und gleich am Eingang ein Bombentrichter: ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier lange Zeit ein Taliban-Lager war. Die Kämpfer haben ihren Unterschlupf nach starken US-Bombardements geräumt, aber die Provinz bleibt unsicheres Paschtunenland.

Im Juli explodierte vorn an der Fernstraße ein Lkw: 25 Menschen starben, darunter viele Kinder. Und zur Präsidentenwahl tauchten in den Dörfern ringsherum Flugblätter des berüchtigten Bürgerkriegsfeldherrn Gulbuddin Hekmatjar auf, zu dessen Machtbereich die Gegend noch immer gehört.

Aynak steht für Aufschwung, Wohlstand, Reichtum

Afghanistan

Mag die Sicherheitslage unübersichtlich sein, der Präsident in Kabul nach der Wahl angeschlagen und der Talib sogar im Norden auf dem Vormarsch - Aynak steht für ein anderes . Für wirtschaftlichen Aufschwung, Wohlstand, Reichtum, also für all das, was im Moment niemand so recht mit dem Namen des Hindukuschlandes verbinden mag. "Aynak bietet die Möglichkeit, uns von der Armut zu befreien und nicht mehr auf die Gaben ausländischer Spender angewiesen zu sein", sagt Provinzgouverneur Atiqullah Lodin.

Aynak ist der Name der größten noch nicht erschlossenen Kupfermine der Welt. 700 Millionen Tonnen Erze sollen hier liegen, vor allem Malachit, mit einem Kupfergehalt, der höher ist als in den großen chilenischen Kupferminen. Aynak ist nicht nur das bedeutendste Bergbauvorhaben des Landes, das die Regierung trotz der politischen und militärischen Wirren in Angriff nimmt, sondern laut Bergbauminister Mohammed Ibrahim Adel "das größte Projekt in unserer Geschichte überhaupt". Mit seiner Verwirklichung beginne "die Wiedergeburt des Landes".

In Statistiken rangiert Afghanistan als eines der ärmsten Länder der Welt, auf gerade mal knapp zwölf Milliarden Dollar belief sich sein Bruttoinlandsprodukt 2008, dasjenige Deutschlands liegt 314mal darüber. Der Dauerkrieg am Hindukusch hat aber nur vergessen lassen, was seit Jahrzehnten als gesicherte Erkenntnis gilt: Das Land ist reich an Bodenschätzen.

Es gibt nicht einmal eine Eisenbahn

Neben Kupfer verfügt Afghanistan über Steinkohle in der Provinz Bamian, Öl und Erdgas im Norden bei Shibarghan, über Blei, Zink, Gold, Silber und Asbest, über Glimmer, Schwefel und Beryll und über die spektakuläre Eisenerzlagerstätte bei Hajigak, 130 Kilometer westlich von Kabul, die wohl größte in Asien überhaupt. Auch der weltweit bedeutendste Fundort von Lapislazuli liegt hier, in Badakhshan.

Genutzt werden bisher nur die Kohle von Bamian, das Gas von Shibarghan und der blaue Lapislazuli; die restlichen Vorkommen - oft in den sechziger und siebziger Jahren von sowjetischen Geologen entdeckt - schlummern den Dornröschenschlaf. Nicht nur der jahrzehntelange Bürgerkrieg, auch ihre ungünstige Lage verhinderte, die Schätze zu heben.

Die hochwertigen Eisenerze von Hajigak etwa, auf 1,8 Milliarden Tonnen geschätzt, liegen an einem 3700 Meter hohen Pass, aber wie könnte man sie wegschaffen, und überhaupt: wohin? Es gibt keine Hüttenwerke in Afghanistan, ja nicht einmal eine Eisenbahn und keinen Zugang zum Meer. Die einzige Bahnstrecke (die 1923 die Deutschen bauten) verband Kabul über fünf Kilometer hinweg mit dem Regierungssitz Darulaman, und selbst die ist inzwischen zerstört.

Die Kupfermine gehört bereits den Chinesen

Nun soll sich das ändern. Allein erschließen kann das Land seine Bodenschätze zwar noch immer nicht. Aber weil der Rohstoffhunger der Welt mit jedem Tag wächst, wird auch Afghanistan für internationale Konzerne attraktiv - obwohl noch immer nicht Frieden herrscht und die Regierung viele Distrikte nicht kontrolliert.

Demnächst wird entschieden, wer die Erzlager von Hajigak ausbeuten darf - ein Projekt, das inklusive des geplanten Stahlwerks und weiterer Anlagen bis zu 80.000 Afghanen Arbeit und dem Land bis zu eine Milliarde Dollar Jahreseinnahmen verschaffen soll. International ausgeschrieben sind auch zwei Gasfelder in der Provinz Jowzjan und ein Ölvorkommen in der Provinz Sar-i-Pul.

Die Kupfermine in der Provinz Logar gehört bereits den Chinesen.

Wer hinauffährt in die Einöde von Aynak, fühlt sich in amerikanische Goldgräberzeiten zurückversetzt, Aynak ist Afghanistans Klondike. Auf den Bergen ringsum hockt das Militär, unten im Tal aber errichten die Chinesen in fieberhafter Eile ihr Basislager. Mehr als 3000 afghanische Arbeiter sind bereits vor Ort, dazu 70 chinesische Ingenieure im orangefarbenen Einheitsoverall. Sie haben rund ums Camp einen gewaltigen Wall aus Stein und Beton errichtet, ein Dutzend Bürocontainer aufgestellt und Berge aus Bohrgestängen aufgeschichtet. Jetzt montieren sie gelbe, auf Raupenketten gesetzte Bohrtürme. Mit ihnen sollen Probebohrungen in 1500 Meter Tiefe vorgetrieben werden.

Das Bergbauministerium gilt als Hort der Korruption

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Korruption und Kohle: Afghanistans Bodenschätze

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Die Technik stammt aus der Maschinenfabrik Lianyungang in der Provinz Jiangsu am Gelben Meer, allein ihr Transport nach Aynak ist eine logistische Großtat. Jeder Bürocontainer, jedes Bohrgestänge wird auf dem Landweg von China nach Usbekistan gebracht, von dort hinüber in die afghanische Provinz Balkh und dann, an Masar-i-Scharif vorbei, 3400 Meter hinauf zum Salang-Pass. Anschließend wieder hinab nach Kabul und weiter nach Aynak.

Die Chinesen in Aynak sind wortkarg, sie sprechen weder Dari noch Paschtu und auch kein Englisch. Fragen blocken zwei Dolmetscher ab, sie verweisen auf die Firmenfiliale in Kabul. Die befindet sich neben dem Belasom Hospital, die Fenster sind mit Metallplatten gesichert, Manager auch dort zu Auskünften nicht bereit. Man möge in Peking vorstellig werden. Schriftlich.

Die Zurückhaltung hat ihren Grund. Als es 2007 um den Zuschlag für Aynak ging, meldeten sich Unternehmen aus 16 Ländern, darunter aus Russland, den USA und Kanada.

Kabul legte die Latte hoch: Das Kupfer soll nicht, wie Anfang der siebziger Jahre von den Sowjets geplant, nach einer ersten Anreicherung ins Ausland gehen, sondern in Afghanistan verarbeitet werden. Die ausländischen Interessenten mussten sich verpflichten, nicht nur das Erz aus dem Berg zu holen, sondern auch ein Kohlekraftwerk und Straßen zu bauen, dazu Wohnungen, Schulen und Kliniken für die Bevölkerung der Provinz. Lediglich neun der Bieter waren dazu bereit, und nur sechs von ihnen übergaben ein günstiges Angebot. Aber einer bot mehr als alle Konkurrenten: China.

Kommt Afghanistan in den Genuss seiner Reichtümer?

Den Zuschlag bekam der Staatskonzern China Metallurgical Construction Corporation (MCC); "für 808 Millionen Dollar hat er die Förderrechte erworben", sagt Abdul Aziz Arib, der sich "Präsident" der Rohstoffabteilung im Kabuler Bergbauministerium nennt: "2,9 Milliarden Dollar wollen die Chinesen in das Gesamtprojekt investieren - das ist fast eine Milliarde mehr als beim zweithöchsten Gebot." Arib, 50, steht die Freude ins Gesicht geschrieben.

Aber wie realistisch ist das, was die Chinesen den Afghanen versprechen? Ging alles mit rechten Dingen zu? Und kommt wirklich Afghanistan später in den Genuss seiner natürlichen Reichtümer?

Rohstoffe

Dass China überall auf dem Erdball aufkauft, weiß inzwischen jedes Kind, es ist auch größter Kupferverbraucher der Welt. Aynak aber bedeutet den Chinesen offenbar besonders viel. Es sei nicht nur "eines der großen Überseeprojekte, das chinesische Unternehmen in den letzten Jahren gewonnen haben", verkündete MCC-Präsident Shen Heting nach dem Vertragsabschluss, "sondern ein Meilenstein bei der Verwirklichung unserer Strategie weltweiter Präsenz".

MCC ist, gemessen am Umsatz, nur Nummer 22 in der Volksrepublik, es hat bislang vor allem in Pakistan und Brasilien investiert. Aber was das Unternehmen jetzt in Afghanistan auf die Beine stellen will, grenzt an Größenwahn.

"Eine Seidenstraße, die Zentralasien mit dem Süden verbindet"

Nicht nur, dass mitten in der zentralen Bergprovinz Bamian ein 400-Megawatt-Kraftwerk entstehen und von dort eine Hochspannungsleitung bis nach Aynak gezogen werden soll. Weit spektakulärer ist jene Eisenbahn, die zu bauen die Chinesen den Afghanen versprochen haben: von Hairatan, dem Hafen am Amu-Darja, der an der Grenze zu Usbekistan liegt, quer durch die Berge Richtung Kabul und dann weiter nach Osten, nach Torkham, an die afghanisch-pakistanische Grenze. Bis zum Fuß des berühmten Khyber-Passes.

"Historisch" sei das, sagt Präsident Arib: Das werde "eine wirkliche Seidenstraße, die Zentralasien mit dem Süden des Kontinents verbindet". Die Verwirklichung eines Traums, den bereits mehrere Generationen Afghanen träumten.

Wenn er denn tatsächlich irgendwann Wirklichkeit wird. In Kabul glauben viele, die Chinesen hätten den Afghanen das Blaue vom Himmel versprochen, nur um sich das Kupfer zu sichern. Und bei der Entscheidungsfindung nachgeholfen.

Überraschend wäre das nicht: Das Bergbauministerium neben dem Kabuler Präsidentenpalast gilt als Hort der Korruption. Trotz der aus dem Rohstoffgeschäft immer reichlicher fließenden Einnahmen sitzen die Beamten in ärmlich ausgestatteten Arbeitszimmern; in der Regel schauen sie Fernsehen, telefonieren mit ihren Handys oder trinken Tee. Schon die Frage, welche Menge der wertvollen Lapislazuli-Steine Afghanistan derzeit fördere, können sie nicht beantworten: "Was in Badakhshan wirklich ans Tageslicht kommt, wissen wir nicht", bekennt ein Ministerialer.

Kabuls Bürgermeister soll Staatsgelder vergeudet haben

Hamid Karzai

Dass über Korruption in seinem Ministerium seit kurzem ganz offen gesprochen wird, ist eher einem Zufall zu verdanken: Staatschef will sich nach der vom Westen heftig kritisierten Präsidentenwahl als Saubermann profilieren. Er kündigte die Schaffung einer Sonderermittlungstruppe gegen die Korruption an. Anklagen gegen fünf Minister seien bereits vorbereitet, bestätigte Afghanistans Generalstaatsanwalt. Am 7. Dezember wurde schon mal Kabuls Bürgermeister zu vier Jahren Gefängnis verurteilt; er habe 16.000 Dollar Staatsgelder vergeudet, heißt es.

Auch der Name von Bergbauminister Adel wird erwähnt, allerdings ist die in seinem Fall genannte Summe beeindruckender. Er soll fast 30 Millionen Dollar Schmiergeld kassiert haben - für die Vergabe der Abbaulizenz in Aynak an die Chinesen. Das Geld soll ihm in Dubai ausgezahlt worden sein. Fraglich, ob er im Kabinett bleiben kann.

Adel wies den Vorwurf auf einer Pressekonferenz zurück und legte diverse Unterlagen vor: Die würden beweisen, so der Minister, dass China wirklich "der stärkste Bieter für das Kupferprojekt von Aynak" gewesen sei. Bestechungsgelder habe er nicht genommen, weil er ganz "dem Wohlergehen unserer Menschen" verpflichtet sei. Dass die Reichtümer vom Hindukusch tatsächlich ihnen zugute kommen, darauf können die Afghanen wirklich nur hoffen.