Internet Zukunft in der Nische

Eine US-Nachrichtenseite attackiert erfolgreich die "Washington Post" - und macht dem Flaggschiff nun auch noch mit einer Zeitung vor Ort Konkurrenz.
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Nachrichtenseite Politico: Webseite mit Print-Ablegern

Foto: Brendan Hoffman/ Getty Images

So gut wie jedes neue Internetunternehmen hat eine Handvoll Zutaten, die immer gleich zu sein scheinen: Die Gründer sind jung, der Firmensitz sollte cool aussehen. Und vor allem: In den ersten Jahren wird kein Geld verdient. Die US-Online-Nachrichtenseite "Politico" bricht mit all diesen Klischees.

Die beiden Gründer gehören der ganz alten Schule an: John Harris, 46, war 21 Jahre lang Politikredakteur bei der "Washington Post". Sein Kollege Jim VandeHei, 38, schrieb für das "Wall Street Journal", bevor er auch zur "Post" ging. Beide bevorzugen dunkle Anzüge und unauffällige Krawatten. Seinen Sitz in einem öden Bürogebäude am Rande Washingtons teilt sich "Politico" mit einem TV-Nachrichtenkanal. Und schon im dritten Jahr seiner Existenz macht "Politico" satte Gewinne.

In kürzester Zeit hat die Internetseite, die sich aus Werbung finanziert, die US-Politikberichterstattung aufgemischt. Sie gilt als Pflichtlektüre in politischen Kreisen mit monatlich rund 3,4 Millionen Lesern.

Gegründet kurz vor Beginn des Präsidentschaftswahlkampfs, machte sich "Politico" schnell mit einer Reihe exklusiver Enthüllungen einen Namen - etwa der, dass sich die republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin für 150.000 Dollar auf Parteikosten eine neue Garderobe zugelegt hatte.

Schneller großer Erfolg

Der schnelle und große Erfolg hat viele überrascht, allen voran den bisherigen medialen Platzhirsch in der US-Hauptstadt, die "Washington Post". Die junge Online-Seite droht inzwischen der ehrwürdigen Zeitung den Rang abzulaufen.

Medien

Zu verdanken hat die "Post" eine ihrer größten Bedrohungen im Kampf zwischen alten und neuen nicht einem Club junger Blogger, sondern Ex-Mitarbeitern, die nicht mehr recht an die Zukunft ihres Blattes glaubten: "Wir waren zunehmend unruhig geworden und hatten das Gefühl, wir müssten uns mit aller Macht in die Zukunft der Medien stürzen", sagt "Politico"-Chefredakteur Harris, der zuvor das Ressort Innenpolitik bei der "Post" leitete.

Die Tageszeitung baute in den vergangenen sechs Jahren rund 200 Redakteursstellen ab. Die Auflage fiel um rund ein Viertel auf 580.000 Exemplare.

Diese alten Medienschlachtschiffe seien zu unbeweglich und selbstverliebt in die eigene Bedeutung geworden, glaubt Harris. Er und sein Kollege VandeHei wollten neu anfangen - allerdings gleich auf höchstem Niveau. Es sei gar nicht so schwierig, quasi über Nacht die Berichterstattung von und über Washington zu dominieren. Man brauche nur die besten Politikreporter, denn was heute im Nachrichtengeschäft zähle, sei neben der Exklusivität der Inhalte nicht der Name des Mediums, sondern der des Journalisten.

Klassisch geschulte Journalisten und eine Printausgabe

Fast 90 Mitarbeiter zählt "Politico" inzwischen. Bis auf wenige Blogger sind fast alle klassisch geschulte Fachjournalisten mit langer Erfahrung in den Printmedien.

Besonders erstaunlich: Die Internetseite wird durch eine mehrmals wöchentlich erscheinende Printausgabe ergänzt. Die Auflage ist mit 32 000 Exemplaren klein, aber das Anzeigengeschäft lohnt sich. Rund die Hälfte des Umsatzes bringt die Zeitung. "Es gibt eine Menge Interessengruppen, die mit Anzeigenkampagnen Einfluss auf die politische Elite Washingtons nehmen wollen", sagt Harris. "Das sind genau unsere Leser." "Politico" setzt denn auch konsequent auf ein Ressort. Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft? Kaum ein Thema.

Dafür ist jede noch so kleine Nachricht der politischen Welt und selbst der letzte Winkel der Regierungsbürokratie Teil der Berichterstattung. Dazu gehört etwa ein ständig aktualisiertes Tagebuch über die Aktivitäten des Präsidenten, in dem die Leser erfahren, dass Obama um 10.15 Uhr das Briefing über die Wirtschaftslage erhalten hat und sich um 10.45 Uhr mit seinen Top-Beratern trifft.

"Ich glaube, dass die Zukunft der Medien in Nischen liegt"

Selbst wenn Ex-Präsident Bill Clinton lediglich eine Telefonbotschaft aufnimmt für den parteiinternen Vorwahlkampf der Generalstaatsanwältin von Massachusetts, die den verstorbenen Senator Ted Kennedy beerben will, ist das "Politico" eine Geschichte wert.

"Ich glaube, dass die Zukunft der Medien in Nischen liegt", sagt Harris. "Es geht dabei gar nicht so sehr um die Medienplattform, sondern um einen ganz klaren redaktionellen Fokus: Man muss die Zielgruppe deutlicher definieren als früher und gleichzeitig in der Lage sein, den ausgewählten Bereich zu dominieren." "Politico" hat allein acht Reporter für die Berichterstattung aus dem Weißen Haus abgestellt, mehr als jedes andere Medium.

Im Gegenzug musste die "Washington Post" vor wenigen Wochen die Schließung ihrer Redaktionsbüros in Chicago, Los Angeles und New York verkünden. "In Zeiten begrenzter Ressourcen und erhöhten Wettbewerbs müssen wir unsere Schlagkraft auf unsere Hauptaufgabe konzentrieren, die Berichterstattung über Washington und die Regierungspolitik", sagt Chefredakteur Marcus Brauchli.

Die "Politico"-Macher planen unterdessen den nächsten Angriff. 2010 wollen sie eine Web-Seite mit Lokalnachrichten für Washington starten. Der Chefredakteur ist schon gefunden: Er heißt Jim Brady. Bis Anfang des Jahres leitete er die Web-Seite der "Washington Post".

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