AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 53/2009

Autist und Spitzensportler Der Mann aus dem Meer

REUTERS

Von

2. Teil: "Das Meer scheint ihn zu rufen"


Eine Etage tiefer sitzt Clays Mutter in ihrem Büro. Auf dem Schreibtisch liegt eine Zeichnung, die Clay ihr zum Muttertag geschenkt hat: ein braunes Strichmännchen, das soll er sein, das Meer ist blaues Gekrickel und die Sonne ein gelber Kreis. Ein Fünfjähriger könnte das Bild gemalt haben.

Jill Marzo ist eine herzliche Frau, die jeden sofort umarmt, sie redet viel, arbeitet als Masseurin in einem Hotel. Sie lässt sich gerade von ihrem Mann scheiden, weil er nicht akzeptiert, dass Clay Autist ist. Er meint, seinem Sohn fehle es an Disziplin.

Jill blättert in einem Fotoalbum und zeigt auf eine Aufnahme, Clay steht bis zur Hüfte im Meer, er jubelt mit erhobenen Armen und ausgestreckten Zeigefingern einer etwa sieben Meter hohen Welle zu, die gleich über ihm zusammenbricht. "Das Foto erklärt alles", sagt Jill. "Das Meer scheint ihn zu rufen. Seit seiner Geburt wusste ich, dass etwas nicht mit ihm stimmt."

Clay ist in Lahaina aufgewachsen, in der Nähe des alten Walfängerhafens, in einem Haus zehn Meter entfernt vom Puamana Beach. Als Baby schrie er viel, er krabbelte nie, verweigerte mit sieben Monaten die Brust, und eine Woche später konnte er gehen.

"Er schlief nur ein, wenn ich ihn in die warme Badewanne gesteckt habe", erzählt Jill. "Ich habe meine Hände unter seinen Rücken gelegt und ihn treiben lassen, bei laufendem Wasser. Er war sofort weg. Das Ganze viermal am Tag."

Sein Vater nahm ihn auf dem Surfbrett mit ins Meer, als er ein Jahr alt war, mit anderthalb spielte er allein in der Brandung.

"Er ist in die Wellen gesprungen und getaucht", sagt Jill. "Die Touristen haben mich angeguckt, als wäre ich verrückt. Aber das war es, was er wollte: vom Wasser umschlungen werden."

Im Ozean empfindet er Geborgenheit, mit fünf kann er surfen, aber die Welt an Land versteht er nicht.

Fremd in der Welt

Er ist träge, kaut an den Fingernägeln, er flattert mit den Armen, ist vergesslich, er stößt sich oft und wirft Gläser um, das Gebrumme des Staubsaugers foltert ihn, und an Weihnachten, als er die Geschenke auspacken soll, verschwindet er wortlos in sein Zimmer. Er sammelt Muscheln, in der Garage der Marzos lagern sie kistenweise, dann Pokémon-Bilder, dann Karten von Baseballspielern, er kann alle Dialoge aus dem Film "Bigfoot und die Hendersons" mitsprechen, aus "Buddy - Der Weihnachtself".

In der Schule sitzt er nicht eine Minute still, die Lehrer verzweifeln an ihm. Seine Mitschüler lachen ihn aus, sie verprügeln ihn, weil er so stumpf ist, weil er so seltsam aus den Augenwinkeln glotzt, weil er sich nicht allein die Schuhe zubinden kann, weil er nicht so ist wie sie.

Viermal wechselt er die Schule, am Ende unterrichtet ihn seine Mutter selbst.

Jill Marzo läuft mit ihrem Sohn von Arzt zu Arzt, der erste diagnostiziert Dyslexie, der zweite ADS, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, der nächste tippt auf soziale Phobie, der nächste vermutet eine Zwangsstörung. Einer drückt Clay einen Knetball in die Hand, einer durchleuchtet sein Hirn, ein anderer verschreibt Omega-3-Kapseln und Vitamine. Und einer Ritalin, ein Medikament, das die Konzentrationsfähigkeit erhöht.

"Die Pille war der reinste Horror", sagt Jill. "Clay hat um sich geschlagen, gebrüllt, er war ein Teufel, fast schizophren."

Die Reize im Meer wegspülen

Clay Marzo sitzt jetzt in einer Strandbar, er isst pochierte Eier mit Sauce hollandaise und Speck, dazu Burritos und einen Schokoladen-Shake. Die Gabel hält er wie eine Forke in der Faust. Er schaufelt und schmatzt, kleckert. Er sollte gesund essen, vor allem zu viel Zucker verschlimmert die Symptome, aber es gibt noch immer keine Wellen, wie soll er denn da vernünftig bleiben?

"Clay, wie ist das, wenn du lange nicht surfen gehst?"

Er reagiert nicht, stopft sich ein Stück Ei mit den Fingern in den Mund. Aber dann sagt er: "Normale Menschen haben einen Eimer, mit dem sie Reize aufnehmen können. Ich habe eine Tasse. Wenn die voll ist, muss ich ins Meer, um sie auszuspülen."

Morgen will er mit der Fähre auf die Nachbarinsel fahren, nach Lanai, da soll die Brandung besser sein. Er hält es nicht länger aus. Es ist Zeit für den Abwasch.

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Seite 1
avollmer 30.12.2009
1. Schublade auf
Wenn ein Mensch nicht dem üblichen Schema entspricht, kein so genanntes normgerechtes Verhalten zeigt, dann wird ihm eine Erkrankung oder Behinderung zugeordnet. Er leidet dann eben an einem Syndrom. Vielleicht leiden alle Anderen an einem Konformitätssyndrom? An einem Emotionalitätssyndrom? An einem Wahrnehmungseinschränkungssyndrom? Ist es nicht für die Existenz der Menschheit wichtig, dass es auch extreme Ausprägungen von Eigenschaften gibt? Dass gerade die Vielfalt der Ausprägungen das Überleben als Art auf Dauer sichert? Ist es nicht an der Zeit, die Normabweichung als eigentliche Norm zu akzeptieren? Denn eines ist sicher, aus einer normkonformen Persönlichkeit erwachsen nur äusserst selten Spitzenleistungen.
M.Clements 31.12.2009
2. Interessant...
Zitat von avollmerWenn ein Mensch nicht dem üblichen Schema entspricht, kein so genanntes normgerechtes Verhalten zeigt, dann wird ihm eine Erkrankung oder Behinderung zugeordnet. Er leidet dann eben an einem Syndrom. Vielleicht leiden alle Anderen an einem Konformitätssyndrom? An einem Emotionalitätssyndrom? An einem Wahrnehmungseinschränkungssyndrom? Ist es nicht für die Existenz der Menschheit wichtig, dass es auch extreme Ausprägungen von Eigenschaften gibt? Dass gerade die Vielfalt der Ausprägungen das Überleben als Art auf Dauer sichert? Ist es nicht an der Zeit, die Normabweichung als eigentliche Norm zu akzeptieren? Denn eines ist sicher, aus einer normkonformen Persönlichkeit erwachsen nur äusserst selten Spitzenleistungen.
So sehe ich das auch.Evt. ein Mutatiuonsversuch der Evolution.Entweder scheitert`s oder führt weiter.Auf jeden Fall auch nur zum Schmunzeln zu ernst.Fürchte, er hat es in einer konformitätsorientierten Gesellschaft schwer genug.Siehe die lange Dauer des Führerscheinerwerbs.
peterbruells, 31.12.2009
3. •
Zitat von M.ClementsSo sehe ich das auch.Evt. ein Mutatiuonsversuch der Evolution.Entweder scheitert`s oder führt weiter.Auf jeden Fall auch nur zum Schmunzeln zu ernst.Fürchte, er hat es in einer konformitätsorientierten Gesellschaft schwer genug.Siehe die lange Dauer des Führerscheinerwerbs.
Ja, fies diese Anforderung, dass man beim führen eines menschenzermalmenden Geräts nachweisen muss, dass man nicht nur versteht, dass man bei Rot anhalten muss, sondern auch versteht, dass manche dass nicht tun.
Schnurz321 31.12.2009
4. ...
Zitat von avollmerWenn ein Mensch nicht dem üblichen Schema entspricht, kein so genanntes normgerechtes Verhalten zeigt, dann wird ihm eine Erkrankung oder Behinderung zugeordnet. Er leidet dann eben an einem Syndrom. Vielleicht leiden alle Anderen an einem Konformitätssyndrom? An einem Emotionalitätssyndrom? An einem Wahrnehmungseinschränkungssyndrom? Ist es nicht für die Existenz der Menschheit wichtig, dass es auch extreme Ausprägungen von Eigenschaften gibt? Dass gerade die Vielfalt der Ausprägungen das Überleben als Art auf Dauer sichert? Ist es nicht an der Zeit, die Normabweichung als eigentliche Norm zu akzeptieren? Denn eines ist sicher, aus einer normkonformen Persönlichkeit erwachsen nur äusserst selten Spitzenleistungen.
Selbstverständlich geht man von der Norm aus. Und Normabweichungen sind eben keine Norm. Die Normabweichung Autismus sorgt naturgemäß für mehr Probleme im Alltag als bspw. die Normabweichung Homosexualität.
kelcmatej, 31.12.2009
5. Andere Sicht der Menschheit
Meine Sicht der Dinge: Die Definition der menschlichen Inteligenz ist längst überholt. Nach meiner Erfahrung gibt es keine pyramidenartige Einstufung der Menschen, sondern eher eine Flächenartige. Stellen wir uns ein Quadrat vor, welches wiederum in 10x10 Quadraten aufgeteilt ist, also 100 Felder, welche alle die verschiedenartigen Eigenschaften eines Menschen symbolisieren. Und auf jedem Feld zeigt uns ein Balken mit seiner Höhe die Intensität dieser Eigenschaft an. Die Verteilung dieser Balken, sowie deren Intensität, zeigt uns eine für jeden Menschen eine völlig individuelle Zusammenstellung an. In der Summe aller Eigenschaften/Balken sind wir jedoch wieder alle gleich. Also auch alle gleichwertig. Der "normale" Mensch, oder der Durchschnitt, hat so von alllem etwas, ragt jedoch nirgends wirklich heraus. Hat jemand nun von einer Eigenschaft mehr als andere, so heißt das auch, daß ihm woanders was fehlt. Manch einer von uns beherscht eine Sache super, welche andere z. T. noch nicht einmal verstehen. Z. B. Vergleich Handwerker - Steuerberater. Wieder jemand anders ist ein wahres Multitalent - als Familienvater/Mutter jedoch ein totaler Versager. Was gut und was schlecht ist bestimmt letztendes die Gesellschaft. Doch real ist das nicht. Ich denke da auch an die Eltern mit mongoloiden Kindern. Diese Kinder gelten zwar als behindert und anstrengend - viele dieser betroffenen Eltern sagen jedoch daß sie nie und nimmer darauf verzichten könnten, einfach deshalb, weil diese Kinder ihnen etwas geben was ihnen kein anderer zu geben vermag. Und so sehe ich auch den "Mann aus dem Meer". Er hat etwas was wir nicht haben - dafür haben wir was, was er gar nicht kennt. Oder andersrum - man kann halt nicht alles haben/können.
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