AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 53/2009

Autist und Spitzensportler Der Mann aus dem Meer

REUTERS

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3. Teil: Der Ausrüster-Vertrag bringt den Autismus ans Licht


Mit 14 schickte Clay eine DVD mit seinen besten Ritten an den Surfausrüster Quiksilver. Die Manager dort hatten einen wie ihn noch nie gesehen, ein Naturphänomen, sie nahmen ihn unter Vertrag. Am Anfang lief alles nach Plan, 2005 gewann Clay das größte Amateurturnier der USA. Dann fingen die Probleme an.

Jamie Tierney arbeitet als Marketingdirektor bei Quiksilver, ein großer Mann mit runder Brille und Bermudahose mit Tarnflecken. Er humpelt an den Tisch, er hat sich vor ein paar Tagen beim Surfen an einer Koralle den Fuß verletzt. Er setzt sich, bestellt Kaffee und erzählt, wie er Clay in Australien kennengelernt hat, im Dezember 2006.

"Wir saßen beim Essen, Clay hat kein Wort gesagt, er guckte nur auf den Teller, plötzlich stand er auf, ging zu einer Bank, legte sich hin, schloss die Augen und klopfte leise gegen die Lehne. Ich habe gedacht, er ist bekifft."

Tierney wollte einen Werbespot mit ihm drehen, für eine neue, neonpinke Surfhose. Die Kamera lief. "Sie könnte etwas länger sein", sagte Clay. "Vielleicht auch aus besserem Material. Und die Farbe mag ich nicht."

Der Ausbruch des Vulkans

Clay muss nun viel reisen, das ist die Hölle für ihn. Bevor er die Koffer packt, ist ihm jedes Mal übel. In Mexiko verliert er seinen Reisepass, auf den Philippinen das Gepäck, und als in Indonesien ein Flug gestrichen wird, hängt er fünf Tage auf dem Flughafen rum, ist völlig hilflos, ruft ständig seine Mutter an, telefoniert für tausend Dollar.

Tierney fällt auf, dass Clay die Kontrolle verliert, wenn zu viel auf ihn einstürmt, Journalisten, Fotografen, Fans. Clay schreit dann, wirft sein Surfbrett durch die Gegend, boxt gegen die Wand. Ein Vulkan bricht aus. Danach liegt er wie depressiv im Bett.

"Ich habe beobachtet, dass er sich verändert, sobald er im Wasser ist", sagt Tierney. "Dann ist er total entspannt, das reinste Talent, das ich je gesehen habe. Man kann die Befreiung spüren, wenn er surft."

Endlich die richtige Diagnose

Tierneys Eltern sind Psychologen, er selber hat schon mit autistischen Kindern gearbeitet, "ich war mir irgendwann sicher, dass er Asperger hat". Er ruft Clays Mutter an.

Jill Marzo lässt ihren Sohn ein letztes Mal untersuchen, im Dezember 2007. Der Test dauert drei Tage, Clay muss Fragen beantworten, schriftlich und mündlich, die Mediziner stecken ihn in eine Druckkammer, sie messen die Gehirnströme, prüfen, welche Hirnregionen überstimuliert sind und welche weniger aktiv. Das Ergebnis ist eindeutig.

"Es war eine Erlösung, endlich zu wissen, was mit Clay los ist", sagt Jill.

Alle zwei Wochen geht er seitdem zu einer Therapeutin. Sie gibt ihm Tipps, wie er sich in bestimmten Situationen verhalten soll, sie versucht, ihm seine Ängste zu nehmen und ihn von der Paranoia zu befreien, er sei wertlos. Sein letzter Nervenzusammenbruch ist fast ein Jahr her.

Herausforderung statt Gewinnen

Im August hat Clay zum ersten Mal einen Wettbewerb bei den Profis gewonnen, wahrscheinlich hat sich sein Agent darüber mehr gefreut als er. Clay macht sich nicht viel aus Turnieren.

Das Publikum am Strand verunsichert ihn, und er hasst es, gegen seine Konkurrenten um die beste Welle zu paddeln. Er begreift auch nicht, dass Strategie nötig ist, um zu siegen. Es ist schon vorgekommen, dass er nur noch einen Punkt brauchte, um eine Runde weiterzukommen, er hätte bloß auf sein Brett steigen und an den Strand fahren müssen. Aber das ist keine Herausforderung für ihn. Lieber wartete er auf eine gute Welle, auf der er spektakulär reiten könnte. Die Zeit verstrich, und er schied aus.

"Clay, warum sind dir Turniere gleichgültig?"

"Sie haben mit wahrem Surfen nichts zu tun."

Ihn interessiert das pure Erleben der Welle, die triebhafte Freude am Spielen mit dem Wasser.

"Clay hat das Potential, Weltmeister zu werden", sagt Jamie Tierney. "Aber um welchen Preis? Er soll sich nicht mies fühlen, nur weil er sich anpassen muss. Das Wichtigste für Clay ist, glücklich zu sein."

"Wellen sind Geschenke von Gott."

Clay Marzo steht jetzt am Hafen von Lahaina, gleich legt die Fähre nach Lanai ab, die Dünung ist vielversprechend. Er hat sein Brett dabei und einen Schlafsack, er will heute Nacht am Strand campen.

"Clay, noch einmal: Wie fühlt es sich an, wenn du durch einen Tunnel surfst?"

Er guckt aufs Meer, bewegt sich nicht, der Mund nur ein Strich.

"Clay?"

"Es ist, als wäre ich bei jemandem im Rachen, der hustet und mich ausspuckt."

"Was bedeuten dir Wellen?"

"Wellen sind Geschenke von Gott."

Dann geht er auf die Fähre. Wenn die Wellen nicht zu ihm kommen, kommt er eben zu ihnen.

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Seite 1
avollmer 30.12.2009
1. Schublade auf
Wenn ein Mensch nicht dem üblichen Schema entspricht, kein so genanntes normgerechtes Verhalten zeigt, dann wird ihm eine Erkrankung oder Behinderung zugeordnet. Er leidet dann eben an einem Syndrom. Vielleicht leiden alle Anderen an einem Konformitätssyndrom? An einem Emotionalitätssyndrom? An einem Wahrnehmungseinschränkungssyndrom? Ist es nicht für die Existenz der Menschheit wichtig, dass es auch extreme Ausprägungen von Eigenschaften gibt? Dass gerade die Vielfalt der Ausprägungen das Überleben als Art auf Dauer sichert? Ist es nicht an der Zeit, die Normabweichung als eigentliche Norm zu akzeptieren? Denn eines ist sicher, aus einer normkonformen Persönlichkeit erwachsen nur äusserst selten Spitzenleistungen.
M.Clements 31.12.2009
2. Interessant...
Zitat von avollmerWenn ein Mensch nicht dem üblichen Schema entspricht, kein so genanntes normgerechtes Verhalten zeigt, dann wird ihm eine Erkrankung oder Behinderung zugeordnet. Er leidet dann eben an einem Syndrom. Vielleicht leiden alle Anderen an einem Konformitätssyndrom? An einem Emotionalitätssyndrom? An einem Wahrnehmungseinschränkungssyndrom? Ist es nicht für die Existenz der Menschheit wichtig, dass es auch extreme Ausprägungen von Eigenschaften gibt? Dass gerade die Vielfalt der Ausprägungen das Überleben als Art auf Dauer sichert? Ist es nicht an der Zeit, die Normabweichung als eigentliche Norm zu akzeptieren? Denn eines ist sicher, aus einer normkonformen Persönlichkeit erwachsen nur äusserst selten Spitzenleistungen.
So sehe ich das auch.Evt. ein Mutatiuonsversuch der Evolution.Entweder scheitert`s oder führt weiter.Auf jeden Fall auch nur zum Schmunzeln zu ernst.Fürchte, er hat es in einer konformitätsorientierten Gesellschaft schwer genug.Siehe die lange Dauer des Führerscheinerwerbs.
peterbruells, 31.12.2009
3. •
Zitat von M.ClementsSo sehe ich das auch.Evt. ein Mutatiuonsversuch der Evolution.Entweder scheitert`s oder führt weiter.Auf jeden Fall auch nur zum Schmunzeln zu ernst.Fürchte, er hat es in einer konformitätsorientierten Gesellschaft schwer genug.Siehe die lange Dauer des Führerscheinerwerbs.
Ja, fies diese Anforderung, dass man beim führen eines menschenzermalmenden Geräts nachweisen muss, dass man nicht nur versteht, dass man bei Rot anhalten muss, sondern auch versteht, dass manche dass nicht tun.
Schnurz321 31.12.2009
4. ...
Zitat von avollmerWenn ein Mensch nicht dem üblichen Schema entspricht, kein so genanntes normgerechtes Verhalten zeigt, dann wird ihm eine Erkrankung oder Behinderung zugeordnet. Er leidet dann eben an einem Syndrom. Vielleicht leiden alle Anderen an einem Konformitätssyndrom? An einem Emotionalitätssyndrom? An einem Wahrnehmungseinschränkungssyndrom? Ist es nicht für die Existenz der Menschheit wichtig, dass es auch extreme Ausprägungen von Eigenschaften gibt? Dass gerade die Vielfalt der Ausprägungen das Überleben als Art auf Dauer sichert? Ist es nicht an der Zeit, die Normabweichung als eigentliche Norm zu akzeptieren? Denn eines ist sicher, aus einer normkonformen Persönlichkeit erwachsen nur äusserst selten Spitzenleistungen.
Selbstverständlich geht man von der Norm aus. Und Normabweichungen sind eben keine Norm. Die Normabweichung Autismus sorgt naturgemäß für mehr Probleme im Alltag als bspw. die Normabweichung Homosexualität.
kelcmatej, 31.12.2009
5. Andere Sicht der Menschheit
Meine Sicht der Dinge: Die Definition der menschlichen Inteligenz ist längst überholt. Nach meiner Erfahrung gibt es keine pyramidenartige Einstufung der Menschen, sondern eher eine Flächenartige. Stellen wir uns ein Quadrat vor, welches wiederum in 10x10 Quadraten aufgeteilt ist, also 100 Felder, welche alle die verschiedenartigen Eigenschaften eines Menschen symbolisieren. Und auf jedem Feld zeigt uns ein Balken mit seiner Höhe die Intensität dieser Eigenschaft an. Die Verteilung dieser Balken, sowie deren Intensität, zeigt uns eine für jeden Menschen eine völlig individuelle Zusammenstellung an. In der Summe aller Eigenschaften/Balken sind wir jedoch wieder alle gleich. Also auch alle gleichwertig. Der "normale" Mensch, oder der Durchschnitt, hat so von alllem etwas, ragt jedoch nirgends wirklich heraus. Hat jemand nun von einer Eigenschaft mehr als andere, so heißt das auch, daß ihm woanders was fehlt. Manch einer von uns beherscht eine Sache super, welche andere z. T. noch nicht einmal verstehen. Z. B. Vergleich Handwerker - Steuerberater. Wieder jemand anders ist ein wahres Multitalent - als Familienvater/Mutter jedoch ein totaler Versager. Was gut und was schlecht ist bestimmt letztendes die Gesellschaft. Doch real ist das nicht. Ich denke da auch an die Eltern mit mongoloiden Kindern. Diese Kinder gelten zwar als behindert und anstrengend - viele dieser betroffenen Eltern sagen jedoch daß sie nie und nimmer darauf verzichten könnten, einfach deshalb, weil diese Kinder ihnen etwas geben was ihnen kein anderer zu geben vermag. Und so sehe ich auch den "Mann aus dem Meer". Er hat etwas was wir nicht haben - dafür haben wir was, was er gar nicht kennt. Oder andersrum - man kann halt nicht alles haben/können.
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